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Mythologische und psychologische Merkmale in dem Roman „Homo Faber“ von Max Frisch und dem gleichnamigen Film von Volker Schlöndorff

Hausarbeit 2014 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Technik und Schicksal
2. Antike Tragödien und „Homo Faber“
3. Hinweise auf mythologische Zusammenhänge
3.1 Ödipus
4. Beziehungsschema der Hauptfiguren
5. Psychologische Aspekte / Ödipuskomplex
6. Vergleich: Max Frisch und Volker Schlöndorff

III. Fazit

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Im Jahre 1957 ist der von Max Frisch als Bericht betitelte Roman „Homo Faber“ erschienen. Dieser entwickelte sich kurz nach der Veröffentlichung zum Bestseller und wird 1991, unter Regie von Volker Schlöndorff, gleichnamig verfilmt.

Für einen Roman des 20. Jahrhunderts finden sich jedoch erstaunlich viele Parallelen zu antiken griechischen Tragödien. Gerade in diesem Zeitalter der Technisierung findet eine erhöhte Auseinandersetzung mit dem Unterbewussten und dem Sinn des Seins statt. Der Gegensatz zwischen Technik und Schicksal sowie die Verbindung zum Protagonisten Faber treten sehr in den Vordergrund des Romans. Durch eine doppelte Erzähltechnik, Hauptfigur auf der einen Seite und Berichterstatter auf der anderen, bekommt der Leser Einblick in die Gefühlswelt und Selbstkonflikte von Faber. Dies wird durch die Form eines tagebuchartigen Berichts verstärkt. In dieser Seminararbeit lege ich das Augenmerk auf die verschachtelten mythologischen Merkmale und Motive antiker griechischer Tragödien, die Max Frisch in seinem Roman aufleuchten lässt. Bereits in dem Titel „Homo Faber“ wird der Bezug zum Mythos[1] sichtbar. Welcher Mythos die größte Rolle in „Homo Faber“ einnimmt, wird in der Arbeit anhand von Belegen nachgewiesen und genauer untersucht. Um einen engeren Sinn hinter den versteckten Motiven zu erkennen, möchte ich die psychologische Struktur, die sich aus dem Roman herleiten lässt, dazuziehen und Zusammenhänge zu den Ödipus-Mythos untersuchen. Insbesondere gehe ich hier auf den Ödipuskomplex ein, um ein Verständnis von den Beziehungen zwischen den Figuren und den Bezug zum Ödipus-Mythos in dem Roman darzulegen. Der Aspekt der Technikverbundenheit von Faber und die Beziehung zwischen den Protagonisten werden hier mit einbezogen. Einen Teil dieser Arbeit widme ich der Gegenüberstellung von Max Frischs „Homo Faber“ und der gleichnamigen Verfilmung von Volker Schlöndorff, um die Mittel der unterschiedlichen Medien zur Vermittlung der mythologischen Motive wiederzugeben.

II. Hauptteil

1. Technik und Schicksal

Zwei Schlüsselbegriffe, die in stetiger Auseinandersetzung zueinander stehen, sind das technische Denken, das durch Fabers Beruf und seine eigene Überzeugung vermittelt wird, sowie die schicksalshafte Fügung, die durch Sabeth und Hanna Veränderungen in Fabers Leben hervorrufen. Der Held des Romans scheint dann glücklich zu sein, wenn die Verbindung mit den Funktionen des sekundären Systems, seiner technischen Welt, gewährleistet wird. Genauer gesagt solange er Zugang zu technischen Geräten, beispielweise seiner Kamera, dem Radio oder seinem Rasierapparat hat.[2] Im Film wird die Technikverbundenheit vor allem in der Szene während des Flugzeugabsturzes sichtbar, in der Faber gelassen Berechnungen durchführt, anstatt wie die Anderen in Panik zu geraten und um sein Leben zu bangen. Selbst beim Ausharren in der Wüste beschäftigt er sich stets mit seiner Kamera oder der Schreibmaschine.[3] Die Technik ist der Figur Faber eigentlich auch eine Geliebte. Diese möchte ständig gepflegt, bewegt und bedient werden, doch schwierig wird es für ihn, wenn die weibliche Person keinen Bezug zur Technik hat, beispielsweise wie seine amerikanische Freundin Ivy, für die er sich nur kurzweilig interessiert.[4]

