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Wie hat sich das Armutsrisiko für Geringqualifizierte im Zuge der Aktivierungsreformen in Großbritannien und Deutschland entwickelt?

Ein Vergleich zur Relevanz der aktivierenden Arbeitsmarktpolitik

Seminararbeit 2015 22 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Sozialpolitische Relevanz und Spezifizierung der Fragestellung1

2. Was ist Aktivierungspolitik? Welcher Fokus wird in dieser Arbeit gelegt?
a. Der Gegenstand der Aktivierungspolitik mit Bezug zu Deutschland und Großbritannien
i. Aktivierungspolitische Konvergenzen und die empirische Aus- gangslage3 ii. Konzeptionelle Eigenschaften - Die Dreiteilung nach Van Berkel und Hornemann Moller (2002)4 iii. Zielgruppen 5 iv. Wirtschaftliche Perspektive: Bewältigung der negativen Anreize (work-first Strategien)
b. Die aktivierende arbeitsmarkpolitische Situation in Deutschland und Großbritannien - ausgewählte Ausprägungen
i. Übersicht Deutschland und Großbritannien9 ii. Deutschlands Hartz IV-Reformen und Großbritanniens New- Labour-Reformen10 iii. Hypothesen

3. Methodische Umsetzung - Daten und Operationalisierung
a. Warum wurde diese Quelle gewählt?
b. Operationalisierung der relevanten Indikatoren
c. Zeitraum und Länderauswahl

4. Anfängliche Auswertung und Vorschlag eines Forschungsprojekts
a. Deskriptive Statistik
b. Kurze Vorschlag eines Analysemodells

5. Anhang

1. Sozialpolitische Relevanz und Spezifizierung der Fragestellung

Im historischen Zeitraum des „Golden Ages“ in den 1950-70er Jahren entstanden ver- gleichsweise strenge Reglementierungen der Ökonomien in Europa. Diese Konstellationen zwischen nationalen Arbeitsmärkten und den aktuellen wohlfahrtsstaatlichen Ausprägungen wurden aufgrund weitreichender struktureller Veränderung sukzessiv umgebaut. Deutschland und Großbritannien zeichneten sich dabei als exemplarische und komplementäre (wohlfahrts- staatliche) Systeme ab (vgl. Hall et al. 2001). Deutschland etablierte als kontinental- konservativer Wohlfahrtsstaat eine koordinierte Marktwirtschaft mit relativ geringer Flexibili- tät des Arbeitsmarkts, namentlich aufgrund hoher Arbeitsschutzgesetze und simultan hohem umverteilenden Charakter im Vergleich zu Großbritannien. Mit einer direkten Verbindung zur Erwerbshistorie ist die Wohlfahrt eines Individuums in dem sozialversicherungsbasierten Sys- tem marktorientiert und unmittelbar abhängig vom individuellen Markteinkommen. Die rela- tiv hohen Leistungen werden hauptsächlich von staatlicher Seite bereitgestellt und werden um einen beachtlichen Umfang an passiver und aktiver Arbeitsmarktpolitik ergänzt (Vgl. Lothar 2007: 118). Im Vergleich zu Deutschland zeichnete sich die traditionell-britische liberale Ori- entierung der Marktwirtschaft durch eine Nichteinmischungspolitik aus. Die persönliche Wohlfahrt wird als eine individuelle Verantwortlichkeit verstanden, die auf einer staatlich einheitlich bereitgestellten Basis und nicht auf sozialen Rechten aufbaut. Soziale Unterstüt- zung und Leistungen wurden in relativ geringem Umfang vor allem für die Gruppe der Armen aufgebracht (vgl. ebd.). Nach einer Periode der stabilen Arbeitsmarktsituation wurden die etablierten Systeme vor neue Herausforderungen gestellt, erstens der Wandel zu einer postin- dustriellen, dienstleistungsorientierten Wirtschaft, zweitens ein steigender Anspruch an tech- nischen Skills auf dem Arbeitsmarkt, drittens die familiären und demographischen Umwäl- zungen und viertens die Auswirkungen der Globalisierung in den 1980-90er Jahren können als Ursachen gelten. Als Folge schrumpften vor allem die wohlfahrtstechnischen Möglichkei- ten für die Gruppe der Geringqualifizierten und dies führte zu einem erhöhten Risiko auf Langzeitarbeitslosigkeit in Deutschland und Armut in Großbritannien(ebd:119).

