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Portfolio zu Arbeitslehre und Berufliche Bildung in der Förderschule

Seminararbeit 2013 46 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Portfolioaufgabe
1. Die Diskussionsgruppen und ihre Haltungen:
1.1 Die Perspektive der Unternehmer
1.2 Die Perspektive der Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM)
1.3 Die Perspektive der Förderschullehrkräfte

2. Reflexion aus Sicht der Förderschullehrkräfte

3. Fazit zum Rollenspiel

4. Literaturverzeichnis

2. Portfolioaufgabe
Unterrichtsentwurf „Projekt Schulflohmarkt im Gemeinsamen Unterricht“
1. Vorwort
2. Konzeption eines Unterrichtprojekts „Schulflohmarkt“ im Fach Arbeitslehre im gemeinsamen Unterricht zum Thema „Arbeit und Beruf“
2.1 Unterrichtsklasse
2.2 Lerngruppenbeschreibung
2.2.1 Beschreibung der I-Schüler und Schülerinnen
2.2.2 Beschreibungen der Regelschüler ohne Anspruch auf heil- und sonderpädagogische Förderung
2.3 Kontexteinbettung
2.4 Sachanalyse „Schulflohmarkt“
2.5 Didaktische Analyse
2.5.1 Fachrelevanz
2.5.2 Lehrplanbezüge
2.6 Lernziele - Fern- und Nahziele:
2.6.1 Etappe 1: Herstellung des Bauchladens und der Verkaufsgegenstände
2.6.2 Etappe 2: Planspiel „Bauchladen“ zur Durchführung des Flohmarkts
2.6.3 Etappe 3: Vorbereitung und Durchführung des Flohmarkts
2.6.4 Etappe 4: Reflexion des Flohmarkts
2.7 Methodische Umsetzung
2.7.1 Etappe 1: Herstellung des Bauchladens und der Verkaufsgegenstände
2.7.2 Etappe 2: Planspiel „Bauchladen“ zur Durchführung des Flohmarkts
2.7.3 Etappe 3: Vorbereitung und Durchführung des Flohmarkts
2.7.4 Etappe 4: Reflexion des Flohmarkts

3. Literaturverzeichnis
3. Portfolioaufgabe
1. Rechtliche Rahmenbedingungen
2. Analyse der gegenwärtigen Situation
3. Zukunftsprognose: Partizipation von Menschen mit geistiger Behinderung am primären Arbeitsmarkt
3.1 Wirtschaftliche Ebene
3.2 Gesellschaftliche Ebene
3.3 Schulische Ebene

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

Anhang A: Zur zweiten Portfolioaufgabe: Curriculare Einordnung des Projekts in diverse für Gemeinsamen Unterricht relevante Curricula

Anhang B: Arbeitstagebuch zur zweiten Portfolioaufgabe

1. Portfolioaufgabe

Reflektieren sie den Verlauf des Rollenspiels unter Berücksichtigung ihrer Rolle bzw. der Zugehörigkeit einer Gruppenrolle. Sollten Sie zu der Gruppe der „außenstehenden Beobachter/innen“ gehören, reflektieren Sie den Verlauf und die Rollenübernahme der einzelnen Personen im Rollenspiel. Beachten Sie folgende Aufgabenstellung:

Gruppe Lehrkräfte: Sie sind Lehrerin bzw. Lehrer an einer Schule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. In Ihrem Arbeitslehre-Unterricht achten Sie darauf, Ihren Schülerinnen und Schülern größtmögliche Selbstständigkeit zu vermitteln. Darüber hinaus streben Sie - sofern die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten dies zulassen - eine berufliche Inklusion auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Ihrer Schülerinnen und Schüler an. Welche Probleme und Schwierigkeiten könnten dabei auftreten? Begründen Sie Ihre Bemühungen und Befürchtungen.