Zieht man eine Verbindung von der Technik zur Tragödie, wie etwa bei Ödipus, so kann man vergleichend sagen, dass die moderne Technik den Menschen und dessen Leben, zur Hybris verführt. [5] Erst der Mensch, der – wie Ödipus, welcher mit seinem Verstand das Sphinx-Rätsel löst und Theben für lange Zeit eine vielversprechende Herrschaft beschert – prinzipiell alle Probleme gelöst zu haben scheint, wird reif für die Tragödie.[6] Demnach steht die Technik in unmittelbarer Verbindung zum Schicksalsschlag. Insofern die Technik dem Techniker das Gegenteil von dem zufügt, was dieser mit ihr zu erreichen zu versucht, verhält sie sich dämonisch.

„Ich glaube nicht an Fügung und Schicksal, als Techniker bin ich gewohnt mit den Formeln der Wahrscheinlichkeit zu rechnen […] Ohne die Notlandung in Tamaulipas wäre alles anders gekommen […] Vielleicht würde Sabeth noch leben […] Es war mehr als ein Zufall, dass alles so gekommen ist, es war eine ganze Kette von Zufällen.“[7] Ihrer Struktur nach verhält sich diese Dämonie der des Gottes in der griechischen Tragödie.[8]

Der exklusiven Beziehung des Inzests entspricht einerseits der unbedingte Wille des Technikers, sich gegen die Natur und den Tod zu behaupten.[9] Faber wiedersetzt sich der Natur, da er unwissend eine Beziehung zu seiner Tochter Sabeth eingeht. „Dabei dachte ich nicht einen Augenblick daran, dass Sabeth sogar mein Kind sein könnte.“[10] „[…] ich habe mich so verhalten, als gebe es kein Alter, daher widernatürlich.“[11] Durch diese ungewöhnliche Beziehung kann er ebenfalls den Gedanken des Todes entgehen, da er sich durch Sabeth wieder jung fühlt. „[…] wir Techniker versuchen, ohne den Tod zu leben. Wörtlich: Du behandelt das Leben nicht als Gestalt, sondern als bloße Addition, daher kein Verständnis zur Zeit“[12] „[…] obschon ich mir Mühe gab, jung zu sein.“[13] „Vor vierundzwanzig Stunden (es kam mir wie eine Jugenderinnerung vor!)“[14]

Dies steht jedoch im Gegensatz dazu, dass die Technik nicht nur ein naturanaloges System, sondern ein System, das in seiner unvermeidbaren Offenheit auf die Natur als das, was auch ihr substantiell zugrundeliegt, zurückweist. [15] Durch die Technik, die also aus der Natur entsprungen ist, kann auch Faber der Natur und dem Schicksal nicht entgehen und die Technik weist ihn zusätzlich auf das Natürliche hin. Über die Technik wird Faber mit den Versäumnissen seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert, nämlich der Verweigerung der natürlichen Lebensgemeinschaft von Mann und Frau, als auch damit verbunden der Verweigerung einer Vaterschaft. „Später behauptete Hanna, ich sei erleichtert gewesen, dass sie das Kind nicht haben wollte […] Ich hatte gesagt: Dein Kind, statt zu sagen: Unser Kind.“[16]

Beides hat er Joachim, seinem ehemaligen Studienkollegen, überlassen. Für das, was Faber in seiner Jugend versäumt hat, wird dieser durch das Schicksal später unerwartet und unwiderruflich zur Verantwortung gezogen.

Der moderne und aufgeklärte Geist von Faber verbietet sich jedoch jeglichen Glauben an Fügung und Schicksal und sucht eine Lösung in der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Mit Hilfe dieser versucht er das überraschende, folgenschwere, überwältigende Ereignis besser zu verarbeiten.[17] Er nimmt daher die Technik als Vorwand, um das ihm Widerfahrene für ihn erträglicher zu machen und eine Existenz von Schicksal weiterhin verleugnen zu können. Doch stellt man sich die Frage von Zufall und Schicksal, so kommt man rechnerisch zu dem Ergebnis, dass der Wahrscheinlichkeitsgrad des Zufalls als Funktion der Zeit gilt und gleichermaßen wurde in der griechischen Tragödie von König Ödipus die Zeit als höchste Macht dargestellt, die das menschliche Schicksal bewirkt. Daher bringt die Zeit, bei Faber und ebenso wie bei König Ödipus, Verborgenes an den Tag und straft für einstige Vergehen, auch wenn der Mensch sich noch so sehr dagegen zu wehren versucht.[18]

