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Der Frieden von Brest-Litowsk

Hausarbeit 2004 21 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Die Ereignisse in Russland im Jahr 1917
1.1 Die Februarrevolution
1.2 Umsturzversuche von links und rechts: Juli-Putsch und Kornilow-Putsch
1.3 Die Oktoberrevolution

2. Der Kriegsverlauf an der russischen Front im Ersten Weltkrieg
2.1 Russlands Kriegsausrichtung und der Einmarsch in Ostpreußen
2.2 Die Verluste steigen – Die Kriegsjahre 1915 bis 1917

3. Die Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk
3.1 Die Ereignisse in Brest-Litowsk
3.2 Die Ereignisse in Petrograd
3.3 Die Bestimmungen des Friedensvertrages von Brest-Litowsk

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

Durch den verheerenden Ersten Weltkrieg erfuhr Russland, das vertraglich Serbien gegen den Aggressor Österreich-Ungarn zu unterstützen hatte, Not und Elend und immense Verluste an Menschen. Alle wichtigen Ressourcen – Wirtschaft, Industrie, Militär – waren einem längeren Krieg gegen Deutschland bzw. die Mittelmächte nicht gewachsen. Zar Nikolaus II. hielt es nicht anders als die restlichen europäischen Machthaber. Er verfolgte starr den Kriegskurs. Eine kontinuierliche parlamentarische Exekutive gab es nicht; personalpolitische Entscheidungen des Zaren, die mitunter auf den Einfluss des Hochstaplers Rasputin auf die Zarenfamilie zurückzuführen sind, führten dazu:

„[…], dass Russland in den drei Jahren ab Juli1914 […] vier Ministerpräsidenten, sechs Innen-, vier Landwirtschafts-, vier Kriegs- (!) und drei Außenminister hatte, die obendrein alles andere als besonders befähigt waren.“[1]

Auch sich häufende militärische Niederlagen und bald praktisch nicht mehr vorhandene Siegchancen überzeugten keineswegs das Zarenregime, die Lage zu überdenken. Nach der russischen bürgerlichen Revolution im Februar 1917, der Abdankung des Zaren und der sozialistischen Oktoberrevolution im gleichen Jahr schien der Frieden für Russland zum Greifen nahe. Jedoch sollte der Friedensschluss nicht ganz so einfach vonstatten gehen wie Jahre zuvor die Kriegserklärungen. Der Friedensvertrag von Brest-Litowsk, zwischen Russland und den Mittelmächten Deutschland, Österreich-Ungarn, Bulgarien und der Türkei am 3. März 1918 unterzeichnet, brachte aus russischer Sicht alles andere als den erhofften „Frieden ohne Annexionen und Kontributionen“, der als eines der ersten Dekrete nach der Oktoberrevolution von der neuen Regierung beschlossen und den Krieg führenden Mächten angeboten wurde.[2] Der Friedensschluss ging vielmehr als „Raubfrieden“ in die Geschichte Russlands ein.

Diese Hausarbeit wird versuchen, die innenpolitischen Ereignisse des Revolutionsjahres 1917 und den Kriegsverlauf an der russischen Front im Ersten Weltkrieg in Zusammenhang mit den Verhandlungen von Brest-Litowsk zu bringen. Mit welchen Voraussetzungen ging die Delegation um Trotzki in die Friedensverhandlungen? Weshalb stimmte Russland letztendlich dem nachteiligen Abkommen zu? Für ebenso wichtig wird die unmittelbare Betrachtung der Verhandlung von Brest-Litowsk vom Waffenstillstand im Dezember 1917 bis zur Vertragsunterzeichnung im März 1918 gehalten. Gab es überhaupt diplomatische Alternativen für den Rat der Volkskommissare bzw. die ausgesandte Abordnung? Dass nach der Oktoberrevolution nun die Vertretung einer neuen Regierungsform - eine in der Weltgeschichte bis dahin beispiellose überdies - die Verhandlungen einberief und die Verantwortung des Krieg führenden Zaren, also des Antagonisten der Revolution, übernehmen musste, spricht für die Außerordentlichkeit dieses Kriegsendes. Die Bolschewiki hatten viele Faktoren abwägen müssen, um die Entscheidung über eine Weiterführung des Krieges als Katalysator der Weltrevolution oder eine endgültige Beendigung der Kampfhandlungen mit schnellstmöglichem Frieden zur Aufrechterhaltung der russischen Revolution zu treffen.

