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Sigmund Freud und Wilhelm Jensen. Übersetzung des Briefwechsels aus dem Jahr 1907

Translation of the Correspondence from 1907

Studienarbeit 2016 13 Seiten

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Leseprobe

German-English Text of the 1907 Freud - Jensen Correspondence

Im Jahr 1907 veröffentlichte Sigmund Freud „Der Wahn und die Träume in W. Jensens ´Gradiva´“ in Heft 1 der „Schriften zur angewandten Seelenkunde“ und sandte ein Exemplar des Heftes an Wilhelm Jensen. Durch Jensens freundliche Antwort ermutigt, schrieb Freud drei Briefe an den Dichter, der sie prompt beantwortete. Jensens Briefe wurden 1929 in „Die psycho-analytische Bewegung“, I. Jahrgang, Heft 3, September-Oktober 1929, S. 207-211 abgedruckt; Freuds Briefe galten bis vor wenigen Jahren als verschollen, befinden sich jetzt in der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek, Kiel. Die komplette Jensen-Freud Korrespondenz folgt hier.

Ottawa, Kanada, im Februar 2016 Hartmut Heyck, ein Urenkel von Wilhelm Jensen

Hheyck@Sympatico.ca

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In 1907 Sigmund Freud published „Der Wahn und die Träume in W. Jensens ‚Gradiva‘“ [“Delusion and dreams in W. Jensen’s ´Gradiva`“] in the first volume of “Schriften zur angewandten Seelenkunde“ and sent a copy to Wilhelm Jensen. Encouraged by Jensen’s friendly acknowledgement, Freud wrote three letters to the writer who answered them promptly. Jensen’s letters were published in 1929 in “Die psychoanalytische Bewegung”, I, 3, September-Oktober 1929, pp. 207-211. Freud’s letters had until a few years ago been considered lost; they are now in the Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek, Kiel. An English translation of the Jensen-Freud correspondence follows the German original texts.

Ottawa, Canada, February 2016 Hartmut Heyck, a great-grandson of Wilhelm Jensen

Hheyck@Sympatico.ca

Prien am Chiemsee, den 13. Mai 1907

Bayern

Hochgeehrter Herr!

Ihre mir eben über München hierher in mein Landhaus zugegangene und sogleich gelesene wissenschaftliche Behandlung und Anerkennung meiner „Gradiva” hat mich selbst- verständlich aufs höchste interessiert und erfreut, so daß ich Ihnen freundlichsten Dank für die Übersendung ausspreche. Allerdings hatte die kleine Erzählung sich nicht „träumen” lassen, vom psychiatrischen Standpunkt aus beurteilt und gewürdigt zu werden, und hie und da legen Sie ihr in der Tat einiges unter, was der Verfasser wenigstens bewußt nicht im Sinne getragen hat. Aber im Ganzen, allem Hauptsächlichen, kann ich rückhaltlos beistimmen, daß Ihre Schrift den Ab-sichten des Büchleins völlig auf den Grund gegangen und gerecht geworden ist. Am ratsamsten dürfte es wohl sein, die Schilderung der psychischen Vorgänge und der aus ihnen entspringen-den Handlungen dichterischer Intuition zuzumessen, wenn auch mein ursprüngliches medizi-nisches Studium etwas mit Anteil daran gehabt haben mag. Doch daß ich auf eine Anfrage „sogar etwas unwirsch” Erwiderung gegeben, ist mir vollständig aus dem Gedächtnis abhanden gekom-men, und wenn sich´s wirklich so verhalten, so bereue ich´s und bitte dem betreffenden Herrn von mir zu sagen: peccavi.[1]

Ich habe mir sogleich bei der Verlagshandlung noch einige Exemplare des 1. Heftes der Schriften zu angewandten Seelenkunde bestellt und werde nicht verfehlen, mich aus den weiter folgenden belehren zu lassen.

Mit freundlichstem Gruße, hochgeehrter Herr,

dankbar ergeben

der Ihrige

Wilhelm Jensen

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21.5.07 Prof. Dr. Freud IX., Berggasse 19.

Verehrtester Herr

Ihr so besonders liebenswürdiges Schreiben macht mich kühn, ich fürchte: zu kühn. Aber es liegt ja ganz bei Ihnen, mir Antwort zu geben. Ich verspreche, dem Dichter der Gradiva, dem ich soviel Anregung und Bestärkung danke, nicht gram zu werden, wenn er auf diese neuerliche Aggression nicht reagiert.

Ich darf sagen, daß sich schon jetzt ein nicht gewöhnliches Interesse bei den mir näher stehenden Fachgenossen für die kleine Analyse der Gradiva kundgibt. Bleuler in Zürich z.B., der von den Übereinstimmungen zwischen dem Dichter u[nd] dem Psychoanalytiker sehr getroffen ist, behauptet doch, es könne keine solche Intuition geben, „blos solche Erlebnisse“. Ich theile seine Ansicht nicht u[nd] freue mich Ihrer Zustimmung.

