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HipHop in der DDR. Eine Jugendkultur zwischen modischer Improvisation, Sebstinszenierung und Sozialismus

von Theresa Cramer (Autor)

Hausarbeit 2014 19 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zur Geschichte des HipHop
2.1 New York - Entstehungsort einer neuen Musik-, Tanz- und Bildtechnik
2.2 Der kulturelle Transfer des HipHop in die DDR

3 Das sozialistische System und die ökonomische Suppression der DDR

4 Not macht erfinderisch - eine Jugendkultur inszeniert sich

5 Die Reaktion der staatlichen Akteure

6 Fazit und Bewertung der HipHop-Jugendkultur in der DDR hinsichtlich Identitätsfindung und Selbstinszenierung

7 Literaturverzeichnis

8 Quellenverzeichnis

9 Abbildungsverzeichnis

10 Glossar der HipHop-Begriffe

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

HipHop in der Deutschen Demokratischen Republik?1 Das konnte innerhalb eines sozialistischen Systems doch gar nicht funktionieren oder? Als Fan dieser Musikrichtung ergab sich vor einiger Zeit in einem Gespräch unter Freunden diese diskussionswürdige Frage, welche mich zum Thema der Hausarbeit inspirierte. 1987 in Dessau geboren, erlebte ich meine Jugend zwar nicht mehr in der DDR, aber es ist mir trotzdem ein persönliches Anliegen, Aspekte der Geschichte meiner Heimatstadt zu ergründen. Die Stadt nimmt eine tragende Rolle in der Entwicklung des Breakdance und der HipHop-Kultur während der 1980` Jahre in Ostdeutschland ein, weshalb die dortige Szene umso mehr exemplarisch für die Entwicklung einer Jugendkultur in dem sozialistischen Staat analysiert werden kann.2

„Dessau/Leipzig/Dresden/Berlin/Wolgast/Görlitz...in den 80ern: Simo, Beatschmidt, Magic Mayer... Breakdance ist ihre Heimat, Hip Hop ihr Leben. Trotz Staatspolizei, Diktatur und Sozialismus machen sie ihren eigenen Weg. Sie treffen sich auf Straßenkreuzungen, schneidern sich Ihre Trainingsanzüge selber und tragen ihr Graffiti mit dem Pinsel auf.“3

In seinem ersten Buch „Das ist unsere Party. HipHop in der DDR“ analysiert der Historiker Leonard Schmieding dieses komplexe Thema bereits ausgiebig. Obwohl diese vielschichtige Jugendkultur damit bereits Gegenstand einer herausragenden wissenschaftlichen Arbeit ist, möchte ich den Versuch unternehmen, den HipHop in der DDR unter dem gesonderten Aspekt der modischen Selbstinszenierung zu beleuchten. Dabei soll die folgende Arbeit der Fragestellung nachgehen, wie die HipHop-Jugend der DDR Kleidung als kulturelle Praktik nutzte, um sich in einem Prozess der Individualisierung, trotz der vom Staat vorgegebenen Konformität und dem Mangel an Konsumgütern, verwirklichen zu können.

Da sich 1985 im Zuge der Veröffentlichung des Breakdance-Films Beat Street in Ostdeutschland eine deutliche Bewegung innerhalb der dortigen Jugendkultur feststellen lässt, markiert dieses Datum in der Forschung den Beginn des HipHop in der DDR und soll auch in meiner Arbeit Anfangspunkt der Analyse sein. Endpunkt bildet die Wiedervereinigung Deutschlands 1990, mit der eine klar differenzierte, weil isolierte, Jugendkultur der »Zone« ihr Ende fand.

Im Einzelnen ist zu klären, wie die amerikanische Musikkultur Einzug in die DDR hielt und in welcher Form sie sich verbreitete. Dazu ist weiterhin zu analysieren, ob sich überhaupt Möglichkeiten ergaben, Kleidung zu tragen, deren Ursprung in der kapitalistischen USA lag und in wie fern dies mit dem sozialistischen System der DDR konform ging. Die Motive des Kleidungsstils dieser Jugendkultur lassen sich natürlich nicht bewerten ohne zuvor die traditionelle Mode in der DDR genauer zu beleuchten. Abschließend kommt man auch nicht umhin, das Verständnis von HipHop auf Seiten der staatlichen Akteure einzubeziehen, um eventuelle Wechselwirkungen konstatieren zu können.

