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Wahrnehmung und Bewertung der Jugendsprache Kiezdeutsch durch Lehramtsstudenten

von Miriam Wepunkt (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 24 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

2. Begrifflichkeiten

3. Sprecher

4. Charakteristika des Kiezdeutschen in Abgrenzung zum Standarddeutschen
4.1 Wortschöpfungen und Übernahme von Ausdrücken
4.2 Möglichkeiten der Informationsstruktur
4.3 Einheitliche grammatikalische Muster
4.4 Gebrauch von Flexionen und Funktionswörtern

5. Aktueller Forschungsstand

6. Linguistische Varietäten und Dialekte

7. Erhebung im Rahmen des Seminars
7.1 Problematik bei der Bewertung von Sprache durch Laien
7.2 Matched Guise Technique
7.3 Methodisches Vorgehen
7.4 Stichprobe
7.5 Auswertung der Ergebnisse allgemein
7.6 Auswertung bezüglich des Einflusses des Kiezdeutschen auf das Hochdeutsch der Sprecher

8. Fazit

Literatur und Links

Anhang – eingesetzter Fragebogen

„Bin isch jetzt U-Bahn, wallah.

Esse so Brötchen.

Moruk, lassma später treffen,

gibs Party, ischwör!“

1. Einleitung und Fragestellung

[1] Lehrer, die aufgrund ihrer Herkunft oder (erst) ihrer Ausbildung überwiegend daran gewöhnt sind, in gehobener Standardsprache zu kommunizieren und die diese Sprache sowohl als Unterrichtssprache nutzen als auch als Zielsprache für die Unterrichteten anstreben, werden im Kontakt mit Schülern und Eltern mit den unterschiedlichsten Sprachen, Dialekten, Soziolekten und Sprachstilen etc. konfrontiert. Da jeder Sprecher durch seine Sprachwahl seine Identität wesentlich mit konstruiert[2] und ihm gleichzeitig entsprechend den Konnotationen des Rezipienten durch diesen eine bestimmte Identität zugeschrieben wird, sind Lehrer in ihrem beruflichen Handeln ständig in der Gefahr, im Kontakt mit Kindern, Jugendlichen und Eltern vorurteilsvoll zu begegnen und bei ihrer Leistungsbewertung über subjektive Fehlerquellen zu stolpern[3]. Die Stigmatisierung durch den Rezipienten, der mit einer bestimmten Sprache bestimmte Eigenschaften verbindet, ohne sich dessen bewusst zu sein, kann sich demnach vor allem im Kontext von Schule nachteilig darauf auswirken, welche Leistungsfähigkeit den Sprechern zugetraut wird. Deshalb müssen sich gerade Lehrer Rechenschaft darüber ablegen, mit welchen Zuschreibungen sie ihre Schüler belegen, wenn sie von diesen mit einem bestimmten Sprachverhalten konfrontiert werden. Im Interesse der pädagogischen Verantwortung des Lehrers und des Rechtes des Schülers auf differenzierte Wahrnehmung ist es deshalb wichtig, dass der Zusammenhang zwischen Sprachverhalten des Schülers und der Einschätzung des Lehrers bei abweichendem Sprachverhalten reflektiert wird. Ein Aspekt dieses komplexen Problembündels, die Wahrnehmung und Bewertung der Jugendsprache Kiezdeutsch durch angehende Lehrer, soll hier untersucht werden. Im Rahmen des Seminars habe ich gemeinsam mit drei Kommilitonen eine Befragung zum Kiezdeutschen unter Hamburger Lehramtsstudenten durchgeführt, die ich hier hinsichtlich der Frage nach der persönlichen Wahrnehmung und dem erwarteten Einfluss des Kiezdeutschen auf das Hochdeutsch der Sprecher auswerten werde.

Zunächst kläre ich dafür die dieser Arbeit zugrunde gelegten Begrifflichkeiten, den Sprecherkreis des Kiezdeutschen und die Unterschiede des Kiezdeutschen zum Standarddeutschen. Ich umreiße kurz die Hauptdiskussionspunkte der aktuellen Forschung und kläre dann, was unter sprachlichen Varietäten und Dialekten zu verstehen ist, um mich so der Frage nach der Klassifizierung des sprachlichen Phänomens zu nähern.

