Lade Inhalt...

Die Exit and Voice-Theorie nach Albert O. Hirschman und ihre praktische Anwendung auf den Zusammenbruch der DDR

Hausarbeit 2012 16 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Exit, Voice and Loyalty
2.1) Die Exit and Voice-Theorie
2.2) Die Rolle von Loyalität und loyalem Verhalten
2.3) Wissenschaftliche Entwicklungen seit Erscheinen des Werks

3) Anwendung der Exit and Voice-Theorie auf den Untergang der DDR
3.1) Anwendung der Theorie durch Albert O. Hirschman
3.2) Kritik an Hirschmans Anwendung und Alternativen

4) Schluss

5) Literaturverzeichnis

1) Einleitung

Es war am Abend des 9. November 1989, als die Mauer, die seit 1961 die Deutsche Demokratische Republik (DDR) von der Bundesrepublik Deutschland (BRD) trennte, geöffnet wurde. Die Menschen aus der DDR durften nach 27 Jahren die Grenze nach Westdeutschland passieren; nach 40 Jahren Repression durch das SED-Regime (Sozia- listische Einheitspartei Deutschlands) waren sie wieder freie Bürger. Das angeschlagene SED-Regime hatte dem Druck durch die Bürger nicht mehr stand- halten können. Der Mauerfall und der anschließende Zusammenbruch der DDR kamen für viele überraschend und waren in dem Ausmaße zu diesem Zeitpunkt nicht vorher- sehbar. Umso eifriger bemühten sich die Sozialwissenschaften anschließend, dieses Ereignis zu erklären. Populär war in den vergangenen Jahren der Ansatz, die Ereignisse, die im Jahr 1989 stattfanden, mit einer in den Siebziger- und Achtzigerjahren bekannt gewordenen Theorie zu erklären, die eigentlich in einem anderen Kontext entwickelt wurde: der Exit and Voice-Theorie.

1970 vom amerikanischen Soziologen und Volkswirt Albert O. Hirschman entwickelt, geht die Theorie der Frage nach, wie sich Kunden verhalten, wenn ein Unternehmen an Leistung einbüßt. Dabei stehen ihnen zwei Alternativen zur Verfügung: der Wechsel zur Konkurrenz (exit oder auf Deutsch Abwanderung) und die Möglichkeit, sich zu be- schweren (voice oder Widerspruch). Obwohl diese Theorie ursprünglich auf volkswirt- schaftlicher Basis entstanden ist, lässt sie sich auch auf die politische Ebene übertragen (dann ersetzen Staaten und andere Organisationen die Unternehmen; die Kunden wer- den durch die Bürger ersetzt) und mit dem Zusammenbruch der DDR gab es erstmals ein politisches Fallbeispiel, auf das die Theorie angewandt werden konnte.

Inwiefern die Exit and Voice-Theorie nun die Geschehnisse im Herbst 1989 erklären kann, soll diese Arbeit darstellen. Dazu wird zuerst das Modell von exit und voice ver- anschaulicht. Ich werde nicht nur auf Hirschmans Annahmen zu Abwanderung und Wi- derspruch eingehen, sondern auch reflektieren, ob und inwiefern die Theorie bei ande- ren Sozialwissenschaftlern Anklang gefunden hat, beziehungsweise an welchen Punkten der Theorie die Kritik ansetzt.

Im nächsten Schritt werde ich die Theorie auf das Ende der DDR übertragen. Und auch dies soll von zwei Seiten beleuchtet werden, denn Hirschman selbst kommt hier zu anderen Ergebnissen als viele seiner Kollegen.

2) Exit, Voice and Loyalty

„Exit, Voice and Loyalty. Responses to Decline in Firms, Organizations and States” (zu Deutsch: „Abwanderung und Widerspruch: Reaktionen auf Leistungsabfall bei Unter- nehmungen [sic!], Organisationen und Staaten“) ist eines der bekanntesten Werke von Albert O. Hirschman. In diesem Werk entwickelte er seine berühmte Exit and Voice- Theorie. Eigentlich ist die Frage, die hinter dieser Theorie steht, ziemlich simpel: wie reagieren die Kunden, wenn das Unternehmen an Leistung einbüßt? Die Annahmen, die Hirschman dazu trifft, sind jedoch weitaus komplizierter und weitreichender als man zu denken vermag. Da sich diese Arbeit jedoch nur auf die wichtigsten Punkte der Exit and Voice-Theorie und nicht auf das gesamte Werk bezieht, werde ich mich bei den folgen- den Ausführungen auf das Zusammenspiel von Abwanderung und Widerspruch unter Miteinbeziehung von Loyalität beschränken.

