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Arbeitslosigkeit aus der Sicht von Wirtschaftstheorien und Globalisierung

von Britta Daniel (Autor) Hans-Peter Tonn (Autor)

Hausarbeit 2004 35 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Die Klassisch-liberale Theorie
Exkurs: Das Saysche Theorem

2. Theorie von Keynes

3. Die angebotsorientierte Position

4. Anthropologische Verortung
4.1 Die konservative Position
4.2 Die wohlfahrtsstaatlich - sozialistische Position

5. Die ökonomische Globalisierung
5.1 Die Standortfrage
5.2 Kapitalismus ohne Arbeit?

6. Arbeitszeitverkürzung als Lösung?
6.1 Wochenarbeitszeitverkürzung am Beispiel VW
6.2 Die 30-Stunden-Woche – ein Modell mit Zukunft?

7. Fazit

8. Quellenangaben

9. Datum und Unterschrift

Einleitung

Während unseres Seminars „Der glückliche Arbeitslose oder Das Recht auf Faulheit“ bei Herrn Prof. Dahlmüller ist uns bewusst geworden, dass wir das zur Zeit herrschende Problem „Arbeitslosigkeit“ in der Bundesrepublik Deutschland nicht genau lokalisieren konnten. Wir suchten nach Lösungsansätzen für ein Problem, dessen Ursprung wir nicht genau kannten. Um das gesellschaftliche Problem Arbeitslosigkeit langfristig lösen zu können, müssen aber aus unserer Sicht die verursachenden Faktoren verändert werden. Nach unserer Auffassung ist Arbeitslosigkeit in Deutschland in erster Linie ein wirtschaftspolitisches Problem. Deshalb werden wir Verursacher und Lösungsansätze auch dort suchen. Wir sind der Meinung, dass eine professionelle Sozialpädagogin bzw. ein professioneller Sozialpädagoge sich über diese wirtschaftspolitischen Zusammenhänge bewusst sein sollte, um in fachlichen Diskussionen sachlich mitreden zu können. Viele SozialpädagogInnen werden im Laufe ihrer beruflichen Tätigkeit auch an (wirtschafts-) politischen und/ oder personalpolitischen Entscheidungen sowie beruflicher Beratung beteiligt sein, die direkt oder indirekt das Schicksal von arbeitenden und arbeitslosen Menschen beeinflussen werden. Deshalb sollten sie sich bewusst sein, im Sinne welcher wirtschaftspolitischen Theorierichtung sie damit handeln. Denn der scheinbar plausibel klingende Weg muss nicht zwangsweise der richtige sein. Um dies beurteilen zu können, benötigt man allerdings ein tiefgreifenderes ökonomisches Verständnis.

In dieser Prüfungsleistung werden wir die Ursachen und theoretischen Thesen im wirtschaftspolitischen Bereich darstellen und vergleichen, um zu Lösungsansätzen zu gelangen.

In Kapitel eins bis drei werden wir die drei bekanntesten und wichtigsten Wirtschaftstheorien vorstellen und in Beziehung zur Arbeitslosigkeit setzen. Kapitel vier wird eine anthropologische Verortung der beiden wichtigsten Theorien, der angebotsorientierten und der nachfrageorientierten Theorie, beinhalten. Darin soll das Menschenbild hinterfragt werden, das die Vertreter der jeweiligen Theorie verinnerlicht haben.

In den Medien ist immer wieder die Rede davon, dass durch die ökonomische Globalisierung zahlreiche Arbeitsplätze vernichtet werden. Wie sehr betrifft die wirtschaftliche Globalisierung tatsächlich den deutschen Arbeitsmarkt? Wie viele Arbeitsplätze sind de facto aufgrund der Globalisierung verloren gegangen? In Kapitel fünf wollen wir diesem Thema genauer auf den Grund gehen.

