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Der Zerfall der Sowjetunion. Ursachensuche im Inneren der Perestroika am Beispiel von Valentin Rasputins „Der Brand“

Hausarbeit 2015 16 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Europa ab kaltem Krieg

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Auseinandersetzung mit der Vergangenheit
2.1 Lenin, Stalin und deren Erbe
2.2 Russische Identität und Kultur

3 „Zurück dürfen wir nicht“ – Die Notwenigkeit einer Umgestaltung
3.1 Perestroika von innen gesehen
3.2 Valentin Rasputin – Der Brand

4 Das Scheitern der Sowjetunion

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Michail Gorbatschow trat am 25. Dezember 1991 als Präsident der UdSSR zurück und mit ihm wurde auch der Zerfall der Sowjetunion eingeleitet. Das Ende dieser Großmacht bedeutete einen eklatanten Einschnitt in das Weltgeschehen, welche sie seit Ende des Zweiten Weltkrieges so maßgeblich mitgestaltet hatte. Niemand, selbst Gorbatschow, hatte damit gerechnet, dass dieser Zerfall so beschleunigt von statten gehen würde. Im Zentrum zahlreicher Forschungen steht dementsprechend immer wieder die Frage nach dem ‚Warum‘.1 Durch welche Ursachen ist dieser Zerfall zu erklären und welche Faktoren spielten eine maßgebliche Rolle darin? Vor dem großen geschichtlichen Hintergrund Russlands kann in dieser Arbeit nur ein geringer Teil nach der Frage ‚Warum‘ beleuchtet werden. Im Fokus stehen vor allem die Ansichten aus dem ‚Innern‘ heraus. Ein solch großer Einschnitt und schneller Untergang einer Weltmacht vollzieht sich nicht plötzlich. So ein Prozess entsteht meist über Jahre und verschiedene Regierungen hinweg. Hinzu kommen eine mangelnde Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und eine russische, instabile Identität. Zu sehr waren die Menschen von Unruhe und Rastlosigkeit getrieben, als sich selbst zu identifizieren. Und wo eine gemeinsame Identität fehlt bzw. zu viele verschiedene Identitäten koexistieren, wie soll da ein gemeinsames ‚Land‘ bestehen? Dieser Thematiken bediente sich vor allem auch die Literatur jener Zeit, die geprägt ist von der Nachkriegszeit, der Stagnation, den Missständen und dem Verlangen nach Veränderung.

Nach dem Tod des damaligen Generalsekretärs der KPdSU, Konstantin Tschernenko, übernahm Gorbatschow am 11. März 1985 das Amt und sollte in den darauffolgenden Jahren der erste Reformer in der Partei sein, der tatsächlich etwas verändern wollte und sich von der leninistischen Akzentuierung der KPdSU vollständig distanzierte.2 Ein Land in Stagnation, tiefe Kluften zwischen den Schichten, eine gewisse Ohnmacht und Handlungsfähigkeit und ein eingerosteter Sozialismus prägen das Bild der Sowjetunion, als Gorbatschow sich seiner annimmt:

„[…] Was gegenwärtig in unserem Land vor sich geht, habe ich mir nicht allein ausgedacht. Es wiederspiegelt die gemeinsame Meinung unserer gesamten Führung. […] Diese Probleme sind herangereift, und sie müssen gelöst werden. Die wichtigste Schlußfolgerung, die man aus Begegnungen mit den Menschen zieht, ist die, daß unsere Vorschläge und praktischen Schritte von ganzem Herzen unterstützt werden. Mehr noch, sowohl in der Partei als auch unter der Bevölkerung zeigt sich der Wunsch, mit noch größerem Tempo zu handeln […]“3

Aber waren die Menschen bereit, alles aufs Spiel zu setzen und diesem Reformer Vertrauen zu schenken? In den weiteren Kapiteln wird der Schwerpunkt auf die Literatur zu Beginn und zum Ende der Perestroika gelegt und versucht, ein möglichst genaues Bild von eben diesen Menschen, auf denen sich die Sowjetunion gründet, zu geben – mit all ihren Ängsten, Hoffnungen und Zukunftsperspektiven.

