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Kritische Betrachtung des Raumbegriffes in Kants "Inauguraldissertation"

Essay 2015 15 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kants Idee des Raumes

3. Kritische Betrachtung der kantischen Raumidee
3.1 Ist der Begriff des Raumes weder über die Sinneswahrnehmung erworben, noch angeboren?
3.2 Ist der Raum unendlich, konstant und vollständig subjektiv? Kann er eine reine Anschauung sein?
3.3 Ist die Anschauung des Raumes die Grundlage der Wahrheit äußerer Erscheinungen?

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit Anbeginn der Philosophie und somit dem Hinterfragen der Beschaffenheit der Welt, versucht der Mensch die Hintergründe der Medien zu erkennen in welchen er die Welt wahrnimmt - Raum und Zeit. Die größten Denker der Menschheitsgeschichte versuchten das Wesen von Raum und Zeit zu ergründen und entwickelten dabei verschiedenste Vorstellungen und Modelle. Einer von ihnen war Immanuel Kant. Unter anderem stellte er im Jahre 1770 in „Von der Form der Sinnen- und Verstandeswelt und ihren Gründen”, der sogenannten Inauguraldissertation, seine Idee des Raumes und der Zeit dar. Seine Vorstellung diesbezüglich unterschied sich wesentlich von den Ideen sonstiger Philosophen seiner Zeit.

In dieser Hausarbeit soll aus Gründen des Umfanges lediglich der Raumbegriff der Inauguraldissertation erörtert und kritisch betrachtet werden.

Kants grundlegende Idee ist der Raum als Form der Anschauung. Die Dinge an sich sind weder räumlich noch zeitlich. Der Raum verleiht den Dingen unserer äußeren Wahrnehmung eine Form und ist zudem Voraussetzung aller äußeren Wahrnehmung. Schließlich ist er etwas rein Subjektives, ermöglicht es uns jedoch die Dinge der Außenwelt über den Filter unserer Sinne wahrzunehmen. Er ist demnach nichts rein Ideelles.

Die Abhandlung über den Raum unterteilt sich im §15 der Inauguraldissertation in sechs Teilabschnitte (A-E + Zusatz) welche Kants Idee des Raumes systematisch darstellen. Die Abschnitte beziehen sich aufeinander und erklären und ergänzen sich gegenseitig, sodass letzten Endes eine argumentativ gut gestützte Idee des Raumes vorliegt.

In meiner Erörterung der kantischen Raumidee werde ich dem Argumentationsverlauf des §15 der Inauguraldissertation zunächst chronologisch folgen, um anschließend anhand meiner Rekonstruktion kritische Betrachtungen durchzuführen.

2. Kants Idee des Raumes

Nach Kant ist der Raum die Voraussetzung äußerer Wahrnehmung. Äußere Wahrnehmung ist das sinnliche Erfassen von Objekten, welche verschieden (außerhalb) vom wahrnehmenden Subjekt sind. Die Objekte unterscheiden sich innerhalb der Wahrnehmung räumlich voneinander. Zudem ist der Raum eine Vorstellung. Die Vorstellung des Raumes sorgt dafür, dass die Gegenstände als voneinander verschieden wahrgenommen werden können. Das bedeutet, dass ohne die Voraussetzung der Vorstellung des Raumes keine Verschiedenheit der Objekte der Wahrnehmung vorhanden sein kann. Somit ist die Vorstellung des Raumes eine notwendige Voraussetzung äußerer Wahrnehmung.

Eine strukturierte Rekonstruktion könnte folgendermaßen aussehen:

[Rekonstruktion 1:]

(P1): Wir besitzen äußere Wahrnehmung.

(P2): Äußere Wahrnehmung existiert nur dann, wenn sich die Gegenstände der Wahrnehmung räumlich unterscheiden.

(K1): Die Gegenstände unserer äußeren Wahrnehmung unterscheiden sich räumlich.

(P3): Der Raum ist die Voraussetzung räumlicher Unterscheidung.

(P4): Der Raum ist eine Vorstellung.

(K2): Die Vorstellung des Raumes ist notwendige Voraussetzung äußerer Wahrnehmung.

Obwohl der Begriff des Raumes die Voraussetzung äußerer Wahrnehmung ist, ist er nicht angeboren, sondern erworben. Er wird jedoch nicht über die Sinneswahrnehmung erlernt, sondern über die Gesetze der Erkenntniskraft an sich gewonnen. Die Erkenntniskraft ordnet das Empfundene nach konstanten Gesetzen.

