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Einwände gegen das dreigliedrige Schulwesen. Entstehung, Entwicklung und mögliche Alternativen

Hausarbeit 2016 13 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehung des dreigliedrigen Schulwesens

3. Einwände gegen die Dreigliedrigkeit
3. 1 Kritik an der Frühauslese
3. 2 Mangelnde Chancengleichheit und deren Folgen
3. 3 Fehlende Integration
3.4 Problem der sinkenden Schülerzahlen

4. Die integrative Gesamtschule als Alternative

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Schulsystem in Deutschland lässt sich nicht kurz und knapp in Worte fassen, denn die Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern sind groß. Viele davon halten an dem dreigliedrigen Schulwesen, welches die Aufteilung in Haupt, bzw. Mittelschule, Realschule und Gymnasium umfasst, fest. Doch diese Dreiteilung steht schon lange in der Kritik und ist längst nicht mehr zeitgemäß. Sie entstand bereits in Zeiten des Ständewesens und vermittelt auch heute noch den Eindruck, dass sich die Begabung der Schüler in drei Gruppen einteilen lässt. Doch dies ist nicht mehr so einfach pauschalisierbar, eigentlich war es das nie.

Die Gesellschaft hat sich in den vergangen Jahrzehnten durch den demografischen Wandel, Migrationsbewegungen und Globalisierung stark verändert, doch das dreigliedrige Schulwesen blieb in weiten Teilen Deutschlands bestehen. Nun sollte darüber nachgedacht werden, ob es nicht auch an der Zeit ist, dieses veraltete Schulsystem zu reformieren.

Die folgende Arbeit führt Einwände gegen das dreigliedrige Schulwesen auf und bietet Alternativen. Zuerst soll auf die Entstehung und die Entwicklung dieses Systems eingegangen werden.

2. Entstehung des dreigliedrigen Schulwesens

Die Ursprünge des dreigliedrigen Schulwesens liegen in der Ständegesellschaft des 19. Jahrhunderts. „Die Kinder des „einfachen Volkes“ besuchten die Volksschule und lernten dort Lesen und Schreiben, Rechnen und Religion.“[1] Diese einfachen Fähigkeiten reichten für ihr späteres Berufsleben, welches z.B. Tätigkeiten als Dienstmädchen, Arbeiten auf Bauernhöfen oder Lehren in Handwerken umfasste. Kinder aus dem Mittelstand gingen auf die Bürgerschule, die heutige Realschule, wo sie auf eine Ausbildung für selbstständige Tätigkeiten vorbereitet wurden.[2] Außerdem erwarben sie neben der Mittleren Reife das „Einjährige“, welches Militärdienst von drei auf ein Jahr verkürzte, „denn die lange Soldatenzeit hinderte die Bürgersöhne am zügigen Hineinwachsen ins Geschäftsleben.“[3] Im Gegensatz dazu besuchten die Söhne, später auch die Töchter, des Wirtschafts- und Bildungsbürgertums das Gymnasium, welches schon damals die höchste Bildung, sowie durch das „Zeugnis der Reife“ die Berechtigung zum Studium an Universitäten versprach.[4]

Genauso wie heutzutage gab es bereits damals drei Schulformen, die drei unterschiedliche Bildungsgrade implizierten. Bei der Wahl der jeweiligen Schule ging es bis zum allmählichen Ende des ständischen Denkens einzig um die Schichtzugehörigkeit, denn Begabung wurde nicht individuell erfasst, sondern lediglich der jeweiligen Schicht zugesprochen. „Unterschicht, Mittelschicht und Oberschicht bekamen „ihre“ Schulen für „ihre“ Kinder, diese bekamen damit ihre jeweiligen Startchancen ins Erwachsenenleben, und daran hat sich bis heute in Deutschland strukturell nichts geändert.“[5]

