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Familiale Lebensformen und Lebenslagen der Migrantenfamilien in Deutschland

von Mascha Matri (Autor)

Hausarbeit 2015 25 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Bezüge
2.1 Familiale Lebensformen und Pluralisierung
2.2 Familien mit Migrationshintergrund als Lebensform
2.3 Lebenslagenansatz

3. Vergleich zentraler Lebenslagendimensionen von Migrantenfamilien und Familien ohne Migrationshintergrund
3.1 Bildung und beruflicher Abschluss
3.2 Erwerbsbeteiligung
3.3 Einkommen und Einkommensverteilung
3.4 Lebensunterhalt und Transferbezug
3.5 Wohnsituation
3.6 Subjektive Bewertung der Lebensbedingungen

4. Ergebnisse

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit der gezielten Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte, die Ende der 1950er Jahre begann, hat sich Deutschland von einem sogenannten „Gastarbeiterland“ zu einem der bedeutendsten Einwanderungsländer der modernen Welt entwickelt (Lange 2007: 13). Dieser Wandel wird insbesondere in der Familienstruktur ersichtlich. Demnach lebt mittlerweile etwa jedes dritte Kind in einer Familie mit Migrationshintergrund (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2014: 4). Angesichts des fortschreitenden demografischen Wandels stellt der Migrationsprozess eine wichtige Chance für die Zukunftssicherung Deutschlands dar, denn aufgrund der sinkenden Bevölkerungszahl repräsentieren die Nachkommen der Migranten die derzeit einzig wachsende Bevölkerungsgruppe (Konsortium Bildungsberichterstattung 2006: 137). Doch trotz des großen Migrationspotentials ist es der Bundesregierung bislang nicht gelungen, eine offenere Willkommenskultur zu etablieren (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie 2015). Zwar lässt sich im Hinblick auf die deutsche Integrationspolitik ein leichter Trend der Verbesserung konstatieren, doch zeigen sich nach wie vor deutliche Unterschiede zwischen den Lebenslagen von Migrantenfamilien und Familien ohne Migrationshintergrund (Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung 2014: 5; Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2000: XXXI).

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit der Forschungsfrage: „Inwieweit unterscheiden sich die Lebenslagen von Migrantenfamilien gegenüber Familien ohne Migrationshintergrund?“. Die Einleitung der Gruppenarbeit dient mit einem kurzen Problemaufriss dazu, einen Überblick über die Bedeutsamkeit der Integration von Migrantenfamilien zu skizzieren. Durch den Hauptteil wird neben theoretischen Bezügen ein Vergleich der zentralen Lebenslagendimensionen von Migrantenfamilien und Familien ohne Migrationshintergrund vorgenommen und somit versucht, die Forschungsfrage zu beantworten. Im Fazit werden die Ergebnisse zusammenfassend kritisch beleuchtet und ein Ausblick auf zukünftige Herausforderungen der deutschen Familien- und Integrationspolitik gegeben. Als Motivation für die Verfassung der vorliegenden Hausarbeit dient das Hervorheben der Relevanz des Themas „Lebenslagen von Migrantenfamilien in Deutschland“. Dieses nimmt für die Autorin einen hohen Stellenwert ein, da sie selbst einen Migrationshintergrund aufweist und bereits im familiären Kontext mit dieser Problematik konfrontiert wurde.

2. Theoretische Bezüge

Im Folgenden wird zunächst der Wandel der Familienentwicklung skizziert und auf die definitorische Festlegung von familialen Lebensformen eingegangen, um anschließend den Prozess der Pluralisierung darzustellen. Darauf aufbauend werden Familien mit Migrationshintergrund thematisiert. Hierbei soll untersucht werden, inwiefern Migrantenfamilien Kriterien der Anerkennung einer Lebensform erfüllen. Abschließend wird der Lebenslagenansatz behandelt, um damit die Verknüpfung der theoretischen mit der empirischen Ebene herzustellen.