Prämisse (P4) der obigen Rekonstruktion ist bisher noch ungeklärt. Wieso sollte der Raum eine Vorstellung sein?

Kants Argument diesbezüglich stützt sich auf den Gedanken vom Raum als etwas in dem Unendliches gedacht wird. Zunächst unterscheidet er einzelne und allgemeine Begriffe. Die Vorstellung des Raumes stellt einen einzelnen Begriff dar. Wäre sie ein allgemeiner Begriff, so müsste sie eine unendliche Menge von Vorstellungen unter sich enthalten. Das liegt im Falle des Raumbegriffes jedoch nicht vor, da dieser nicht durch unendlich viele Vorstellungen definiert ist, sondern diese in sich begreift.

Er ist „[...] eine einzelne Vorstellung, die alles in sich begreift [...]” (Kant 1770, S.57). Der Begriff „einzelne Vorstellung” meint in Bezug auf den Raum, dass dieser kein aus mehreren beziehungsweise unendlich vielen verschiedenen Vorstellungen Zusammengesetztes ist und somit beispielsweise aus den Vorstellungen der Objekte sich herleitet, sondern, dass, in umgekehrter Weise, die Vorstellungen der Objekte unter die eine, nicht zusammengesetzte Vorstellung des Raumes fallen. Es gibt keine voneinander unabhängigen Vorstellungen des Raumes, sondern nur die eine Vorstellung des unendlichen Raumes, welcher alle Dinge in sich enthält. Dasjenige, was gemeinhin als separater Raum bezeichnet wird, sei es ein Klassenraum oder der Raum den der Planet Erde einnimmt, ist nur eine willkürliche Begrenzung des einen, diese Raumabschnitte umgebenden, unendlichen Raumes.

Der Raum ist demnach eine einzelne Vorstellung, welche alles Sinnliche in sich enthält.

Der einzelne Begriff[1] nun, „[...] in dem man alles beliebige Sensible denkt [...]” (Kant 1770, S.43) heißt reine Anschauung. Dies trifft auf den Begriff des Raumes zu.

Das Argument des Raumes als reine Anschauung kann folgendermaßen strukturiert werden:

[Rekonstruktion 2]:

(P1): Es gibt allgemeine und einzelne Begriffe.

(P2): Nur einzelne Begriffe können unendlich viele Vorstellungen in sich enthalten.

(P3): Die Vorstellung des Raumes enthält unendlich viele Vorstellungen in sich.

(K1): Die Vorstellung des Raumes ist ein einzelner Begriff.

(P4): Ein einzelner Begriff in dem alles Sinnliche gedacht werden kann, heißt reine Anschauung.

(P5): Im Begriff des Raumes kann alles Sinnliche gedacht werden.

(K2): Der Raum ist eine reine Anschauung.

Der Begriff des Raumes enthält alles Sensible unter sich und ordnet es einander bei, gibt ihm also eine Form. Die reine Anschauung ist somit jene Anschauung, welche die Form der Sinnlichkeit enthält.

Dass der Raum eine reine Anschauung ist, sieht Kant vor allem in der Geometrie verdeutlicht. So ist die reine Anschauung des Raumes notwendige Voraussetzung der Geometrie, denn „[...] daß es im Raum nicht mehr als drei Abmessungen gibt [...] kann nicht aus irgendeinem allgemeinen Begriff des Raumes geschlossen, sondern nur in ihm gleichsam in conreto geschaut werden.” (Kant 1770, S.59). Allein durch Verstandestätigkeit hätten die Begriffe der Geometrie keine objektive Gültigkeit, sondern könnten lediglich induktive Schlüsse darstellen. Sie müssen in der Anschauung dargestellt (konstruiert) werden können. Ohne diese Möglichkeit der Darstellbarkeit wäre die exakte, wissenschaftliche Bestimmung eines geometrischen Begriffes unmöglich. Allgemein stützt sich die Evidenz wissenschaftlicher Erkenntnisse allein auf die Geometrie. Kants Argumentation hierfür ist folgende:

[...]


[1] Kant scheint die Begriffe der einzelnen Vorstellung und des einzelnen Begriffes synonym zu verwenden. (Der einzelne Begriff steht dem logischen Begriff gegenüber.) (Siehe: Kant 1770, S. 57-59)

Details

Seiten
15
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668182363
ISBN (Buch)
9783668182370
Dateigröße
628 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319063
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Philosophie
Note
2,0
Schlagworte
kritische betrachtung raumbegriffes kants inauguraldissertation

Autor

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