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Die Rolle der Selbstwirksamkeit bei der Bewältigung von schulischen Anforderungen

Hausarbeit 2013 15 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsdefinition: Das Konzept der „Selbstwirksamkeit“

3. Die Selbstwirksamkeitserwartung und deren Diagnose

4. Die Bedeutung von Selbstwirksamkeit bei Lernprozessen

5. Die Entwicklung und Förderung von Selbstwirksamkeit
5.1 Handlungsergebnisse in Gestalt eigener Erfolge und Misserfolge
5.2 Stellvertretende Erfahrungen durch Beobachtung von Verhaltensmodellen
5.3 Sprachliche Überzeugungen
5.4 Wahrnehmungen eigener Gefühlserregung

6. Lernstrategietrainings mit integrierten Selbstregulationstrainings

7. Selbstwirksamkeit als Schulkonzept

8. Fazit

9. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

In unserer heutigen Gesellschaft und im Kontext lebenslangen Lernens steigen die Anforderungen an Schüler/innen (und an Erwerbstätige) stetig, wobei die Fähigkeit, erfolgreich und auch eigenverantwortlich zu lernen, von immenser Bedeutung ist. Ein erfolgreicher Lernprozess ist von vielen Faktoren und Strategien abhängig, wobei vor allem die Fähigkeit selbstgesteuert zu lernen eine wichtige Rolle spielt. Doch wie kann selbstgesteuertes Lernen gelingen? Welche Rolle spielen unser Selbstbewusstsein, unser Optimismus und unsere Motivation als Komponenten unserer Lernerpersönlichkeit bei der Bewältigung von Aufgaben und Lernprozessen? Das Konzept der Selbstwirksamkeit widmet sich diesen Fragen und eröffnet eine Perspektive auf schulisches Lernen, die das Selbstkonzept des Lerners in den Mittelpunkt rückt. Letztendlich stellt sich für uns als (angehende) Lehrkräfte die Frage, wie wir dieses Selbstkonzept des Lerners nutzen und ihm helfen können, durch den Glauben an sich selbst Lernbarrieren zu überwinden und Lernprozesse mit Mut und Motivation zu meistern.

2. Begriffsdefinition: Das Konzept der „Selbstwirksamkeit“

Baumert definiert selbstgesteuertes Lernen als „ein dynamisches Zusammenwirken von ‚skill and will‘ [= Fähigkeit und Willen] und damit [als] eine komplexe Leistung der Selbstregulierung des Ichs“ (Baumert 1993: 328). Diese Fähigkeit zur Selbstregulierung ist an bestimmte Eigenschaften gebunden, die unter dem Begriff der „Selbstwirksamkeit“ zusammengefasst werden (vgl. Sackmann 2007: 85). Was allgemein unter „Selbstwirksamkeit“ verstanden wird, zeigt das folgende Zitat auf anschauliche Weise:

„Kennen Sie die berühmte sich selbst erfüllende Prophezeiung? Wenn wir denken "Das geht bestimmt schief!", dann wird es schief gehen! Wenn wir uns sicher sind "Das kriege ich hin!", dann wird es klappen. Wenn wir das Gefühl haben, wir werden ‚das Kind schon schaukeln‘, gehen wir viel selbstbewusster an eine schwierige Aufgabe heran, als wenn wir unsicher oder gar ängstlich sind. Und nur dann können wir ‚das Kind auch schaukeln‘.“ (Schmitz 2007).

Mit diesen Worten eröffnet Gerdamarie S. Schmitz ihren Erziehungsratgeber „Was ich will, das kann ich auch: Selbstwirksamkeit – Schlüssel für gute Entwicklung“ und bringt dabei auf den Punkt, was Psychologen wie Albert Bandura (1989, 1997) oder Pädagoginnen wie Carina Fuchs (2005) als das Konzept der „Selbstwirksamkeit“ bezeichnen – ein Konzept, das sich mittlerweile auch in vielen anderen psychologischen, pädagogischen und didaktischen Fachbüchern und Ratgebern findet, in denen es um das erfolgreiche Bewältigen von Anforderungen in Schule und Alltag geht. Der kanadische Psychologe Albert Bandura nahm als Erster eine Begriffsdefinition vor, in der er Selbstwirksamkeit – auf Englisch self-efficacy – als „Erwartung und Vertrauen in die eigene Kompetenz, auch schwierige leistungsbezogene Anstrengungen lösen zu können“ (Bandura 1989) beschreibt. Selbstwirksamkeit kommt folglich nicht ohne Selbstvertrauen und eine optimistische Erwartungshaltung als persönliche psychische Eigenschaften eines Lerners aus.

