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Ägypten und Israel im Vierten arabisch-israelischen Krieg 1973. Eine Fallanalyse mit Hilfe der Steps-to-war-Theorie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 18 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Ferner Osten

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung ... 1

2. Die Steps–to–war–Theorie ... 2

3. Der Vierte arabisch-israelische Krieg ... 4
3.1. Einführung ... 4
3.2. Konfliktgegenstand ... 4
3.3. Die Allianzen ... 6
3.3.1. Die Rolle der USA ... 6
3.3.2. Die Rolle der Sowjetunion ... 7
3.3.3. Weitere Beteiligte des Vierten arabisch-israelischen Krieges ... 9
3.4. Die politischen Führungskräfte ... 10
3.4.1. Israel – Golda Meir und Moshe Dajan ... 10
3.4.2. Ägypten – Muhammad Anwar as-Sadat ... 11
3.5. Politische Folgen ... 12

4. Fazit ... 12

5. Literaturverzeichnis ... 15

1. Einleitung

„What causes war?“[1] Eine Antwort auf diese Frage hat John A. Vasquez[2] mit der Steps–to– war–Theorie gefunden: „[…] how states handle sensitive issues with their neighbours greatly affects the probability of war between a pair of states.“[3] Da die Steps–to–war– Theorie bis dato erst an wenigen Fallbeispielen[4] konkret angewendet und aus einer regionalen Perspektive betrachtet wurde, ist mein Ziel in dieser Arbeit den Vierten arabisch-israelischen Krieg[5] 1973 mit ihrer Hilfe zu analysieren. Dieser Krieg war nicht nur ein sehr wichtiger Wendepunkt des Disputs zwischen Israel und seinen angrenzenden Nachbarstaaten, er verwickelte überdies die beiden Großmächte UdSSR und USA direkt in den Nahost-Konflikt. Diese waren durch ihre jeweils engen Beziehungen zu Ägypten bzw. zu Israel als Alliierte in das Geschehen der Region in besonderem Maße involviert,[6] und gerade während des Vierten arabisch-israelischen Krieges „rasselten sie in erschreckender Weise mit den Atomwaffen“[7]. Die Auseinandersetzung bot jedoch auch die Gelegenheit, „[…] den Konflikt auf diplomatischem Weg um ein spürbares Maß zu entschärfen.“[8] Zudem gilt er auch vier Jahrzehnten später noch als „most traumatic event in Israel's stormy history“[9]: In einer Umfrage im Jahr 2002 hielten 64% der Israelis „the decision to delay the mobilization of the reverse army on the eve of the Yom Kippur War“[10] für die folgenschwerste und schlimmste Entscheidung in Israels Geschichte.

Durch die eingehende Betrachtung dieses Krieges soll einerseits festgestellt werden, inwiefern die Steps–to–war–Theorie grundsätzlich zur Analyse dieses konkreten Fallbeispiels geeignet ist, und andererseits, ob es möglicherweise Risikofaktoren für den Ausbruch eines zwischenstaatlichen Krieges gibt, die Vasquez nicht benennt. Im ersten

Teil der Arbeit erläutere ich deshalb zunächst die Grundzüge der Steps–to–war–Theorie, um sie dann anschließend im Hauptteil auf den Vierten arabisch-israelischen Krieg anzuwenden. Auf Grund des beschränkten Umfangs der Arbeit konzentriere ich mich auf die Kriegsparteien Ägypten und Israel mit ihren jeweiligen Allianzen Sowjetunion und USA und werde weitere Allianzen und Kriegsbeteiligte nur am Rande erwähnen. Dazu werde ich den Konfliktgegenstand analysieren, die Allianzen und Interessen der beteiligten Staaten erläutern, die politischen Führungskräfte Israels und Ägyptens charakterisieren und schließlich auf die Folgen des Krieges eingehen. Im Fazit hoffe ich feststellen zu können, ob und in inwiefern diese Analyse des Vierten arabisch-israelischen Krieges auch in Bezug auf die aktuelle politische Situation im Nahost-Konflikt Aufschluss und Hinweise geben kann.

2. Die Steps–to–war–Theorie

In den Grundannahmen der Steps–to–war–Theorie wird Krieg wird als multikausales Phänomen gesehen. Sie basiert auf einem realistischen Menschenbild und hat als Hintergründe das Sicherheitsdilemma und die Bedrohungsperzeptionen:[11]

The steps-to-war explanation deviates from realism in that it sees such practices as producing a security dilemma in which alliances lead to counter alliances, and military build-ups lead to arms races, and escalation to a hostile spiral. The end result is that the adoption of realist prescriptions becomes a series of steps that increase the probability of war. The vicious cycle generated by the security dilemma is reinforced both by the interactions of states and by the indirect effect these interactions have on the domestic political environment of each nation-state.[12]

Die zentrale Frage ist, welche Risikofaktoren die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass ein zwischenstaatlicher Krieg ausbricht. Jeder dieser Faktoren steigert die Unsicherheit des anderen Staates und somit die Wahrscheinlichkeit für einen Krieg.