Zur Auswertung der Erhebung befasse ich mich zunächst mit den Problematiken, die sich bei der Bewertung von Sprache durch Laien ergeben und erläutere dann unser dadurch begründetes, methodisches Vorgehen bei der Erhebung. Bei der Auswertung der Ergebnisse gehe ich zunächst auf die allgemeine Wahrnehmung des Kiezdeutschen durch die befragten Lehramtsstudenten ein und konzentriere mich im Weiteren auf die Frage nach dem möglichen Einfluss des Kiezdeutschen auf das Hochdeutsch der Sprecher.

Ich beende die Arbeit mit einem Fazit, in dem ich Möglichkeiten aufzeige, wie sich beispielsweise Lehrkräfte einem sprachlichen Phänomen wie dem Kiezdeutschen nähern können, um eine vorurteilsfreie Einstellung zu seinen Sprechern zu entwickeln.

2. Begrifflichkeiten

Jugendsprachen haben sich seit Mitte der 1990er Jahre in vielen Teilen Europas[4] entwickelt und sind seitdem auch Teil der linguistischen Forschung. In Deutschland bekannt sind die Begriffe „Kanak Sprak“ und „Kiezdeutsch“, mit denen eine von Jugendlichen gesprochene Sprache bezeichnet wird, die sich in urbanen Gebieten, in denen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund zu Hause sind, entwickelt hat.

Deniz Canoğlu geht dabei von einer Entwicklung in drei Stufen aus: Vom Gastarbeiterdeutsch, das eher als defizitäre Erscheinung wahrgenommen wird, hin zur „Kanak Sprak“[5], einer zumeist fehlerhaften Umänderung der Matrixsprache, hin zum Kiezdeutschen, das als Mischsprache, d. h. als Resultat von Sprachkontakten und wechselseitiger Beeinflussung zweier oder mehrerer Ausgangssprachen entstandene ist[6].

Der ältere Ausdruck „Kanak Sprak“ ist dabei allgemein negativ konnotiert[7]. Zum einen da das Wort „Kanake“ (dem polynesischen Wort für Mensch, „kanaka“[8], entlehnt) als Schimpfwort für, meist südländische, Ausländer in Deutschland verwendet wird und zum anderen, da die Sprache als defizitär zum Standarddeutschen angesehen wird.

Der Begriff „Kiezdeutsch“ leitet sich von der Berliner Bezeichnung „Kiez“ für einen bestimmten Wohnbereich ab und macht durch den direkten Bezug zum Deutschen deutlich, „dass es sich […] um eine informelle, alltagssprachliche Form des Deutschen handelt.“[9] Zudem wird mit der Begrifflichkeit keine Assoziation zu Menschen mit Migrationshintergrund geweckt.

Im Rahmen dieser Arbeit beziehe ich mich auf den von Wiese geprägten Begriff „Kiezdeutsch“, für die das sprachliche Phänomen, das Gegenstand dieser Arbeit ist.

Die Begriffe Hochdeutsch, standardnahes Deutsch bzw. Standarddeutsch gebrauche ich dabei synonym.

3. Sprecher

In der öffentlichen Wahrnehmung wird der „typische Kiezdeutschsprecher“ als männlicher Jugendlicher mit türkischem Migrationshintergrund wahrgenommen, der in möglichst aggressiver Pose auftritt.[10] Tatsächlich aber handelt es sich um eine Jugendsprache, die unter jugendlichen Freunden verschiedenster Herkunft, mit oder ohne Migrationshintergrund gesprochen wird. Das Sprechen des Kiezdeutschen beschränkt sich überwiegend auf die Kommunikation im Freundeskreis und kann als Abgrenzung zu älteren Generationen, d. h. im weitesten Sinne als emanzipatorischer Akt im Prozess des Erwachsenwerdens gewertet werden.

Ebenso wie in anderen europäischen Ländern, in denen sich ähnliche Jugendsprachen etabliert haben, wird Kiezdeutsch hauptsächlich in multiethnischen Vierteln gesprochen, in denen Menschen verschiedener Kulturen, Sprachen und Ethnien zusammenleben.[11] Neben Kiez- und Standarddeutsch sprechen die Sprecher mit Migrationshintergrund oftmals noch eine oder mehrere weitere Sprachen fließend.