Auch Fuchs betont in ihrer Definition die Bedeutung der eigenen Kraft des Lerners: Ihr zufolge beschreibt die Selbstwirksamkeit „einen Zustand oder eine Qualität, den oder die eine Persönlichkeit Kraft ihrer eigenen Fähigkeiten selber bewirkt auf ein von ihr gewünschtes sinnvolles Ziel hin“ (Fuchs 2005: 21). Folglich umspannt die Selbstwirksamkeit die Fähigkeit, die persönlichen Fertigkeiten und den eigenen Willen zielführend selbst zu regulieren. Diese mentale Eigenschaft geht dabei über den reinen Wunsch, etwas tun zu wollen, hinaus – der Lerner vertraut auch darauf, dass er das, was er sich vornimmt, tatsächlich erfolgreich schafft[1]: „Ohne dass wir es merken, beantwortet unsere Selbstwirksamkeit uns ständig die Frage "Schaffe ich das?" Von genau dieser Überzeugung in unserem Kopf hängt es ab, ob wir bei all dem, was wir tun, erfolgreich sind oder nicht“,[2] ist in der Grundsatzerklärung des Verbundes Selbstwirksamer Schulen zu lesen. „Selbstwirksamkeit ist die selbstbewusste Einschätzung und Aktivierung der eigenen Leistungsfähigkeit und Kompetenz“.[3] Dabei geht dieser konzeptgebundene Schulverbund davon aus, dass die Selbstwirksamkeit beim Bewältigen von Anforderungen noch ausschlaggebender für den Erfolg sei als die tatsächlichen Fähigkeiten eines Lerners. Auch Bandura beschäftigte sich mit der Frage, welche Rolle die Selbstwirksamkeit in Lernprozessen spielt und entwickelte sein psychologisches Konzept der Selbstwirksamkeit (vgl. Schwarzer & Jerusalem 2002: 50, Bandura 1997). Ihm zufolge hat Selbstwirksamkeit vor allem „motivationalen Charakter“ und ist eine bereichsspezifische Form des Selbstbewusstseins, die es bei Lernern zu entwickeln und zu nutzen gilt. Unterschieden werden dabei individuelle und kollektive Selbstwirksamkeitserwartungen, wie sie z.B. in Klassen als Gruppen zu finden sind (vgl. Rechter 2011: 83). Um Selbstwirksamkeitserwartungen und ihre Wirkung auf Lernprozesse besser zu verstehen, lohnt ein Blick auf die Diagnosebögen, anhand derer sie in Studien ermittelt werden.

3. Die Selbstwirksamkeitserwartung und deren Diagnose

Die Begriffe „Selbstwirksamkeit“ und „Selbstwirksamkeitserwartung“ werden in der Literatur häufig synonym gebraucht, die Selbstwirksamkeitserwartung betont jedoch gezielt „die Erwartung oder den Glauben des Menschen, in einer bestimmten Situation unter Berücksichtigung der eigenen Fähigkeiten erfolgreich handeln zu können“ (Rechter 2011: 82). Es gibt einige Studien zur Ermittlung der Selbstwirksamkeitserwartung von Lernern. Vor allem Schwarzer und Jerusalem haben sich mit der Frage beschäftigt, welche Merkmale typisch für Selbstwirksamkeit sind und wie diese Merkmale diagnostiziert werden können. Dabei haben sie folgende Skala zur Ermittlung der Selbstwirksamkeitserwartung (SWE) entwickelt:

1. Wenn sich Widerstände auftun, finde ich Mittel und Wege, mich durchzusetzen.
2. Die Lösung schwieriger Probleme gelingt mir immer, wenn ich mich darum bemühe.
3. Es bereitet mir keine Schwierigkeiten, meine Absichten und Ziele zu verwirklichen.
4. In unerwarteten Situationen weiß ich immer, wie ich mich verhalten soll.
5. Auch bei überraschenden Ereignissen glaube ich, dass ich gut mit ihnen zurechtkommen kann.
6. Schwierigkeiten sehe ich gelassen entgegen, weil ich meinen Fähigkeiten immer vertrauen kann.
7. Was auch immer passiert, ich werde schon klarkommen.
8. Für jedes Problem kann ich eine Lösung finden.
9. Wenn eine neue Sache auf mich zukommt, weiß ich, wie ich damit umgehen kann.
10. Wenn ein Problem auftaucht, kann ich es aus eigener Kraft meistern.