Arbeitszeitverkürzung wird, insbesondere von Seiten der Arbeitnehmer und Gewerkschaften, oft als Allheilmittel gegen Arbeitslosigkeit und für mehr Beschäftigung angesehen. Ob die Wochenarbeitszeitverkürzung tatsächlich eine praktikable und sinnvolle Lösung ist, wollen wir in Kapitel sechs untersuchen.

Im Fazit werden wir abschließend darauf eingehen, ob die Wirtschaftstheorien und die ökonomische Globalisierung tatsächlich von Bedeutung für den deutschen Arbeitsmarkt und die Arbeitslosigkeit sind und welche Rolle die Arbeitszeitverkürzung bei der Verbesserung der Arbeitsmarktsituation spielen kann.

1. Die Klassisch-liberale Theorie

Nach der klassisch-liberalen Theorie regulieren Angebot und Nachfrage nicht nur die Warenpreise sondern auch den Arbeitsmarkt. Lässt die Nachfrage nach Arbeitskräften nach, kommt es zu Erwerbslosigkeit. Die Nachfrage widerum lässt dann nach, wenn der Lohn für die Arbeitskraft zu hoch ist. Wenn die Arbeitenden in dieser Situation einfach weniger Lohn fordern, stellen die Arbeitgeber nach dieser Theorie sofort weitere Arbeitskräfte ein. Haben die Löhne ein bestimmtes Niveau erreicht, gibt es keine Arbeitslosen mehr. Auf dem Arbeitsmarkt hat sich ein Gleichgewicht eingestellt (vgl. Koesters 1982, 213ff).

Nach den klassischen Theoretikern kann es zu keiner Kluft zwischen gesamtwirtschaftlichem Angebot und gesamtwirtschaftlicher Nachfrage kommen. Sie gehen davon aus, dass die Marktwirtschaft zu einem gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht mit Vollbeschäftigung tendiert, einem Zustand der optimalen Nutzung aller volkswirtschaftlichen Ressourcen. Dies begründen sie mit dem Sayschen Theorem (vgl. Taenzer 1988, 54f).

Exkurs: Das Saysche Theorem

Das Saysche Theorem besagt, dass prinzipiell alle Waren ihre Käufer finden. Dies wird damit begründet, dass die Preise der Waren vollständig aus Einkommen bestehen, und dass mit der Herstellung von Waren gleichzeitig das Geld für deren Kauf verdient wird. Somit entspricht die Summe aller Waren der Summe aller Einkommen. Folglich müsste, abgesehen von vorübergehenden Störungen, immer Vollbeschäftigung herrschen.

Nun könnte man einwenden, dass nicht alle Menschen ihr gesamtes Gehalt sofort wieder ausgeben sondern einen Teil des Geldes sparen. Doch laut dem Theorem wird auch Gespartes genutzt, denn dieses Geld leihen die Banken Geschäftsleuten für den Kauf von Maschinen und anderen Investitionsgütern. Die Zinsen sorgen dann dafür, dass die Summe der Ersparnisse genau so groß ist wie die Summe der Kredite. Wenn die Menschen viel sparen und die Unternehmen wenig Kredit aufnehmen, sinken die Zinsen. Sparen lohnt sich dann kaum. Die Kredite werden billiger und wieder mehr nachgefragt. Die andere Variante ist, dass wenig gespart wird, zugleich aber die Nachfrage nach Krediten hoch ist. In diesem Fall steigt der Zins. Die Nachfrage nach Krediten nimmt ab. Sparen wird wegen des hohen Zinses wieder attraktiv. Da wieder mehr gespart wird, fallen die Zinsen und die Nachfrage nach Leihgeld steigt. Durch diese Wechselwirkungen kommt es immer wieder zu einem Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage. Der durch das Sparen entstehende Nachfrageausfall wird also auf lange Sicht durch die genauso große Nachfrage nach Investitionsgütern ausgeglichen (vgl. Koesters 1982, 213ff).