1. Die Diskussionsgruppen und ihre Haltungen:

1.1 Die Perspektive der Unternehmer

In der Diskussion der Unternehmer, WfbM-Leiter und Förderschullehrer nahm das Lager der Unternehmer eine auf die Erfahrungen eines einzelnen Unternehmens basierende Haltung ein. Dass ¾ aller Behinderten keinen Zugang zu dem primären Arbeitsmarkt haben und hier Handlungsbedarf, auch auf Seiten der Unternehmen besteht, wurde von der Gruppe der Unternehmen zunächst bestritten. Denn in ihrem Musterunternehmen, welches zum „Arbeitgeber des Jahres“ ausgezeichnet worden sei, werde die gesetzliche Beschäftigungsquote schwerbehinderter Menschen erfüllt. Eine Generalisierung der Erfahrungen aus dem eigenen Unternehmen auf die gesamte Wirtschaft verhinderte, dass über den Abbau betrieblicher Barrieren der beruflichen Partizipation am primären Arbeitsmarkt ertragreich diskutiert werden konnte. Die Unternehmer zeigten sich aufgeschlossen bezüglich der Bedürfnisse von geistig behinderten Menschen, gaben die Verantwortung für Handlungsbedarf jedoch stets an die Politik, die Behindertenwerkstätten oder die Lehrkräfte ab. Die Unternehmer gaben zunächst vor, aus moralischen Gründen die Einhaltung der gesetzlichen Beschäftigungsquote schwerbehinderter Menschen anzustreben und stellten sich selbst heroisch und aufopfernd dar. Eine tiefgehende Diskussion brachte zu Tage, dass die Unternehmer schwerbehinderte Fachkräfte einstellen, jedoch keine unausgebildeten Hilfskräfte und sich von der Einhaltung der gesetzlichen Beschäftigungsquote schwerbehinderter Menschen, vor Allem einen öffentlichkeitswirksamen Werbeeffekt erhoffen. Von staatlichen Hilfsangeboten zur Realisierung der Partizipation geistig Behinderter Menschen, wussten die Unternehmer nichts. Im Kontext dieser staatlichen Unterstützungsmaßnahmen räumten die Unternehmer ein, künftig auch geistig behinderte Menschen ohne berufsqualifizierende Ausbildung für Hilfsarbeiten einzustellen. Exemplarisch für die Unternehmen in unserer Gesellschaft erachte ich die Abstreitung von Zuständigkeit und Verantwortung für berufliche Partizipation geistig Behinderter am primären Arbeitsmarkt, sowie das Unwissen um staatliche Unterstützungsmöglichkeiten und die daraus unter Anderem resultierende Haltung, dass Beschäftigung geistig Behinderter unwirtschaftlich sei.

1.2 Die Perspektive der Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM)

Die Vertretung der Werkstätten für behinderte Menschen betonte ihre Leistungen zur gesellschaftlichen Partizipation von Menschen mit geistiger Behinderung. Bezüglich der Partizipation behinderter am primären Arbeitsmarkt verweist sie darauf, dass die WfbM immer wieder Vermittlungen Behinderter auf den primären Arbeitsmarkt zu verzeichnen hätten. Den Einwand der Lehrervertretung, dass es nur etwa 1% der Behinderten der WfbM gelinge in den primären Arbeitsmarkt eingegliedert zu werden und ein Großteil dieser 1% sich nur maximal 2 Jahre am primären Arbeitsmarkt hielten, wies die Vertretung der WfbM von sich und schob die Schuld, an mangelnder und kurzweiliger Partizipation am primären Arbeitsmarkt, den Unternehmen zu. Den Vorwurf der Lehrervertretung, man separiere behinderte Menschen in der WfbM –Maßnahme, anstatt sie zu inkludieren, begegnet die Werkstattvertretung rechtfertigend. Eine Separation sei notwendig, gerade zum Schutze der geistig Behinderten vor Etikettierungen und Stigmatisierungen. Zudem sei kein realisierbares alternatives Modell zur WfbM-Maßnahme bekannt. Die Vertretung der WfbM rechtfertigt ihr Monopol auf erwerbsmäßige Partizipation von Behinderten damit, dass ohne die WfbM keine erwerbsmäßige Partizipation von Behinderten gewährleistet sei und ein separatives Modell das geringere Übel sei, als der Wegfall der WfbM. Den Vorwurf monotoner Arbeitstätigkeiten, wie das Sortieren von Schrauben, versuchte die Vertretung der WfbM durch die Einsetzbarkeit der Behinderten in verschiedenen Arbeitsbereichen (Werkstatt, Küche, Haushalt, uvm.) zu wiederlegen. Da die Tätigkeitsbereiche allesamt zum großen Teil monotone Arbeiten für geistig Behinderte bereithalten, ist eine Entkräftung dieses Vorwurfs nicht gelungen. Den Vorwurf geistig Behinderte nicht auf ein Arbeiten am primären Arbeitsmarkt vorzubereiten wies die Vertretung der WfbM damit zurück, dass Partizipationsversuche am primären Arbeitsmarkt ausschließlich an mangelnder Kooperation von Unternehmen scheitere. Außerdem wirft die Vertretung der WfbM den Förderschulen vor, kein „brauchbares Rohmaterial“ abzuliefern und eine Berufsorientierung auf den primären Arbeitsmarkt zu versäumen. Abgänger der Förderschulen würden über mangelhafte Arbeitsdisziplin verfügen, hätten kein realistisches Bewusstsein über persönliche Stärken und Schwächen, und keine realistischen Ziele, wo sie diese Stärken und Schwächen im primären Arbeitsmarkt einbringen können. Die Vertreter der Förderschullehrkräfte räumen diesen Missstand ein, sehen die Ursache jedoch auf curricularer Ebene gegeben, da Berufsorientierung nicht curricular reglementiert und standardisiert sei in Bundesländern, wie beispielsweise Hessen. Eine Qualitätssicherung der Berufsorientierung geistig Behinderter sei somit nicht gegeben

