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Zwei philosophische Ansichten zum Thema Abtreibung. Peter Singer und Norbert Hoerster im Vergleich

Hausarbeit 2014 21 Seiten

Ethik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Peter Singer
2.1. Leben und Werk
2.2. Utilitarismus und Singers Präferenzutilitarismus
2.3. Practical Ethics – Singers Position zum Thema Abtreibung

3. Norbert Hoerster
3.1 Leben und Werk
3.2 Hoersters Position zum Thema Abtreibung

4. Vergleich

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Thema Abtreibung wird in der Gesellschaft und den Medien immer wieder kontrovers diskutiert. Der Gesetzgeber hat Richtlinien verfasst, an die sich Schwangere und Mediziner halten müssen, um einer rechtlichen Strafe zu entgehen. Sie basieren auf allgemein wissenschaftlichen und medizinischen Kenntnissen. Gleichzeitig wird in der Abtreibungsdebatte immer wieder versucht mit religiösen und moralischen Anschauungen zu argumentieren. Ziel dieser Hausarbeit ist es, das Thema Abtreibung aus philosophischer Sicht zu betrachten. Diese Sicht ist in den Medien und in der gesellschaftlichen Debatte weniger oft zu finden. Dazu setze ich mich mit den Positionen des australischen Philosophen Peter Singer und denen des deutschen Philosophen Norbert Hoerster auseinander.

Schon im Juli 1920 brachten SPD Abgeordnete unter der Führung von Radbruch einen Gesetzesentwurf in den deutschen Reichstag ein, der die Abtreibung erlauben sollte. Dieser wurde zu diesem Zeitpunkt mit großer Mehrheit abgelehnt. Während der 68-Bewegung und der damit einhergehenden Verbreitung der Antibabypille änderte sich die Meinung vieler Bürger zum Thema Abtreibung. Am 6. Mai 1974 wurde die Indikationsregelung im Bundestag beschlossen und der Paragraph 218 des Strafgesetzbuches, welcher den Schwangerschaftsabbruch regelt, angepasst. Die Abtreibung steht heute zwar unter Strafe und wird mit Freiheitsstrafe geahndet, allerdings findet der §218 dann keine Anwendung, wenn die Abtreibung von einem Arzt durchgenommen wurde, sie bis zur 12. Schwangerschaftswoche erfolgt und die Schwangere zuvor ein Beratungsgespräch mit zwei Ärzten vorgenommen hat, in dem sie ihre Gründe für den Abbruch schildert. In besonderen Fällen, z.B. wenn die Gesundheit der Schwangeren gefährdet ist, ist ein Abbruch bis zur 22. Schwangerschaftswoche straflos.

In Australien sind die Regelungen etwas offener als in Deutschland. Es gibt die Möglichkeit eine Abtreibungspille einzunehmen. Seit einigen Jahren darf diese von jedem Arzt verschrieben werden, der eine kurze Schulung besucht hat. In den einzelnen Bundesstaaten ist die Frist der Abtreibung und die gesetzlichen Regelungen unterschiedlich. Die Frist variiert zwischen der 16. und 24. Schwangerschaftswoche. Der Antrag auf Abbruch muss aufgrund medizinischer Gründe gestellt werden. In einigen Bundesstaaten genügen soziale Gründe. Was darunter genau zu verstehen ist, bleibt offen.

Die vorliegende Hausarbeit wird so gegliedert sein, dass ich sowohl Peter Singer, als auch Norbert Hoerster kurz vorstelle und deren Positionen erläutere. Dabei werde ich mich bei Peter Singer hauptsächlich auf das Werk „Praktische Ethik“ beziehen. Um Norbert Hoersters Standpunkt zu verdeutlichen werde ich mit dem Essay „Wie schutzwürdig ist ein Embryo? Zu Abtreibung PID und Embryonenforschung“ und mit seinen Büchern „Ethik des Embryonenschutzes“ und „Neugeborene und das Recht auf Leben“ auseinandersetzen. Im Anschluss an die Vorstellung der beiden Positionen werde ich einen Vergleich vornehmen. Dieser Vergleich zielt darauf ab, gemeinsame Standpunkte herauszuarbeiten und zu erörtern worin sich die Ansichten der Philosophen unterscheiden. Im abschließenden Resümee folgt eine kurze Zusammenfassung und Beurteilung der vorgestellten Standpunkte zur Abtreibungsdebatte.