2.1 Familiale Lebensformen und Pluralisierung

Deutschland steht vor dem Problem des demografischen Wandels. Der erhebliche Rückgang der Geburtenziffern und der Eheschließungen sowie der Anstieg der Ehescheidungen macht deutlich, dass mit den demografischen Wandlungsprozessen auch eine Veränderung innerhalb der Familie einhergeht (Peuckert 2008: 21ff). Während die Familie und die Institution der Ehe noch vor einigen Jahrzehnten einen hohen Stellenwert in der individuellen Lebensplanung einnahmen, gewinnt heutzutage das nichteheliche Zusammenleben zunehmend an Bedeutung (Huinink 2009). Dieser familiale Wandel lässt sich grundlegend in zwei unterschiedliche Phasen unterteilen. Die erste Phase, welche in der Neuzeit einsetzte und in den 1960er Jahren endete, wurde durch das Idealbild der „bürgerlichen Familie“ maßgeblich bestimmt (Huinink / Schröder 2008: 87). Kennzeichnend für diese Phase war ein frühes Heiratsalter, eine geringe Scheidungsrate, die traditionelle Vorstellung von der Frau als nicht erwerbstätige Mutter und ein hoher Anteil ehelicher Geburten (Wagner 2008: 100). Mit der zweiten Phase der Familienentwicklung wurde dieses Leitbild infolge der Studenten-und Frauenbewegung Ende der 1960er und 1970er Jahren jedoch zunehmend in Frage gestellt. Es entstanden neue Formen des Zusammenlebens in Kommunen und Wohngemeinschaften, die sich von dem Modell der Kernfamilie abwandten (ebd.). Dies schlug sich insgesamt in einem „Dominanzverlust der bürgerlichen Familie“ nieder (Huinink / Schröder 2008: 88). In Folge dieses Umbruchs nahm die Zahl der Eheschließungen in Westdeutschland seit den frühen 1960er Jahren kontinuierlich ab. Parallel dazu stieg der Anteil der Ehescheidungen drastisch an und die Geburtenzahlen fielen Mitte der 1960er Jahre unter das Reproduktionsniveau. Der Transformationsprozess von der kleinbürgerlichen Familie zu alternativen Formen menschlichen Zusammenlebens wird heute als „zweiter demografischer Übergang“ bezeichnet (Wagner 2008: 100).

Vor dem Hintergrund dieser Deinstitutionalisierung der Normalfamilie wurde in den 1980er Jahren der Begriff der „Lebensform“ in die Familiensoziologie eingeführt (Wagner 2008: 101). Aufgrund zahlreicher differierender Operationalisierungsvorschläge in der familiensoziologischen Forschung, konnte bislang keine einheitliche Definition formuliert werden (Kreyenfeld / Krapf 2013; Wagner 2008: 101). In Anlehnung an Hradil kann jedoch festgehalten werden, dass es sich bei dem Begriff der Lebensform um „die Struktur des unmittelbaren Zusammenlebens mit anderen Menschen […]“ handelt (Hradil 1992: 187 zit. in Wagner 2008: 101). In diesem Zusammenhang werden Lebensformen als Haushaltstypen erfasst. Konträr dazu stehen empirische Studien, die den Lebensformbegriff um beziehungsrelevante Dimensionen erweitern (Wagner 2008: 101). Demnach nimmt die Art der privaten sozialen Beziehung eines Individuums ebenso eine zentrale Rolle bei der Charakterisierung der Lebensform ein. Im Allgemeinen lässt sich diesbezüglich zwischen Partnerschaften, Eltern-Kind-, Verwandtschafts-, Freundschafts- und social-support-Beziehungen unterscheiden (Schneider et al. 1998: 14 zit. in Wagner 2008: 101). Hierzu sei wiederum angemerkt, dass jede dieser Beziehungsarten aufgrund ihres individuellen Institutionalisierungsgrades einem anderen Lebensformtyp zugeordnet wird (ebd.). Infolge der unüberschaubaren Vielzahl von Lebensformen, die eine solche Vorgehensweise impliziert, bedarf es demnach einer isolierten Betrachtung einzelner Beziehungsarten, um zu einem geeigneten Lebensform-Konzept zu gelangen (Wagner 2008: 101f).