4. Charakteristika des Kiezdeutschen in Abgrenzung zum Standarddeutschen

Viele Bereiche des Kiezdeutschen sind noch in der Entstehung begriffen oder entwickeln sich stetig weiter. Dennoch sind bereits Muster und Strukturen erkennbar, die das Kiezdeutsche klar vom Standarddeutschen unterscheiden und ihm einen einheitlichen Charakter geben.

Diese Neuerungen umfassen vier Bereiche, die ich im Folgenden an Hand einzelner Neuerungen erläutere: Wortschöpfungen und Übernahme von Ausdrücken, die Möglichkeiten der Informationsstruktur, eine eigene, einheitlichen grammatikalische Muster sowie den Gebrauch von Flexionen und Funktionswörtern.

4.1 Wortschöpfungen und Übernahme von Ausdrücken

Obwohl der Begriff „Kiez“ auf den in Berlin üblichen Begriff für Stadtteil verweist, wird Kiezdeutsch in allen Teilen Deutschlands gesprochen. Regionale Begriffe und dialektal gefärbte Worte werden ebenso im Kiezdeutschen verwendet wie Lehnworte der Zweit- oder Muttersprachen einiger Sprecher des „Kiezes“. Beispielsweise sind die türkischen Worte „Lan“ (Typ/Kerl/Mann) oder „Moruk“ („Alter“) ebenso gebräuchlich wie „wallah“ (echt!) oder „abu“ („ey“ im negativen Sinne) aus dem Arabischen. Die Worte werden von allen Sprechern, egal welcher Herkunft, gleichermaßen verwendet und dabei so verwendet und angepasst, dass sie in das deutsche Sprachgefüge integrierbar sind.[12]

Anstelle der Verbform „es gibt“ wird im Kiezdeutschen der Partikel „gibs“ verwendet, der als unveränderliche Form den Gebrauch der veränderlichen Form des Existenzmarkers „geben“ ersetzt. Im Türkischen existiert der Existenzmarker „var“ (verneint: „yok“), der weder veränderlich noch ein flektiertes Verb ist. Die Verwendung des Partikels „gibs“ ist im Kiezdeutschen ähnlich der türkischen Grammatik: Einerseits ist der Gebrauch von „gibs“ in Kombination mit einem Pronomen möglich („es gibs“), wodurch die Stellung als feststehender Begriff bestätigt wird. Andererseits ist es durch das Verwenden des Partikels nicht mehr nötig, ein Subjekt im Satz zu verwenden, wobei das Akkusativobjekt, dessen Existenz durch „gibs“ angezeigt wird, dadurch oftmals den Rang des Subjektes erhält. (Es gibt [eine] Party. -> Gibs Party.) Je nach Region und Sprechergruppe variiert das Kiezdeutsche, was die Auswahl von Lehnwörtern betrifft, es folgt in allen Regionen aber identischen Regeln und grenzt sich so allgemein zum Standarddeutschen ab.

4.2 Möglichkeiten der Informationsstruktur

Das Standarddeutsche folgt der Regel der Verb-Zweitstellung, d. h. dass das finite Verb immer das zweite Satzglied bildet. Im Kiezdeutschen werden Wortstellungen bei adverbialen Bestimmungen des Ortes oder der Zeit systematisch so verändert, dass nach den vorangestellten adverbialen Bestimmungen die erste Position im Satz erhalten und so die Zweit-Stellung des finiten Verbes aufgehoben wird und das finite Verb die Dritt-Stellung[13] erhält. Die Inversion von Subjekt und flektierter Verbform findet somit nicht statt. Diese Vorabstellung der adverbialen Bestimmung verleiht ihr eine besondere Bedeutung und wird dann angewendet, wenn ihr Informationsgehalt von besonderer Wichtigkeit ist. Diese Veränderung der Satzstruktur bewirkt eine neuartige Informationsvermittlung, da die Information, die vermittelt werden soll gleich zu Beginn des Satzes gegeben wird. Beispiel: „Morgen ich hab´ Vorstellungsgespräch.“

