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Halloween als Bestandteil der deutschen kulturellen Identität? Wie Bräuche im kulturellen Bewusstsein verankert werden

Hausarbeit 2015 24 Seiten

Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Fallspezifische Begriffsbestimmungen
2.1 Kultur
2.2 Kulturelles Gedächtnis und kulturelle Identität

3. Feiertage
3.1 Entstehung von Feiertagen
3.2 Ausprägung von Feiertagen
3.3 Veränderung der Ausprägung von Feiertagen am Beispiel von Weihnachten

4. Halloween
4.1 Geschichtliche Entwicklung
4.2 Ausprägung von Halloween

5. Allerheiligen
5.1 Geschichtliche Entwicklung
5.2 Ausprägung von Allerheiligen

6. Vergleichende Gegenüberstellung

7. Beurteilung
7.1 Kulturelles Bewusstsein
7.2 Einfluss von Kommerz und Informationsmöglichkeiten auf die kulturelle Entwicklung

8. Ergebnis

9. Zukünftige kulturelle Stellung von Halloween in Deutschland

10. Literatur und Internetquellen

11. Anhang

1. Einleitung

Anders als bei den von Jan Assmann beschriebenen ägyptischen Kulturen[1] sammelt sich unter dem Begriff kulturelles Gedächtnis in Deutschland eine Vielzahl von Versuchen zur Aufarbeitung der jüngsten deutschen Geschichte.[2] Jan und Aleida Assmann indes beschreiben als Teil des kollektiven Gedächtnisses das kulturelle Gedächtnis als einen Bezug auf längst vergangene Personen, Dinge oder Ereignisse von hoher symbolischer Bedeutung, denen der Anspruch auf Wahrhaftigkeit gemein ist.1

Wiederkehrende Handlungen und Feste mit speziellen Bräuchen und Riten dienen dazu, diese Sinnbilder über die Generationen zu bewahren. Gleichzeitig zeigt deren zyklische Wiederholung das Bild einer Gruppe von sich selbst und der Welt. Die Tradition solcher Feste ist somit Teil der kulturellen Identität dieser Gruppe und bestimmt die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Kollektiv. Jedoch lässt sich, ungleich der ägyptischen Kulturen Jan Assmanns1 mit ihren in Stein gehauenen Zeugnissen, in Europa mangels glaubhafter Quellen kaum etwas Verlässliches über vorchristliche Traditionen finden. Einzelne Zeugnisse wie Stonehenge lassen keine verlässlichen Schlüsse über die kulturellen Sitten und Gebräuche vorchristlicher Gesellschaften und Kulturen in Europa zu. Abgesehen von Römern und Griechen war es in der Folge allein die Kirche, die - als Verkünder der einzigen Wahrheit - im besten Falle wohl andere Wahrheiten verschwieg.[3]

Anhand von Halloween, das sich in den letzten Jahren zunehmend als zyklisches Fest mit festen Ritualen und Bräuchen in Deutschland etabliert hat, soll untersucht werden, inwieweit es Teil des kulturellen Gedächtnisses ist bzw. sich nach Assmann1 vom kommunikativen Gedächtnis als Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses hin zum Bestandteil der deutschen Identität entwickelt. Halloween ist hierbei das Beispiel der Wahl, weil es in Deutschland erst kürzlich angekommen ist und daher einen zeitnahen Einblick in die Veränderungen innerhalb der kulturellen Identität zulässt.

Mit der Beantwortung der Frage „Halloween - Bestandteil der deutschen kulturellen Identität?“ soll zugleich aufgezeigt werden, welcher Voraussetzungen es bedarf, welche Mechanismen durch wen und warum in Gang gesetzt werden, damit neue Feste, Bräuche und Traditionen durch ein Kollektiv in ihr kulturelles Bewusstsein Aufnahme finden. Gleichzeitig ermöglicht dieses Beispiel einen Blick auf zukünftige Entwicklungen, insbesondere auf die Folgen auf die kulturelle Identität einzelner Gruppen durch eine zunehmende Globalisierung.