2. Peter Singer

2.1. Leben und Werk

Peter Albrecht David Singer wurde als Sohn jüdischer Eltern 1946 in Melbourne geboren. Seine Eltern hatten zuvor in Wien gelebt und waren 1938 während des Nationalsozialismus nach Australien ausgewandert. Einige seiner Verwandten wurden Opfer des Holocaust.

Singer war an den philosophischen Fakultäten der „Universitäten von Melbourne und Oxford [eingeschrieben], wo er unter anderem bei dem renommierten Moralphilosophen Richard M. Hare studierte“[1]. An letztere kehrte er später als Dozent zurück. Er lehrte außerdem an der La Trobe University in Melbourne und erhielt eine Professur in Philosophie von 1977-1999 an der Monash University in Melbourne. 1999 folgte er dem Ruf als DeCamp Professor of Bioethics an die Princton Universität in New Jersey[2]. Singer lehrt sowohl an der Princeton Universität als auch der Monash University in Melbourne. Er ist Direktor des Zentrums für menschliche Bioethik und stellvertretender Direktor des Institutes für Ethik an der Monash University.

Zwischenzeitlich war Singer auch als Politiker aktiv und versuchte 1996 mit der Grünen Partei in den australischen Senat einzuziehen, was aber nicht gelang.

Allgemein bekannt wurde Peter Singer vor allem durch sein Buch „Animal Liberation – A New Ethics for Our Treatment of Animals“ (1975, deutscher Titel: „Befreiung der Tiere – Eine neue Ethik zur Behandlung der Tiere” , 1982). Er behandelt darin die Befreiung der Tiere von den Menschen, die sich als überlegene Spezies fühlen und damit Ausbeutung und Diskriminierung rechtfertigen. In vielen Quellen gilt das Werk auch als Auslöser der Tierrechtsbewegung. Singer misst den Tieren ein hohes Maß an Rechten bei. Er sagt, dass sie ebenso wie die Menschen in der Lage seien, Leid zu empfinden. Aufgrund dessen sei es moralisch verwerflich sie auszubeuten und zu diskriminieren. Denn „die Zugehörigkeit zu einer Spezies [besitze] bei der Frage des moralischen Unrechts Leid zuzufügen oder zu töten keine Relevanz [...]“[3]. Als Konsequenz ergibt sich für die Tierrechtler daraus der Boykott von Produkten insbesondere aus der Massentierhaltung.

Hier in Deutschland wurde Peter Singer durch sein Werk „Practical Ethics“ (1979, deutscher Titel: „Praktische Ethik“, 1991) bekannt, welches großes Aufsehen erregte. In dieser Arbeit entwickelt er den durch ihn geprägten Präferenzutilitarismus. Bei der Stellungnahme zu Fragen der normativen Ethik formuliert er als einer der Ersten eine Gesetzmäßigkeit für die Gewichtung gleicher Interessen. Relevant ist nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Spezies, sondern relevant sind Eigenschaften wie Schmerzempfinden und selbst Bewusstsein. Er spricht von „Speziezismus“, wenn ein Lebewesen nur aufgrund seiner Spezieszugehörigkeit bevorzugt behandelt wird. Für das größte Aufsehen sorgen seine Thesen über Abtreibung und die Tötung neugeborener Kinder. Singer ist klarer Befürworter von Abtreibung und Kindstötung, wenn Embryos oder Kinder an Krankheiten wie Hämophilie (Bluterkrankheit), Spina bifida (offener Rücken) oder Trisomie 21 leiden. Behindertenverbände, Behindertenpädagogen und auch einige Pädagogik-Professoren reagierten mit Ablehnung und sie warnten vor diesen für sie menschenverachtenden Thesen.[4] Auf der anderen Seite fand Singers Anschauung großen Zuspruch in Seminaren an Universitäten, die sich mit der praktischen Ethik Singers auseinander setzten. Das Seminar an der Universität in Duisburg musste 1990 abgebrochen werden, nachdem es zuvor Proteste von Behindertenverbänden gab.[5] Auch die linksliberale Wochenzeitung DIE ZEIT widmete sich den Theorien von Peter Singer in mehreren Artikeln. Die Autoren verteidigten und verharmlosten teilweise den Todesdiskurs Singers.

