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Armut in Deutschland. Formen, Risikogruppen und Entwicklung

Hausarbeit 2014 19 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Autorbegriff und Formen von Armut
2.1 Absolute und Relative Armut
2.2. Neue Armut

3. Entwicklung von Armut in Deutschland

4. Armutsrisikogruppen
4.1. Alleinerziehende
4.2. Kinder und Jugendliche
4.3. Alte Menschen
4.4. Obdach- bzw. Wohnungslose

5. Exkurs: ökonomische Betrachtungsweise des Problems „Armut“
5.1. Bemessung des Lebensstandards
5.2 Politische Philosophie

6. Unterstützungsmaßnahmen

7. Schlussbetrachtung

8. Literaturverzeichnis

9. Online Quellen

1. Einleitung

Deutschland zählt seit den 60er Jahren zu den reichsten Ländern der Welt, in denen man lange Zeit Armut als sozialpsychologisches Problem kleinerer Randgruppen betrachten konnte. Eine öffentliche Diskussion über Armut fand nicht statt und auch innerhalb der bundesdeutschen Regierungen wurde Armut nicht thematisiert und es gelang jahrelang zu verleugnen, dass breite Teile der eigenen Bevölkerung in Armut lebten. Erst Mitte der 70er Jahre wurde durch den damaligen rheinland-pfälzischen Sozialminister, Heiner Geißler, der Begriff der „Neuen Armut“ begründet. Armut innerhalb der eigenen Wohlstandsgesellschaft wurde in Folge dessen als ein sozialpolitisches Problem erkannt. Trotz inzwischen unzähliger Jahre, die vergangen sind, ist man gegenwärtig von einer Lösung des Problems noch immer weit entfernt.1 Das Thema Armut ist immer mit politischer Brisanz verbunden, auch wenn die Bundesregierung inzwischen die Bekämpfung der Armut zu einem der Schwerpunkte der Politik gemacht hat. Damit wurde man zumindest den Transformationsprozess im Zuge der Vereinigung alter und neuer Bundesländer noch erweiterten Dimensionen von Armut gerecht und hat zugleich den Wandel des Sozialstaats um ein weiteres Element ergänzt.

Das Problem der „Armut“ assoziieren die meisten Menschen in Deutschland unmittelbar mit der existenziellen Armut, die primär in den Entwicklungsländern vorherrscht. Als „Arm“ definieren wir durch unser medial geprägtes Bild vor allem Menschen, die so wenig Mittel zur Verfügung haben, dass unter anderem Hunger ihr Leben und ihre Existenz bedroht. Dieses Bild führt oft dazu, dass man die „Armut“, die in der eigenen Gesellschaft vorherrscht, nicht ernst nimmt. Deutschland stellt in vielerlei Hinsicht einen Sozialstaat dar, der auch Risikogruppen oder Menschen in schwieriger Lage unterstützt - in vielen Fällen sogar mehr, als so manchem Steuerzahler recht ist. Die Realität zeigt, dass diese Vorstellung von einem Wohlstandsland, in dem es keine Armut gibt, eine bloße Utopie darstellt. Deutschland zählt im Vergleich zu anderen Ländern der Welt zu den reichsten Ländern der Welt. Dies führt irrtümlicherweise immer wieder zu der vorherrschenden Meinung, dass wir in Deutschland nicht von dem Problem der Armut betroffen sind. Dieses Bild verzerrt allerdings die Realität, denn auch wenn keine existenzielle Armut vorherrscht, gibt es eine nicht zu verachtende Anzahl an Menschen, die am Existenzminimum oder gar darunter leben müssen. Diese Menschen müssen Einschränkungen gegenüber den wohlhabenderen Menschen akzeptieren.

Deutschland ist in seiner Gesellschaftsstruktur tendenziell eher egalitär ausgerichtet, trotzdem nimmt die soziale Polarisierung deutlich zu, sodass die Anzahl der „Armen“ steigt, während Reiche immer reicher werden.2 Im Volksmund wird dieses Problem oftmals mit der „Schere“ oder „Kluft“ zwischen Arm und Reich beschrieben. In der Forschung wurde seit Ende der 80er Jahre vor allem das Thema „Armut in Wohlstand“ thematisiert3 und auch in den 90er Jahren wurde die Armutsforschung durch Sozialwissenschaftler weiter vorangetrieben. Insbesondere der enorme Anstieg der Armut in den 90er Jahren nach der Wiedervereinigung führte dazu, dass das Thema „Armut“ auch in der Sozialpolitik in den Fokus rückte.4 Die vorliegende Arbeit versucht dem Problem der Armut in Deutschland auf den Grund zu gehen. Zunächst soll Armut und die unterschiedlichen Formen von Armut definiert werden, um dann näher auf die betroffenen Risikogruppen eingehen zu können. Mit Hilfe dessen soll versucht werden die Entwicklung von Armut in Deutschland zu beschreiben.