2. Antike Tragödien und „Homo Faber“

In „Homo Faber“ lassen sich inhaltlich viele Mythen aus dem antiken Griechenland, beispielsweise Bezüge zu König Ödipus, der Göttin Aphrodite oder dem Götterboten Hermes finden. Diese werden durch Metaphern oder aber durch gezieltes Einbauen von Attributen und Symbolen verdeutlicht. „Oedipus und die Sphinx, auf einer kaputten Vase dargestellt in kindlicher Weise […]“[19]

Im kulturellen System der zwanziger Jahre entwickelte sich die Begeisterung am Mythos als Gegenstück zum Überdruss an der Technik. Den negativen Pol besetzen die Attribute der Technik, den positiven die des Mythos. Der Roman „Homo Faber“ enthält Stoffelemente der Technikkritik genauso wie mythologische Anspielungen, welche sich vorwiegend auch auf den genannten Polen verteilen.[20] Weitere Bezüge zum Mythos finden sich beim Autor selbst, da Max Frisch am Ideal des mythischen Dichters gemessen wurde. Sein Buch bestätigt, dass die Hybris der Technik der rächenden Macht des Mythos anheimfallen würde. Damit wird die Tragödie geschaffen.[21]

Das Technikmodell, welches aus der Perspektive von Faber in dem Roman geschildert wird, ist als Modell der Eindeutigkeit interpretierbar. Das im Gegensatz dazu entworfene Mythologiemodell ist dagegen vieldeutig, da variantenreiches Material überliefert wird.[22] Die Aspekte, die hier angesprochen werden, zeigen eine deutliche Befürwortung der Mythologie und Abneigung gegen die beziehungsweise Kritik an der Technik. Der Bezug zu den alten Tragödien in einem Roman des 20. Jahrhunderts hat beinahe einen poetischen Charakter und Faber selbst wird zum Ende seines Berichts immer mehr zum Dichter. “Auf der Welt sein: im Licht sein. […] standhalten dem Licht, der Freude […], dass ich erlösche im Licht über Ginster, Asphalt und Meer, standhalten der Zeit, beziehungsweise Ewigkeit im Augenblick. Ewig sein: gewesen sein.“[23] Hier spiegelt sich Frischs Vorliebe für die Poesie wider, denn Poesie als Abbild der Welt ist für Max Frisch das Bildnis schlechthin.[24] Eine genaue Analyse der Stellen, an denen Mystik auftaucht, bestätigt einen mythologischen Stoffbezug, doch weist die Übereinstimmung mit den Mythen meist nur eine Ähnlichkeit auf und keine konkrete Übernahme.[25]

Kritisch betrachtet wird die Parallelität zu den Mythen ebenfalls von einigen Literaturwissenschaftlern. Diese vertreten die Ansicht, dass wo immer auch in „Homo Faber“ Erinnerungen an einen antiken Mythos geweckt werden, sich das fragliche Ereignis auch ohne mythologische Kenntnis verstehen lässt.[26]

3. Hinweise auf mythologische Zusammenhänge

Eine Suche nach bestimmten Indizien für Mythen in „Homo Faber“ ist ebenso vielversprechend, wie das Entdecken der unterschiedlichen und vielseitig interpretierbaren mythologischen Merkmale, die sich oftmals wie eine Kette durch den Roman ziehen und an bestimmten Stellen Wiederholungen aufweisen.