2.2. Utilitarismus und Singers Präferenzutilitarismus

Um im späteren Verlauf der Arbeit die Thesen Singers zur Abtreibung erklären zu können, müssen zunächst die Theorien des Utilitarismus und insbesondere die des Präferenzutilitarismus herausgearbeitet werden.

Als Begründer des Utilitarismus gelten der englische Philosoph und Jurist Jeremy Bentham sowie sein Landsmann John Stuart Mill, Ökonom und Philosoph. „Der Utilitarismus ist eine normative Theorie zur moralischen Bewertung von Handlungen.“[6] Im Utilitarismus gilt das Glück als das höchste Ziel, das durch eine Handlung erreicht werden kann. Die Handlungsmaxime lautet: Handle so, dass für alle Beteiligten die Folgen möglichst optimal sind. Mit Hilfe dieses Kriteriums möchte der Utilitarismus es ermöglichen, Handlungen zu bewerten. Bentham entwickelte das Prinzip der Nützlichkeit (Handle so, dass die Folgen deiner Handlung den Nutzen beziehungsweise das Glück der von der Handlung betroffenen Menschen größtmöglich steigern.). Das heißt, er geht davon aus, dass der Mensch immer danach strebt Lust zu maximieren und dabei das Leid zu minimieren. Unter Glück versteht Bentham Gewinn, Freude, Vorteil und Gutes. Menschen handeln dann moralisch wertvoll, wenn sie Unheil abwenden, Leid und Unglück lindern oder das Böse verhindern. Dieses Konzept wird auch Hedonistisches Kalkül genannt, welches nicht zu verwechseln ist mit der hedonistischen Ethik, in welcher das Ziel ist, einen hohen Gewinn an Lust zu haben.

Im Allgemeinen wird zwischen vier utilitaristischen Prinzipien unterschieden:

1. Das Konsequenzprinzip beschreibt, dass bei der Beurteilung von Handlungen stets die Folgen betrachtet werden. Die Handlung wird dann als positiv bewertet, wenn deren Folgen überwiegend positiv sind. Ist absehbar, dass die Folgen überwiegend negativ sein werden, soll die Handlung unterlassen werden und nach Alternativen gesucht werden.
2. Um zu bewerten, ob eine Folge positiv oder negativ ist, bedient sich der Utilitarismus dem Nutzenprinzip. Eine Handlung ist moralisch wertvoll, wenn sie den größtmöglichen Nutzen für alle Beteiligten bringt. Der Nutzen einer Handlung wiederum richtet sich danach, ob sie zur Förderung des Guten beiträgt.
3. Hedonistisches Prinzip besagt, dass eine Handlung immer auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtet sein muss. Wie oben beschrieben strebt der Mensch Bentham zufolge immer nach Maximierung des Glücks und Minimierung des Leids. Mill fügt zu den körperlichen Freuden, die Bentham als notwendiges Kriterium nennt, geistige, kreative und soziale Freuden hinzu.
4. Das vierte Prinzip ist das universalistische Prinzip. Eine Handlung muss universellen Nutzen bringen. Sie wird danach beurteilt, welche Auswirkung sie auf alle an der Handlung beteiligten Personen hat.