Das Saysche Theorem besagt also, dass ein dauerhafter Überschuss des Gesamtangebotes gegenüber der Gesamtnachfrage in einer Volkswirtschaft nicht möglich ist. Jeder Anbieter will tauschen und fragt deshalb in Höhe seines Angebotes nach. Deshalb muss jedem zusätzlichen Angebot eine zusätzliche Nachfrage gegenüberstehen. Dauerhafte Arbeitslosigkeit ist also nicht möglich, da die Arbeitgeber durch fallende Löhne dazu bewegt werden, die billiger gewordenen Arbeitskräfte nachzufragen.

Kommt es trotzdem zu Krisen in diesem System, werden sie durch exogene Kräfte von außerhalb des Wirtschaftssystems verursacht oder sind nur vorübergehend. Zum Beispiel sehen die klassischen Theoretiker Überproduktionskrisen als Prozess der Marktbereinigung mit Auslesefunktion. Fehlgeleitete wirtschaftliche Ressourcen werden sichtbar und dadurch verhindert. Nach diesen Krisen entstehe immer ein neuer Aufschwung.

Da nach dieser Theorie dauerhaft bestehende gesamtwirtschaftliche Überangebote nicht möglich sind, sehen die klassischen Theoretiker es auch nicht als Aufgabe des Staates, sich um ein ausreichendes Beschäftigungsniveau der Wirtschaft zu kümmern. Staatliche Intervention würde stattdessen für die optimale Entfaltung der Wirtschaftskräfte eher hinderlich sein.

Die Klassiker stellen somit das kapitalistische System als ein natürliches System dar, welches nicht anzuzweifeln sei (vgl. Taenzer 1988, 54f).

Die Funktion des Arbeitsmarktes nach der klassischen Theorie soll an dem folgenden Zahlenbeispiel deutlich werden:

Jeweiliges Angebot an Arbeitskräften bei unterschiedlichen Löhnen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1 (Maciey et al. 1999, 37)

Jeweilige Nachfrage nach Arbeitskräften bei unterschiedlichen Löhnen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2 (Maciey et al. 1999, 37)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Graphik 1 (vgl. Maciey et al. 1999, 38)

2. Theorie von Keynes

John Maynard Keynes (1883 – 1946), britischer Nationalökonom, verfasste 1936 sein wichtigstes Werk „The General Theory of Employment, Interest and Money“. Darin stellte er fest, dass - im Gegensatz zu der Annahme der klassischen Theorie - in einem marktwirtschaftlichen System Instabilitäten wie Massenarbeitslosigkeit vorherrschen können. Er entwickelte auch Lösungsansätze, um diese Instabilitäten zu beseitigen. Seine Ansätze sah er als einzige Möglichkeit, um den Zusammenbruch des Kapitalismus zu vermeiden (vgl. Gahlen et al. 1978, 120f).

In Bezug auf die klassische Theorie schrieb Keynes: „Unsere Kritik der akzeptierten klassischen Theorie der Wirtschaftslehre bestand nicht so sehr darin, logische Fehler in ihrer Analyse zu finden als hervorzuheben, daß ihre stillschweigenden Voraussetzungen selten oder nie erfüllt sind, mit der Folge, daß sie die wirtschaftlichen Probleme der wirklichen Welt nicht lösen kann.“ (Keynes 1936, 319 zitiert in: Maciey 1999, 40).

Keynes kritisierte auch die klassische These, eine optimal funktionierende Volkswirtschaft strebe nach Vollbeschäftigung. Er stellte fest, dass es auch bei Unterbeschäftigung ein gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht gibt.

Keynes theoretische Analyse geht von der klassischen Arbeitsangebotskurve aus. Seiner Ansicht nach ist der von den klassischen Theoretikern unterstellte Verlauf nicht realistisch. Der Lohn ist nach Keynes eine exogen vorgegebene Größe und entsteht nicht endogen über den Marktmechanismus. In kapitalistischen Ländern mit staatlichen und gewerkschaftlichen Aktivitäten gibt es einen Mindestlohn, der auch bei Massenarbeitslosigkeit nicht unterschritten wird (vgl. Gahlen et al. 1978, 40).