Es sind die Kunstschätze Europas, welche Faber zum ersten Mal die Augen öffnen für den das Mystische.[27] Sabeth, seine Geliebte und Tochter, bringt Faber auf der Reise in seine bewusste, aber verdrängte Vergangenheit nach Griechenland. Im Roman ist sein Bild geprägt von Schauplätzen, die auf die skizzierten mythologischen Bezüge verweisen. Diese wären unter anderem Akrokorinth, Athen und Eleusis.[28]

Was Fabers Reise betrifft, so finden sich Merkmale, die an die Irrfahrten von Odysseus erinnern. Fabers Montage-Touren sind eine Odyssee rund um die Welt; wie der homerische Held ist er für zwei volle Jahrzehnte von der früh Verlassenen getrennt.[29] Ebenso lässt sich sämtlichen Bezugspersonen von Faber ein mythisches Pendant zuweisen. Bei Herbert beispielsweise, der durch seine eigentümlichen Einsichten und Voraussichten in den Gang der Entwicklung auffällt. Er stellt dies unter Beweis, indem er Faber Kunde von Hanna bringt, sich im Dschungel ortskundig erweist und ihn von Joachims Tod in Kenntnis setzt. Herbert ist also kein zufälliger Reisebegleiter, der Faber seine eigene Zukunft und Vergangenheit entgegenführt. Es ist Hermes, der antike Götterbote, der als mythischer deus ex machina, Fabers Lösung aus dem Konflikt, ins menschliche Geschick eingreift.[30]

Hebert begleitet Faber in verdinglichter Gestalt, nämlich als Schreibmaschine mit dem sprechenden Namen Hermes-Baby auf all seinen Reisen bis zu Fabers Krankenhausaufenthalt, wo sie ihm genommen wird und er sich ausgeliefert fühlt.[31] „Sie haben meine Hermes-Baby genommen und in den weißen Schrank geschlossen […] Ich soll von Hand schreiben! Ich kann Handschrift nicht leiden […].“[32]

Tod, Liebe, Rache und Reise sind wichtige Schlüsselbegriffe, die sich durch den Roman ziehen. In Fabers dreifacher Eigenschaft als Erzeuger, Liebhaber und Vernichter von Sabeth schließt sich der Kreis von Liebe und Tod, Schöpfung und Zerstörung. „Was als offenkundiger Verstoß gegen das sittliche Vernunftgesetz gedeutet wurde, gibt sich in zunehmendem Maße als geheime Erfüllung des Eleusinischen Mysteriengesetzes zu erkennen.“[33] Wüste, Dschungel und Griechenland sind Orte auf Fabers Reise, seiner Hadesfahrt, einem zentralen mythologischen Motiv in dem Roman. Erst bei dem Tod von Sabeth, gelangt Faber ans Ende seiner Hadesfahrt, in der er – wie der mythologische Orpheus – seine Eurydike zurückholt. Eurydike starb wie Sabeth an einem Schlangenbiss, als diese auf der Flucht vor Zeus, der ihr nachstellte, stürzte.

Durch den schönen Gesang Orpheus‘ gelang es diesem, bis zu Hades vorzudringen. Parallel dazu versucht Faber durch seine Poesie Sabeth zurückzuholen.[34]

„Die Gletscherspalten: grün wie Bierflaschenglas. Sabeth würde sagen: wie Smaragd […] Die Felsen im späten Licht: wie Gold. Ich finde: wie Bernstein, weil matt und beinahe durchsichtig, oder wie Knochen, weil bleich und spröde.“[35]

Fabers lebenslange Flucht vor dem Tod führt ihn, letztendlich zu Hanna, diese kann durch ihre sehr ernst genommene Mutterrolle, mit der Göttermutter Demeter in Verbindung gebracht werden. „Ich bestand darauf, das Mädchen zu sehen, wenn auch nur für eine Minute, und fand Hanna sehr sonderbar – sie ließ mich, als wollte ich ihr die Tochter stehlen, nicht eine Minute lang im Krankenzimmer.“[36] Doch strahlt Hanna nicht nur mütterliche Geborgenheit aus, sondern zusätzlich tödliche Bedrohung. Dies wird von Faber verdeutlicht, als er ein Bad in Hannas Wohnung nimmt.[37] „Spintisiererei (die Badewanne als Sarkophag; etruskisch!)“[38] „Man träumt, man sei zum Tode verurteilt.“[39] Faber imaginiert sowohl seinen Tod durch Hannas Hand als auch seine Wiedergeburt in ihrem Schoß.[40] „Schicksalsmystik, ist biologisch gesehen das Schicksal der Kreatur, aus der Natur geboren zu sein und wieder in sie zurückzukehren.“[41] Die Mythen, die am meisten Symbolik und Ähnlichkeiten in „Homo Faber“ aufweisen, sind unter anderem der Ödipus-Mythos, die Göttin Aphrodite und ihre Schwestern, die Erinnyen. Welche Gemeinsamkeiten vorliegen, ob Unterschiede vorhanden sind und wie der Zusammenhang von Mythos und Roman gedeutet werden kann, wird folgend genauer beleuchtet.