(Schwarzer & Jerusalem 1999).

Ziel dieser Skala ist das Ermitteln der subjek­tiven Überzeugung, kritische Anforderungssituationen aus eigener Kraft erfolgreich bewältigen zu können. Dabei werden nicht nur schulische Aufgaben ins Auge gefasst, sondern neue oder schwierige Situationen aus allen Lebensbereichen. Die SWE diagnostiziert nicht nur einen Ist-Zustand, sondern soll die konstruktive Lebensbewältigung vorhersagen (vgl. Jerusalem 1990, Schwarzer 1994)[4]. Es handelt sich um ein Selbstbeurteilungsverfahren, bei dem die Befragten die Möglichkeit hatten, die Fragen mit (1) stimmt nicht, (2) stimmt kaum, (3) stimmt eher, (4) stimmt genau zu beantworten. Der Test ermittelt den persönlichen Optimismus bzw. die Positivität des Selbstkonzeptes. Der Blick auf sich selbst bleibt subjektiv – offen bleibt, ob die Lernenden sich auch tatsächlich realistisch selbst eingeschätzt haben.

Diese Skala der Persönlichkeitsdiagnostik wird bei Erwachsenen und jugendlichen Lernern ab 12 Jahren eingesetzt, um den Grad der Selbstwirksamkeit zu ermitteln. Bei Grundschüler/innen fällt die Diagnose häufig sehr schwer oder ist noch gar nicht möglich, da diese noch nicht über die Selbstreflexionsfähigkeiten älterer Schüler verfügen. Je älter ein/e Schüler/in ist, desto deutlicher zeichnet sich die Selbstwirksamkeit in den Tests ab (vgl. Rechter 2011: 85).

Der Test in der obigen Version bezieht sich nicht nur auf schulische Aufgaben, sondern auf jede Form der Anforderung. Inzwischen wurden jedoch auch bereichsspezifische Varianten entwickelt wie z.B. die schulbezogene SWE (vgl. Satow & Schwarzer 1999), die Lehrer-SWE zur Ermittlung von Lehrerpersönlichkeit (vgl. Schmitz & Schwarzer 2002) und die kollektive Lehrer-SWE, mit der auch z.B. die Haltung eines Kollegiums ermittelt werden kann (Schwarzer & Jerusalem, 1999). Alle Tests sind auf Basis von Banduras SWE-Konzept entstanden (vgl. Bandura 1997) und sollten situationsspezifisch verwendet werden, da es ansonsten zu (Über)Generalisierungen in der Selbsteinschätzung kommt.[5] Die Items sollten zudem nicht isoliert präsentiert, sondern in einen größeren Test „untergemischt“ werden, um realistischere Ergebnisse zu erzielen.

Dass der Test tatsächlich Zukunftsprognosen ermöglicht, hat sich erwiesen, wie zahlreiche Beispiele belegen: Bei erwachsenen Herzpatienten konnten die Genesung und die postoperative Lebensqualität nach Ausfüllen des Tests relativ genau prognostiziert werden und bei DDR-Übersiedlern wurden körperliche Beschwerden und Depressivität im Verlauf von zwei Jahren vorhergesagt. Wie wesentlich sich eine optimistische Grundhaltung auf die Lebensbewältigung auswirkt, konnte anhand des SWE-Tests immer wieder nachgewiesen werden: Menschen mit positivem und optimistischem Selbstkonzept hatten eine höhere Arbeitszufriedenheit, Menschen mit negativem Selbstkonzept neigten eher zu Depressivität, Burnout, Stresseinschätzungen (Bedrohung, Verlust), usw.[6] Dass die Selbstwirksamkeit also nicht nur bei der Lösung schulischer Aufgaben, sondern auch bei der Bewältigung genereller Lebensanforderungen eine wichtige Rolle spielt, ist damit bewiesen. Aber wie genau gestaltet sich diese Rolle der Selbstwirksamkeit?