Anschließend soll durch einen Exkurs auf die Komplexität des Problems durch die ökonomische Betrachtungsweise hingewiesen werden. Während man als Mitglied der Gesellschaft oft dazu neigt, das Problem eher aus empathischer Sicht zu betrachten, schärft die ökonomische Betrachtungsweise den „objektiven“ Blick auf die Thematik. Die Bemessung des Lebensstandards aus dieser Perspektive zeigt auf, wie verzerrend Statistiken und deren Ergebnisse sein können bzw. wie unverständlich sie uns erscheinen, wenn wir Mitgefühl entwickeln. Jemand, der nach diesen „trockenen“ Berechnungen als nicht arm definiert wird, ist in der Realität vielleicht doch nicht wohlhabend genug, um Grundbedürfnisse von Kindern und Familie zu befriedigen. Der Rückblick auf die Erkenntnisse der Politischen Philosophie soll zeigen, dass es schon sehr früh die Erkenntnis gab, dass in unserer Gesellschaft wirtschaftliche „Ungleichheit“ vorliegt und man nach Auswegen aus dieser Problematik suchte. Auch wenn die diversen Ansätze in der Praxis kaum Anwendung gefunden haben, regen sie doch zum Nachdenken an, denn wäre beispielsweise eine Einkommensumverteilung nicht die Lösung des Problems? Wollen wir, also diejenigen, die von Armut nicht betroffen sind, diese Art der Lösung vielleicht gar nicht? Wären wir bereit auf eigenes Kapital zu verzichten, um die Wohlfahrt aller Mitglieder der Gesellschaft zu maximieren? Wohl kaum. Die Ansätze der politischen Philosophie scheinen nicht mehr zeitgerecht zu sein, tragen meiner Meinung nach aber trotzdem einen gewinnbringenden Teil dazu bei, dass man sich kritisch mit der Thematik Armut, aber auch mit sich selbst auseinandersetzt.

Für eine finale Lösung des Problems der Armut in Deutschland, aber auch im Allgemeinen, braucht es verschiedene Ansätze und Veränderungen in nahezu allen gesellschaftlich relevanten Themengebieten. Mit dieser Arbeit soll es zumindest gelingen die Dringlichkeit des Problems bewusst zu machen und eine weitere Auseinandersetzung anzuregen, um die Armut zu verringern und nicht weiter wachsen zu lassen. Aus diesem Grund beschäftigt sich die vorliegende Arbeit auch mit potentiellen Unterstützungsmaßnahmen, bevor sie mit einer Schlussbetrachtung abschließt.

2. Der Armutsbegriff und Formen von Armut

Innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses existieren verschiedene Begriffe zur Beschreibung des Phänomens Armut. „Armut“ bezeichnet im Allgemeinen einen Zustand des Mangels und wird in Abhängigkeit von historischen und geografischen Bedingungen unterschiedlich definiert. Der Rat der Europäischen Union bezeichnet „Einzelpersonen, Familien oder Personengruppen als arm, wenn sie über so geringe materielle, kulturelle und soziale Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedsstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist.“5

Bezieht man sich lediglich auf die wirtschaftliche Armut muss man zwischen der „absoluten“ und „relativen“ Armut unterscheiden.