3.1 Ödipus

Der Mythos von Ödipus setzt sich aus einer Reihe von zentralen Momenten zusammen. Als König Laios von Theben geweissagt wird, sein Sohn werde ihn töten und die Herrschaft über Theben erlangen, setzt er, als Ödipus auf die Welt kommt, diesen mit durchstochenen Füßen in der Wildnis aus, damit dieser stirbt.[42]

Ödipus jedoch überlebt und erschlägt, als er zum Mann herangewachsen ist, aufgrund einer unglücklichen Verkettung der Umstände den ihm unbekannten Vater. Ohne seine eigene Identität zu kennen und ohne von den anderen erkannt zu werden, kehrt er in die Heimat zurück und löst dort das Rätsel der Sphinx, die den Bewohnern großes Unheil gebracht hat. Als Dank bekommt er die Witwe des Königs zur Frau, seine Mutter Iokaste, mit der er außerdem Kinder zeugt. Zum Entsetzen der Beteiligten kommt die Blutschande ans Licht, worauf Ödipus sich die Augen aussticht und Iokaste sich erhängt.[43] In „Homo Faber“ finden sich eine ähnliche Situation und mehrere Merkmale aus diesem Mythos wieder. Angefangen bei dem Namen Ödipus, der durch die durchstochenen Füße zustande kam, findet sich eine Vergleich bei Faber: „Meine Füße schmerzten sehr.“[44]

In der Verfilmung von Schlöndorff findet sich eine Verbindung zum Delphischen Orakel, welches Ödipus‘ Tragödie vorhergesehen hat. Sabeth spricht davon, dass es eine Schande wäre, an Delphi vorbeizufahren, ohne es zu besichtigen. [45]

Das Motiv des Inzests ist gerade das, welches die Verbindung zu diesem Mythos und „Homo Faber“ mit sich bringt. Doch wiederholt Faber die Verfehlung von Ödipus nicht, da ein Mutter-Sohn-Inzest nicht stattfindet. Faber begeht den umgekehrten Fall von Inzest, da es ein Vater-Tochter-Inzest ist.[46]

Fabers Schreibsituation lässt sich mit der kritischen Ausgangssituation der analytischen Prozessführung von König Ödipus vergleichen. Als der antike Macher die Stadt von der Sphinx befreit, bekommt dieser die Hand der verwitweten Königin und damit die Herrschaft über Theben, bis die Pest ausbricht und die Krise beginnt. Hier finden sich einige Parallelen zu Faber. Der Tiefpunkt der Karriere von Faber, einem angesehenen UNESCO-Ingenieur, tritt dann hervor, als dieser dazu gezwungen wird, eine nicht vorhergesehene Krisensituation zu erforschen und nach Möglichkeit zu beheben. Die unerwartet zustande gekommene Not bekommt er nicht von der leidenden Öffentlichkeit zu spüren, vielmehr will er Rechenschaft ablegen gegenüber Hanna, die er in der Vergangenheit im Stich gelassen hat. [47] Nach Sabeths Tod schlussfolgert Faber, nunmehr ohne Verlust das Augenlicht verlieren zu können, da es für ihn nichts mehr Beglückendes zu sehen oder zu finden gäbe.

„Ich ging durch die Stadt […] ohne auf die Verkehrslichter zu achten, glaube ich, wie blind.“[48] „Wozu auch zum Fenster hinausblicken? Ich habe nichts mehr zu sehen.“[49] Diese Einsicht erinnert an Ödipus‘ Selbstblendung und seine Worte, in denen er ebenfalls zu dem Schluss kam, dass es für ihn nichts Schönes mehr zu sehen gäbe.[50] Im Akt der Erkenntnis und Selbstblendung ist Ödipus nach eigenem Verständnis eins mit Apollon, der ihn erleuchtet und vernichtet hat.[51] In Volker Schlöndorffs „Homo Faber“ lässt sich ebenfalls eine Art der Selbstblendung bei Faber interpretieren, als dieser in der Halle des Flughafens sitzt, seine Augen mit einer Sonnenbrille verdeckt, als wollte er die Welt nicht mehr in ihrem Ursprung sehen. Das erreicht er zusätzlich, indem er einen Teil seines Augenlichts hinter den dunklen Gläsern dimmt.[52]

[...]


