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Migration und Medien. Wie hat die Anzahl der in Deutschland lebenden Migranten und Migrantinnen deren Darstellung im „Tatort“ verändert?

Hausarbeit 2013 25 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung und Problemstellung

2 Theorie und Forschungsstand

3 Fragestellung und Hypothesen

4 Konzeption und Methode
4.1 Forschungsdesign
4.2 Operationalisierung
4.3 Pretest
4.4 Selbstkritik

5 Zusammenfassung und Fazit

Literatur

Anhang
Tabelle 1: Codeplan und Codeerläuterungen
Tabelle 2: Ausländische Bevölkerung in Deutschland 1970 bis 2011

1 Einleitung und Problemstellung

Die folgende Studie befasst sich mit der Darstellung von MigrantInnen in der Krimireihe Tatort und deren Veränderung seit Beginn der Ausstrahlungen bis heute.

Derzeit liegen zwar Studien zur Darstellung von MigrantInnen in der nonfiktionalen Berichterstattung vor, Untersuchungen zu fiktionalen Medien hingegen, wie beispielsweise Serien oder Spielfilme, wurden bisher in geringem Maße durchgeführt.

Es stellt sich die Frage, ob die Befunde der Studien zu non-fiktionalen Medien den Befunden der Studien zu fiktionalen Medien glichen, denn Christina Ortner, die den Tatort bereits auf den Stellenwert des Themas Migration und dessen integrationsförderndes Potenzial untersucht hat, sieht in einem fiktionalen Medium die Möglichkeit, durch die unterhaltende Aufbereitung „ein Massenpublikum zu erreichen“ (Ortner 2007: 29).

Somit wurde als Untersuchungsobjekt der Tatort ausgewählt, da die überdurchschnittliche gesellschaftliche Relevanz des fiktionalen Unterhaltungsmediums, die sich auf der großen Reichweite begründet, die Untersuchung eines eben solchen fiktionalen Inhalts rechtfertigt. Warum liegt der Schwerpunkt der Forschung gerade auf der Migrationsthematik?

In Deutschland haben 19,5% der Bevölkerung einen Migrationshintergrund (vgl. Statistisches Bundesamt 2013a). Zur Bevölkerung mit Migrationshintergrund zählen „alle in Deutschland geborenen Ausländer/-innen und alle in Deutschland mit deutscher Staatsangehörigkeit Geborene mit zumindest einem zugezogenen oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil“ (Statistisches Bundesamt 2013a). Sie werden im Folgenden als MigrantInnen bezeichnet.

Die Ableitung der Hypothesen ergab sich aus dem aktuellen Forschungsstand.

Es wurde, im Hinblick auf die zu beantwortende Forschungsfrage, „Wie hat die Anzahl der MigrantInnen in Deutschland die Darstellung der MigrantInnen im Tatort verändert?“, eine quantitative Inhaltsanalyse durchgeführt. Die vorliegende Seminararbeit stellt nun eingehender die Operationalisierung, die Erstellung eines Codebuchs, sowie den Pretest vor.

2 Theorie und Forschungsstand

Der Agenda-Setting-Ansatz nach McCombs und Shaw besagt, dass ein Zusammenhang zwischen den in den Medien vertretenen Themen und der Themengewichtung des Publikums bestehe (vgl. McCombs/Shaw 1972), welches sich Patrick Rössler zufolge in einigen Studien bestätigt habe (vgl. Rössler 1997).

Michael Segals Hypothese, die er 1981 seiner nie veröffentlichten Dissertation voranstellte, besagt, dass die Zahl der Gastarbeiter das Ausmaß der Berichterstattung (über sie) beeinflusse (vgl. Müller 2005: 88). Dementsprechend wird davon ausgegangen, dass die Anzahl der in Deutschland lebenden MigrantInnen auch einen Einfluss auf die Berichterstattung über sie hat.

19,5% der deutschen Bevölkerung haben, wie bereits erwähnt, einen Migrationshintergrund, was somit die Relevanz des Themas Migration in der Berichterstattung/ in den Medien erklärt.

Je mehr MigrantInnen in Deutschland leben, desto höher ist folglich der Anteil der Berichterstattung in den Medien über sie und damit einhergehend, den Agenda-Setting-Ansatz aufgreifend, die Gewichtung des Themas Migration beim Publikum.