2 Zur Geschichte des HipHop

Um im Verlauf der Arbeit die HipHop-Jugendkultur in der DDR und deren modische Inszenierung zu analysieren, bedarf es einem kleinen Exkurs zu den Anfängen des HipHop. Im Folgenden soll aufgezeigt werden, wie, wo und wann diese Bewegung entstand und wie sie den weiten Weg von Amerika durch den eisernen Vorhang der DDR überwand.

2.1 New York - Entstehungsort einer neuen Musik-, Tanz- und Bild- technik

HipHop entstand in den 1970ern in der Bronx von New York City. Diese vielschichti- ge kulturelle Praxis, deren Ursprung in der afroamerikanischen Gesellschaft liegt, war das Sprachrohr derjenigen, die sich mit dem täglichen Kampf und den schwierigen Umständen der gesellschaftlichen Randbezirke in den postindustriellen Großstädten in Amerika konfrontiert sahen.4 HipHop entstammt dort aus dem Konflikt zwischen Bedürftigkeit und Verlangen. Durch Marginalisierung, Armut und Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung wuchs die Sehnsucht nach Gemeinschaft und Individualität im Rahmen der gemeinsamen kulturellen Geschichte. Diese Sehnsüchte fanden im HipHop ihren Ausdruck und wurden in dessen verschiedenen Bereichen wie Rap, Breakdance oder Graffiti inszeniert und interpretiert.5

Tricia Rose, Dozentin für Afrikanische Studien beschreibt HipHop als Stär- kung von „Widerstandsgemeinschaften“, die sich „ein Recht auf Spaß bewahren“.6 So waren es zunächst spontan stattfindende Straßenfeste, sogenannte urban dance parties, bei denen die DJs nicht nur herkömmliche Musik spielten, sondern durch mixen ver- schiedener Sounds von diversen Schaltplatten neue individuelle Musik erschufen. In- spiriert vom scratchen ergaben sich dazu völlig neue Tanztechniken, die im permanent wechselnden Takt der Musik sowohl von ruckartigen aber auch von fließenden Bewe- gungsmustern gekennzeichnet waren. Doch nicht nur im Gesang- und Tanzbereich suchten die Jugendlichen Raum für eine Form der Selbstinszenierung. Hinzu kam auch Graffiti. Als illegale Maltechnik verzierten die Writer Häuser und Wände der Ghettos mit Motiven und Schriftzügen, welche ihren ganz eigenen szenespezifischen Sprach- code besaßen.7

Mit der Entwicklung des HipHop in Amerika, welcher als „[…] Synthese aus Sprache, Bild, Musik und Tanz“ verstanden werden kann, entstand auch ein spezifi- scher Kleidungsstil der Jugendlichen.8 Es liegt nahe, dass die Mode funktionell sein musste, um die schwierigen Tanztechniken wie z.B. die Drehungen am Boden ausüben zu können, aber vor allem wollten sich die jungen Menschen durch Kleidung identifi- zieren und inszenieren. Der Kleidungsstil folgte einem elaborierten Code, der die Mo- de zu einem essenziellen Gegenstand der eigenen Inszenierung werden ließ. Die jun- gen Menschen trugen dazu Baseballcaps, wodurch einerseits der Kopf bei den rasanten Drehungen des Braekdance auf dem Boden geschützt werden sollte und andererseits auch eine bessere Drehbewegung möglich war. Außerdem waren Jogginganzüge und Pullover mit Kapuzen, heute Hoodies genannt, gängige Kleidungsstücke der HipHop- Anhänger. Die Kapuze bot besonders den illegal tätigen Writern die Möglichkeit, sich zu bedecken wenn sie Graffitis an Häuserwände sprühten. Auch das Tragen von Turnschuhen bedingte sich aus einem rein funktionalen Aspekt, da man im Falle einer Konfrontation mit den Gesetzeshütern oder anderen Crews schnell wegrennen konnte. Viele der genannten Kleidungsstücke zierte das Zeichen der eigenen Crew oder waren von bestimmten szenepopulären Marken wie Kangol.9