Methodisch bedeutet dies, für die notwendigen komplexen Begriffe der Kulturphilosophie greifbare, fallspezifische Definitionen zu finden. So wird durch Aufzeigen der maßgeblichen Einflussfaktoren sowie der Ausprägung von Feiertagen der Begriff kulturelle Identität im Rahmen einer Erinnerungskultur (kulturelles Gedächtnis) bestimmt.

Anschließend wird anhand der geschichtlichen Entwicklung des Halloweenfestes – insbesondere in Deutschland – dessen Wertstellung, Ausprägung und bewusste Wahrnehmung aufgezeigt. Dies geschieht im Vergleich zeitgleicher Feste (Allerheiligen), die ein untrennbarer Bestandteil der christlichen (deutschen) Kultur sind.

Nach Ermittlung der maßgeblichen Einflussfaktoren und deren zeitlicher Veränderung lässt sich sowohl die Frage der Zugehörigkeit Halloweens zur kulturellen Identität Deutschlands beantworten, wie auch ein Ausblick in die zukünftige Entwicklung wagen.

Bei all dem bin ich in der Umsetzung auf intensive Recherche im Internet sowie in Staats- und Universitätsbibliotheken angewiesen. Die Arbeit ist somit rein analytisch wissenschaftstheoretischer Art, was jedoch auch dem Umstand geschuldet ist, dass es sich um ein Thema aus dem übergeordneten Bereich der Kultur-Philosophie handelt, deren Erkenntnisgewinn, fast frei von Empirie, sich in Methodik und Fragestellung von anderen Wissenschaften unterscheidet und auf der Fähigkeit sowie dem starken Gebrauch des rationalen Denkens fußt.[4]

2. Fallspezifische Begriffsbestimmungen

2.1 Kultur

Der unscharfe und vielschichtige Begriff der Kultur, der sich sehr treffend mit Egon Friedells Ausspruch „Kultur ist Reichtum an Problemen“[5] umreißen lässt, kann allgemeinen als wertfreier, im ursprünglichen Sinne ästhetischer[6] Ausdruck menschlichen Seins sowie als - im weitesten Sinne - spirituelle Haltung beschrieben werden. Somit ist Kultur die Gesamtheit all dessen, was Lebewesen hervorbringen und nicht direkt durch ihre Triebe und Instinkte bedingt ist.

Im Rahmen dieser Arbeit ist besonders die Kultur unter soziologischen Gesichtspunkten zu betrachten. Innerhalb von Gruppen wird jedoch jedes, an sich trieb- und instinktfreie Verhalten – zumeist unbewusst - durch evolutionäre Vorgaben dominiert.[7]

Ohne weiter auf soziopsychologische Thematiken einzugehen, wird so die Kultur unter soziologischen Gesichtspunkten zu einem wertenden, mit Sendungsbewusstsein befrachteten Konstrukt, deren wichtigste Bestandteile die gemeinsame Sprache, Geschichte, Werte bzw. Religion sind.

2.2 Kulturelles Gedächtnis und kulturelle Identität

Die Weitergabe von Wissen und Erkenntnissen über die Generationen sicherte das Überleben der Art bzw. der Gruppe. Einfachstes Beispiel mag hier die Kenntnis vom Feuermachen sein. Zur Veranschaulichung des weiterzugebenden Wissens wurden die Handlungen bildhaft ausgeschmückt und mit Zeichen bzw. Symbolen befrachtet. So entstand ein - evolutionär bedingtes - kulturelles Gedächtnis. Zentrales Mittel der Wissensvermittlung war neben der Handlung die Sprache.

Die daraus entstandenen Traditionen sind bei vergleichbaren Lebensbedingungen gruppen-übergreifend sehr ähnlich, solange sie auf das für das Überleben notwendige Wissen beschränkt bleiben.

