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Das politische und kulturelle Klima in Mitteleuropa vor 100 Jahren im Spiegel der Zeitungsberichterstattung

Lassen sich in den Zeitungen „Berliner Lokalanzeiger“ und „Vorwärts“ von 1913 Hinweise auf den drohenden Ersten Weltkrieg entdecken?

Hausarbeit 2014 17 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorgehen und zentrale Fragestellung

3. Zeitungen als historische Quellen

4. Vergleichende Darstellung spezifischer Ereignisse im „Berliner Lokalanzeiger“ und „Vorwärts“ vom 21. - 27. Januar 1913
4.1. Balkankrise

5. Bezugnahme der Ergebnisse auf die Darstellung W.J. Mommsens in „Der autoritäre Nationalstaat“

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der erste Weltkrieg hatte einen unverkennbar großen Einfluss auf die Politik des 20. Jahrhunderts. Die verschiedenen Ereignisse, die mit diesem Krieg verbunden wurden, prägten die darauf folgende Zeit. Möchte man heutzutage mehr über den Krieg erfahren, kann man einfach zum Geschichtsbuch greifen und einen Aufsatz darüber lesen oder sich eine Dokumentation in den Medien anschauen. Dabei erhält man eine zusammengestellte Darstellung einer Gruppe von Wissenschaftlern, die oft mit sehr viel Arbeit ein Bild dieser Zeit entwerfen. Es gibt jedoch auch einen anderen Weg einen Blick auf diese so wichtigen Ereignisse zu werfen. Dieser besteht in der Zeitungsberichterstattung.

Zeitungen geben uns eine Momentaufnahme aus dem betrachteten Zeitabschnitt und liefern somit einen anderen Zugang zu dieser Thematik. In ihnen werden Stimmungen und einzelne Tendenzen deutlich. In dem Seminar „Vor dem Großen Krieg - Das politische und kulturelle Klima in Mitteleuropa vor 100 Jahren im Spiegel der Zeitungsberichterstattung“ gingen wir im Wintersemester 2013/2014 genau diesem neuen Zugang nach und ich konnte so manche interessante Entdeckung machen, die mir vorher verschlossen blieb.

In dieser Arbeit sollen Zeitungen als historische Quellen aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg unter die Lupe genommen werden und die Ereignisse aus ihrer Perspektive dargestellt werden. Der neue Blickwinkel steht im Fokus und führt vielleicht zu einer umfangreicheren Betrachtungsweise dieser für die Weltgeschichte so wichtigen Ereignisse.

2. Vorgehen und zentrale Fragestellung

In dieser Arbeit möchte ich zeigen, wie das politische Klima und die kulturelle Atmosphäre in der Zeit vom 21. - 27. Januar 1913 von den Zeitungen „Berliner Lokalanzeiger“ und „Vorwärts“ dargestellt wurden. Dazu werde ich auf zentrale Ereignisse und Berichterstattungen eingehen, die in beiden Zeitungen eine große Rolle gespielt haben und deshalb detailliert beschrieben wurden. Die Arbeit steht unter dem Thema „Das Porträt einer Woche“. Vorher werde ich kurz allgemein auf Zeitungen als historische Quellen eingehen.

Teilweise schildern die Zeitungen besondere Ereignisse aus unterschiedlichen Perspektiven. Dadurch wird ein umfangreicherer Standpunkt der Betrachtung eröffnet. Um diesen neuen Betrachtungswinkel einnehmen zu können, vergleiche ich die Darstellungen der beiden Zeitungen bezüglich ihrer Berichterstattung und versuche die markanten Unterschiede herauszuarbeiten. Dann wird einerseits deutlich, welche politische Richtung die jeweilige Zeitung vertritt, andererseits ergibt sich ein Bild der gesamten Berichterstattung, die dann auf die zentrale Fragestellung hinführt.

Zentrale Fragestellung:

Lassen sich in den Zeitungen „Berliner Lokalanzeiger“ und „Vorwärts“ in der Zeit vom 21. - 27. Januar 1913 Hinweise auf den drohenden ersten Weltkrieg entdecken?