In den letzten Jahrzehnten erfuhr die Arbeitsmarktpolitik unter dem StichwortAktivierungin den USA und Europa große Aufmerksamkeit und kann als eine Art politische Reformantwort auf das steigende Armutsrisiko, die vermehrte soziale Exklusion und hohe Langzeitarbeitslo- senquoten verstanden werden (vgl. Eichhorst & Konle-Seidle 2008: 7ff.). Auch bei deutlich ungleichartigen Gestaltungen zwischen den Ländern steht die Idee des intensivierten Zusam- menhangs zwischen sozialer Sicherung und Arbeitsmarktpolitik im Allgemeinen und Er- werbstätigkeit im Speziellen im Vordergrund. Die grundlegende normative Idee hinter der Formel der Aktivierung ist, dass Menschen im Erwerbsalter für das Wohl der Gesellschaft, des Wohlfahrtsstaats und ihrer selbst besser in einem vorteilhaften Beschäftigungsverhältnis aufgehoben sind, als auf die Generosität der wohlfahrtsstaatlichen Institutionen angewiesen zu sein. Dieser theoretische Link liegt den Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik (AAMP) zugrunde (vgl. Eichhorst et al. 2008).

Die Vielfalt an aktivierungspolitischen Reformansätzen ist mit Unterschieden in der Umsetzung, der Implementierung und den Zielen mannigfaltig. In diesem Forschungspropsal sollen anhand zwei nationaler Reformtrends, der ‚Hartz IV’- Reform in Deutschland und der ‚New Labour’- Reformen in Großbritannien, die Auswirkungen der Aktivierungspolitik für Geringqualifizierte betrachtet werden.

Können Aktivierungsstrategien, ungeachtet der wohlfahrtsstaatlichen Regimeorientierung,tatsächlich ein wirksames Mittel zur Prävention von Armut unter den Geringqualifiziertensein? Oder sind die wohlfahrtsstaatlichen Rahmenbedingungen vonübergeordneter Bedeutung und vorrangigem Einfluss?

2. Was ist Aktivierungspolitik? Welcher Fokus wird in dieser Arbeit gelegt?

Das Konzept der Aktivierung kann in zwei grundlegende Ansätze unterteilt werden, die ver- langende, fordernde (demanding) und die befähigende, ermöglichende (enabling) Dimension. Die Balance zwischen den beiden Facetten variiert in den spezifischen Fällen im Rahmen der nationalen Reformpolitik. Da die arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen in Deutschland und Großbritannien weitestgehend divergent sind (vgl. Funk 2007, Eichhorst 2008), soll in dieser Arbeit der Fokus auf Aktivierungsdimensionen liegen, in denen, obgleich von unterschiedli- chen Ausgangslagen kommend, der Trend in den beiden Ländern dieselbe Richtung aufweist. Der betrachtete Fokus liegt damit auf den Ausprägungen in den aktivierungspolitischen Di- mensionen der Zielgruppen (2. a. iii.) und der wirtschaftlichen Perspektive (2. a. iv.) in Ver- bindung mit den allgemeinen Zielen und arbeitsmarkttechnischen Rahmenbedingungen.

Mit Rückbezug auf die zentrale Forschungsfrage können die Reformeffekte von Aktivie- rungsstrategien als Explanandum definiert werden (vgl. Grafik 1). Die unterschiedlichen Aus- prägungen der aktivierungspolitischen Ansätze und der institutionellen Gefüge in Deutsch- land und Großbritannien werden als erklärende Faktoren betrachtet. Dieser internationalen Gegenüberstellung liegt durch das Interesse an der zeitlichen Entwicklung und Auswirkung eine intranationale Untersuchung über verschiedene Zeitpunkte hinweg (vgl. 2. b. iii.) zu- grunde. Die zeitliche Periode wird durch das Datum der politischen Formulierung und Im- plementierung im Zusammenhang mit arbeitsmarktpolitischen Reformen aufgespannt. Da die Einordnung der beiden Länder anhand der aktivierungspolitischen Maßnahmen idealtypisch ist und die praktischen Ergebnisse der Reformen ebenfalls von weiteren Variablen abhängen, sind für diese Analyse keine Laborbedingungen gegeben. Diese Problematik bei der Beurteilung der gemessenen Effekte muss berücksichtigt werden.