Ob eine Handlung moralisch wertvoll ist wird mit Hinsicht auf alle vier Prinzipien beurteilt. Dabei werden alle Vor- und Nachteile betrachtet und bewertet.

Peter Singer entwickelte den Begriff des Utilitarismus weiter und gilt als Vertreter des Präferenzutilitarismus. Im Präferenzutilitarismus werden Handlungen danach beurteilt, ob die Folgen einer Handlung mit den Präferenzen der Betroffenen übereinstimmen. Werden durch die eigenen Handlungen Präferenzen anderer durch die Handlung betroffener Wesen verletzt, so ist die Handlung moralisch nicht vertretbar. Die Ethik des Präferenzutilitarismus soll universell und rational sein. Dies wird durch das Prinzip der Gleichheit beschrieben. Gleiche Interessen, gleiche Präferenzen und gleiches Glück sind gleich wichtig. Singer unterscheidet zwei Gruppen von Menschen, die nach ihm in der Lage sind Präferenzen und Interessen auszubilden. Menschen, die geistig voll entwickelt sind und somit Glück und Leid empfinden können und ein kontinuierliches Identitätsbewusstsein besitzen. Diese Gruppe von Menschen ist in der Lage die Präferenz nicht leiden zu müssen herauszubilden, da sie grundsätzlich in der Lage sind Leid zu empfinden. Voraussetzung für die Präferenz zu leben ist selbst Bewusstsein. Nur wer sich selbst zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Gegenwart und in der Zukunft sieht, also Zukunftspläne hat, ist sich seiner selbst bewusst. Alle Lebewesen, die diese Eigenschaft besitzen bezeichnet Singer als Person. Die zweite Gruppe sind nichtmenschliche Wesen. Zu dieser Gruppe zählt Singer auch geistig behinderte Menschen und Säuglinge. Seiner Meinung nach haben diese kein Identitätsbewusstsein und können aufgrund dessen keine Präferenzen bilden, wie zum Beispiel den Wunsch am Leben zu bleiben. „Tötet man eine Schnecke oder einen 24 Stunden alten Säugling, so vereitelt man keine Wünsche dieser Art, weil Schnecken und Säuglinge unfähig sind, solche Wünsche zu haben.“[7] Singer geht sogar so weit zu sagen, dass Tiere sich ihrer eigenen Identität bewusst sein können, Empfinden für Glück und Leid haben und dabei die Präferenz besitzen am Leben zu bleiben. Diese Präferenz spricht er geistig behinderten Menschen ab, weil sie sich seiner Meinung nach ihrer selbst nicht bewusst sind.[8]

[...]


[1] Rainer, Bettina: Euthanasie. Zu den Folgen eines harmoniesüchtigen Weltbildes. Wiener Frauenverlag, 1995 Wien, S. 113

[2] Vgl. http://www2.klett.de/sixcms/list.php?page=miniinfothek_lexikon&miniinfothek=Religion%20Infothek&node=&artikel_id=484462

[3] Singer, Peter. Animal Liberation – die Befreiung der Tiere, Reinbek bei Hamburg : Rowohlt-Taschenbuch-Verl., 1996

[4] Vgl. Lohner, Alexander. Rechtfertigung der Abtreibung? S. 8

[5] Vgl. ebd.

[6] http://www.uni-potsdam.de/ethik-online/index.php/36-teilbereiche/ethische-theorien/util

[7] Singer, Peter. Praktische Ethik, Stuttgart 1991, Philipp Reclam jun. GmbH & Co., S. 123

[8] Vgl.

Details

Seiten
21
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668173705
ISBN (Buch)
9783668173712
Dateigröße
686 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v317992
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
Schlagworte
zwei ansichten thema abtreibung peter singer norbert hoerster vergleich

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