Einen besondere Bedeutung messen die Autoren dem territorialen Faktor zu, da Menschen dazu neigen, ihr eigenes Territorium zu verteidigen.[13]

Territorial disputes generally have a higher probality of of escalating to war than expected by chance and in comparison to other types of disputes, such as disputes over general foreign policy or the character of a state's regime.[14]

Wenn Nachbarstaaten keine natürlichen Grenzen haben, wie z.B. ein Meer, gibt es folglich eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass diese mindestens einmal gegeneinander Krieg führen werden, um diese Grenzen zu definieren.[15] „Territorial disputes tend to recur“[16]. Zudem beinhalten Gebietsstreitigkeiten oft Dispute zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen „that pressure leaders to pursue hard-line policies.“[17] Im Umkehrschluss bedeutet dies jedoch nicht, „[ ... ] settle your borders and you can have a long stretch of peace“[18], da auch andere Faktoren berücksichtigt werden müssen. Weitere wesentliche Kriterien, die Kriege auslösen können, sind die Anzahl der beteiligten Staaten, der Konfliktgegenstand, der den Konflikt ursprünglich entstehen ließ, und das Verhalten der Staaten vor Ausbruch des Krieges.[19]

It is theorized that each of these factors are far from sufficient for spreading for a war, but that states that have these characteristics have a higher probability of joining an onging war, either through their own choices or by being attacked, than states that do not have these characteristics.[20]

Ein weiterer Hinweis, dass ein Krieg bevorstehen könnte, ist die aktive Suche eines Staates nach Alliierten:

Theoretically, alliances are a way for a state to augment its power and to protect itself in an anarchic environment. Unfortunately, statistical studies have consistently demonstrated a link between alliances and conflict onset.[21]

Wenn in mindestens einem der beteiligten Staaten ein Hardliner an der Macht ist, ist dies ein weiterer Faktor, der die Wahrscheinlichkeit steigert, dass ein zwischenstaatlicher Krieg ausbricht. Vasquez definiert Hardliner als „those actors who exhibit inflexible demands on important issues. Distinctions between inflated threats and true intentions are typically unambiguous.“[22] Im Gegensatz dazu werden Accomodationists beschrieben als „leaders who readily accept treaties and propose negotiation before a conflict erupts. They may also refer or appeal to institutional bodies for support“[23].

Daraus lassen sich vier Fragen ableiten, an denen man sich bei der Anwendung der Steps– to–war–Theorie auf ein Fallbeispiel orientieren kann:

What issue leads to the war? Did the leaders of each state seek to build alliances and build up their militaries prior to the conflict? Is there a history of repeated dispute? Were hardliners in power (on either side) that impeded the process of conflict resolution?[24]

Diese Fragen werde ich im Folgenden mit Bezug auf das Verhalten von Ägyptens und Israel im Vierten arabisch-israelischen Krieg erörtern.

3. Der Vierte arabisch-israelische Krieg

3.1. Einführung

Der Vierte arabisch-israelische Krieg dauerte vom 06.10. 1973 bis zum 26.10.1973. Die Kriegsführenden waren auf Seiten der Angreifer Ägypten, Syrien, der Irak und die

Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO). Der Angegriffene war Israel. Ägypten und Syrien verfolgten das Ziel, die 1967 im Dritten arabisch-israelischen Krieg an Israel verlorenen Territorien zurückzuerobern. Die PLO führte den Krieg mit dem Ziel der Eroberung Palästinas in seiner Gesamtheit.[25] Israel versuchte, die besetzten Gebiete zu verteidigen. Der Krieg wurde durch die Vermittlung Dritter, namentlich die UN, beendet.

3.2. Konfliktgegenstand

Die Beziehung zwischen Israel, seinen Nachbarstaaten und den Palästinensern ist seit der Staatsgründung Israels im Jahr 1948 durch eine signifikante Instabilität geprägt. Die Entscheidung der UN, das ehemalige britische Mandatsgebiet in ein palästinensisches und ein israelisches Gebiet zu teilen, wurde von den angrenzenden arabischen Staaten nicht akzeptiert. Dem neuen Staat Israel wurde kurz nach seiner Gründung von Ägypten, dem Libanon, Syrien, Jordanien, Saudi-Arabien und dem Irak der Krieg erklärt, der erst mit dem Waffenstillstandsabkommen 1949 endete.[26] In den folgenden Jahrzehnten eskalierte der Konflikt in weiteren zwischenstaatlichen Kriegen: Im Zweiten arabisch-israelischen Krieg (Suezkrieg) 1956 griff Israel mit den Allianzen England und Frankreich Ägypten an.