Die Schlussfolgerung daraus ist, dass speziell dem Medium Fernsehen somit eine Verantwortung zukommt, eine Integrationsfunktion.

„Für die Integration von Ausländern in die bundesrepublikanische Gesellschaft wird den Medien oftmals eine zentrale Rolle zugeschrieben“ (vgl. Koschinski 1986; Jung/Wenigeler/Bäke 1997, zit. in Vlasic 2004: 53).

„Das Fernsehen [ist] im Enkulturationsprozess zum bedeutendsten Faktor geworden, da es die meisten Leute sozialisiert und ihnen standardisierte Rollen und Verhaltensweisen vermittelt“ (vgl. Gerbner/Gross 1976, zit. in Vlasic 2004: 53).

Auch Ronneberger argumentiert, Massenkommunikation trage zur sozialen Integration bei, „indem sie Zusammenhänge aufdeckt und einprägt, deren der einzelne nicht ansichtig werden kann“ (1978: 32).

Ist eine Übertragung der Thesen auf fiktionale Medien möglich?

Da laut Ortner gerade fiktionale Medien ein Massenpublikum erreichen (vgl. Ortner 2007: 29), liegt eine Übertragung nicht allzu fern.

Auch Daniel Müller findet die Miteinbeziehung von Unterhaltungsmedien „ganz offenkundig sinnvoll, gerade unter dem Gesichtspunkt der Integration von Medienrezipienten“ (Müller 2005: 111).

Folglich ist auch eine Betrachtung der Serie Tatort als fiktionales Unterhaltungsmedium sinnvoll.

Nachdem Ortner also den Tatort auf den Stellenwert der Migration und ein mögliches Integrationspotenzial untersucht hat, liegt der Schwerpunkt dieser Studie aber auf der Veränderung des Stellenwerts der Migration im zeitlichen Verlauf und damit einhergehend die sich im zeitlichen Verlauf ändernde Anzahl an MigrantInnen in Deutschland, sodass ein Bezug der fiktionalen Medien zur Realität hergestellt ist.

Ebenfalls Sünje Paasch-Colberg und Anna Küfner untersuchen in ihrer Studie „Zur Repräsentationsleistung von Fernseh-Fiktion. Die Darstellung von Migranten im Tatort der Jahre 1970 bis 2009“ (Paasch-Colberg/Küfner 2012) die Darstellung von MigrantInnen im Tatort. Deren Ergebnisse, von welchen sich einige Hypothesen und Fragestellungen ableiten lassen, sowie deren Vorgehensweise bieten eine Grundlage für diese Studie.

3 Fragestellung und Hypothesen

Aus dem bisherigen Stand der Forschung leitet sich die folgende Fragestellung ab:

Wie hat die Anzahl der in Deutschland lebenden MigrantInnen die Darstellung der MigrantInnen im „Tatort“ verändert?

Die Auswahl des Tatorts als fiktionales Medium erscheint im Hinblick auf die Reichweite und das zeitliche Bestehen der Tatort-Reihe sinnvoll. Die erste Hypothese, nämlich dass die Zahl der im Tatort dargestellten MigrantInnen sich in Abhängigkeit von der Zahl der in Deutschland lebenden MigrantInnen verändert, baut in etwa auf Segals Hypothese, dass die Zahl der Gastarbeiter das Ausmaß der Berichterstattung beeinflusst, auf und schließt an Ortners Feststellung, der Anteil der Thematisierung von Migration im Tatort entspreche prozentual in etwa dem Anteil der MigrantInnen an der Bevölkerung (vgl. Ortner 2007: 173), an.

Die zweite Hypothese setzt die Stereotypisierung von MigrantInnen in ein Verhältnis zu ihrer Zahl. Sie lautet: mit steigender Zahl der MigrantInnen werden diese weniger stereotypisiert dargestellt. So wird die bisher unkonkrete Vermutung einer Veränderung in eine Richtung gelenkt, die Richtung weniger werdender Vorurteile.

Auch die dritte Hypothese lässt die Richtung der Veränderung, in diesem Fall der Kontext der Kriminalität, konkreter werden. Es gilt die Annahme, dass mit steigender Zahl der MigrantInnen diese weniger oft im Kontext von Kriminalität dargestellt werden.

4 Konzeption und Methode

Zur Beantwortung der Forschungsfrage müssen zunächst die abgeleiteten Hypothesen überprüft werden.