Dieses System wurde, zumindest in der BRD, auch nach dem 2. Weltkrieg beibehalten. Zwar plädierte die SPD in den 60er Jahren immer mehr für die Einführung von Gesamtschulen, jedoch hielt die CDU an der Dreigliedrigkeit fest und wollte lediglich die Übergangsmöglichkeiten zwischen den einzelnen Schulformen verbessern.[6] 1964 wurden mit dem Hamburger Abkommen die Weiterentwicklung und die Vereinheitlichung des Schulsystems beschlossen. Die 9-jährige Schulpflicht wurde eingeführt und „die Volksschule als geschlossene Schulform aufgegeben. Sie wird gegliedert in eine vierjährige Grundschule und eine fünfjährige Hauptschule“[7], die durch Englisch als Fremdsprache zur Sekundarschule ausgebaut wurde. Nach Absolvierung des 10. Schuljahres hatten Hauptschüler jetzt die Möglichkeit, über Fachoberschulen und Fachhochschulen die Hochschulreife zu erwerben.[8] In den darauf folgenden Jahren wurden zudem erste Gesamtschulen eingeführt, jedoch ohne großen Zuspruch der Bevölkerung. Denn die oberen Gesellschaftsschichten, die ihre Privilegien zwar in der Weimarer Republik teils verloren hatten, aber in der Phase des Wiederaufbaus zurückerlangten, waren nicht bereit diese, durch die Einführung von Gesamtschulen, aufzugeben.[9] Aus diesem Grund sollte die Abiturientenzahl durch eine Steigerung der Durchlässigkeit erreicht werden, dabei schien der einfachste Weg

„die Herabsetzung der Zugangsbarrieren an Gymnasien zu sein. Jeder Versuch, darüber hinaus zu mehr Chancengleichheit sowie zu einer Vereinheitlichung des Schulsystems zu gelangen, ist bis heute zum Scheitern verurteilt geblieben.“[10]

3. Einwände gegen die Dreigliedrigkeit

3. 1 Kritik an der Frühauslese

Mit Ausnahme von Berlin und Brandenburg erfolgt die Zuordnung zu den verschiedenen weiterführenden Schularten in allen Bundesländern nach der vierten Jahrgangsstufe.[11]

Das heißt, dass schon in sehr frühem Alter über die weitere Bildungslaufbahn der Kinder entschieden wird.

Bereits 1997 kritisierte der Autor Günter Dresselhaus diese frühe Selektion, indem er wissenschaftliche Untersuchungen aufzeigte, die nachgewiesen haben, dass „bei der frühen Differenzierung nach dem 4. Schuljahr die Bildungserwartung des Elternhauses ein wichtiger Entscheidungsfaktor für die Wahl der Schulform ist“[12] und „die Beurteilung von Grundschulleistungen Kinder aus unteren Gesellschaftsschichten in mehrfacher Hinsicht benachteiligt.“[13] An dieser Tatsache hat sich seitdem nichts geändert, auch heute hängt die Wahl der weiterführenden Schulform in hohem Maße von der sozialen Schichtzugehörigkeit ab.[14] Hinzu kommt, dass es keinen nennenswerten Zusammenhang zwischen Noten in der Grundschule und den Leistungen in weiterführenden Schulen gibt.[15]

Es ist also mehr als fraglich, die Schüler und Schülerinnen bereits mit neun oder zehn Jahren aufgrund ihrer Leistung und angeblichen Begabung zu trennen, zumal die Auslese zu einem Zeitpunkt stattfindet, in welchem die kognitiven-intellektuellen Funktionen des Gehirns im Normalfall noch nicht vollständig entwickelt sind.[16] In diesem Alter herrschen teils große Entwicklungsunterschiede. Während die einen geistig bereits relativ reif sind und auch keine Probleme beim Aneignen des Unterrichtsstoffes haben, sind die anderen leistungsschwächer und können dem Unterricht nur schwer folgen. Dies heißt aber nicht, dass diese Kinder deshalb nicht das Potential besitzen, später einmal einen höheren Abschluss zu erwerben. Genauso wenig können gute Ergebnisse in den niedrigen Klassen viel über den späteren Bildungsverlauf der Jugendlichen aussagen. Deshalb ist es zweifelhaft, ob man wirklich bereits in diesem Alter auf die passende weiterführende Schulart schließen kann. Beispielsweise haben „ [r]und 100.000 Schüler zwischen der 5.und der 10. Klasse [] im Schuljahr 2010/11 in Deutschland die Schulform gewechselt.“[17] Diese Zahl zeigt, dass den Kinder am Ende der 4. Jahrgangsstufe zu oft nicht die für sie richtige Schulart empfohlen wurde.