Ebenfalls als informationsverstärkendes Element wird der Grad- oder Fokuspartikel „so“ verwendet[14]. Die Bedeutungen, die der Partikel im Hochdeutschen hat (beispielsweise, um Vergleiche zu beschreiben „Er ist so groß wie sie.“, um Intensität auszudrücken „So schön!“, als Mittel der Unschärfebeschreibung „Das dauert so fünf Minuten.“) bleiben dabei im Kiezdeutschen erhalten. Zusätzlich wird „so“ im Kiezdeutschen eingesetzt, um die nachfolgende Information zu unterstreichen. Beispiel: „Ich hab´ so Vorstellungsgespräch.“

4.3 Einheitliche grammatikalische Muster

Die Verb-Eins-Stellung des finiten Verbes, die sich auch in anderen Varietäten des Deutschen wiederfindet, hat eine gegenteilige Funktion. Wenn das Thema, über das kommuniziert wird, allen Beteiligten gut bekannt oder weniger bedeutend und bereits benannt ist, kann im Kiezdeutschen auf eine weitere Erwähnung verzichtet werden und das finite Verb somit an die erste Stelle im Satz gesetzt werden. Beispiel: „[Das Fahrrad] Musst du nicht putzen.“

Das Zusammenfügungen von Worten sowie Verkürzungen und Auslassungen und dadurch die Entstehung neuer Partikel, haben sich in der Struktur des Kiezdeutschen etabliert. Beispielsweise ist aus der Aufforderung „lasst uns mal“ durch Auslassungen und Verschmelzungen der Ausdruck „lassma“[15] entstanden, der aus Imperativen entstanden, sowohl seinen auffordernden Charakter als auch die Verb-eins-Stellung des Imperatives beibehält.

Das Weglassen von Artikeln und Präpositionen bei Ortsangaben[16] („Bin isch jetzt U-Bahn.“) und in der Verbindung von Verben und Nomen („esse so Brötchen“) ist, ähnlich wie im Türkischen, nicht etwa eine Reduktion oder Vereinfachung, sondern Teil einer systemischen Veränderung des Standarddeutschen.

[...]


[1] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit verwende ich in dieser Arbeit immer nur die männliche Form. Selbstverständlich sind aber beide Geschlechter gemeint.

[2] Vgl. den Titel des Forschungsprojektes von Ingrid Schröder: Plattdeutsch in Hamburg. Sprachwahl als Mittel zur Konstruktion lokaler Identität?

[3] Wengert (2005) zählt zu den wichtigsten subjektiven Fehlerquellen: Vor- und Zusatzinformationen zur Persönlichkeit des Schülers bzw. der Eltern, Sympathie und Geschlecht, subjektive Theoriebestände des Lehrers (z. B. ungelenke Handschrift weist auf unstrukturiertes Denken hin), Halo-Effekt und logischer Fehler, stabile Urteilstendenzen (Strenge- und Mildeeffekte) und Reihenfolgen-Effekte z. B. bei der Korrektur von schriftlichen Arbeiten.

[4] vgl. Wiese, H. 2012: S. 75ff.

[5] vgl. Deniz Canoğlu, H. 2012: S. 23.

[6] ebd. S. 29f.

[7] vgl. Wiese, H. 2012: S. 12.

[8] vgl. http://www.duden.de/suchen/dudenonline/Kanake und http://www.dwds.de/?view=1&qu=kanake

[9] Wiese, H. 2012: S. 13.

[10] Wiese, H. 2012: S. 11.

[11] vgl. Wiese, H. 2012: S. 78.

[12] vgl. Wiese, H. 2012: S. 29ff.

[13] vgl. Wiese, H. 2012: S. 60ff.

[14] vgl. Wiese, H. 2012: S. 62ff.

[15] vgl. Wiese, H. 2012: S. 45ff.

[16] vgl. Wiese, H. 2010: S. 38ff.

Details

Seiten
24
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668189904
ISBN (Buch)
9783668189911
Dateigröße
887 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v319722
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,7
Schlagworte
Matched Guise Technique Jugendsprache Kiezdeutsch Dialekt Varietät

Autor

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    Miriam Wepunkt (Autor)

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