Dazu eignet sich die Methode der Inhaltsanalyse, welches sich auf der im Folgenden dargestellten Vorgehensweise begründet.

4.1 Forschungsdesign

„Die Inhaltsanalyse ist eine empirische Methode zur systematischen, intersubjektiv nachvollziehbaren Beschreibung inhaltlicher und formaler Merkmale von Mitteilungen […]“ (Früh 1998: 27).

Das Vorgehen der Inhaltsanalyse setzt die Erstellung eines Codebuchs und damit einhergehend den Entwurf eines Kategoriensystems voraus, welches in Kapitel 4.2 eingehender beschrieben werden soll.

Mithilfe eines solchen Codebuchs können in ihrer eigentlichen abstrakten Form nicht messbare Variablen in messbare Kategorien übertragen werden. So kann zum Beispiel die „Thematisierung von Vorurteilen und Fremdenhass“ intersubjektiv nachvollziehbar gemacht werden.

Zur Grundgesamtheit der angestrebten Untersuchung zählen alle Tatortfolgen, die zwischen dem 29. November 1970, der ersten Tatortausstrahlung, und dem 28. Oktober 2012, dem Untersuchungsbeginn, erschienen sind. Über einen Untersuchungszeitraum von 42 Jahren umfasst sie dabei insgesamt 848 Folgen.

Auswahleinheit, welche aus der Grundgesamtheit gezogen wird, und Analyseeinheit, auf die sich die Codierung bezieht, ist eine vollständige Tatortfolge.

Eine weitere Untersuchungsebene wurde nicht festgelegt, die Akteure sind lediglich Merkmale; es wird nicht deren Veränderung, sondern die Veränderung der gesamten Krimireihe Tatort untersucht.

Für das Stichprobenziehungsverfahren der Längsschnittstudie bot es sich an, die „künstliche Woche“, die Vorgehensweise bei einer geschichteten Zufallsstichprobe, für die Untersuchung der Tatortfolgen leicht abzuwandeln. Statt wie üblicherweise eine Folge des ersten Tages der ersten Woche eines Monats, des zweiten Tages der zweiten Woche usw. auszuwählen, wird beim künstlichen Jahr die erste Folge im Januar des ersten Jahres, die zweite Folge im Februar des zweiten Jahres usw. in die Stichprobe aufgenommen. Daraus ergibt sich eine Stichprobengröße von n=42 Tatortfolgen.

4.2 Operationalisierung

Um die Hypothesen zu überprüfen und dafür die verschiedenen Variablen, die Zahl der MigrantInnen im Tatort, deren Stereotypisierung und der Kontext der Kriminalität, messbar machen zu können, ist, wie bereits erwähnt, die Erstellung eines Codebuchs erforderlich.

Das Codebuch ist in zwei Dimensionen unterteilt, eine formale und eine inhaltliche Dimension.

Unter Berücksichtigung der Anforderungen an die Kategorien eines Codebuchs, Vollständigkeit, Trennschärfe und Exklusivität (vgl. auch im Folgenden Früh 1998: 79ff.; Rössler 2005: 93ff.), wurden für die Variablen der Hypothesen vier Kategorien entworfen.

Das heißt, dass, um Validität, also „ob […] das gemessen wurde, was aufgrund der Forschungsfrage und der Hypothesen gemessen werden sollte“ (Rössler 2010: 205), gewährleisten zu können, alle relevanten Aspekte bezüglich des Forschungsinteresses vorhanden sein müssen, sich die Kategorien oder Ausprägungen nicht überschneiden und ausschließlich relevante und keine überflüssigen Aspekte erfasst werden dürfen.

Für die Zahl der in Deutschland lebenden MigrantInnen, die einzige (unabhängige) Variable, die keiner im Rahmen der Studie durchgeführten Messung bedarf, genügt die Erfassung des statistischen Bundesamts.1

[...]


1 siehe Anhang, Tabelle 2

Details

Seiten
25
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668199729
ISBN (Buch)
9783668199736
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v320771
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft
Note
2,3
Schlagworte
Migranten fiktional Tatort non-fiktional Unterhaltung Darstellung Repräsentation Medien Migrationsthematik

Autor

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Titel: Migration und Medien. Wie hat die Anzahl der in Deutschland lebenden Migranten und Migrantinnen deren Darstellung im „Tatort“ verändert?