a. Der Gegenstand der Aktivierungspolitik mit Bezug auf Deutschland und Großbritan- nien

i. Aktivierungspolitische Konvergenzen und die empirische Ausgangslage

Es stellt sich aus einer vergleichenden wohlfahrtsstaatlichen Perspektive die Frage, ob es ge- nerell konvergierende oder national singuläre Strukturen der Aktivierung gibt. Der aktuelle Diskurs in der analytisch-vergleichenden Literatur zeigt deutlich auf, dass eine strikte und eindeutige Klassifikation der Aktivierungsmaßnahmen in Cluster identischer Merkmale nicht möglich ist (vgl. Eichhorst & Konle-Seidl 2008: 7ff.). Große nationale Unterschiede in der Zielsetzung der aktivierungspolitischen Reformen auf der einen und die konträren Rahmen- bedingungen, aufgrund der sozialen Absicherungslage durch wohlfahrtsstaatliche Institutio- nen und Arbeitsmarktstrukturen, auf der anderen Seite, generieren spezifisch zugeschnittene Reformantworten.

Trotz dieser ungleichartigen Ausgangssituation gibt es Versuche die Aktivierungspolitik zu strukturieren. Ausgehend von Esping-Andersens Klassifikation der Wohlfahrtsstaaten (vgl. Esping-Andersen 1990) mit den definitorischen Elementen der Anspruchsberechtigung auf wohlfahrtsstaatliche Unterstützung und dem Grade der De-Kommodifizierung wurden die Neuerungen der Aktivierungsmaßnahmen aufgegriffen. Die Betonung der ReKommodifizierung mit steigender individueller Verantwortung und das übergeordnete Ziel der Selbstversorgung durch vorteilhafte Beschäftigungsverhältnisse stellt den zentralen wohlfahrtsstaatlichen Perspektivwechsel der Arbeitsmarktpolitik dar. Die Aktivierungsreformen können damit als ein Paradigmenwechsel in der Modifikation in arbeitsmarktpolitischen Instrumenten und Zielen gewertet werden (vgl. Hall 1993).

Die folgenden drei Paragraphen (2. a. ii.-iv.) sollen einer genaueren Darstellung der zentralen Elemente der AAMP mit direktem Bezug auf Deutschland und Großbritannien dienen. Eine begleitende, zusammenfassende Dokumentation und Darstellung des Erklärungsmodells ist im Anhang in der Grafik 1 zu finden.

ii. Konzeptionelle Eigenschaften - Die Dreiteilung nach Van Berkel und Hornemann Mol- ler (2002)

Vorbereitend für den analytischen Fokus dieser Arbeit soll ein grundlegender Gruppierungsversuch von Van Berkel und Hornemann Moller (2002) unter Anwendung auf die beiden interessierenden Länder dargestellt werden. Die Autoren nehmen eine konzeptuelle Dreiteilung der Aktivierungsdimensionen vor. Das geteilte arbeitsmarktpolitische Ziel die Anzahl an Sozialleistungsempfängerinnen und -empfängern zu reduzieren, wird durch unterschiedliche Elemente forciert. Diese nationalen Aktivierungselemente sind in allen Ländern vorhanden, aber zu unterschiedlichen Umfängen implementiert.

Als erste Dimension (a) wird das Ausmaß der arbeitsanreizschaffenden Aktivierungsmaß- nahmen, vor allem durch die Etablierung einer marktorientierten Abhängigkeit, definiert. Die institutionellen Rahmenbedingungen, bspw. durch gesetzlichen Einkommensschutz, garantie- ren ein gewisses Niveau des Markteinkommens. Die politische Arbeitsmarktstruktur mit limi- tierter Grundsicherung führt zur systemischen Implementierung starker Arbeitsanreize. In diese Gruppe derWelfare-to-work-Reformen fallen die angelsächsischen Gebiete, namentlich Großbritannien.

Die zweite Differenzierung (b) ist dem Prinzip der ausgewogenen Balance zwischen Rechten und Pflichten in einem Aktivierungsregime zugeordnet. Über regulierende Mechanismen, bspw. dass Erwerbstätigkeit die Voraussetzung für bestimmte Leistungsbezüge darstellt, werden negativen Anreizen zur Arbeitsmarktpartizipation entgegengewirkt. Durch relativ generöse Leistungen werden strikte Aktivierungsmaßnahmen, wie hohe Anforderung an die individuelle Suchbemühung und Arbeitsaufnahme, zum Kern des kontinentalen europäischen Aktivierungsregimes, wie z.B. tendenziell in Deutschland.