2.1) Die Exit and Voice-Theorie

Im Mittelpunkt von Hirschmans Werk „Abwanderung und Widerspruch: Reaktionen auf Leistungsabfall bei Unternehmungen [sic!], Organisationen und Staaten“ steht die Exit and Voice-Theorie. Ihre grundlegenden Annahmen lassen sich in wenigen Worten zusammenfassen. Verschlechtert sich durch zufällige Einflüsse die Leistung eines Un- ternehmens beziehungsweise die Qualität seiner Produkte, haben die Kunden zwei Möglichkeiten, auf diese negative Veränderung zu reagieren: exit oder voice, also Ab- wanderung (das Wechseln zum Konkurrenzunternehmen) oder Widerspruch (das Aus- drücken der Unzufriedenheit durch Beschwerde). Beide Reaktionsmöglichkeiten haben den Zweck, das Unternehmen auf den Qualitätsverlust seiner Produkte oder Dienstleis- tungen aufmerksam zu machen und ihm die Chance zu geben, eine Korrektur hin zur alten Leistung zu bewirken (Hilz 2007: 176 f.).

Die erste Komponente von Hirschmans Theorie bildet die Möglichkeit der Abwande- rung. Um dies in seiner Komplexität erfassen zu können, muss zunächst noch einmal ein Blick auf die Rahmenbedingungen geworfen werfen. Hirschman geht in seinen Überlegungen von einem „normalen (unvollkommenen) Wettbewerb“ (Hirschman 1974: 17) aus. Für ihn gibt es kein Unternehmen mit Monopolstellung; im Gegenteil, mehrere Unternehmen auf dem Markt konkurrieren miteinander, womit ihnen ein ge- wisses Maß an Freiheit zusteht, sowohl bei der Preisbildung, als auch bei der Qualität ihrer Produkte (Hirschman 1974: 17). Hier kommt die aus der Volkswirtschaftslehre bekannte Nachfragefunktion ins Spiel, die Hirschman jedoch ein wenig abwandelt: die Kosten für ein Produkt blieben konstant, genauso wie die Preise, die stabil blieben. Lediglich die Qualität des Produkts verändert sich hin zum Schlechteren, wodurch die Nachfrage sinkt und bei den Unternehmen die Gewinne einbrechen lässt (denn die Kunden wandern zum Konkurrenten ab).

Ob und in welchem Maße das Unternehmen nun auf den Kundenrückgang reagiert, zeigt die sogenannte Unternehmensreaktionsfunktion. Sobald das Unternehmen bezie- hungsweise dessen Geschäftsführung bemerkt, dass die Kunden vermehrt zur Konkur- renz wechseln, wird es darauf reagieren; wie genau, hängt von der Stärke des abwan- dernden Kundenstroms ab. Wandern nur wenige Kunden zur Konkurrenz, wird das Un- ternehmen nicht gesondert darauf reagieren. Bewegt sich die Zahl der abwandernden Kunden im mittleren Bereich, wird die Unternehmensleitung alles daran setzen, das Unternehmen zur alten Leistungsfähigkeit zurückzuführen und so die sinkenden Ein- nahmen einzudämmen. Überschreiten die Gewinneinbrüche jedoch einen bestimmten Punkt, ist das Unternehmen finanziell so geschwächt, dass es keine Maßnahme mehr retten kann; dann ist das Unternehmen nicht mehr wettbewerbsfähig und verschwindet vom Markt.