[1] Bei der Nennung des Begriffs Mythos werde ich mich in dieser Seminararbeit auf folgende Definition beziehen: Bei einem Mythos würde man von einer unwahren Erzählung sprechen, vergleichbar mir einer Fabel oder einem Kindermärchen. Er ist lustvoll zu hören und wird oftmals mündlich verbreitet. Der Mythos liefert nicht die Wahrheit, soll aber wegen der sinnlichen Schönheit und den Reichtum an Ideen Dichter dazu anregen, selbst Erfinder zu werden. Vgl. hierzu: Ritter, Joachim / Gründer, Karlfried (Hgg.). „Historisches Wörterbuch der Philosophie“. In: Bd. 6. Sp.282- Sp.289.

[2] Vgl. Leber, Manfred / Sonderegger, Stefan (Hgg.). Vom modernen Roman zur antiken Tragödie: Interpretation von Max Frischs „Homo Faber“. Walter de Gruyter: Berlin, 1990 (=Quellen und Forschungen zur Sprach- und Kulturgeschichte der germanischen Völker Bd. 93. Reihe 217). S.44.

[3] Homo Faber. Regie: Volker Schlöndorff. Art Haus 1991. 00:09:50 – 00:15:25.

[4] Vgl. Leber. 66.

[5] Vgl. Leber. 90.

[6] Ebd. 48.

[7] Frisch. 22.

[8] Vgl. Leber. 7.

[9] Ebd. 74.

[10] Frisch. 118.

[11] Ebd. 170.

[12] Ebd. 170.

[13] Ebd. 108.

[14] Ebd. 150.

[15] Vgl. Leber. 82.

[16] Frisch. 48.

[17] Vgl. Leber. 99.

[18] Ebd. 101.

[19] Frisch. 142.

[20] Schmitz, Walter/ Frühwald, Wolfgang (Hgg.). Max Frisch - Homo Faber. Materialien, Kommentare. München: Carl Hanser, 1977 (=Literatur-Kommentare Bd. 5. Reihe Hanser 214). 56/57.

[21] Ebd. 57.

[22] Vgl. Kranzbühler. 215.

[23] Frisch. 199.

[24] Vgl. Kranzbühler. 220.

[25] Vgl. Schmitz. 57.

[26] Vgl. Leber. 20.

[27] Vgl. Lubich, Frederick Alfred. Max Frisch: „Stiller“, „Homo Faber“ und „Mein Name sei Gantenbein“. München: Fink, 1990. 59.

[28] Vgl. Kranzbühler. 218.

[29] Vgl. Lubich. 80.

[30] Ebd. 66.

[31] Ebd. 68.

[32] Frisch. 161.

[33] Vgl. Lubich. 69.

[34] Vgl. Kranzbühler. 220.

[35] Frisch. 195.

[36] Ebd. 131.

[37] Vgl. Lubich. 71.

[38] Frisch. 136.

[39] Ebd. 149.

[40] Vgl. Lubich. 71.

[41] Ebd.

[42] Begriffserläuterung: Oidípous: griech. Schwellfuß. Vgl. hierzu: Junker, Klaus. Griechische Mythenbilder. Eine Einführung in ihre Interpretation. Stuttgart: Metzler, 2005. 31.

[43] Vgl. Junker. 31.

[44] Frisch. 134.

[45] Schlöndorff. 01:17:30 – 01:17:42.

[46] Schmitz. 57.

[47] Vgl. Leber. 152.

[48] Frisch. 192.

[49] Ebd.

[50] Vgl. Leber. 159.

[51] Ebd. 4.

[52] Schlöndorff. 01:45:00 – 01:45:25.

Details

Seiten
21
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668193109
ISBN (Buch)
9783668193116
Dateigröße
794 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v320123
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Sprache, Literatur und Kultur
Note
12,0
Schlagworte
Volker Schlöndorff Homo Faber Max Frisch Vergleichende Literaturwissenschaft Psychologie Sigmund Freud Ödipus-Komplex Filmanalyse

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