1.3 Die Perspektive der Förderschullehrkräfte

Die Vertretung der Förderschullehrkräfte nahm in der Diskussion überwiegend eine passive bis reaktive Rolle ein. Größtenteils verhielt sie sich passiv, gerade bei den selbstdarstellerischen Vorträgen der Vertreter der Unternehmer und bei Diskursen zwischen Jenen und der Vertretung der WfbM. Aktiv wurden die Vertretung der Förderschullehrkräfte in Reaktion auf Angriffe der Unternehmer- und WfbM-Repräsentanten. So klagte der Unternehmervertreter den Repräsentanten der Lehrkräfte an, nicht ausreichend mit Unternehmen bei der Berufsorientierung Behinderter zu kooperieren. Lehrkräfte seien nicht ausreichend bemüht Praktikumsplätze des primären Arbeitsmarkts zu vermitteln. Auch die Vertretung der WfbM schloss sich diesem Angriff auf Förderschullehrkräfte an, mit der Ergänzung, dass die Förderschule keine Arbeitsdisziplin heranbilde. Der Unternehmervertretung entgegnete die Repräsentantin der Förderschullehrkräfte, dass die Erfahrung zeige, dass Unternehmen immer wieder abweisend und vorurteilsbehaftet auf Praktikumsanfragen geistig Behinderter reagierten. Es seien also nicht nur die Lehrkräfte gefordert, Bemühungen zur Kontaktherstellung zwischen geistig Behinderten und Unternehmen zu tätigen, sondern gerade die Unternehmen selbst. Dem Vorwurf der WfbM-Vertretung, mangelhafte Arbeitsdisziplin bei Förderschülern heranzubilden, entgegnete die Repräsentantin der Förderschullehrkräfte, dass Förderschüler drei Praktika durchlaufen, um unter anderem die Anforderungen und Gepflogenheiten des primären Arbeitsmarktes den Lernenden zu vermitteln. Fehlende curriculare Rahmenbedingungen bedingen großen Handlungsspielraum bei der Förderung und Forderung der Lernenden. Dieser Umstand sei jedoch auf politischer Ebene zu klären. Zu diskutieren sei hingegen, ob mangelnde Arbeitsdisziplin nicht durch Rahmenbedingungen des Werkstattunterrichts der WfbM bedingt sei und nicht durch Förderschulerfahrungen. Eine aktive Rolle nahm die Vertretung der Förderschullehrkräfte ein, um unwahre Behauptungen zu entkräften und richtig zu stellen. So wurde die Behauptung, Unternehmen würden bereits genug leisten um die Teilhabe geistig Behinderter am primären Arbeitsmarkt zu ermöglichen, als Lüge entlarvt. Denn im Bundesschnitt sei die 5% Behinderten-Beschäftigungsquote nicht von Unternehmen erfüllt. Da gerade geistig Behinderte größere Teilhabebarrieren zu überwinden hätten und nach dem Schulabgang zu 90% in die WfbM-Maßnahme einmünden, bestehe für diese Gruppe nach wie vor dringender Bedarf an Partizipation in den primären Arbeitsmarkt. Als weitere Lüge entlarvte die Repräsentantin der Förderschullehrkräfte die Aussage der WfbM Vertretung, die WfbM würden einen erheblichen Beitrag zur Partizipation am primären Arbeitsmarkt leisten. Richtig sei, dass die WfbM ihrer Daseinsberechtigung aus dem Auftrag gesellschaftlicher Integration und beruflicher Partizipation erhielten. Da jedoch über Jahrzehnte hinweg die Vermittlungsquote an den primären Arbeitsmarkt bei etwa 1% gelegen habe, könne von einem erheblichen Beitrag zur Partizipation am primären Arbeitsmarkt nicht die Rede sein. Vielmehr stelle die WfbM-Maßnahme eine Bindung an die Maßnahme dar und erschwere die Durchlässigkeit in den allgemeinen Arbeitsmarkt. Daher gelte die WfbM-Maßnahme als fragwürdig und reformbedürftig. Auch die Annahme der Unternehmergruppe, man habe durch die Einhaltung der Behinderten-Beschäftigungsquote eine besondere Last auf sich geladen, sowie die Annahme, die Beschäftigung geistig Behinderter sei unwirtschaftlich, konnte durch die Repräsentantin der Förderschullehrkräfte entkräftet werden. Zum einen erhielten Unternehmen umfangreiche staatliche Unterstützung zur Beschäftigung Schwerbehinderter, so dass die Beschäftigung Schwerbehinderter durchaus wirtschaftlich sei. Zum anderen stellten Schwerbehinderte auch keine Last dar, da deren Beschäftigung wirtschaftlich sei und sogar für positive Publicity sorge. Insgesamt agierte die Repräsentantin der Förderschullehrkräfte aufklärend und Trugbild auflösend.

