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Das Verhältnis zwischen Herr und Diener in Diderots "Jaques le Fataliste"

von Francesca Cavaliere (Autor)

Hausarbeit 2011 17 Seiten

Didaktik - Französisch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Herr - Diener - Verhältnis zwischen Jacques und seinem Maître
2.1 Privilegierte Position des Herrn
2.2 Freundschaft
2.3 Aufstieg des Dieners zum Herrn

3 Willensfreiheit vs. Vorbestimmung
3.1 Jacques Fatalismus versus der freie Wille des Herrn
3.2 Rolle der christlichen Moral
3.3 Gesellschaftliche Rollendetermination

4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In seinem ungewöhnlichen Roman „ Jacques le fataliste et son maître “ schildert Diderot ein untypisches Herr - Knecht - Verhältnis, indem der eigentlich unterlegene Diener seinem Herrn überlegen scheint. In der Umkehr der Rollen von Diener und Herr verkehrt Diderot das traditionelle Herr - Diener - Verhältnis des Ancien Régime. Dieses basierte auf dem Prinzip des christlichen Paternalismus, wonach der Herr als allmächtiger und gütiger Vater verstanden wurde, der neben der materiellen Sicherheit und dem Schutz seiner Diener auch für deren moralisch-sittliche Erbauung Sorge zu tragen hatte. Im Gegenzug hatten sich die Diener ihrem Herrn gegenüber gehorsam und dankbar zu erweisen und je nach Position bestimmte Dienstleistungen zu erfüllen, die für den Herren als nicht standesgemäß galten (vgl. Klenke, 1992: 42). Die Dienertätigkeit im Ancien Régime war jedoch weniger ein Beruf, als vielmehr eine Lebensaufgabe. So änderte sich mit Eintritt in den Dienerberuf auch der rechtliche Status eines Menschen. Diener wurden juristisch wie lebenslange Adoptivkinder des Herrn behandelt und galten somit als unmündige Bürger (vgl. Klenke, 1992: 24).

Bei Diderot wird jedoch der Maître als unmündig dargestellt. In seiner Abhängigkeit vom Diener legt Diderot die gesellschaftliche Nutzlosigkeit und Unproduktivität der herrschenden Gesellschaftsschichten offen. Das Werk, das etwa zwischen 1765 und 1773 entstand, bevor er 1778 erstmals im französischen Original in Paris veröffentlicht wurde, richtet sich damit gegen die bestehende Sozialordnung in Frankreich am Vorabend der Französischen Revolution (vgl. Mitterand: 1989, 10).

Darüber hinaus wird die Herr- Diener - Problematik auf eine philosophische Ebene gehoben. Hierbei geht es um die Diskrepanz zwischen menschlicher Willensfreiheit und fatalistischer Vorbestimmung. Ist man freier Herr seines eigenen Handelns oder vielmehr Diener eines schicksalhaft, übergeordneten Systems?

Im 1. Teil der vorliegenden Arbeit soll analysiert werden, inwieweit sich die Beziehung von Jacques und seinem Herrn vom klassischen Herr - Diener - Verhältnis unterscheidet. Ist ihr vertrautes Verhältnis Ausdruck von wahrer Freundschaft oder vielmehr eine notwendige Maßnahme, die zum Zwecke der Selbsterhaltung dient? Woran lässt sich die Überlegenheit des unterlegenen Dieners festmachen?

Im 2. Teil soll schließlich die enge Verknüpfung der Herr - Knecht - Thematik zur fatalistischen Weltanschauung in Diderots Roman aufgezeigt werden. Wie ist es zu erklären, dass der Herr, der von der freien Willensausübung des Menschen überzeugt ist, sich derart passiv verhält, während sein dem Fatalismus zugewandter Diener sich stets als tatkräftig und mutig präsentiert. Im zweiten Abschnitt soll die Bedeutung der christlichen Moral für das Herr - Diener- Verhältnis offengelegt werden. Hierbei ist zu klären, ob Jacques‘ fatalistische Haltung auf dem Glauben an eine göttliche Vorsehung basiert oder vielmehr einem logischen Ursache-Wirkungsprinzip entspringt, das ihn zum vorausschauenden Denken befähigt.

Im letzten Abschnitt des 2. Teils soll schließlich die Frage geklärt werden, inwieweit der Mensch bereits durch seine Geburt an seine gesellschaftliche Rolle gebunden ist und ob es ihm innerhalb eines gesellschaftlichen Systems überhaupt möglich ist, je ganz Herr über sich selbst zu werden. Anschließend sollen die wichtigsten Erkenntnisse der Arbeit in einer Schlussfolgerung zusammengefasst werden.