Erst durch unerklärliche Naturphänomene in Kombination mit dem mangelnden Wissen über die Welt und deren Abläufe entstehen sinnstiftende Erklärungsmodelle, die sich von Gruppe zu Gruppe unterscheiden können. Diese Unterscheidung begründet eine Wertung, deren Maß allein der Erfolg der einzelnen Gruppe im Überleben - egal worauf er sich begründet – ist; spiegelt dieser Erfolg doch die Wahrhaftigkeit der entsprechenden Kultur wieder.

Die resultierenden Unterschiede zwischen den Gruppen ermöglichen es, eine Gruppe und deren Mitgliedern einer kulturellen Identität zuzuordnen. Dabei ist allein die Sicht und Beurteilung durch andere Gruppen maßgeblich, indem sie zwischen dazugehörig und nicht dazugehörig (anders) unterscheiden.

Das Gruppenmitglied selbst sieht sich als Individuum nur im Spiegel dieser Einteilung und dies unabhängig davon, ob es sich selbst mit dieser Gruppe identifiziert oder nicht. Erst innerhalb der Gruppe besteht für ihn die Möglichkeit, sich von anderen Gruppenmitgliedern abzugrenzen und so ein individuelles Sein für sich zu definieren.

Für die Beurteilung, inwieweit Dinge zur kulturellen Identität einer Gruppe gehören, ist somit nur die Sicht auf die Gruppe als Ganzes ausschlaggebend. Daher wird im Folgenden der Begriff der Identität in Bezug auf das gesellschaftliche Sein beschränkt.

Kulturelle Identität lässt sich somit als kollektives Bewusstsein beschreiben, dessen Ausprägungen sich in gleichem Verhalten äußern. Dies sind bestimmte Handlungen, Bräuche bzw. Sitten, die in fast gleich bleibender Art und Weise periodisch wiederkehrend stattfinden und, als Tradition gepflegt, an folgende Generationen weitergegeben werden.

3. Feiertage

3.1 Entstehung von Feiertagen

Die kulturelle Identität, durch die sich eine Gruppe und ihre Mitglieder bestimmen lässt und die die Zugehörigkeit eines Einzelnen zu einer Gruppe bestimmt, basiert auf Unterschieden zwischen den Gruppen. Diese Abgrenzung von Anderen wird für den Einzelnen durch eine gefühlte Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe gefestigt. Ein wichtiges Mittel für diese Gruppenbildung und ein menschliches Grundbedürfnis sind gemeinsame Feierlichkeiten (Feste), die, insbesondere durch Kontinuität, in ihrem periodischen Begehen Teil und Ausdruck der Kultur dieser Gruppe sind. Eingebettet in Rituale entstehen Bräuche, mittels derer die Gruppe versucht, sich von nicht Gruppenmitgliedern abzugrenzen.

Ein Blick zurück in die Frühgeschichte der Menschheit zeigt jedoch die evolutionäre Notwendigkeit dieses Verhaltens. Spätestens mit Beginn des Ackerbaus, der Viehzucht und somit der Sesshaftwerdung der Menschen wurde die Abhängigkeit von periodischen Umweltveränderungen überdeutlich. Was früher beispielsweise die Wanderbewegungen des Jagdviehs gewesen sind, wurden nun die Jahreszeiten mit ihren periodischen Erscheinungen, wie beispielsweise dem jährlichen Nil-Hochwasser. Jede Missernte führte direkt zu lebensbedrohenden Hungersnöten und konnte den Exitus einer ganzen Gruppe bedeuten. Der Wunsch, die Zeit als nicht fassbare (lineare) Endlosigkeit begreifbar zu machen, konnte den Fortbestand der Gruppe sichern. Es bestand die zwingende Notwendigkeit, Zeit und Ereignisse vorhersagen zu können (Zeit der Ernte, Zeit von Wetterereignissen). So wird die Zukunft gefühlt berechenbar und verliert einen Teil ihres Schreckens. Zudem entspricht es dem menschlichen Grundbedürfnis nach Verlässlichkeit, Ordnung und Vorhersagbarem durch die Wiederkehr von Bekanntem.