Damit auch im Falle von Abwanderung dem Unternehmen die Chance gegeben wird, sich zu rehabilitieren (was oben genanntem zweiten Fall entspreche würde), müssten sich unter der Gruppe der Kunden verschiedene Individuen befinden: eher rege Kunden, durch deren Rückmeldung der Gesundungsprozess des Unternehmens in Gang gesetzt wird, sowie trägere Kunden, die diesen Prozess unterstützen, indem sie weiterhin Kunde des Unternehmens bleiben (Hirschmann 1974: 18 ff.)

Es gibt allerdings auch Beziehungen zwischen Individuen und Unternehmen oder Organisationen, in denen die Möglichkeit der Abwanderung nicht gegeben ist. Dies führt zur zweiten Komponente von Hirschmans Theorie. In Organisationen wie Familien oder Staaten können die Individuen bei Unzufriedenheit nicht einfach zur Konkurrenz wechseln. Hier müssen sie einen anderen Weg finden, um ihren Unmut auszudrücken, nämlich durch Widerspruch (Hirschman 1974: 28).

Genau wie die Abwanderung hat auch der Widerspruch das Ziel, eine Veränderung in der Leistung des Unternehmens oder der Organisation zu bewirken. Der Widerspruch kann dabei verschiedene Formen annehmen, solange nur versucht wird, die aktuelle Situation zu verändern, anstatt vor ihr wegzulaufen; dazu gehören unter anderem indi- viduelle oder kollektive Beschwerden an die Unternehmensleitung, Proteste und Aktio- nen, mit denen die Öffentlichkeit auf den Zustand aufmerksam gemacht werden soll (Dowding et al. 2000: 471). Dabei lässt sich der Widerspruch an Hand zweier Determi- nanten festmachen oder messen: die Fähigkeit und Bereitschaft der Menschen, ihren Unmut auszudrücken, sowie das Ausmaß der Qualitätsverschlechterung (Hirschman 1974: 28).

Für den Widerspruch gelten im Grunde genommen dieselben Regeln wie für die Ab- wanderung. Bis zu einem gewissen Punkt kann Widerspruch eine Verbesserung der Leistung bewirken; geht das Engagement der Kunden jedoch darüber hinaus, kann auch das Gegenteil passieren, wenn nämlich diese übereifrigen Kunden die Gesundungsver- suche des Unternehmens behindern. Außerdem braucht auch hier eine solche Gesun- dung Zeit, die die Individuen zu geben bereit sein müssten (Hirschman 1974: 26 f.).

Eine wichtige Komponente, die es im Vergleich zwischen Abwanderung und Wider- spruch zu beachten gilt, ist der Kostenfaktor. Dass Abwanderung im Vergleich zu Wi- derspruch viel kostengünstiger ist, liegt auf der Hand: um abzuwandern, müssen die Kunden dem Unternehmen einfach nur den Rücken kehren, wollen sie jedoch protestie- ren, müssen sie sich erst über die Kosten und Möglichkeiten informieren, sowie bereit sein, die Kosten für die Durchführung von Protestaktionen zu zahlen. Da Widerspruch für den Kunden also viel teurer ist als Abwanderung, kann er sich diesen auf Grund sei- nes begrenzten Zeitbudgets nur bei manchen Produkten leisten. Er wird sich damit des- halb auf Dinge beschränken, bei denen Abwanderung zunächst nicht so einfach ist.

Weiterhin lassen sich Abwanderung und Widerspruch an Hand der Chancen unterschei- den, dass die eine oder die andere Option erfolgreicher ist: umfasst der Kundenstamm nur wenige Personen, ist Widerspruch hier zweckmäßiger, denn auf Grund der geringen Kundenzahl wird das Unternehmen wohl auf den Widerspruch reagieren können. Ist man als Kunde aber einer von vielen, und teilen diese vielen nur bedingt die eigene Un- zufriedenheit, wird der einzelne Kunde eher zur Konkurrenz abwandern; denn hier ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich etwas ändert, eher gering (Hirschman 1974: 33 f.).

[...]

Details

Seiten
16
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668196377
ISBN (Buch)
9783668196384
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v320514
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,3
Schlagworte
exit voice-theorie albert hirschman anwendung zusammenbruch

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Exit and Voice-Theorie nach Albert O. Hirschman und ihre praktische Anwendung auf den Zusammenbruch der DDR