Während für Israel Gebietsansprüche auf dem Sinai, die Schließung des Golf von Aqaba sowie des Suezkanals für israelische Schiffe eine Rolle spielten, waren es für Großbritannien und Frankreich eine Art letztes koloniales Rückzugsgefecht sowie der Versuch, Kapitalbeteiligungen an der Kanalgesellschaft zu schützen.[27]

Im Juni 1967 eskalierte die Situation im Dritten arabisch-israelischen Krieg (Sechstagekrieg), bei dem Israel seine Nachbarstaaten Ägypten, Syrien und Jordanien angriff. Laut der Arbeitsgemeinschaft für Kriegsursachenforschung bleibt es Spekulation, ob der israelische Präventivschlag einem arabischen Angriff zuvorkommen sollte oder ob Israel, angesichts der Überlegenheit, die Chance zur Eroberung weiterer Gebiete sah.[28]

[…]


[1] Senese, Paul D. u. Vasquez, John A.: Assessing the Steps to War. In: British Journal of Political Science. Vol. 35. No. 4. Cambridge 2005. S. 607.

[2] Vasquez, John A.: The War puzzle. Cambridge 1993.

[3] Valeriano, Brandon: Power Politics and Interstate War in Africa. African Security Nr. 4/2011. Chicago 2011. S. 195.

[4] Vgl. Valeriano, Brandon 2011. S.196.

[5] Die Bezeichnung des Krieges ist differenziert. Im hebräischen Sprachraumwird er מלחמת יום הכיפורים (Jom-Kippur-Krieg) benannt, da der Angriff am Tag des Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, stattfand. Im arabischen Sprachraum wird er als Ramadan Krieg, da er in den muslimischen Fastenmonat Ramadan fiel, oder als حرب أكتوبر, (Oktober-Krieg) bezeichnet. Ich folge in dieser Arbeit der neutralen ‎ Bezeichnung Vierter arabisch-israelischer Krieg.

[6] Vgl. Koller, Michaela: Sadats Wende. Ägyptens Außen – und Wirtschaftspolitik nach dem Oktoberkrieg 1973. Deutsche Hochschuledition. Band 130. Neuried 2002. S.5.

[7] Lutterot, Johanna: Jom-Kippur-Krieg. Kugelhagel am Versöhnungstag. Spiegel Online. 01.10.2013.

[8] Sack, Ralf: Die USA im Nahost-Konflikt: Von der Intervention zur Partizipation. Eine kritische Analyse der amerikanischen Nahost- und Israel-Politik in der Zeit vom Oktober-Krieg 1973 bis zum ägytischisraelischen Friedensvertrag 1979. Trier 1988. S. 4.

[9] Bar-Joseph, Uri: The Watchman Fell Asleep. The Surprise of Yom Kippur and Its Sources. New York 2005. S.2.

[10] Umfrage der Zeitschrift Yedioth Ahronot vom 26. April 2002. Zitiert nach: Ebd. S. 253.

[11] Vgl. Senese, Paul D. u. Vasquez, John A. 2005. S. 609.

[12] Ebd.

[13] Vgl. Vasquez, John A. u. Valeriano, Brandon: Classification of Interstate Wars. In: The Journal of Politics 2/2010. S. 305.

[14] Senese, Paul D. u. Vasquez, John A. 2005. S. 608.

[15] Vgl. Vasquez, John A. u. Valeriano, Brandon 2010. S. 306.

[16] Ebd. S. 611.

[17] Senese, Paul D. u. Vasquez, John A. 2005. S. 611.

[18] Vasquez, John A. u. Valeriano, Brandon 2010. S. 306.

[19] Vgl. Ebd. S. 293.

[20] Ebd. S. 296.

[21] Valeriano, Brandon 2011. S. 205.

[22] Ebd. S. 202.

[23] Ebd.

[24] Ebd. S. 195.

[25] Ebd.

[26] Vgl. Jung, Dietrich: Erster arabisch-israelischer Krieg. Arbeitsgemeinschaft für Kriegsursachenforschung.

[27] Jung Dietrich und Tautkus, Peter: Zweiter arabisch-israelischer Krieg (Suezkrieg). Arbeitsgemeinschaft für Kriegsursachenforschung.

[28] Vgl. Jung, Dietrich: Dritter arabisch-israelischer Krieg ("Sechstagekrieg"). Arbeitsgemeinschaft für Kriegsursachenforschung.

Details

Seiten
18
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668187108
ISBN (Buch)
9783668187115
Dateigröße
614 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319498
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Otto Suhr Institut
Note
Schlagworte
ägypten israel vierten krieg eine fallanalyse hilfe steps-to-war-theorie

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