Daraus entstanden, anhand zyklischer Naturerscheinungen, die ersten Kalender. Diese zyklischen Naturerscheinungen waren neben der Nilflut die Jahreszeiten und insbesondere die Mondzyklen. Mondkalender waren die verbreiteste Jahreseinteilung. Beim Sonnenkalender waren es die Sonnenwenden und die Äquinoktien, mit deren Hilfe sich die Zeiten der Aussaat und Ernte bestimmen ließen.

Die zur Bestimmung von Sonnenwende und Äquinoktium notwendigen Landmarken (Peilobjekte) waren daher Orte besonderer Wichtigkeit und erhielten mystischen Charakter. Daneben wurden zunehmend auch wichtige Begebenheiten aus der Vergangenheit (Geburtstage, Sterbetage) in zyklischen, meist jährlichen Abständen feierlich begangen, um sie sich zu vergegenwärtigen und um die Gemeinschaft zu binden.

In nahezu jeder Kultur und Religion entstanden so jährlich wiederkehrende Feste und Zeremonien. Insbesondere Erntefeste, bei denen als „Do-ut-des-Prinzip“[8] Opfergaben an Götter gereicht wurden.

Diese eher geschäftsmäßige Beziehung zu den Göttern war und ist Bestandteil jeder Religion. In starker Ausprägung ist es ein wichtiges Merkmal vieler vorchristlicher, so genannter heidnischer Religionen[9].

Bei der Ausgestaltung solcher Feste wurde durch einige wenige „Gruppenführer“ zunehmend darauf geachtet, mittels aufwändiger Zeremonien den Einzelnen an die Gruppe zu binden. Zwangsläufig ergab sich damit auch die Möglichkeit einer zielgerichteten Gruppenlenkung, deren Antrieb auch Eigeninteressen sein konnten.

So wurden mit Hilfe solcher Feste zunehmend auch Werte und Weltbilder transportiert, denen allen die Beschneidung individueller Freiheiten und Rechte gemein waren. Von dem Einzelnen wurde diese Unterordnung mangels alternativer Weltbilder meist dankend in Kauf genommen; befreiten sie ihn doch zum großen Teil auch von der Verantwortung für sein Selbst und sein Handeln.

Diese Loslösung vom eher pragmatischen „Do-ut-des-Prinzip“ hin zu spirituellen Zeremonien mit ritualisierten Handlungen, die, auf ein Kultobjekt gerichtet, symbolhaft der Verehrung höherer Mächte diente, wird so durch Pflege und Wiederholung schließlich zur Kultur.

3.2 Ausprägung von Feiertagen

Die Änderungen in der Ausgestaltung der Feste hin zu aufwändig zelebrierten Feierlichkeiten, bei denen der eigentliche Anlass (zum Beispiel die Sonnenwende) in den Hintergrund trat und stattdessen mystische und spirituelle Handlungen immer weiter an Bedeutung gewannen, waren geprägt durch gemeinschaftliche Handlungen, wie beispielsweise Gesänge und Tänze bis hin zur Nutzung unterschiedlichster Drogen. Ziel war ein gruppendynamisches Verhalten, das die Gruppenmitglieder in einen transzendenten Zustand versetzte und ihnen so das Gefühl spiritueller Erkenntnis vermittelte.

Daneben wurde das menschliche Bedürfnis nach Geborgenheit und sozialer Bindung bedient, sowie das Prinzip der Belohnung genutzt, indem es eine willkommene Unterbrechung des monotonen, arbeitsreichen Alltages bedeutete.