2.1 Absolute und relative Armut

Aus normativer Sicht bezeichnet man im Kontext der „Absoluten Armut“ die Situation einer unzureichenden Sicherung des physischen Existenzminimums. Dieses Armutskonzept, welches bereits um 1900 vom Sozialforscher Seebohm Rowntree entwickelt wurde, versucht jene Maßstäbe, die das Existenzminimum bestimmen, festzulegen.6 Indikatoren sind unter anderem der tägliche Nahrungsbedarf, die Wohnsituation, benötigte Kleidung und Gesundheitsmaßnahmen. Unterschreitet man die absolute Armutsgrenze langfristig, führt dies in der Regel zum Tod, beispielsweise durch Verhungern, Krankheiten oder Erfrieren. Auf internationaler Ebene hat sich die „Ein-Dollar-Definition“ der Weltbank durchgesetzt, die besagt, dass jeder Mensch, der pro Tag über weniger als einen US-Dollar verfügt, in absoluter Armut lebt.7 Die hiervon betroffenen Menschen sind somit nicht in der Lage einen Mindestlebensstandard zu wahren und sind in ihrer physischen Existenz bedroht. Schätzungen der Vereinten Nationen zufolge leben weltweit etwa 1,3 Milliarden Menschen in absoluter Armut. Demnach sind Haushalte unter einem gewissen Realeinkommen arm. Diese festgelegte Schwelle definiert die absolute Armutsgrenze. Doch es stellt sich in diesem Kontext die Frage, wie man diese Armutsgrenze definiert, weshalb man in der Regel die relative Armut misst. Diese Messung erfolgt durch die Armutsrisikoquote, die Haushalte mit weniger als 60 Prozent des sogenannten „Nettoäquivalenzeinkommens“ als arm bezeichnet. Die Quote gibt somit an, wie viel Prozent der Gesamtbevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben. Armut ist deshalb eine Frage der Einkommensverteilung und nicht der Einkommenshöhe. Es gibt im Allgemeinen allerdings einige Probleme bei der Messung von Ungleichheit, da sowohl die Einkommensverteilung, als auch die Armutsrisikoquote, lediglich ein ungefähres Bild von der Ungleichheit der Lebensstandards abbildet. Dies liegt insbesondere daran, dass die Einkommensentwicklung über den Lebenszyklus nicht berücksichtig wird und auch nicht zwischen permanenten und transitorischem Einkommen unterschieden wird. Die Einkommensentwicklung einer Person folgt über die Lebensspanne einem regelmäßigen Muster. Studenten haben beispielsweise ein geringes Einkommen und würden sich trotzdem nicht als arm bezeichnen. Es ist auch unproblematisch, dass junge Arbeitnehmer in der Regel weniger verdienen, als ältere Arbeitnehmer. Diese Veränderungen führen zu ungleichen Jahreseinkommen, sind jedoch deshalb noch kein Ausdruck von Ungleichheit im hier verwendeten Sinne. Die Unterscheidung zwischen permanentem und transitorischem Einkommen ist besonders wichtig, denn würde man ausschließlich das permanente Einkommen, also das durchschnittliche reguläre Einkommen betrachten, würde man gleichzeitig das transitorische Einkommen ausschließen. Die heutige Gesellschaft in ihren komplexen Strukturen macht es allerdings unabdingbar auch transitorisches Einkommen zu betrachten, da dieses Einkommen durch die konjunkturellen Schwankungen der Wirtschaft beeinflusst wird und somit beispielsweise auch Kurzarbeit oder kurzfristige Phasen von Arbeitslosigkeit miteinbezieht. Auch Naturereignisse können das permanente Einkommen beeinträchtigen. Aus wirtschaftlicher Sicht bezeichnet man in diesem Kontext die wirtschaftliche Mobilität als die Fluktuation von Haushalten zwischen Einkommensklassen. Armut ist in diesem Rahmen für relativ wenige Haushalte ein langfristiges Problem.8

Es gibt Wissenschaftler, wie exemplarisch hier genannt Häußermann, der die Ansicht vertritt, dass es eine solche Armut in Deutschland nicht mehr gibt.

Das Risiko, dass in Deutschland am Beginn des 21. Jahrhunderts jemand sein physisches Überleben nicht sichern könnte, ist beseitigt.9

Konträr zu dieser Ansicht gilt es aber zu bedenken, dass es in Deutschland Menschen gibt, die kein Obdach haben und im Winter erfrieren. Auch wenn Bettler und Obdachlose in den Fußgängerzonen der großen Innenstädte lediglich einen Bruchteil der von Armut betroffenen Menschen in Deutschland repräsentieren, sollte deren Existenz nicht verleugnet werden. Synonym für den Begriff der Absoluten Armut wird häufig die Bezeichnung extreme Armut oder der Subsistenzbegriff verwendet.10

Der Begriff Armut als solcher kann allerdings nicht getrennt vom allgemeinen Lebensstandard der Bevölkerung eines Landes betrachtet werden, sodass man in der Wirtschafts- und Sozialwissenschaft zumeist relative Armutsbegriffe verwendet. Die genaue Betrachtungsweise des Lebensstandards aus wirtschaftlicher Sicht werde ich im späteren Verlauf dieser Arbeit mit einem wirtschaftswissenschaftlichen Diskurs näher vorstellen. Grundsätzlich ist „Relative Armut“ ein Phänomen der gesellschaftlichen und sozialen Ungleichheit. Letztlich beschreibt der Begriff Armut in diesem Zusammenhang den Vergleich zum sozialen Umfeld eines Menschen und ist mit gewissen Einschränkungen in zentral angesehenen Lebensbereichen verbunden. Zu den Indikatoren zählen hier neben den physischen Grundbedürfnissen auch soziale und psychische Bedürfnisse.