John M. Keynes untersuchte das Konsumverhalten privater Haushalte, die ihr Einkommen hauptsächlich für Güter des täglichen Bedarfs ausgeben. Besonders interessant war für ihn, wie sich der Konsum bei steigendem Einkommen veränderte. Aus seinen Beobachtungen formulierte er ein „psychologisches Gesetz“: „Die Menschen erhöhen zwar mit wachsendem Einkommen ihre Ausgaben für den täglichen Konsum – jedoch nicht um den vollen Betrag der Einkommenserhöhung. Also hängt die Spartätigkeit von der Höhe des Einkommens und nicht von der Höhe der Zinsen ab.“ (Maciey 1999, 40).

Diese Erkenntnis widerspricht dem Sayschen Theorem, nach dem das menschliche Sparverhalten nur von der Zinshöhe abhängt. Der daraus gefolgerte Zinsmechanismus, dass die Nachfrage nach Invesitionsgütern gerade so groß ist wie der durch das Sparen entstehende Nachfrageausfall, kann also auch nicht funktionieren. Folglich gibt es keine Garantie, dass die gesamte Nachfrage genauso groß ist wie das Angebot.

Diese Komplexität kann man an einem sehr vereinfachten Beispiel darstellen: Ein Volk stellt innerhalb eines Jahres eine Gütermenge her, die für insgesamt eine Milliarde Euro auf den Markt kommt. Die an der Produktion beteiligten Menschen haben also bereits eine Milliarde Euro verdient, weil die Summe der Preise der Summe der Einkommen entspricht. Spart nun die Bevölkerung hundert Millionen Euro, so bedeutet das, dass Waren im Wert von hundert Millionen Euro nicht konsumiert werden. Wenn diese Nachfragelücke durch eine Nachfrage nach Investitionsgütern ausgeglichen wird, gibt es kein Problem. Werden aber zum Beispiel nur Investitionsgüter im Wert von neunzig Millionen Euro nachgefragt, finden Produkte im Wert von zehn Millionen Euro keinen Käufer. Die überschüssige Ware verbleibt bei den Unternehmen. Die Fabrikanten entscheiden, in Zukunft weniger zu produzieren. Als Folge der gedrosselten Produktion entlassen die Unternehmen einen Teil ihrer Arbeitnehmer. Vollbeschäftigung kann also auch an einer mangelhaften Güternachfrage scheitern, nicht nur an der Lohnhöhe. Das Saysche Theorem ist widerlegt.

Die Theorie, dass Preise aus Einkommen bestehen, gilt auch bei Unterbeschäftigung, also nicht nur bei Vollbeschäftigung. Wenn Warenangebot und Beschäftigung aufgrund geringerer Nachfrage sinken, verringert sich die Summe der Preise und damit die Summe des Volkseinkommens. Auf niedrigem Niveau entsteht ein Gleichgewicht unterhalb der Vollbeschäftigung (vgl. Koesters 1982, 220).

Keynes stellte fest, dass allein der Staat eine zusätzliche Nachfrage entfalten kann, um wieder eine Vollbeschäftigung zu erreichen. Er kann die gesamtwirtschaftliche Nachfrage so manipulieren, dass auf dem Gütermarkt ein Produktionsniveau entsteht, das hoch genug ist, um wieder Vollbeschäftigung zu gewährleisten.

Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und das gesamtwirtschaftliche Angebot bestehen aus mehreren Komponenten. Das gesamtwirtschaftliche Angebot ergibt sich aus der Produktion von Inländern und Ausländern. Diesem Angebot steht die Nachfrage

- der inländischen Haushalte nach Konsumgütern für den privaten Bedarf
- der privaten Unternehmer für ihren Investitionsbedarf
- des Staates für seinen Konsum und seine Investitionen
- des Auslandes

gegenüber.