2 Auseinandersetzung mit der Vergangenheit

Kaum ein anderes Land hat die Geschichte Europas so maßgeblich mitgestaltet, wie Russland - und das in immer wieder wechselnder Gestalt und unter anderen Namen. Um den Umfang dieser Arbeit nicht allzu weit auszudehnen werde ich mich im Folgenden auf die Zeit seit dem Abdanken des Zaren in Folge der Februarrevolution und der darauffolgenden Machtergreifung durch die Bolschewiki beschränken.

„[…] Ich bin sehr glücklich, Vertreter aller Stände zu sehen, die gekommen sind, um mir ihre untertänigen Gefühle auszudrücken. Aber ich habe gehört, dass in letzter Zeit in einigen Semstwo-Vertretungen Stimmen laut geworden sind, die sinnlosen Träumereien über eine Beteiligung von Semstwo-Vertretern an der Staatslenkung nachhingen. Alle sollen wissen, dass ich mit allen meinen Kräften dem Wohl des Volkes dienen werde, aber dass ich deshalb das Prinzip der Autokratie ebenso fest und beständig hochhalten werde wie mein unvergesslicher Vater […]“4

Bereits mit seiner Rede kurz nach der Krönungszeremonie ließ Zar Nikolaus der II. alle Hoffnungen der Menschen in seinem Land auf neue Reformen und eine einsetzende Demokratisierung schwinden. So war es auch nur eine Frage der Zeit, bis die Stimmen laut und die Unruhen den Zaren zum Abdanken trieben.

2.1 Lenin, Stalin und deren Erbe

Das Regime, das darauf an die Macht kam, bereitete für Russland den Weg in die Moderne und öffnete sich somit auch West- und Mitteleuropa, von dem es sich noch stark unterschied. Diese Neugestaltung von Gesellschaft und Staat erfolgte aber auf revolutionäre Art und Weise und unter extremsten Bedingungen. Das Land war in der Nachkriegszeit geprägt durch Inflation, Bürgerkrieg und fast stagniertem Wachstum. Die Arbeiterschaft befand sich im Aufstand und immer mehr Unruhen anlässlich durch den starken Mangel an allem Lebensnotwendigen prägten das tägliche Bild in Russland. Genau in dieser Situation sah sich die sowjetische Führung unter Lenin im Stande, endlich die politische Wende einzuleiten. Der Weg zum Agrarmarkt und somit zu einer deutlichen Steigerung der Produktion wurde geebnet. Durch das Bündnis von Arbeiter- und Bauernschaft wurde auch in Russland allmählich der Sozialismus eingeleitet und die UdSSR wurde gegründet.5 Lenin avancierte trotz seines Schaffens zwischen Wandel und Terror zu einem politischen Leitmotiv in ganz Europa (vgl. Lenindenkmal in Berlin, Leninismus etc.).

Nach Lenins Tod knüpfte Stalin an diesen Personenkult an, indem er Lenins Leichnam einbalsamierte und an der Kremlmauer zur Schau stellte. Das Land stand zu dieser Zeit zwar auf wackeligen Beinen, erreichte aber dennoch eine Produktivität und Wirtschaft wie zu Vorkriegszeiten. Durch Stalins Organisation eines ‚Lenin-Kults‘ avancierte auch er zu einer fast ikonischen Figur und festigte so seine Machtbasis innerhalb der Partei. Stalin verfolgte eine Politik, die in erster Linie die Industrialisierung forcierte, wodurch eine ernsthaft schwerwiegende Konsumknappheit entstand. Die Folgen waren Überteuerte Lebensmittelpreise der Bauern, was wiederum eine Art ‚Enteignung‘ der Bauernschaft durch die Politik nach sich zog. Es entstand eine „kollektive Großwirtschaft“.6 Die Bauernschaft lehnte diese Politik der Enteignung ab und wendete sich somit auch gegen die führende Partei der Sowjetunion. Eine Zeit des Terrors und der Gewalt brach in Form von ‚Säuberungsaktionen‘ und Arbeitslagern an. Die Auswirkungen des Ungleichgewichts zwischen den einzelnen Industriezweigen ist bis in 90er Jahre zu spüren – trotz dieser totalitären Diktatur wurde auch Stalins Figur zu einem Personenkult erhoben.