4. Die Bedeutung von Selbstwirksamkeit bei Lernprozessen

Dass das Gefühl der Selbstwirksamkeit zur erfolgreichen Bewältigung von Aufgaben wesentlich beiträgt, konnten zahlreiche Studien belegen (vgl. Rechter 2011: 85). Dass sich eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung darüber hinaus auch positiv auf die Wahl von Lernstrategien auswirkt, beweist das Modell des good-strategy-users, das sich u.a. bei Pressley findet: Nach Pressley (1986) fußt eine effektive Nutzung von Lernstrategien auf einer sinnvollen Koordination von bereichsspezifischem Wissen, Strategiewissen, metakognitiver Kontrolle und motivationalen Überzeugungen, wobei die Motivation eine besonders wichtige Rolle spielt (vgl. Baumert 1993: 334). Auch nach Banduras Selbstwirksamkeitstheorie wirkt sich die Selbstwirksamkeit positiv auf kognitive und metakognitive Fähigkeiten aus (vgl. Rechter 2011: 82). So beeinflusst z.B. ein mangelndes Gefühl der Selbstwirksamkeit die Kognitionen des Menschen und sein Verhalten insofern, „dass ein Lernender zwar über effektive Lernstrategien verfügen kann, diese jedoch nicht einsetzt, […] [wenn] er sein eigenes Handeln für wirkungslos hält“ (Sackmann 2007: 85). Wenn ein Lerner also nicht daran glaubt, eine Anforderung erfolgreich bewältigen zu können, wird er nicht sein volles Potenzial entfalten können und vielleicht bereits erworbene Strategien und Fähigkeiten bleiben ungenutzt. Selbstvertrauen ist also eine wesentliche Basis, um vor allem komplexe Anforderungen erfolgreich bewältigen zu können. Satow bestätigt dies: Wir wagen uns lieber an neue und/oder schwierige Aufgaben heran, wenn wir „von unseren Fähigkeiten und Fertigkeiten in Bezug auf diese Aufgaben überzeugt sind“ (Satow 2002: 174).

Selbstwirksame Personen setzen sich laut Schwarzer und Jerusalem auch höhere Ziele als Personen mit geringer Selbstwirksamkeit, da sie sich mehr zutrauen. Solche Schüler begegnen Widerständen optimistischer und ihnen gelingt es auch, sich in anstrengenden und Ausdauer fordernden Phasen immer wieder selbst zu motivieren. Lerner mit hoher Selbstwirksamkeit gehen souveräner mit Misserfolgen und Schwierigkeiten um und sehen diese eher als Herausforderungen anstatt als Entmutigungen (ebd.). Sie bleiben langfristig zuversichtlich und motiviert. Auch sind selbstwirksame Schüler/innen weniger anfällig, sich von attraktiveren Angeboten in Form von Fernsehen oder Computerspielen von ihren Aufgaben ablenken zu lassen; sie verfügen über „eigene Widerstandskompetenzen“ (resistance self-efficacy) (vgl. Schwarzer & Jerusalem 2002: 37), da sie daran glauben, ihr Ziel auch dann noch erreichen zu können, wenn sie einmal „feststecken“ und Hürden überwinden müssen. Auch Angst vor Leistungsanforderungen – zum Beispiel die weit verbreitete Prüfungsangst – lässt sich durch höhere Selbstwirksamkeit verringern: „So gehen beispielsweise Schüler mit positiven Leistungserwartungen im Vergleich zu solchen mit negativen Leistungserwartungen zuversichtlicher an Klassenarbeiten heran“ (Schwarzer & Jerusalem 2002: 29).

[...]


[1] vgl. http://www.selbstwirksameschulen.de/start/grundsatz.htm (27.09.2013).

[2] vgl. http://www.selbstwirksameschulen.de/start/grundsatz.htm (27.09.2013).

[3] http://www.selbstwirksameschulen.de/start/grundsatz.htm (27.09.2013).

[4] http://www.fu-berlin.de/gesund/

[5] http://www.fu-berlin.de/gesund/

[6] http://www.fu-berlin.de/gesund/

Details

Seiten
15
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668183247
ISBN (Buch)
9783668183254
Dateigröße
841 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319211
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Institut für Heil- und Sonderpädagogik
Note
1,4
Schlagworte
Förderschwerpunkt Lernen Lernhilfe Selbstwirksamkeit

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