Aber die Analyse ist ja unvollständig wenn sie nicht noch andere Auskünfte zur Verfü- gung hat, wenn sie nicht weiß, welche persönlichen Momente der Dichter bei der Schöpfung mit den zu erratenden unbewussten Mächten vereint wirken ließ. Würden Sie nun die große Gnade haben – ich kann es gar nicht anders heißen, - mir Aufschlüsse hierüber nicht zu verweigern?

Ich würde mich gerne zur absoluten Discretion verpflichten, wenn Sie es so wünschen; zufolge meines Berufes bin ich ja der Bewahrer vieler Geheimnisse. Die Gelegenheit bei einem Dichter den Zusammenhang zwischen Anregung u[nd] Werk zu erfassen ist zu selten und zu kostbar, als daß ich nicht die Bitte wagen sollte. Ich würde freilich auch deren Nichtgewährung verstehen.

Ich greife ein paar Fragen heraus, obwol ich alles, was Sie mittheilen wollen, dankbarst annehme. Woher haben Sie das Motiv der Erzählung, die Erweckung einer Reminiscenz durch ein Relief? Wie setzen Sie sich über die phantastische Annahme der vollen Ähnlichkeit zwischen der Leben- den und dem antiken Bild hinaus? Welche Personen haben Ihnen speziell für den in Sexual- ablehnung begriffenen Gelehrten als Modelle gedient? Endlich, wo verbirgt sich Ihre eigene Person und wieweit reicht der Stoff in Ihrem Leben zurück?

Denken Sie, was ich noch alles zu fragen hätte, wenn mir das Glück vergönnt wäre, in Ihrer Nähe zu sein und Ihr Vertrauen zu besitzen!

Da ich annehmen darf, daß Ihnen meine Person bis zur Zusendung des Heftes unbekannt war, so gestatten Sie mir zur Vorstellung die Mittheilung, dass ich 51 Jahre alt bin, Neurolog u[nd] Psychiater von Beruf, daß ich seit 15 Jahren den Problemen nachspüre, die mich jetzt zu Ihnen geführt haben und daß ich – sonderbarer Weise, aber für Sie gewiß verständlich – seit dem Beginn dieser Interessen archaeologische Studien liebgewonnen habe, wie unter dem Banne der Analogie zwischen „Verschüttung" und „Verdrängung“. Meine Lehren sind weit entfernt von Anerkennung, gerade jetzt Gegenstand heftigen Streites unter den Fachgenossen.

Ihr in Verehrung ergebener Dr. Freud

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Prien am Chiemsee, den 25. Mai 1907

Bayern

Hochgeehrter Herr!

Ihre Erwiederung auf meine Zuschrift hat mich sehr erfreut, aber leider bin ich außer stande, Ihnen mit der erwünschten Auskunft darauf zu entgegnen. Was ich zu sagen vermag beschränkt

sich kurz auf dies:

Entsprungen ist die Idee des kleinen ‚Phantasiestückes‘ aus dem alten Reliefbilde, das auf mich einen besonders poetischen Eindruck machte. Ich besitze es mehrfach in einer vortrefflichen Re-produktion von Nanny[2] in München (daher auch das Titelbild), suchte jedoch jahrelang vergebens im Museo Nazionale in Neapel nach dem Original, habe dies auch nie aufgefunden, nur erfahren, daß es sich in einer Sammlung in Rom befinde. Wenn Sie´s so nennen wollen, lag vielleicht ein bißchen von einer ‚fixen Idee‘ in meiner grundlos vorgefaßten Meinung, das Bildnis müsse in Neapel sein und sie erweiterte sich dahin, es stelle eine Pomejanerin dar. So sah ich sie im Geist über die Trittsteine Pompejis hingehen, das mir von öfterem, tagelangem Auf- enthalt zwischen seinen Trümmerresten sehr genau bekannt war. Ich brachte am liebsten die laut lose Mittagsstunde drin zu, von der alle[3] anderen Besucher an die Gasthoftische weggetrieben wurden, und geriet in der sonnenheißen Einsamkeit immer entschiedener auf die Grenze, die das wache Sehen der Augen in ein einbildnerisches übergehen ließ. Aus diesem von mir als möglich empfundenen Zustand hat sich später der Norbert Hanold herausgestaltet.