Wenngleich der Rahmen dieser Arbeit nicht ausreicht, um alle Bereiche wie z.B. Breakdance oder Graffiti im Einzelnen zu beleuchten, wird deutlich, wie viel- schichtig und wechselseitig die Disziplinen des HipHop waren. Ausgehend von der Musik entwickelte sich ein subkulturelles Milieu im postindustriellen Amerika, wel- ches sich unter anderen durch Mode inszenieren wollte und eigene kulturelle Praktiken entwickelte. Es wird deutlich, dass der Kleidung schon zu den Anfangszeiten des Hi- pHop ein enormer Stellenwert beigemessen werden muss. An dieser Stelle sei Willis erwähnt, der „Kleidung, Geschmack und Mode als Grundelemente des Prozesses [ei- nordnet], durch den Jugendliche ihre persönlichen und kollektiven Identitäten ausdrü- cken, erkunden und herstellen.“10 Die These des Kultursoziologen untermauert meine ersten Annahmen bezüglich der Bedeutung von Mode zur Selbstinszenierung inner- halb der HipHop-Jugendkultur, wenngleich bisher lediglich die amerikanischen Ju- gendlichen im Fokus stehen.

Obwohl die Heimatstadt des HipHop etwa 6000 km von der damaligen DDR entfernt lag, erfasste die Begeisterung für neuartige Sounds und unglaublich unkon- ventionelle Tanzbewegungen auch die Jugendlichen in der »Zone«11 und sollte schon bald eine performative Jugendkultur entstehen lassen, die dem SED-Regime zunächst ein Dorn im Auge war.

2.2 Der kulturelle Transfer des HipHop in die DDR

Obwohl Westfernsehen und -radio in der DDR nicht erlaubt waren, stellten diese Me- dien die einzige Option dar, an Informationen außerhalb der Zone zu gelangen. Auf diesem Weg schwappte die Jugendkultur aus dem kapitalistischen Amerika in das ge- teilte Deutschland - zuerst nach Westdeutschland und schließlich auch in die DDR.

[...]


1 Im Folgenden wird die Deutsche Demokratische Republik (1949-1990) mit DDR abgekürzt.

2 Die Stadt Dessau soll im Rahmen dieser Arbeit nicht im Fokus stehen, wenn gleich ihre Bedeutung für die HipHop-Szene der DDR auf Grund zahlreicher Breakdance-Gruppen nicht von der Hand zu weisen ist. Über die bedeutendsten Crews der Szene und deren Heimat berichtet der Film von Nico Raschick: Here We Come, Dokumentarfilm auf DVD, Alive - Vertrieb und Marketing, 2007.

3 Auszug zur Veröffentlichung des Films „Here We Come“ <http://www.dominance- records.de/releases/dr036/info/DR036_info_D.pdf.> Zugriff: 07.07.2014, 18.09 Uhr.

4 Vgl. Klein, Gabriele; Friedrich, Malte: Frankfurt a. M. 2003, S. 14.

5 Vgl. Rose, Tricia: S. 142-143.

6 Vgl. Rose, Tricia: S. 142.

7 Vgl. Klein, Gabriele; Friedrich, Malte: Frankfurt a. M. 2003, S. 15-16.

8 Ebd. S. 30.

9 Ebd. S. 35-36.

10 Willis, Paul: Hamburg 1991, S. 108.

11 Die Bezeichnung »Zone« wird im allgemeinen Sprachgebrauch und auch in der Arbeit Synonym für die Gebiete der DDR genutzt.

Details

Seiten
19
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668184398
ISBN (Buch)
9783668184404
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319276
Note
Schlagworte
hiphop eine jugendkultur improvisation sebstinszenierung sozialismus

Autor

  • Theresa Cramer (Autor)

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Titel: HipHop in der DDR. Eine Jugendkultur zwischen modischer Improvisation, Sebstinszenierung und Sozialismus