Dennoch werden sie aufgrund ihrer Leistung in der Grundschulzeit selektiert und auf die weiterführenden Schulen verteilt. Vor allem in der vierten Klasse geht es deshalb nur noch darum, die bestmöglichen Noten zu erzielen und alles dreht sich nur noch um den Übertritt. Dabei wirken auch die Eltern einen enormen Druck auf ihre Kinder auf, weil sie sich die möglichst beste Bildung für diese wünschen. Ziel ist und bleibt also - sowohl für Schüler, als auch für Eltern – „der bestmögliche Anschluss und damit auch der höchstwertige Abschluss: also eine Gymnasialempfehlung mit Aussicht auf das Abitur“[18]

Dadurch wird vor allem die Hauptschule und deren Abschluss immer mehr entwertet, weshalb bereits „1990 [] nur noch ca. 20% der Schüler bundesweit die Hauptschule [besuchten]“.[19] Durch die frühe Selektion der Schüler, die alle bereits in jungen Jahren versuchen, nicht auf der niedrigsten Schulform zu landen, verschlechtert sich ihr Ruf zunehmend. Nach und nach „entwickelt sich diese Schulform zu einer „Restschule“ – sie wird von Eltern gemieden und Schüler gelangen zu großen Teilen unfreiwillig dorthin.“[20]

Deshalb lautet die entscheidende Frage in der vierten Jahrgangsstufe: schaffen oder nicht schaffen? Kann mein Kind ein Gymnasium oder zumindest die Realschule besuchen? Oder reicht es „nur“ für die Haupt- bzw. Mittelschule?

„Genau diese Auslese nach der vierten Klasse ist es, die heute den Kindern die Freude am Lernen nimmt, oft prägt diese Erfahrung, verloren zu haben, auch den weiteren schulischen Weg in negativer Form.“[21]

3.2 Mangelnde Chancengleichheit und deren Folgen

Die oben genannte Frühauslese hat zur Folge, dass die Leistungsniveaus der Schüler im späteren Alter oftmals nicht der Schulart entsprechen, die ihnen am Ende der Grundschule empfohlen wurde. Deshalb ist es keine Seltenheit, wenn es im Laufe der Schulzeit zu einem Wechsel der jeweiligen Schulart kommt.

[...]


[1] Herrmann, Prof. Dr. Ulrich (2010): Das dreigliedrige Schulsystem darf keine Zukunft haben! Ein Plädoyer für die inklusive Schule und die differenzierte Sekundarschule. <http://www.eine-schule-fuer-alle-rlp.de/attachments/File/Mainz-Fachtagung-EINE-Schule-fuer-ALLE.pdf >[Zugriff am 11.02.2016], S. 6

[2] vgl. ebd., S.6

[3] ebd., S.6

[4] vgl. ebd., S,6

[5] Ebd., S.6

[6] vgl. Dresselhaus, Günter: Das deutsche Bildungswesen zwischen Tradition und Fortschritt – Analyse eines Sonderwegs, Münster: LIT 1997, S.27

[7] Ebd.

[8] vgl. ebd., S. 27f.

[9] vgl. ebd., S.35

[10] Ebd., S.35

[11] Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung München (2011): Übersicht über Schulstrukturen der Länder in der Bundesrepublik Deutschland. <http://lak.gruens.org/by/bildung/blobs/Schulstrukturen_der_Laender_2011.pdf > [Zugriff am 11.02.2016]

[12] Dresselhaus: Das deutsche Bildungswesen zwischen Tradition und Fortschritt, S.36

[13] Ebd.

[14] Vgl. Herrmann: Das dreigliedrige Schulsystem darf keine Zukunft haben. S.3

[15] Vgl. Dresselhaus: Das deutsche Bildungswesen zwischen Tradition und Fortschritt. S. 36

[16] Herrmann: Das dreigliedrige Schulsystem darf keine Zukunft haben. S. 14

[17] Bellenberg, Gabriele (2012): Schulformwechsel in Deutschland. Durchlässigkeit und Selektion in den 16 Schulsystemen der Bundesländer innerhalb der Sekundarstufe I. Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung (Hrsg.) <https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/ GP_Schulformwechsel_in_Deutschland.pdf> [Zugriff am 11.02.2016], S.6

[18] Herrmann: Das dreigliedrige Schulsystem darf keine Zukunft haben. S. 2

[19] vgl. Dresselhaus: Das deutsche Bildungswesen zwischen Tradition und Fortschritt, S.41

[20] Bellenberg: Schulformwechsel in Deutschland, S.6

[21] Fritz, Sebastian (2010): Dreigliedriges Schulsystem ist ein Auslaufmodell. <http://www.linke-gd.de/dreigliedriges-schulsystem-ist-ein-auslaufmodell/> [Zugriff am 11.02.2016]

Details

Seiten
13
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668187009
ISBN (Buch)
9783668187016
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319550
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
bestanden
Schlagworte
einwände schulwesen entstehung entwicklung alternativen

Autor

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