Weitere zentrale Dimensionen, die bei der Klassifikation des Lebensformbegriffs verwendet werden und über die Beziehungstypologie hinausgehen, stellen die sozialrechtliche Stellung der Personen eines Haushalts, die Generationenzusammensetzung, der Familienstand sowie die Kinderzahl dar (Huinink / Schröder 2008: 79). Demzufolge existieren mehrere Klassifikationen der Lebensform. Ihnen allen gemein ist jedoch, Formen des Zusammenlebens zu benennen, die sich von der traditionellen Kleinfamilie abgrenzen und dementsprechend „alternative“, „nicht-traditionelle“ oder „neue“ Lebensformen darstellen (Wagner 2008: 102ff).

Wie bereits angedeutet, hat sich der Stellenwert einiger Lebensformen im Zuge des zweiten demografischen Übergangs deutlich verändert. Die Folgen, die sich daraus ergeben, können sich hierbei in einer Zu-oder Abnahme der Vielfalt von Lebensformen widerspiegeln. In der aktuellen Debatte um den familialen Wandel wird allerdings primär davon ausgegangen, dass sich die Lebensformen in den letzten Jahrzehnten vor allem in Westdeutschland pluralisiert haben (Wagner 2008: 119). Der Begriff der „Pluralisierung“ bezeichnet demnach die „Anzahl verschiedener faktisch vorfindbarer Ausprägungen eines Merkmals in einer Klasse von Einheiten […] bzw. die faktisch vorfindbaren Zustände in einer Klasse von Einheiten“ (Huinink / Wagner 1998: 88). Dabei kann sich die Vielfalt von Zuständen sowohl strukturell als auch distributiv verändern. Während die strukturelle Vielfalt lediglich die Menge potentieller Zustände zusammenfasst, wird anhand der distributiven Vielfalt die Verteilung einzelner Elemente über diese Zustände ersichtlich (Wagner 2008: 106). In Bezug auf die Lebensform eines Individuums bedeutet dies, dass Vielfalt nicht nur in aktuellen Zuständen beobachtbar ist, sondern auch in der individuellen Biographie. Demzufolge wechseln Individuen im Laufe ihres Lebens mehrfach die Lebensform (ebd.). Dieser Wandel der Lebensform fällt in den jeweiligen Alterskohorten jedoch unterschiedlich stark aus. So lässt sich insbesondere bei den 20- bis 35-Jährigen eine deutliche Pluralität der Lebensform konstatieren, was durch den häufigen Wechsel zwischen Lebensformen erklärbar wird (Zapf 1987 et al. zit. in Wagner 2008: 110). Aber auch die Altersgruppe der 45- bis 59-Jährigen ist infolge der „Empty Nest“- Phase, bei der das letzte Kind aus dem familiären Haushalt auszieht, durch eine hohe Vielfalt der Lebensformen geprägt (Huinink / Wagner 1998: 101). Darüber hinaus wird der Pluralisierungsprozess anhand der Zusammensetzung der Haushalte evident. Die Lebensform der Normalfamilie, welche sich aus Vater, Mutter und gemeinsamen leiblichen Kindern zusammensetzt, ist durch das Auftreten neuer Lebensformen relativ zurückgedrängt worden (Pettinger / Rollik 2005: 23). Als Beispiel für diese neuen Lebensformen lassen sich nichteheliche Lebensgemeinschaften mit Kindern und ohne Kinder sowie Alleinerziehende und Alleinlebende anführen (Schneider 2012). Doch trotz der Deinstitutionalisierung der Normalfamilie, die mit dem Prozess der Pluralisierung einhergeht, gehören traditionelle Lebensformen für die große Mehrheit der jungen Erwachsenen nach wie vor zu den wesentlichen Lebenszielen (Pettinger / Rollik 2005: 23; Huinink / Schröder 2008: 89). Dennoch sind einige der konventionellen Lebensformen längst nicht mehr so weit verbreitet wie noch vor wenigen Jahrzehnten, was zu einer gleichmäßigeren Verteilung der Bevölkerung auf die unterschiedlichen Lebensformen führt (Wagner 2008: 119). Infolgedessen lässt sich im Hinblick auf familiale Lebensformen lediglich eine „schwache Pluralisierung“ verzeichnen, die hauptsächlich auf einer Abnahme der Eheschließungsziffern und einer Zunahme der nichtehelichen Lebensgemeinschaften basiert (Wagner 2008: 108).