Das Ziel dieser Arbeit besteht demnach darin, zu klären ob Vorzeichen des drohenden erste Weltkriegs in irgend einer Weise erkennbar waren. Die gewonnenen Informationen vergleiche ich dann mit der Darstellung, die W.J. Mommsen in seinem Buch „Der autoritäre Nationalstaat“ über das Jahr 1913 gibt. Abschließend fasse ich die gewonnen Eindrücke zusammen und beantworte die zentrale Fragestellung.

3. Zeitungen als historische Quellen

Die Zeitungsberichterstattung liefert einen bestimmten Blickwinkel auf markante Ereignisse, der sich signifikant von dem anderer Zugänge unterscheidet. „Die Presse ist eine wichtige Informationsquelle für Politikwissenschaftler und Zeithistoriker. Umgekehrt sind Zeitungen selbst aktive Teilnehmer an der politischen Kommunikation und beeinflussen - als „vierte Gewalt“ - die öffentliche Meinung und auch die Politik. In der Zeitung spiegelt sich unmittelbar die zeitgenössische Wahrnehmung politischer Themen und Konflikte.“1 Die Macht der „vierten Gewalt“ sollte nicht außer Acht gelassen werden. Heute, sowie in der Vorzeit des ersten Weltkriegs, kann die Presse bestimmen was als Wahrheit gilt, die Meinung der Menschen prägen und sogar Präsidenten zu Fall bringen, wie man es vor kurzem gut am Fall von Christian Wulff beobachten konnte.

Die Berichterstattung in Zeitungen verläuft keineswegs homogen. Die selben Informationen können von verschiedenen Zeitungen äußerst unterschiedlich dargestellt werden. Deshalb erscheint es zweckmäßig die Presse in unterschiedliche Gattungen zu gliedern. Man könnte eine Kategorie der Qualitätspresse erstellen. Zu ihr gehören Zeitungen mit überregionaler Verbreitung und entsprechender publizistischer Geltung. Sie bemühen sich um möglichst objektive Berichterstattung, Aktualität und die Einhaltung etablierter journalistischer Maßstäbe. Zu ihnen gehören zum Beispiel die „Frankfurter Allgemeine“ oder die „Süddeutsche Zeitung“.2

Im Gegensatz dazu stehen die Boulevardzeitungen (auch Regenbogenpresse), die sehr viel mehr Wertung der Informationen enthalten und auch banale Ereignisse auf Titelseiten bringen, um die Auflage steigern zu können.3

Nur Zeitungen, die sich gewissen Qualitätsstandards verpflichtet haben, können als seriöse Quelle dienen, was nicht heißt, dass die Boulevardpresse außer acht gelassen werden sollte.4

Vielmehr ist der Einfluss dieser Zeitungen größer als der, der seriösen Presse, was man beispielsweise an der Auflagenzahl der größten Deutschen Zeitung, der Bild, erkennen kann.

Die weitgehend ausführliche Archivierung von Zeitungen begünstigt die Forschung an ihnen. Fast lückenlos kann man mit ihrer Hilfe in der Vergangenheit seit ihrer Ersterscheinung nach Eindrücken und auch detailliert Informationen suchen. Dabei sollte jedoch beachtet werden, dass Zeitungen nicht nur der Berichterstattung dienen. Sie sind auch ein Produkt, dass verkauft werden will. So werden ökonomische Interessen der Verlage und anderer Parteien nicht selten in welcher Weise auch immer Eingang in die manchmal so objektiv wirkende Berichterstattung finden. Zusammengefasst kann die Presse, kritisch betrachtet, als alternatives Fenster in die Vergangenheit gesehen werden, das Licht auf so manchen dunkel wirkenden Schatten zu werfen vermag.

4. Vergleichende Darstellung spezifischer Ereignisse im „Berliner Lokalanzeiger“ und „Vorwärts“ vom 21. - 27. Januar 1913

Bestimmte Ereignisse werden von den beiden dieser Arbeit als Grundlage dienenden Zeitungen durchaus sehr verschieden dargestellt. Eine Entwicklung zieht dabei besondere Aufmerksamkeit auf sich und wird deshalb genauer beschrieben werden.