2. Reflexion aus Sicht der Förderschullehrkräfte

Als Berater der Repräsentantin der Förderschullehrkräfte war es mir nicht möglich die Diskussion aktiv mitzugestalten, sondern ich musste hoffen, dass von mir zugespielte Zettel in den Diskurs rechtzeitig und an geeigneter Stelle eingebracht werden. Aus meiner persönlichen Sicht war das Selbstverständnis der Unternehmergruppe, dass ihre zum Unternehmen des Jahres ausgezeichnete Bank exemplarisch für alle Unternehmen stünde. Eine Auszeichnung hat den Zweck einer überdurchschnittlichen Leistung zu honorieren, weshalb eine Generalisierung in diesem Fall besonders sinnfrei ist. Es ist statistisch belegt, dass die Behinderten-Beschäftigungsquote im Bundesschnitt von dem Jahr 2003 bis 2011 von 4,0% auf 4,6% gestiegen ist, aber dennoch unterschritten bleibt.[1] Dass der Vertreter der Unternehmer durchweg davon ausgeht, dass Unternehmen ihren Verpflichtungen zur Partizipation Schwerbehinderter Menschen am allgemeinen Arbeitsmarkt nachkommen, macht es schwer Maßnahmen zur Verbesserung der Quote zu besprechen. Denn aus Sicht der Unternehmervertreter gab es Nichts zu verbessern. Und das, obwohl die Quote nicht erfüllt ist, ¾ aller Schwerbehinderten erwerbslos sind und 90% der geistig behinderten Schulabgänger nicht am allgemeinen Arbeitsmarkt erwerbstätig werden.[2] Ein Musterunternehmen zu nennen und zu analysieren um Wege zur Erfüllung der Quote aufzuzeigen halte ich für sinnvoll. Dass das Musterunternehmen von der Unternehmergruppe zur Wahrheitsverdrehung missbraucht wurde, hemmte die Diskussion und war contra produktiv. Ein Rollenspiel lebt von Interaktion, der Bereitschaft zu Kompromissen und der Bemühung um Lösungsfindungen. Die Unternehmergruppe hingegen hat kontinuierlich versucht sich selbst als Gewinner zu positionieren, auf Kosten der Wahrheitsfindung und auf Kosten der Annäherung zu Kompromissen. Es wäre sinnvoller gewesen, wenn die Unternehmergruppe sich an den Perspektiven deutscher klein-, mittelständigen- und Großunternehmen orientiert hätte. Im Großen und Ganzen ging es während der Podiumsdiskussion primär darum Verantwortung von sich zu weißen. Für die Unternehmer besteht ihrerseits keine Handlungsnotwendigkeit, sodass die Verantwortung für die Beschäftigung geistig Behinderter am allgemeinen Arbeitsmarkt in anderen Händen liegen muss. Der Vertreter der Behindertenwerkstätten sieht Handlungsnotwendigkeit, weißt diese jedoch den Förderschullehrern zu. Diese wiederum sehen ein, dass förderschulische Reformen folgen müssen, sehen aber ebenso Handlungsbedarf auf Seiten der Unternehmer und der Behindertenwerkstätten.