Wenn die Produktion der inländischen Bevölkerung nicht dem Vollbeschäftigungsgleichgewicht entspricht, muss

- das Angebot der Ausländer (Importe) gedrosselt werden oder
- die Nachfrage gesteigert werden.

Im folgenden soll es um die Nachfrage gehen. Theoretisch kann die gesamtwirtschaftliche Nachfrage durch gesteigerten privaten Konsum, verstärkte Investitionen durch die Unternehmen, höhere Exporte und größere Staatsnachfrage gesteigert werden. Nun könnte man darüber nachdenken, ob in Zeiten der Rezession die Konsumenten, sprich: die privaten Haushalte und die Unternehmen, von sich aus bereit wären, ihre Nachfrage zu erhöhen, um dadurch die Arbeitslosigkeit zu senken. Die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte zeigt jedoch, dass dieses Verhalten nicht eintritt. Der größere Teil der Konsumenten sind die Arbeiter. In Zeiten des Beschäftigungsrückgangs und geringerer Einkommen aufgrund von Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit steigt unter ihnen die Unsicherheit bezüglich ihrer Arbeitsplätze. Sie schränken ihren Konsum ein. Viele private Haushalte sparen verstärkt aufgrund der unsicheren wirtschaftlichen Entwicklung. Die Folge eines Beschäftigungsrückganges ist also ein Konsumrückgang. Keine gutgemeinten Empfehlungen können die Konsumenten dazu bewegen, ihren Verbrauch zu erhöhen.

Die Unternehmer sind in wirtschaftlichen Krisenzeiten ebenfalls nicht bereit, ihre Investitionen zu erhöhen. Aufgrund der zu geringen Nachfrage haben sie bereits überproduziert und werden nicht noch weitere unnütze Anlagen bauen. Durch geringere oder gar keine Produktion können sie nun versuchen, die Überproduktion abzubauen.

Die Exportnachfrage könnte in Zeiten einer Rezession zunehmen. Dafür gibt es aber keine Garantie. Die Nachfrage aus dem Ausland könnte genauso gut auch zurückgehen, weil ausländische Konsumenten vor den wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Rezession zurückschrecken.

Die einzige Möglichkeit, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu steigern, besteht also laut Keynes darin, dass der Staat seine Nachfrage erhöht. Dies kann er, indem er seine höheren Ausgaben durch Schuldenaufnahme deckt. Der Staat ist wirtschaftlich autonom und unterliegt keinen marktwirtschaftlichen Restriktionen. Allein politische Streitigkeiten unterschiedlicher Interessengruppen könnten dieses Vorhaben hemmen (vgl. Gahlen et al. 1978, 122ff).

In einem Beitrag im Handelsblatt vom 13.11.1996 fordert der Autor Herbert Ehrenberg, Mitglied der SPD und 1976 bis 1982 Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung der sozialliberalen Koalition, die damalige CDU/CSU/FDP-Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland auf, die keynesianische Theorie für ihre Politik wiederzuentdecken. Er kritisiert die zahlreichen Sparpakete der Bundesregierung, die Senkungen der Unternehmens- und Vermögenssteuern bei gleichzeitiger Kürzung öffentlicher Leistungen, um dadurch angeblich mehr Wachstum und Beschäftigung zu erreichen und nebenbei die Maastrichter Kriterien zu erfüllen. Er stellt fest, dass diese Politik der Einsparungen bislang zu keinem Erfolg sondern nur zu immer größeren Finanzlöchern aufgrund weiterer Steuereinbußen geführt hat. Die rückläufige Beschäftigung führte zu Steuer- und Beitragsmindereinnahmen, die den Spareffekt überrollten.

Ehrenberg erinnert daran, dass nicht Kürzungen, sondern öffentliche Ausgaben der privaten Wirtschaft Umsätze bringen. Jede Kürzung schwäche die Binnennachfrage zusätzlich. Die Methode des Sparens bei geringeren Einnahmen funktioniert im Privathaushalt, nicht aber gesamtwirtschaftlich.