Im ersten Kapitel sollen die Revolutionsereignisse in Russland im Jahr 1917 chronologisch aufgearbeitet werden, um die Problemstellung - die Umstände, wie es zum Frieden von Brest-Litowsk kam - zu verdeutlichen. Dem folgend wird die Darstellung des Kriegsverlaufes an der russischen Front die militärische Konstellation, die sich bis zum Waffenstillstand ergab, beleuchten. Schließlich betrachtet die Hausarbeit die Verhandlungen in Brest-Litowsk und die parallelen Geschehnisse in der russischen Hauptstadt vom Dezember 1917 bis zum Friedensvertrag im März 1918. Mit dem abschließenden Fazit sollen die zuvor ausführlich geschilderten innen- und außenpolitischen Faktoren zusammengefasst und die Fragestellung entsprechend beantwortet werden

1. Die Ereignisse in Russland im Jahr 1917

1.1 Die Februarrevolution

Der erste Weltkrieg hatte im zaristischen Russland gravierende Auswirkungen in wirtschaftlicher und vor allem humanitärer Hinsicht. Hungersnöte und Warenknappheit sowohl im Reich als auch an der Front prägten das Bild der völlig desolaten Situation in Russland. Auf die missliche Lage in den Städten antworteten die Arbeiter mit Demonstrationen und Streiks, die von der Polizei – das allgemeine Streikverbot überwachend – mit äußerster Brutalität zu unterbinden versucht wurden. Desertationen ganzer Truppenteile der Armee waren aber keine Seltenheit mehr; die zur Unterstützung der Polizei gesandten Soldaten verbündeten sich schließlich mit der Arbeiterschaft, und am 27. Februar wurde in Petrograd nach dem erfolgreichen Aufstand ein erster Arbeiter- und Soldatenrat gewählt.

Nachdem die alte, prozaristische Regierung nach Einsicht ihrer Machtlosigkeit in den Revolutionswirren zurückgetreten war, bildeten Duma-Abgeordnete aus dem bis dahin geheimen Provisorischen Komitee zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung die Provisorische Regierung – gebilligt vom mehrheitlich aus Menschewiki und Sozial-revolutionären bestehenden Sowjet. Diese zwei Organe, Sowjet und Provisorische Regierung, bestanden parallel weiter; Beschlüsse der Regierung konnten jedoch nur mit Genehmigung des Sowjets, der die Masse der Bevölkerung und die Soldaten hinter sich wusste, durchgesetzt werden. Kriegsminister Gutschkow beschrieb die gegenwärtige Situation des Provisoriums, da der Sowjet großen Einfluss auf die Soldaten, die Eisenbahn, die Post sowie die Telegraphie besaß, wie folgt: „Man kann geradezu sagen, die Provisorische Regierung existiert nur, solange der Sowjet es zuläßt.“[3]

Zu den ersten Maßnahmen der neuen Regierung gehörte neben der Wiedereinführung der Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit u.a. die Amnestie für politisch Gefangene und Verfolgte, wodurch im April 1917 Lenin wieder in die Hauptstadt zurückkehren konnte und überhaupt die ganze revolutionäre Prominenz in Russland eintraf. Grundlegende soziale Reformen blieben aus, einschneidende Veränderungen sollten einer gewählten Nationalversammlung vorbehalten werden. Deren Wahltermin wurde aber immer wieder verschoben, da für die bürgerlich-liberale Mehrheit der Regierung zu befürchten stand von sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien verdrängt zu werden. Den Machterhalt versprach sich die Provisorische Regierung einzig durch einen Sieg gegen die Mittelmächte. Dagegen warb Lenin für die sofortige Weiterführung der bislang bürgerlichen zur sozialistischen Revolution mit der Losung „Alle Macht den Sowjets!“.[4] In seinen Aprilthesen forderte er u.a. die sofortige Beendigung des „räuberischen, imperialistischen Krieges“[5] und die Verstaatlichung des gesamten Bodens. Eine Zusammenarbeit mit der Provisorischen Regierung lehnte Lenin strikt ab.