2.2 Familien mit Migrationshintergrund als Lebensform

Die deutsche Bevölkerungsstruktur ist durch eine zunehmende gesellschaftliche Vielfalt gekennzeichnet. Dabei unterscheiden sich die Einwohner nicht nur im Hinblick auf ihre Lebensformen, sondern auch bezüglich ihrer Herkunft oft maßgeblich voneinander (Gesellschaft für Beratung und Bildung 2014). In diesem Zusammenhang reicht eine Kategorisierung nach deutschen und ausländischen Personen nicht aus (Fuhr 2012: 550). Auf Basis heterogener Aspekte des Mikrozensus nutzt die amtliche Statistik seit dem Jahr 2005 das Konzept des Migrationshintergrundes. Zu dieser Bevölkerungsgruppe gehört demnach nicht nur die erste Generation der Migranten, sondern auch deren Nachkommen (Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration 2014: 23) Unter der Prämisse, dass mindestens ein Elternteil eingewandert oder „als Ausländer in Deutschland geboren“ ist, kann den in „Deutschland geborenen Deutschen“ ebenfalls ein Migrationshintergrund zugeschrieben werden (Statistisches Bundesamt 2011:6 zit. in Fuhr 2012: 550). Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes hat somit mittlerweile jede fünfte Person einen Migrationshintergrund, was einem Bevölkerungsanteil von 20,3 Prozent entspricht (Statistisches Bundesamt 2015a). Demnach ist der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund auf einen Rekordwert von etwa 16,4 Millionen angestiegen (ebd.). Betrachtet man die statistischen Daten bezogen auf die Familienstruktur Deutschlands, so lässt sich festhalten, dass von den 8,1 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern rund 2,5 Millionen einen Migrationshintergrund aufweisen. Dies entspricht insgesamt knapp 31 Prozent aller in Deutschland lebenden Familien mit Kindern unter 18 Jahren (Statistisches Bundesamt 2015b).

Angesichts der Tatsache, dass Migrantenfamilien inzwischen einen festen Bestandteil der deutschen Gesellschaft darstellen, nimmt die Frage, inwiefern sie als eigenständige Lebensform charakterisiert werden können, einen hohen Stellenwert ein. Unter Berücksichtigung der zuvor angeführten Aspekte bezüglich der definitorischen Festlegung des Lebensformbegriffs, scheinen Familien mit Migrationshintergrund die Kriterien der Begriffsdefinition zunächst zu erfüllen. So lassen sich wie bei anderen Lebensformen „soziale Beziehungen zwischen den Mitgliedern eines Haushalts“ konstatieren (Statistisches Bundesamt 2015c). Die Beziehungen zwischen den Haushaltsmitgliedern in Migrantenfamilien sind dabei grundsätzlich von einer stärkeren wechselseitigen Abhängigkeit und einem engeren Familienverhältnis geprägt (Akgün 1993: 57). Desweiteren wird in Familien mit Migrationshintergrund “Individualität“ und „Unabhängigkeit“ eine geringere Bedeutung beigemessen als in Lebensformen von Personen ohne Migrationshintergrund (ebd.). Aufgrund dieser Unterschiede in der gelebten Familienkultur von Migranten und Einheimischen lässt sich die These vertreten, dass die Lebensform der Migrantenfamilie nicht mit der Lebensform der deutschen Normalfamilie gleichgesetzt werden kann. Dementsprechend können Familien mit Migrationshintergrund als eigenständige Lebensform definiert werden. Allerdings muss hierbei die Heterogenität dieser Familien berücksichtigt werden. So unterscheiden sich Migrantenfamilien unter anderem nach nationaler, ethnischer und kultureller Zugehörigkeit, Bildungsstatus, Sprache, Kinderzahl und Religion (Peuckert 2008: 27; Akgün 1993: 57). Infolgedessen kann angenommen werden, dass Familien mit Migrationshintergrund keine einheitliche Lebensform darstellen.

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Details

Seiten
25
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668180024
ISBN (Buch)
9783668180031
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v318732
Institution / Hochschule
Universität Bremen
Note
1,3
Schlagworte
Migranten Migrantenfamilie Lebensformen

Autor

  • Mascha Matri (Autor)

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Titel: Familiale Lebensformen und Lebenslagen der Migrantenfamilien in Deutschland