Die so angereicherten und ausgeschmückten kultischen Handlungen und Rituale wurden über die Generationen weitergegeben, so dass aus Ihnen traditionelle Bräuche entstanden, die mitunter über die Jahre eine Eigendynamik entwickelten und den eigentlichen Anlass des Festes verdrängten. Das Fest wurde zum bloßen Anlass für die Feier.

Weiterhin entstehen aus traditionellen Bräuchen Verhaltensregeln, die sich, in den Alltag übernommen, zu moralischen Werten und Regeln entwickeln und somit für die Gruppe zu sozialen Verhaltensnormen führen (Sitte).

Bräuche sind Abläufe und Verhaltensregeln in unterschiedlichster Ausprägung, wie bestimmte Handlungen, „Nichthandlungen“, Speisen, Kleidung und Symbolik.

Grob lassen sie sich einteilen in

- vor allem mit Verkleidung, allerlei Schabernack und Lärm verbundene Bräuche, s. g. Lärmbräuche[10]
- Großfeuer wie Oster-und Johannisfeuer
s. g. Feuerbräuche10
- Erbitten oder Einfordern von Gaben
s. g. Heischebräuche10

Bei gleichem Ursprung und Anlass können einzelne (Teil-)Gruppen individuelle Verhaltensmuster ausbilden. Entweder geschieht dies aufgrund von unterschiedlichen regionalen Gegebenheiten (z.B. Flachland und Berge) oder um sich von anderen (Teil-)Gruppen abzugrenzen. So können sich gleiche Feste innerhalb einer Gemeinschaft (z.B. Christen), meist regional, durch verschiedenartige Bräuche, die den Ablauf der Zeremonien bestimmen, stark unterschieden.

Entwickeln Bräuche eine starke Eigendynamik, können sie, losgelöst vom eigentlichen Anlass, von anderen Gruppen übernommen werden. Dies geschieht vor allem mit durch Kulturwandel vom eigentlichen Anlass befreiten Feiern bzw. mit vom Ritus befreiten Bräuchen. Es wird also nur noch die Art und Weise des Begehens übernommen. Beispielhaft soll diese Entwicklung am Fest zu Ehren Christi Geburt aufgezeigt werden.

3.3 Veränderung der Ausprägung von Feiertagen am Beispiel von Weihnachten

Als Julfest bei den Germanen, Fest zur Geburt des indischen Lichtgottes im vorderasiatischen Mithraskult, Geburt des Horus im ägyptischen Isis-Kult usw. wurde die Wintersonnenwende, die im Julianischen Kalender auf den 25. Dezember fiel, in fast allen Kulturen festlich begangen. Als jüngstes christliches Fest wurde es von der Kirche erst im 6. Jahrhundert mit dem Fest zur Geburt Christi überdeckelt. Doch bereits im Jahr 354 legte der Papst Liberius Jesu Christi Geburtstag auf den 25. Dezember, um das von den Römern an diesem Tag begangene „Saturnalien-Fest” zu Ehren Saturns zu verdrängen (Jesus als „das Licht der Welt”[11] ).

Das Fest verbreitete sich sehr schnell im gesamten Christentum. Entsprechend der ursprünglichen Bräuche wurde es unter anderem als Feuerfest oder Heischefest gefeiert. Daher stammt vermutlich auch der Brauch des Beschenkens von römischen, vorchristlichen Kalendae-Festen ab.[12]

Der früheste Beleg des Namens „Weihnachten“ für das Fest stammt aus dem Jahr 1190 in einem Text des bayerischen Minnesänger Herger (Spervogel I).[13]

Die heute noch gebräuchliche Symbolik mit Tannenzweigen und Tannenbaum tauchte erstmals 1494 in Sebastian Brants „Narrenschiff” auf.[14] Das Grün der Natur in einer sonst zum Tod erstarrten Umwelt diente als Zeichen der Hoffnung und des wiederkehrenden Lebens und weist sicherlich nicht nur zufällig starke Parallelen zu den ursprünglichen Wintersonnenwendfesten auf, die bei allen nordischen Völkern als Ende der Totenzeit und Beginn des neuen Lebens festlich begangen wurden. Der Zyklus vom Werden und Vergehen ist ein Grundthema aller Kulturen.