Schulische Maßnahmen zur Verbesserung der Partizipation geistig Behinderter am allgemeinen Arbeitsmarkt bestehen zum einen in einer besseren Ausbildung der Förderschullehrkräfte im Fach Arbeitslehre. Zum anderen bilden Universitäten Heil- und Sonderpädagogen, nach wie vor Fachwissenschaftlich aus wie Haupt- und Realschullehrkräfte. Auf besondere Erfordernisse der Arbeitslehre im Umgang mit geistig behinderten Menschen wird allenfalls in Wahlmodulen eingegangen. Die Absolvierung eines Fachpraktikums im Fach Arbeitslehre ist Heil- und Sonderpädagogen an Förderschulen verboten. Praktische Einblicke in die Beschulung geistig Behinderter im Fach Arbeitslehre, wird hierdurch systematisch durch die Studienordnung boykottiert. In den Vorbereitungs- und Nachbereitungsseminaren des Arbeitslehre-Fachpraktikums stellt das Thema Inklusion oder Berufsvorbereitung an Förderschulen ein rotes Tuch für Dozenten dar. Konkrete Schritte für guten Berufsbildungsunterricht an Förderschulen werden an der Universität nicht vermittelt. Die Frage, was konkret man als Förderschullehrer im Fach Arbeitslehre unternehmen kann, um den Lernenden eine zukünftige und nachhaltige Partizipation am allgemeinen Arbeitsmarkt zu ermöglichen, konnte mir bislang kein Dozent beantworten. Ansätze, dass Betriebspraktika eine gute Möglichkeit seien der frühen Partizipation und Kontaktknüpfung, erfährt man noch. Welche Tätigkeiten am allgemeinen Arbeitsmarkt als Hilfs- oder Fachkraft von geistig Behinderten verrichtet werden können und wo dies geschehen kann, wird ebenso wenig beantwortet, wie die Frage, wie geistig Behinderte sich beruflich profilieren und qualifizieren können, um diese Tätigkeiten künftig am allgemeinen Arbeitsmarkt ausüben zu können. Genau diese Frage muss beantwortet sein, damit an Förderschulen eine Berufsorientierung betrieben werden kann, die auf eine nachhaltige Beschäftigung am allgemeinen Arbeitsmarkt abzielt. Ein Katalog wäre zu erstellen, welche Tätigkeiten geistig Behinderte am allgemeinen Arbeitsmarkt ausüben können, bei welchen Unternehmen dies möglich ist und welche Qualifikationsmaßnahmen erforderlich oder hilfreich sind, um diese Tätigkeiten ausüben zu können. Mit diesem Wissen wäre es Förderschullehrern möglich, eine auf individuelle Fähigkeiten und Bedürfnisse der Lernenden zugeschnittene Berufsberatung, mit dem Ziel der Partizipation am allgemeinen Arbeitsmarkt, durchzuführen.

Projekte wie eine Schülerfirma ermöglichen geistig behinderten Förderschülern zudem Einblicke in die Berufsbereiche Technik, Wirtschaft und Haushalt. Damit die Lernenden Partizipations-, wie auch Berufserfahrungen sammeln, sind möglichst viele Betriebspraktika zu realisieren. Lehrkräfte der „alten Schule“ sind fortzubilden, damit keine Erziehung zur Karriere in der WfbM mehr praktiziert wird, sondern eine Partizipation der Lernenden am allgemeinen Arbeitsmarkt von allen Lehrkräften angestrebt wird. Eine curriculare Verankerung von beruflicher Bildung käme einem Qualitätsstandard von Arbeitslehreunterricht an Förderschulen zu Gute. Exkursionen in Betriebe oder Berufsbildungswerke sind ebenfalls dienlich für eine Berufsorientierung am allgemeinen Arbeitsmarkt.