2.2. Neue Armut

Armut ist genau wie viele andere Themengebiete stark durch Pluralisierung und Individualisierung geprägt worden. Die Wege in und auch aus der Armut sind heutzutage höchst unterschiedlich, sodass man nicht mehr von einer homogenen Gruppe von „Armen“ sprechen kann. Geprägt ist die Neue Armut insbesondere durch eine Verschiebung von Altersarmut, hin zu einer wachsenden Armutsgefährdung von Kindern und Jugendlichen, zumeist aufgrund der Arbeitslosigkeit von einem oder gar beiden Elternteilen. Parallel dazu sind allgemein stetig ansteigende Zahlen im Bereich der Sozialhilfeempfänger zu beobachten und gleichzeitig auch eine Verschuldungszunahme, welche besonders auf Miet- und Energiekostensteigerungen zurückzuführen ist. Die Armut unter Alleinerziehenden ist genauso wie die Zahl der Obdachlosen deutlich gestiegen.11 Die Wahrscheinlichkeit von Armut betroffen zu sein, betrifft also nicht mehr nur Alte, Obdachlose und Behinderte, sondern inzwischen immer größere Bevölkerungsteile und die Armut reicht inzwischen bis in den Mittelstand.

3. Entwicklung von Armut in Deutschland

Um die neuzeitliche Entwicklung Deutschlands im Kontext von Armut darzustellen, sollte man den Fokus auf die Entwicklung vor und nach der Wiedervereinigung richten. In der Sozialstruktur der DDR gab es im Gegensatz zu der Bundesrepublik Deutschland keine sogenannten „Wohnungslose“ und nur wenige Sozialfürsorgeempfänger. Es existierte keine nennenswerte Arbeitslosigkeit, da die Verfassung das Recht auf Arbeit garantierte. Der Wohnungslosigkeit wurde primär durch niedrige Mieten und Subventionen vom Staat entgegengewirkt. In der DDR gab es trotzdem die sogenannte Latente Obdachlosigkeit, welche Menschen umfasste, die entweder unfreiwillig mit anderen Menschen zusammenwohnten, oder in sanierungsbedürftigen Wohnungen unterkommen mussten.12 Die Ergebnisse einiger Forschungen zeigten, dass es in der DDR viele Menschen gab, die am oder sogar unter dem sozialen Minimum leben mussten.13

Die Struktur der DDR war grundlegend anders ausgerichtet als in der BRD. Abweichungen waren beispielsweise, dass kinderreiche Familien nicht mehr als Risikogruppe galten und Altersarmut vorherrschte.

[...]


1 Neumann, Udo: Struktur und Dynamik von Armut. Eine empirische Untersuchung für die Bundesrepublik Deutschland. Freiburg i.Br. 1999, S.10-14

2 Nollmann, Gerd/Strasser, Hermann (2002): „Zustand der Gesellschaft - Armut und Reichtum in Deutschland“, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 29-30/2002, S.19ff.

3 Huster, Ernst-Ulrich (Hrsg.) 1997a: Reichtum in Deutschland. Die Gewinner der sozialen Polarisierung. Campus, Frankfurt am Main, New York, S.2

4 Vgl. Klagge 2005, S.22ff.

5 Vgl. Westerhoff, Horst-Dieter: Armut. Beitrag für die Homepage der Konrad-Adenauer-Stiftung: http://www.kas.de/wf/de/71.10457/ (Zugriff: 18.09.2014, 14.47 Uhr)

6 Rowntree, B. Seebohm:Poverty. A Study of Town Life. London: Macmillan, 1901

7 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: http://www.bmz.de/de/themen/armut/hintergrund/index.html (Zugriff: 12.09.2014, 12:13 Uhr)

8 Vgl. Mankiw/Taylor, Kapitel 19: Einkommen und Diskriminierung

9 Häußermann, Hartmut (2003): Armut in der Großstadt: Die Stadstruktur verstärkt Ungleichheit. In: Informationen zur Raumentwicklung, Nr. 3 / 4, S. 147-149

10 Der Subsistenzbegriff wurde 1892 bereits von Charles Booth eingeführt

11 Vgl. Müller (1997), S.29ff.

12 Geißler, Reiner 2014: Die Sozialstruktur Deutschlands, Wiesbaden, S. 253

13 Vgl. Geißler (2014), S.253

Details

Seiten
19
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668172227
ISBN (Buch)
9783668172234
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v318031
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2,0
Schlagworte
armut deutschland formen risikogruppen entwicklung

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Titel: Armut in Deutschland. Formen, Risikogruppen und Entwicklung