Ebenso ist die Ausschmückung mit Lichtern und allem Glänzenden stark von der winterlichen Dunkelheit in Zentral- und Nordeuropa geprägt.

Dass die Bräuche der Tannenbäume und des Lichtschmuckes auch südlich des nördlichen Wendekreises und selbst südlich des Äquators verbreitet sind, lässt sich nur mühselig mit der Lichterscheinung Jesu begründen. So lehnten unter anderem die reformierten Kirchen das Weihnachtsfest früher als „Brauchtum”, das nichts mit Christus zu tun hat, ab und beugten sich nur widerstrebend.

Auch der Brauch des gabenbringenden Weihnachtsmannes[15] setzte sich mittlerweile fast weltweit durch, während andere Bräuche wie beispielsweise das Christkindlschießen[16] im Berchtesgadener Land oder der Christklotz[17] sich nicht durchsetzen konnten und regional begrenzt blieben oder mit der Zeit ganz verloren gingen.

Generell ist Weihnachten heute das meist verbreitete Fest und wird weltweit in sehr ähnlicher Ausprägung begangen, auch wenn es grundsätzlich allein ein Fest der Christen (außer Zeugen Jehovas) ist. Die Prägung durch nordeuropäische Symbole besteht dabei weltweit und ist dem Konsum amerikanischer Medien geschuldet.[18]

Über die Generationen erobert es so nach und nach immer mehr Kulturen und wird zu deren Bestandteil, auch ohne seine eigentliche Bedeutung.

[...]


[1] Vgl.: Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis: Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München, Verlag C.H.Beck oHG, 2013, 7. Auflage

[2] Siehe allgemeine Internetsuche unter dem Begriff: Deutsches kulturelles Gedächtnis

[3] Luther, Martin: Die Bibel. Stuttgart, Württembergische Bibelanstalt Stuttgart, 1964, 1. Timotheus 2.7

[4] Professor Günter Abel: Grundkurs Philosophie des Geistes, Vorlesung Sommersemester, 2014

[5] Heribert Illig: Kultur ist Reichtum an Problemen. Extrakt eines Lebens. Zürich, Haffmanns Verlag, 1990, Seite 107.

[6] Bertelsmann Wörterbuch der deutschen Sprache 2004. Gütersloh/München: Wissen Media Verlag GmbH, S. 143: aisthetike episteme = Wissen, Kenntnis von den sinnlich wahrgenommenen Eindrücken und den Empfindungen

[7] Zur Definition des Selbst siehe Anhang I

[8] Zum „Do-ut-des-Prinzip“ siehe Anhang II

[9] http://www.aegypten-spezialist.de/kultur/opfer/opfer-warum.html (20.07.2015)

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Brauch (21.07.2015)

[11] Luther, Martin: Die Bibel. Stuttgart, Württembergische Bibelanstalt Stuttgart, 1964, Johannes 8.12

[12] https://de.wikipedia.org/wiki/kalenden (23.07.2015)

[13] https://de.heiligenlexikon.de/BiographienN/Natal_Geburt_des_Herrn.htm (22.07.2015)

[14] http://www.medienwerkstatt-online.de/lws_wissen/vorlagen/showcard.php?id=4630&edit=0 (24-07.2015)

[15] Siehe Anhang III

[16] http://www.ich-will-weihnachten.de/traditionen/das-christkindlschiesen/ (25.07.2015)

[17] http://www.ich-will-weihnachten.de/traditionen/der-christklotz/ (25.07.2015)

[18] https://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachten_weltweit (23.07.2015)

Details

Seiten
24
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668170537
ISBN (Buch)
9783668170544
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v317772
Note
1+
Schlagworte
kulturelle Identität kulturelles Gedachtnis Halloween Allerheiligen

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