4.1. Balkankrise

Im „Berliner Lokalanzeiger“ lesen wir in der Ausgabe vom 21. Januar 1913: „Schon die jüngsten Pressestimmen in Konstantinopel deuten darauf hin, dass die Pforte geneigt ist, den Balkanstaaten in ihren Forderungen so weit als nur irgend möglich entgegenzukommen. Die Friedenssehnsucht des Osmanischen Reichs hat sich noch verstärkt und die Türkei ist jetzt zu neuen Kompromissen bereit.“5 Darauf folgt ein Telegramm, das die Grundlage dieser Meldung bildet. Im „Vorwärts“ lesen wir hingegen unter dem Stichwort „die Balkankrise“: Der Ministerrat hat sich für eine friedliche Lösung ausgesprochen […] ob freilich die friedliche Lösung rasch gefunden werden wird, ist mehr als zweifelhaft. Wahrscheinlich wird die Pforte noch eine Reihe Vorbehalte machen und die weiteren Verhandlungen blockieren […].“6

Während der „BL“ die Situation relativ neutral darstellt, wertet der „VW“ das geschehen stark und gibt sogar eine Prognose für die Zukunft. Er sieht das Einlenken der Osmanischen Regierung kritisch. Im folgenden wird im „VW“ von der Abtretung Adrianopels gesprochen. Dies ist eine zentrale Forderung an das Osmanische Reich. Der „VW“ berichtet von der geostrategischen Bedeutung Adrianopels für die Türkei und gibt dem Leser die Information, dass die Pforte diesen Standpunkt unter keinen Umständen preisgeben wird.7

Das relativiert das Entgegenkommen des Osmanischen Reiches und lässt es wie ein bloßes Spiel auf Zeit aussehen. Im „BL“ lesen wir nichts dergleichen. Am 22. Januar ist im „BL“ von der Zusammenkunft der Nationalversammlung zu lesen. Sie setzt sich laut „BL“ für den Frieden ein und versucht dem militärischen Konflikt auszuweichen.8

Im „VW“ findet die abgehaltene Nationalversammlung keine Erwähnung. Vielmehr berichtet der „VW“, dass es in den letzten Tagen fraglich erschien, ob diese überhaupt zusammentreffen werde. Außerdem wird in Frage gestellt, ob die Nationalversammlung die Möglichkeiten hat, den Frieden zu sichern.9 Weitergehend berichtet der „VW“ von ökonomischen Problemen des Osmanischen Reiches, die für die aktuell so friedlich wirkende Politik ausschlaggebend sein könnte.10

Schon an diesen beiden Tagen lässt sich erkennen, wie unterschiedlich die Zeitungen berichten. In beiden Zeitungen nehmen die Meldungen über die Balkankrise einen Platz auf der Titelseite ein. Sie werden also bewusst in den Fokus des Lesers gerückt.

Am nächsten Tag den 23. Januar 1913 titelt der „VW“: „Dem Balkanfrieden entgegen“.

Weiter schreibt der „VW“: „Rascher als man hoffen konnte, ist die Entscheidung gefallen und sie ist für den Frieden gefallen. Das Ministerium hat beschlossen Frieden zu schließen und der „Große Rat“ hat den Beschluss bestätigt.“11 Die Formulierung „Rascher als man hoffen konnte“ sollte genauer betrachtet werden. Sie suggeriert, dass es praktisch eine Art Wunder ist, dass die Pforte so schnell einlenkte. Wahrscheinlich klingt diese Meldung auch so, weil ja im „VL“ kurz zuvor die Aussichtslosigkeit auf diese Entwicklung so stark thematisiert wurde. Der „BL“ berichtet: „Des Aussichtslosen Widerstandes gegen die von den Großmächten unterstützten Friedensbedingungen müde, hat die Pforte endlich zu dem als unvermeidlich erkannten Entschlusse durchgerungen und die Preisgabe Adrianopels, der zweiten Hauptstadt des Reiches beschlossen.“12 Diese Formulierung und die im „BL“ nicht thematisierten ökonomischen Probleme des Osmanischen Reiches lassen darauf schließen, dass der „BL“ das späte Einlenken der Pforte, sowie das dauernde Zögern aus einer politischen Perspektive begründet. Der „BL“ berichtet dazu weiter: „ So sehr man auch den Schmerz aller türkischen Patrioten um diesen Ausgang des Kampfes mitempfinden mag, so war doch gegenüber der Gewalt, der durch Blut und Eisen geschaffenen Tatsachen, eine andere Entscheidung zur Unmöglichkeit gemacht worden.“13