Die dritte Dimension (c), welche vorrangig in Skandinavien zu finden ist, beschreibt eine Konstellation, die auf der Notwendigkeit der Bereitstellung der nötigen Ressourcen für alle Bürger als Grundlage für die Integration in den Arbeitsmarkt und in die Gesellschaft beruht. Diese Voraussetzung gemeinsam mit geringerem Kündigungsschutz umspannt die duale Stärkung der Flexibilität und Sicherheit auf dem Arbeitsmarkt - Flexicurity (Vgl. Van Berkel & Hornemann Moller (2002), Eichhorst & Konle-Seidl (2008)).

Die Einordnung Deutschlands und Großbritanniens muss, aufgrund des tatsächlichen großen Spielraums in der nationalen Ausgestaltung der Aktivierungsreformen und die Einbettung in den arbeitsmarktpolitischen und wirtschaftlichen Kontext, als ein idealtypisches Unterfangen verstanden werden. Es dient der Konzeptualisierung des vergleichenden Charakters dieser Arbeit. Besonders die Einordnung Deutschlands bleibt zweifelhaft, da arbeitsmarktpolitische Reformen wie „Fördern und Fordern“ wohl zwar konzeptuell eine Balance zwischen fordern- den und ermöglichenden Elementen bieten sollte, aber in der praktischen Umsetzung dennoch weit hinter diesen Prämissen zurück zu bleiben scheinen (vgl. Eichhorst et al. 2008). Eichhorst et al. (2008) plädieren für einen Angleichungsprozess der deutschen Wohlfahrtsstaatslogik vom herkömmlichen Bismarck System zum britischen Beverigde Ansatz. Auch die Aktivierungsreformen stehen unter diesem Einfluss. Nun stellt sich die Frage, in welchem Umfang die Aktivierungsansätze gleich der wohlfahrtsstaatlichen Angleichungsprozesse ebenfalls konvergieren? Finden sich Unterscheidungsdimensionen mit möglicher Implikation für den Wirkungsgrad und Erfolg der Ansätze?

Als Grundlage für den länderspezifischen Vergleich sollen in den folgenden zwei Abschnitten zentrale Facetten der aktivierenden Arbeitsmarktpolitik exemplarisch dargestellt und auf nationaler Ebene untersucht werden.

iii. Zielgruppen

Die Zielgruppenorientierung in der Aktivierungspolitik lässt sich inengeundbreiteKonzepte aufgliedern. Wobei die engeren Strategien den Fokus auf die genaue Beschaffenheit der Leis- tungsverteilungsprinzipien und auf präzise Zielgruppen legen. Während konzeptuell breiter angelegte Strategien die wohlfahrtsstaatlichen Rahmenbedingungen und damit auch breitere Zielgruppen forcieren. In der aktivierungspolitischen Landschaft sind beachtliche nationale Unterschiede in der Zielgruppendefinition und dem Ausmaß der Aktivierung zu finden. Eich- horst et al. (2008) stellen einen systemischen Mechanismus heraus, welcher den Aspekt bein- haltet, dass engere Aktivierungsstrategien zu einer Neuformierung der Leistungsempfänge- rinnen und -empfänger an anderer Stelle führen. In frühen Stadien der nationalen Aktivie- rungsbemühungen führte der Fokus auf die striktere Aktivierung von Arbeitslosen daher zu einer höheren Nachfrage der Arbeitsunfähigkeitsleistungen. Aus einer arbeitsmarktpolitischen Perspektive erscheint es daher sinnvoll eine umfangreiche Orientierung der Zielgruppen und Leistungsunterstützungen zu verfolgen.

Der zielkohärente Anspruch der Aktivierungspolitik möglichst die gesamte potentielle Erwerbstätigenpopulation abzudecken führt zu einer vorrangigen Anwendung breiter Konzepte (vgl. Eichhorst & Konle-Seidl 2008: 12ff).

Da in Deutschland ein sozialversicherungsbasiertes Sicherungssystem greift, kommt der Grundeinkommensgarantie (Arbeitslosengeld II, Arbeitslosenhilfe bis 2004 vor der Hartz IV- Reform) ein hoher Stellenwert zu. Mit vergleichsweise geringen institutionellen Möglichkei- ten aus dem Arbeitsmarkt auszusteigen, wie es bspw.

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Details

Seiten
22
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668196742
ISBN (Buch)
9783668196759
Dateigröße
814 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v320564
Institution / Hochschule
Universität Mannheim – Fakultät für Sozialwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
armutsrisiko geringqualifizierte zuge aktivierungsreformen großbritannien deutschland vergleich relevanz arbeitsmarktpolitik

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