In Russland regierten also seit Februar 1917 parallel zwei Institutionen mit disparaten Vorstellungen, was die Zukunft des russischen Staates und vor allem die Kriegsfrage anging.[6] Die Provisorische Regierung wollte die Macht der Bourgeoisie mit einem Sieg gegen die Mittelmächte festigen. Der Sowjet forderte die sofortige Beendigung des Krieges „ohne Annexionen und Kontributionen“.[7] Ende März 1917 wurde ein Kompromiss mit der Provisorischen Regierung ausgehandelt, der diese Formel enthielt und den verbündeten Mächten vorgelegt werden sollte. Außenminister Miljukow fügte aber noch in einer geheimen Note hinzu, dass Russland seiner Bündnispflicht nachkomme. Den Annexionsverzicht hob er auf und forderte sogar „Garantien und Sanktionen“ für „einen dauerhaften Frieden nach dem Sieg“.[8] Als die Zusätze jedoch bekannt wurden, sah sich die Provisorische Regierung durch Arbeiterdemonstrationen und Unruhen unter Druck gesetzt. Nur durch Einschreiten des Sowjets, der von der Regierung eine weitere Zusatznote, die den Annexionsverzicht erneuerte und am 22. April veröffentlicht wurde, erzwang, konnten die Massen beruhigt werden.

1.2 Umsturzversuche von links und rechts: Juli-Putsch und Kornilow-Putsch

Am 5. Mai 1917 wurde ein neues Provisorisches Kabinett unter Führung Fürst L’vovs gebildet, dem neben bürgerlichen Parlamentariern nun ebenfalls Vertreter von Menschewiki und Sozialrevolutionären angehörten.[9] Die Zusammenarbeit wurde möglich, da weder radikale Kräfte im Sowjet noch der konservative Kreis um Miljukow sich mit der Forderung des alleinigen Machtanspruchs in ihren Organen durchsetzten. Der Sowjet verband diese Kooperation indes u.a mit der Aufnahme des Annexionsverzichts und der Bodenreform in das Regierungsprogramm; gleichzeitig kam man den kadettischen Regierungsmitgliedern entgegen, indem umgehende Maßnahmen zur Verstärkung der militärischen Verteidigung beschlossen wurden.

Nachdem die Regierung und der ebenfalls neu gebildete Allrussische Kongress der Räte der Arbeiter- und Soldatendeputierten – Menschewiki und Sozialrevolutionäre besaßen dort die Mehrheit – Anfang Juni der Forderung der Bündnispartner, die französische Offensive zu unterstützen, zusagten, befahl der als Heeres- und Marineminister eingesetzte Sozialrevolutionär Kerenski am 18. Juni den russischen Angriff an der Südwestfront. Dieser Befehl mobilisierte in Petrograd von der Bolschewiki geführte Massen, die gegen den fortgesetzten Kriegskurs der Regierung zum Teil bewaffnet demonstrierten. Doch Anfang Juli hatten Regierungstruppen den Aufstand in der Hauptstadt zerschlagen, die Bolschewiki wurde verboten und die politische Führung verhaftet; Lenin konnte sich allerdings nach Finnland absetzen. Die Kerenski-Offensive selbst endete in einem Fiasko, da die russischen Armeen im Angesicht des Gegenangriffs der Mittelmächte sich praktisch auflösten und ganze Truppenteile in die Heimat flüchteten.

[...]


[1] Torke, Hans-Joachim, Einführung in die Geschichte Russlands, München 1997, S. 187.

[2] Pospelow, Peter N., und 8 andere Autoren, W. I. Lenin, Biographie, 5., durchgesehene Auflage, Berlin 1971, S. 504.

[3] Trotzki, Leo, Geschichte der russischen Revolution, 1. Teil: Februarrevolution, Frankfurt am Main 1982, S. 175.

[4] Pospelow, W. I. Lenin, 1971, S. 418.

[5] Ebda.

[6] Vgl. Hildermeier, Manfred, Geschichte der Sowjetunion 1917-1991. Entstehung und Niedergang des ersten sozialistischen Staates, München 1998, S. 68; Torke, Einführung in die Geschichte Russlands, 1997, S. 189.

[7] Nachdem der provisorische Außenminister Miljukow in einer ersten Erklärung an die Alliierten Anfang März die Erfüllung der alten Bündnisverträge zusicherte, beschloss der Sowjet ein von Maxim Gorki entworfenes Manifest, worin die „Völker der Welt“ aufgerufen wurden, den Frieden von ihren Regierungen zu erzwingen. Hildermeier, Geschichte der Sowjetunion 1917-1991, 1998, S. 77.

[8] Ebda., S. 78.

[9] Die Menschewiki „wollte[n] in der Minderheit bleiben, da die Revolution in ihren Augen weiterhin primär bürgerliche Aufgaben zu erfüllen hatte.“ Ebda., S. 79.

Details

Seiten
21
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638326681
Dateigröße
683 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v31761
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Geschichte
Note
2
Schlagworte
Frieden Brest-Litowsk Deutsch-russische Beziehungen

Autor

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