Der „BL“ suggeriert hier Teilnahme am Schicksal türkischer Patrioten. Das Zögern der Pforte bzw. das Einlenken in die Forderung der Großmächte wird mit der Einflussnahme unterschiedlicher Parteien in der Türkei begründet. Dem Anschein nach gibt es Parteien, die den Patriotismus vertreten und diesen in den Vordergrund ihrer Politik rücken. Sie würden den militärischen Konflikt einer kampflosen Abgabe Adrianopels vorziehen. Die anderen Parteien sind am Fortbestand ihres Staates interessiert und betrachten die Situation nüchterner. Eine Abgabe Adrianopels wirkt aus ihrer Perspektive als geringstes Übel. Der „BL“ berichtet von der Ausübung eines starken Drucks durch die Großmächte auf de Türkei, die eine Einigung der erwähnten Parteien praktisch erzwingt. So sind die Friedensbemühungen und das Einlenken der Pforte, ein Produkt logischer Vernunft.

Diese Schilderung steht nun im Gegensatz zu der aus dem „VW“, wo das Einlenken als Konsequenz ökonomischer Missstände dargestellt wird. Es wird der Eindruck geweckt, das Osmanische Reich könnte gar keinen Krieg führen und würde die geforderten Abgaben deshalb machen.

Je weiter man die Balkankrise durch diese beiden Zeitungen verfolgt, desto sichtbarer werden die unterschiedlichen Haltungen, die ihnen zugrunde liegen. Wie bereits erwähnt erscheinen die Meldungen über die Balkankrise auf der Titelseite. Doch jeden Tag rücken sie mehr in den Fokus.

Der 24. Januar bildet einen entscheidenden Wendepunkt. Es ist zu einem Regierungssturz in der Türkei gekommen.

Der „BL“ titelt: „Jungtürkischer Staatsstreich in Konstantinopel“

Weiter heißt es im „BL“: „Die Befürchtung, dass ein großer Teil des türkischen Offizierskorps im Verein mit den Jungtürken die vom Nationalrat bewilligte Abtretung Adrianopels nicht gutheißen möchte, hat sich leider jetzt verwirklicht. Dem Tripoliskämpfer Enverstay ist es durch einen kühnen Staatsstreich gelungen, die Regierung Kiamil zu stürzen und den Sultan zur Ernennung eines jungtürkischen Kabinetts zu veranlassen.“14

[...]


1 Martin Welke, 400 Jahre Zeitung - ein Medium macht Geschichte. Mainz, 2005. (Seite 24)

2 Vgl. Dörte Braune-Egloff, Zeitungen als politikwissenschaftliche und zeitgeschichtliche Quellen. Berlin, 2006. (Seite 3)

3 Vgl. ebd.

4 Vgl. ebd.

5 Neue Konzessionen der Türkei, in: Berliner Lokalanzeiger, Nr.37, 21.1.1913. Seite 1

6 Die Balkankrise, in: Vorwärts, Nr.17, 21.1.1913. Seite 2

7 ebd.

8 Vgl. Zusammenkunft der Osmanischen Nationalversammlung, in: Berliner Lokalanzeiger, Nr.38, 22.1.1913. Seite 1

9 Vgl. Die Balkankrise, in: Vorwärts, Nr. 18, 22.1.1913. Seite 2

10 Vgl. ebd.

11 Dem Balkanfrieden entgegen!, in: Vrowärts, Nr.19, 23.1.1913. Seite 1

12 Die Abtretung Adrianopels ist beschlossen, in: Berliner Lokalanzeiger, Nr.39, 23.1.1913. Seite 1

13 Die Türkei schließt Frieden, in: Berliner Lokalanzeiger, Nr.40, 23.1.1913. Seite 1

14 Jungtürkischer Staatsstreich in Konstantinopel, in: Berliner Lokalanzeiger, Nr.42, 24.1.1913. Seite 1

Details

Seiten
17
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668173422
ISBN (Buch)
9783668173439
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v318126
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
Schlagworte
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