Ehrenberg prognostiziert, dass bei gezielter staatlicher Förderung von Projekten mit einem hohen Multiplikatoreneffekt1 ein breiter Beschäftigungsschub zu erwarten sei. Er nennt zum Beispiel Stadt- und Wohnungssanierungen mit einem Multiplikatoreneffekt von eins zu sechs.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine zusätzliche Investition des Staates hat unmittelbar eine Einkommenserhöhung im gleichen Umfang zur Folge. Ein Beispiel hierzu: Der Staat läßt im Wert von 100 Mill. Euro Straßen bauen. Am Straßenbau sind direkt und indirekt Unternehmer und Arbeitskräfte beteiligt, die dadurch ein zusätzliches Einkommen in dieser Höhe erhalten. Die Unternehmer und Arbeiter werden einen großen Teil ihres Gehaltes für den privaten Konsum ausgeben. Einen weiteren Teil, in diesem Beispiel angenommene 20%, sparen sie. Sie konsumieren zum Beispiel Brot, Bier und Zigaretten im Wert von 80 Mill. Euro. Dieses ausgegebene Geld führt dazu, dass die Brot-, Bier- und Zigarettenproduzenten zusätzliches Einkommen erhalten. Nimmt man weiter an, dass nun die Brot-, Bier- und Zigarettenproduzenten 20% sparen und 80% (hier: 64 Mill. Euro) beispielsweise für Kleidung und Elektrogeräte ausgeben, würde sich das zusätzliche Einkommen der Kleider- und Elektrogeräteproduzenten um 64 Mill. Euro erhöhen. So lässt sich dieses Beispiel fortführen.

1 Die Multiplikatortheorie dient nicht der Erklärung zyklischer Schwankungen, sondern verdeutlicht lediglich die Wirkung von autonomen Investitionen auf das Einkommen und auf die Konsumgüternachfrage. Autonome Investionen sind von Nachfrageveränderungen unabhängig. Sie werden vorgenommen, um z.B. die Produktionskosten zu senken, Innovationen zu verwirklichen oder, wie viele staatliche Investitionen, bestimmte politische Ziele zu erreichen. Der Multiplikator ist eine quantitative Größe, die angibt, um das Wievielfache einer Investition das Einkommen wächst (Wiethoff 1978, 33)

Durch eine einmalige staatliche Investition von 100 Mill. Euro würde also nicht nur ein einmaliges Einkommen von 100 Mill. Euro bewirkt, sondern ein vielfaches an Einkommen. Auch die Nachfrage würde dadurch um ein Vielfaches der Investitionshöhe erhöht. Die Unternehmen würden wieder mehr produzieren und mehr Arbeitskräfte beschäftigen (vgl. Wiethoff 1978, 33).

Zwar brächten neue öffentliche Investitionen weitere Finanzprobleme. Die gäbe es aber auch im Falle einer weiterhin restriktiven Finanzpolitik allein über die Einnahmenseite, deren Folge die seit 1992 anhaltende Abwärtsspirale bei der Beschäftigung ist. Durch einen staatlich finanzierten Wachsstumsschub könnte dieser Trend umgekehrt werden.

Ehrenberg weist darauf hin, dass diese positive Wirkung auf die öffentlichen Finanzen und die Beschäftigungssituation erst mit Verzögerung eintreten wird. Seine Idee ist, die ersten zwei Etappen eines mittelfristigen Infrastrukturprogramms über die Goldreserven der Bundesbank zu finanzieren. In den Kellern der Bundesbank liegen Goldbestände in Höhe von 25 bis 30 Mrd. Euro. Diese sind ohne Konflikte mit den Maastrichter Kriterien einsetzbar (vgl. Handelsblatt, 13.11.1996).

[...]

Details

Seiten
35
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638327367
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v31844
Institution / Hochschule
HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen – Fachbereich Sozialpädagogik
Note
1,3
Schlagworte
Arbeitslosigkeit Sicht Wirtschaftstheorien Globalisierung Arbeitslose Recht Faulheit

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