Es kann festgehalten werden, dass rein schulische Reformen zwar ein guter Schritt zur Partizipation geistig Behinderter am allgemeinen Arbeitsmarkt sind, aber nicht ausreichen. Gesellschaftliches Denken muss ebenso erneuert werden, damit Behinderung keine Vorurteile und Etikettierungen mehr erfährt. Eltern müssen angeleitet werden geistig behinderte Kinder zu mündigen Bürgern zu erziehen. Auch unternehmerisches Denken muss reformiert und politisches Handeln optimiert werden. Längst überfällig ist auch die Reform der WfbM weg von einem Sammelbecken mit wachsendem Zulauf für Behinderte, hin zu einer Fördermaßnahme besonders benachteiligter Behinderter mit wachsender Durchlässigkeit zum allgemeinen Arbeitsmarkt. Auch die Werkstufe ist zu reformieren und sollte Arbeitsqualifizierend abschließen und diesbezüglich neu ausgerichtet werden.

3. Fazit zum Rollenspiel

Zunächst empfinde am Arbeitsauftrag ungünstig, einen Gruppensprecher zu benennen für eine Podiumsdiskussion. Häufig schwieg unsere Gruppensprecherin, während wir wild auf Zettel kritzelten. Zudem ist die Argumentation und Präsenz der Gruppe von einer einzelnen Person und deren Persönlichkeit abhängig. Ich persönlich empfand es für unsere Gruppe hemmend, dass eine zurückhaltende und tendenziell eher schüchterne Kommilitonin Gruppensprecherin wurde. Die übrigen Gruppen waren mit weitaus energischeren Sprechern besetzt, weshalb nicht Argumente, sondern Esprit und Beharrlichkeit über die Entwicklung der Diskussion entschieden. Hätte man allen Gruppenteilnehmer die Sprechberechtigung erteilt, wäre die Chance zur Kompensation von Persönlichkeitsunterschieden gegeben und Argumente hätten stärkeren Einfluss auf die Diskussion genommen, als das Temperament einzelner Sprecher. Im Großen und Ganzen empfinde ich das Rollenspiel als sinnvolle Methode, um sich die verschiedenen Perspektiven auf die Partizipation geistig Behinderter am allgemeinen Arbeitsmarkt zu erschließen.

4. Literaturverzeichnis

Friese, M. & Stöppler, R. (2008): „Wo bitte geht’s zum Arbeitsmarkt?“ Partizipation und Integration in Arbeit und Beruf bei Menschen mit geistiger Behinderung. In: Lernen Konkret 27 (3), 2-4.

Stöppler, R. & Schuck, H. (2011): Berufliche Bildung bei Menschen mit geistiger Behinderung. Auf dem Weg zur beruflichen Integration/Inklusion!? In: bwp@ Spezial 5 – Hochschultage Berufliche Bildung 2011, Fachtagung 02, hrsg. v. Friese, M. & Benner, I., 1-27. Online: Link-extern: http://www.bwpat.de/ht2011/ft02/stoeppler_schuck_ft02-ht2011.pdf (26.09.2011).

Internetquellen

Beschäftigungsquoten Schwerbehinderter Menschen der Agentur für Arbeit 2003 - 2011;
http://statistik.arbeitsagentur.de/Navigation/Statistik/Statistik-nach-Themen/Beschaeftigung/Beschaeftigung-schwerbehinderter-Menschen/Beschaeftigung-schwerbehinderter-Menschen-Nav.html (20.05.2013).

2. Portfolioaufgabe

Die zweite Portfolioaufgabe wird zur Gruppenaufgabe umstrukturiert und sollte als ordentlich erarbeitete Sachanalyse in den Unterrichtsentwurf eingearbeitet werden. Die 2. Portfolioaufgabe in der ursprünglichen Form entfällt somit.

Für den Unterrichtsentwurf reicht es aus, wenn sie 2-3 aufeinanderfolgende Unterrichtsstunden detailliert beschreiben.