2 Herr - Diener - Verhältnis zwischen Jacques und seinem Maître

2.1 Privilegierte Position des Herrn

Mit seinen realen Dienerkollegen der damaligen Zeit teilt Jacques die geringe soziale Herkunft und die sich daraus ergebende existentielle Abhängigkeit vom Herrn. Dafür spricht zunächst sein Name, mit dem man früher traditionell Vertreter der französischen Bauernschaft bezeichnete (vgl. Köhler, 1965: 250). Vom Erzähler wird Jacques als: “bon homme, franc, honnête, brave, attaché, fidèle, très têtu, encore plus bavard” (S. 218) beschrieben. All dies sind Eigenschaften, die typsicherweise Vertretern der unteren sozialen Klassen zugewiesen werden. Dass insbes. die Geschwätzigkeit ein generelles Laster des Dienerstandes zu sein scheint, wird auch an anderer Stelle des Romans offenkundig, als nämlich die Wirtin des Gasthauses, in dem Jacques und sein Maître einkehren die Quelle ihrer Geschichte benennt: „ je vous la raconterais tout comme leur domestique l‘a dite à ma servante “ (S. 127). Gemäß den Erwartungen des Lesers, die Diderot jedoch bewusst zu zerstören sucht, bestätigt sich Jacques geringer sozialer Rang durch seine einfache Wortwahl: „ Ah hydrophobe? Jacques a dit hydrophobe? …Non, lecteur, non; je confesse que le mot n‘est pas de lui.“ (S. 310). Auch scheint er nicht daran interessiert sein Unwissen zu beseitigen: „ Je ne sais pas bien précisément ce que c‘est qu‘un augure, ni ne me soucie de le savoir “ (S. 317). Der soziale Unterschied zwischen Jacques und seinem Maître wird ferner auch in ihren Lebensläufen deutlich. Während Jacques von sich sagt : « J’ai servi dans l’infanterie » entgegnet ihm sein Herr : „Moi, j’ai commandé dans la cavallerie » (S. 74). Das Dienen („ servir “) steht hier dem Befehlen („ commander “) diametral gegenüber.

Der Machtunterschied zwischen Jacques und seinem Herrn spiegelt sich zudem in der körperlichen Gewalt wider, die der Maître auf Jacques ausübt: „ Voilà le maître dans une colère terrible e tombant à grands coups de fouet sur son valet» (S. 36). Derartige körperliche Züchtigung zählte damals zu den gängigen Disziplinierungsmaßnahmen der Herren, um die Diener zu einem wie es hieß gottgefälligen Leben anzuleiten. Oft wurde diese Macht jedoch missbraucht (vgl. Klenke, 1992: 32). Auch Jacques muss hier als Sündenbock für das schlechte Wetter und das frühe Hereinbrechen der Nacht herhalten, wofür er jedoch keine persönliche Verantwortung tragen kann. Dies macht umso mehr die Willkür deutlich, mit der der Herr über seinen Diener verfügt. Am Ende des Romans wird Jacques sogar für den Mord seines Maître am Ritter Saint-Ouin verantwortlich gemacht und kommt ins Gefängnis. Während sein Herr durch einen persönlichen Kontakt zur Polizei schon nach kurzer Zeit frei kommt (vgl. S. 329). Die Allmacht seines Herren wird durch Jacques’ stoische Passivität, mit der er die Misshandlungen über sich ergehen lässt, noch verstärkt: « Celui-là était apparemment encore écrit là-haut » (S. 36).

Die unmenschliche Behandlung der Diener spiegelt sich auch in der Tatsache wider, dass Diener häufig sogar mit dem Status von Tieren oder einem Teil des Hausinventars gleichgesetzt wurden (vgl. Klenke, 1992: 32). Auch der Maître vergleicht Jacques mit seinem verloren gegangen Pferd: « Mon cheval !… Jacques, mon ami, (…) mets-toi à la place de mon cheval». Das Pferd wird ferner zum Symbol für die gesamte Dienerklasse wie Jacques Kommentar beweist als sie das entlaufene Pferd des Herrn schließlich wiederfinden: „ c‘est votre cheval, le symbole de Jacques que volilà, et de tant d‘autre lâches coquins comme lui, qui ont quitté les campagnes pour venir porter la livrée dans la capitale “ (S. 308). Jacques‘ abfällige Sprache zeigt seine Verachtung für seine eigene Berufsgruppe, die bereitwillig den Preis der Freiheit zahlt, um den widrigen Lebensumständen auf dem Lande zu entgehen. Dies ist ein Verweis auf die realen historischen Umstände. Als vor allem in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts die Brotpreise immer weiter anstiegen, galt der Dienerberuf für viele Angehörige des 3. Standes und insbesondere für einen Großteil der Landbevölkerung als lukrative Alternative, um der Hungersnot zu entkommen (vgl. Klenke, 1992: 25).

2.2 Freundschaft

Es wird im Verlaufe des Romans deutlich, dass Jacques und sein Maître ein außergewöhnlich inniges und beinah freundschaftliches Verhältnis zueinander haben. So wird Jacques als „tendrement attaché à son maître “ (S. 50) beschrieben. Das besondere Vertrauensverhältnis zwischen Jacques und seinem Herrn zeigt sich auch an der Erzählung von Jacques Liebesgeschichte, die den Herrn zum „ seul confident de ses amours “ (S. 59) macht. Das enge Verhältnis zwischen Jacques und seinem Herrn spiegelt sich auch in ihren beiden Pferden wieder, die im Gleichschritt nebeneinanderher trotten, „ car il y avait entre ces deux animaux la même intimité qu‘entre leurs cavaliers; c´étaient deux pair d‘amis“ (S. 51).

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668182301
ISBN (Buch)
9783668182318
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319017
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Romanistik
Note
2,3
Schlagworte
verhältnis herr diener diderots jaques fataliste

Autor

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    Francesca Cavaliere (Autor)

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