Erst Nikita Cruschtschow, der nach dem Tod Stalins im März 1953 zum Generalsekretär der KPdSU aufgestiegen ist, hat diesen Personenkult um den vorigen Diktator aufs schärfste kritisiert und verurteilt und „zur Rückbesinnung auf die Prinzipien Lenins aufgefordert.“7 Vor allem auch mit der Literatur zur Stalinzeit, die maßgeblich zur Parteipropaganda beitrug, wurde aufs äußerste abgerechnet. Umso befreiter und voller Veränderungen wurde die Literatur nach Stalin – die Entstalinisierung begann. Vor allem das Werk „Tauwetter“ des Autors Ilja Ehrenburg, das der Aufbruchstimmung auch seinen Namen gab, trug maßgeblich zur Verarbeitung der Stalinära bei und gibt Eindrücke in die allmähliche Liberalisierung der Politik.

Die Handlung spielt in einer kleinen Stadt, die an der Wolga liegt und vollzieht sich parallel mit den politischen Vorkommnissen im entfernten Moskau. Im Zentrum der Handlung steht die Ehe des bürokratischen Iwan Schurawljow zu der Lehrerin Jelena Borissowna, die sich im Verlauf der Handlung von ihm trennt und eine Beziehung mit einem in dem Unternehmen ansässigen Ingenieur beginnt. Schurawljow handelt ganz im Sinne Stalins voranschreitender Industrialisierung und gibt Fördermittel zur Instandsetzung neuer Arbeiterunterkünfte für Investitionen innerhalb der Fabrik aus. Dieser Haupthandlungsstrang ist ähnlich wie bei Tolstois Anna Karenina mit einem Geflecht aus Nebenhandlungen umgeben, die allesamt zarte Liebesgeschichten in sich tragen. Parallel dazu entsteht eine Diskussion zwischen Ortsansässigen Künstlern, die über die Lebensverhältnisse und die vermeintliche Zukunft debattieren. Darunter auch der auftragslose Künstler Wladimir Puchow, der jegliche Hoffnung auf ein besseres Leben und den Weg aus der Krise verloren hat. Eben diesem ist auch der Höhepunkt der Erzählung zugedacht: An einem Frühlingstag ist Puchow Zeuge des beginnenden Frühlings; Das Eis taut und unter ihm kommen die ersten Schneeglöckchen zum Vorschein. Der strenge Winter beginnt parallel zum schwindenden, starren Stalinismus ‚aufzutauen‘ und der Frühling bzw. die Liberalisierung hält Einzug im Land. Eine weitere Parallele stellt die Absetzung des Werkleiters Schurawljow gleichzeitig mit der Absetzung Stalins dar.8

Schurawljow als Werksleiter im Sinne des Stalinismus weist zwar zwischenmenschliche und charakterliche Defizite auf, wird aber nicht als ‚Böser‘ im eigentlichen Sinne dargestellt. Im Laufe der Handlung wird einem auch das Gefühl vermittelt, dass je mehr die Geschichte ‚gegen‘ Schurawljow verläuft, je mehr wird er durch seine Taten, zum Beispiel bei einem verheerenden Werksbrand, auf eine heldenhaftere Position erhoben. Dieses konträre Verhältnis spiegelt sich auch in dem Kult um Stalin wieder – auf einer Seite der autoritäre Diktator und auf der anderen Seite der Revolutionär. Dieses Motiv wird innerhalb der russischen Literatur um die Zeit der Perestroika immer wieder als Brände dargestellt und aufgegriffen (vgl. Kap. 3.2). Feuer, als eines der vier Elemente, stellt die Gegensätzlichkeit an sich dar. Wütend und erbarmungslos brennt es alles nieder, stellt das Böse und zerstörerische dar, bringt auf andere Weise aber auch Veränderung und einen Neubeginn mit sich.