Unterrichtsentwurf „Projekt Schulflohmarkt im Gemeinsamen Unterricht“

1. Vorwort

Da es sich um eine sehr heterogene Klasse bzgl. Leistungsfähigkeit, Lernfähigkeit, Regel- und Sozialverhalten sowie Sprachfähigkeit und kultureller Normen handelt, muss eine Fördermöglichkeit, von der möglichst alle SuS profitieren, konzipiert werden. Ziel der geplanten Unterrichtssequenz ist es, einen Lerngegenstand Regelschülern als auch Schülern und Schülerinnen mit verschiedenen Behinderungen und Lernbarrieren zugänglich zu machen. Die Planung einer solchen Unterrichtssequenz ist sehr komplex, da die Lernenden unterschiedliche Förderschwerpunkte haben, auf die eingegangen werden soll. Durch die verschiedenen Förderschwerpunkte muss bezüglich der Intensität der Förderung ein Kompromiss eingegangen werden, damit alle Lernenden eine Förderung erfahren und nicht nur Vereinzelte. Es gilt also eine Lernsituation zu kreieren, die die Förder- und Forderbedarfe aller Lernenden berücksichtigt und dabei alle Lernenden in das Unterrichtsgeschehen einbindet. In diesem Kontext kommt den I-Schülern und -Schülerinnen eine individuelle Förderung durch eine BFZ-Förderschullehrkraft im Umfang von bis zu 4 Wochenstunden pro Kopf zu Gute.

Der Lernhilfeschüler soll durch Modelllernen von anderen SuS lernen. Eine eindeutige Gliederung der Einkaufsvorgänge in einzelne kleine Unterrichtssequenzen folgt dem Modell des kleinschrittigen Lernens, welches LH-Schülern und Schülerinnen sehr entgegenkommt. Außerdem profitiert der LH-Schüler durch das dialogische Lernen in einer alltagsnahen Lernsituation. LH-SuS sind nicht selten aus dem Regelschulsystem ausselektierte SuS, die dort als schwer oder nicht beschulbar gelten. Entsprechend ist ihre intrinsische Lernbereitschaft mitunter sehr gering, sodass ein beiläufiges Lernen, welches den Lernprozess unsichtbar erscheinen lässt, deren Lernbereitschaft aktiviert. Auch das spielerische Lernen macht den Lerngegenstand für LH-Schüler und Schülerinnen unsichtbar, was Lernbarrieren und Lernverweigerungshaltungen zu überwinden hilft.

EH-Schüler und Schülerinnen haben ebenso wie häufig auch LH-Schüler und Schülerinnen mit Aufmerksamkeitsproblemen zu kämpfen. Deshalb kommt auch ihnen ein „unsichtbares“ und kleinschrittiges Lernen sehr entgegen. Schüler und Schülerinnen mit Förderanspruch im Bereich der geistigen Entwicklung werden für gewöhnlich lernzieldifferent inkludiert. Im Rahmen des Projektunterrichtes „Schulflohmarkt“ sehe ich die Notwendigkeit des lernzieldifferenten Unterrichtens nicht gegeben, da dieser mit größeren Nachteilen (Etikettierung, Stigmatisierung) verbunden wäre als Vorteilen.