Das weitere fiel dichterischer Motivierung zu. Es mußte von Vorbedingungen abhängig ge- macht sein, die das Auswachsen seiner Wahnvorstellung zum Grotesken, ja zum völlig Sinn- widrigen, ermöglichte. Er ist ein nur scheinbar nüchterner, in Wirklichkeit ein von erregbarster, ausschweifendster Phantasie beherrschter Mensch; ebenso ist er kein innerlicher Mißächter der Frauenschönheit, wie aus dem ihm durch das Reliefbild bereiteten Genuß hervorschimmert, gerade deshalb flößen die ‚August und Grete‘ ihm Widerwillen ein, denn er trägt ein latentes Verlangen nach einem weiblichen ‚Ideal‘ (in Ermangelung besserer Bezeichnung) in sich. Von allem in ihm Vorgehenden weiß er nichts, vermißt und entbehrt nur überall etwas, so dass ‚die Fliegen‘ ihn verdrießen. Die Schilderung ging darauf aus, ihn als ein solches, von sich unbe- friedigtes, sich über sich selbst täuschendes, stets einer Einbildung unterworfenes Individuum darzustellen und glaubhaft zu machen.

Die Dichtung erfordert notwendig einen von der Wirklichkeit geschaffenen Zusammenhang zwischen ihm und der Rediviva und nötigte die äußere Ähnlichkeit auf. Selbstverständlich ist diese als keine vollkommene gedacht, weder dem Gesicht und der Gestalt, noch der Gewandung nach, doch als eine ähnelnde; auch das Kleid aus leichtem, hellfarbigem und faltenreichem Sommerstoff mit etwas antikem Zuschnitt widerspricht dem nicht, heiße zitternde Sonnenluft, Blendung, farbige Lichtspiele leisten Unterstützung. Die volle Übereinstimmung der beiden Persönlichkeiten aber erzeugt er sich selbst, weil sein Wunsch sie ihm eingibt. Ob dabei eine unter der bewußten Schwelle sich regende Erinnerung an die Kindheitsgenossin mit im Spiel ist, weiß ich nicht sicher zu bejahen, jedenfalls indes bei der Einwirkung der Gradiva-Gangart auf ihn. Dies bildet den eigentlichen springenden Punkt des Ganzen, denn er hat sie als Kind in sich aufgenommen, ohne etwas im Gefühl mit ihr zu verknüpfen; dann zum Mann erwachsen, wird durch ihre Wiedererscheinung eine unbestimmte erotische Sehnsucht erweckt, die sich progressiv verstärkend, die Herrschaft der Vernunft in seinem Kopf zergehen läßt und an ihre Stelle die Übermacht eines traumhaften Wunsches und Begehrens setzt.

So der Grundgedanke des psychischen Vorgangs; das mannigfaltige, ihn zu seiner Förderung umrahmende Gerank, sowie das Verhalten der lebendigen Gradiva - die den “verrückten” Zustand Norberts erkennt, weil sie in gewisser Weise in sich selbst eine Erklärung dafür findet -

bedürfen wohl keines Eingehens. Entstanden ist die kleine Historie durch einen plötzlichen Impuls, aus dem sich kund tat, daß der Trieb dazu auch in mir unbewußt gearbeitet haben muß. Denn ich befand mich inmitten einer umfangreichen Arbeit, die ich auf einmal beiseite schob, um schnell, scheinbar ganz unvorbedacht, den Anfang der Geschichte hinzuwerfen und sie in wenigen Tagen bis zu Ende zu führen. Ich geriet nie dabei ins Stocken, fand immer alles, wiederum anscheinend ohne Nachdenken - fertig vor; mit eigenem Erlebnis im üblichen Sinne hat das Ganze nichts zu tun, ist, wie ich´s benannt, ein vollständiges Phantasiestück; immer auf einem messerrückenschmalen Grat nachtwandlerischer Möglichkeit dahingleitend. Das tut eigentlich jede Dichtung, nur mehr oder weniger erkennbar, und demgemäß ist auch das Urteil über die ‚Gradiva’ ausgefallen. Manche haben sie für absoluten kindischen Blödsinn erklärt, andere darin etwas vom Besten gefunden, was ich geschrieben. Es kommt aber niemand mit seinem Begreifen über sich selbst hinaus.

[...]


[1] Diese Anfrage kam wahrscheinlich von Wilhelm Stekel. Für den Text siehe Heyck (2015) in „Literatur zum Thema“, Seite 12.

[2] Falsch transkribiert als “Narny” in “Die psychoanalytische Bewegung”, September-Oktober 1929, I, 3, S. 208.

[3] Bis hier folgt die Transkription dieses Briefes dem in „Die psychoanalytische Bewegung“ veröffentlichten Faksimile.

Details

Seiten
13
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668170162
ISBN (Buch)
9783668170179
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v317433
Note
Schlagworte
sigmund freud wilhelm jensen übersetzung briefwechsels jahr translation correspondence

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Titel: Sigmund Freud und Wilhelm Jensen. Übersetzung des Briefwechsels aus dem Jahr 1907