Als Cruschtschow im Oktober 1964 gestürzt und Leonid Breschnew an die Macht kam, setzte eine lange Zeit der Stagnation ein und die Vergangenheit zur Person Stalins wurde verschwiegen. Das Problem liegt in erster Linie darin, dass Stalins Herrschaft sehr vielschichtig war. Auf politischer Ebene hat er die Sowjetunion und den Entwicklungsverlauf in die richtigen Bahnen gelenkt, andererseits lag das Verschulden an den Grausamkeiten maßgeblich auf persönlicher Ebene und seines Machtmissbrauchs. Eine interessante Perspektive liefert auch eine Umfrage nach dem beliebtesten Kremlchef durch das Meinungsforschungsinstitut Lewada. Demnach ist Stalin (50% Pro / 38% Contra) nach Leonid Breschnew (56/29) und Staatsgründer Lenin (55/28) der drittbeliebteste Machtführer der Geschichte Russlands. Die Reformpolitiker Cruschtschow (45/35) und Gorbatschow (21/66) bilden die Schlusslichter.9 Wobei zu beachten ist, dass die Negativprozent Gorbatschows (!) selbst die von Diktator Stalin übertreffen. Das Ergebnis ist erschreckend und interessant zugleich: Lassen die heroischen Träume von imperialer Größe tatsächlich die Opfer der Zwangsregime verblassen?

[...]


1 Vgl. Zuber, Johannes: Krise und Zerfall einer Weltmacht. Ursachen und Hintergründe des Scheiterns der UdSSR. In der Reihe: Politische Kulturforschung. Bd. 6, Hrsg. von Samuel Salzborn. Frankfurt am Main: Peter Lang Verlag 2011, S.7 f.

2 Görtemaker, Manfred: Veränderung im Zeichen der Entspannung. Online unter: Bpb. Bundeszentrale für politische Bildung. URL: http://www.bpb.de/izpb/10274/veraenderungen-im-zeichen-der-entspannung?p=all (Stand: 08.06.2015).

3 Gorbatschow, Michail S.: Rede vom 28. August 1985. Hrsg. von Horst Temmen in: „Zurück dürfen wir nicht“. Bremen: Donat & Temmen Verlag 1987, S. 27.

4 Linke, Horst Günther: Geschichte Russlands: Von den Anfängen bis heute. Darmstadt: Primus-Verlag 2006, S. 147.

5 Schröder, Prof. Dr. Hans-Henning: Revolutionäre Neuordnung und Stalin-Diktatur. Online auf: bpb. Bundeszentrale für politische Bildung. URL: http://www.bpb.de/internationales/europa/russland/47918/revolutionaere-neuordnung-und-stalin-diktatur-1918-1953 (Stand: 09.06.2015).

6 Ebd.

7 Kluge, Rolf-Dieter: Perestrojka – von innen gesehen. Wiesbaden: Otto Harrassowitz 1990, S. 66.

8 Vgl. Ehrenburg, Ilja: Tauwetter. Aus dem Russischen von Wera Rathfelder. 2. Aufl. Verlag für Kultur und Fortschritt 1957.

9 Stark, Florian: Gorbatschow ist noch unbeliebter als Stalin. Geschichte – Kreml-Herrscher. 22.05.2013. Online auf: Die Welt. URL: http://www.welt.de/geschichte/article116418633/Gorbatschow-ist-noch-unbeliebter-als-Stalin.html (STand: 12.06.2015).

Details

Seiten
16
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668175860
ISBN (Buch)
9783668175877
Dateigröße
737 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v318409
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Philologie
Note
2,0
Schlagworte
Sowjetunion UdSSR Perestroika Gorbatschow Zerfall Ursachen Rasputin Literatur russische Gesellschaft

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Titel: Der Zerfall der Sowjetunion. Ursachensuche im Inneren der Perestroika am Beispiel von Valentin Rasputins „Der Brand“