Bei der Ausarbeitung dieser Unterrichtssequenz fällt mir verstärkt im Abgleich mit förderschulischer Alltagsrealität auf, dass die Selektion in einzelne Förderschwerpunkte nicht selten einer gewissen Willkür unterläuft. So manche Schüler und Schülerinnen einer LH-, EH- oder PB-Schule legen identische Verhaltenssymptomatiken zu Tage. Dies legt zum einen die Überlegung nahe, ob eine Selektion unter Förderschulen einem Klischeedenken folgt und Schüler und Schülerinnen zusätzlich durch die Einteilung in Förderschulen mit speziellen Förderschwerpunkten stigmatisiert werden. Zum anderen besteht bei einer speziellen Förderung die Gefahr einer einseitigen Förderung. Wenn Schüler und Schülerinnen an LH-, EH- oder PB-Schulen identische Lern- und Sozialverhaltensauffälligkeiten aufweisen, kann eine spezielle einseitige Förderung nicht alle Probleme der SuS behandeln. Dieser Hintergrund legt bei der Planung von heil- und sonderpädagogischen Interventions-maßnahmen einen Blick auf das Individuum nicht nur über die Spezialistenbrille „LH-, EH- oder PB-Lehrer„ sondern individuumszentriert und über die eigene heil- und sonder-pädagogische Domäne hinausgehend nahe. Gute Intervention sollte also ganzheitlich analysierend und fördernd sein. Zudem erachte ich es als ineffizient eine Fördermaßnahme, die auf der Analyse einer antizipierten Lerngruppe beruht, zur Förderung einer realen Lerngruppe zu verwenden. Förderkonzepte müssen individuell auf eine Lerngruppe zugeschnitten sein. Auf Bundesebene wurde die Notwendigkeit individueller Unterrichtsgestaltung, entsprechend der Erfahrungen, Interessen und Lebenswelt der SuS erkannt und findet Anwendung in der Ablösung steifer Lehrpläne durch Lernfelder und Bildungsstandards. Was für das gesamte Schulsystem gilt, sollten Heil- und Sonderpädagogen gerade wegen des bezüglich Leistungs- und Lernfähigkeit, Regel- und Sozialverhaltens sowie Sprachfähigkeit und kultureller Normen sehr heterogenen Klientels umso mehr beherzigen und ihren Unterricht an realen SuS ausrichten, anstatt sich Klischees zu bedienen und entsprechend derer aus „Schubladen“ zu unterrichten. Ich persönlich hoffe im Hinblick auf den Vorbereitungsdienst, dass der Fokus nicht darauf gerichtet ist, im Studienseminar erlernte Methoden im förderschulischen Unterricht herunterzubeten, sondern darauf die Bedürfnisse der SuS zu erkennen und den Unterricht an diesen auszurichten. Kategorisierung und Standardisierung von Lehrmethoden dürfen einer individuumszentriert ausgerichteten Unterrichtskonzeption nicht entgegenstehen. Eine Verwissenschaftlichung des Unterrichtens sollte werdende Lehrkräfte nicht darauf trainieren, Lernende über Klischees zu betrachten und Förderkonzepte aus Schubladen zu ziehen. Guter Unterricht ist meiner Ansicht nach schulformübergreifend ein Unterricht, der die individuellen Lernvoraussetzungen und Bedürfnisse der Lernenden berücksichtigt und diese didaktisch-methodisch aufbereitet in die Unterrichtsplanung einbezieht. Die Antizipation von Unterrichtssituationen und Lerngruppen ist ein hilfreiches Instrument, um erwartete oder erfahrende Unterrichtssituationen sowie erwartetes oder bereits erfahrenes Schüler/innenverhalten zu analysieren. Da Antizipation den Unterricht jedoch aus der Perspektive des Analysierenden ablichtet, ist sie nicht geeignet Unterricht jenseits der eigenen Erwartungen und Erfahrungen abzubilden. Sie dient der Vorbereitung auf schulische Praxis, kann reale Unterrichtserfahrung nicht ersetzen und läuft Gefahr durch Generalisierung zu automatisiertem anstatt individualisiertem Lehrer/innenhandeln zu verleiten. Durch die Antizipation von Unterrichtssituationen und Lerngruppen sollte das Unterrichten nicht durch statischen Methodenabruf automatisiert, sondern durch dynamische Methodenkonzeption individualisiert werden. Da ich bei der Konzeption der nachfolgenden Unterrichtseinheit, zunächst unterbewusst, auf Schulerwartungen und -erfahrungen zurückgegriffen und die Gefahr einer Generalisierung erkannt habe, sehe ich mich zu diesem essayartigem Vorwort motiviert.

[...]


[1] vgl. http://statistik.arbeitsagentur.de/Navigation/Statistik/Statistik-nach-Themen/Beschaeftigung/Beschaeftigung-schwerbehinderter-Menschen/Beschaeftigung-schwerbehinderter-Menschen-Nav.html

[2] vgl. Friese & Stöppler 2008, 2 ; vgl. Stöppler & Schuck 2011, 2

Details

Seiten
46
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668207486
ISBN (Buch)
9783668207493
Dateigröße
711 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319206
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Institut für Erziehungswissenschaft
Note
2,7
Schlagworte
portfolio arbeitslehre berufliche bildung förderschule
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Titel: Portfolio zu Arbeitslehre und Berufliche Bildung in der Förderschule