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Spracherwerb und Sprachförderung von Kindern aus Familien mit Zuwanderungsgeschichte

Hausarbeit 2014 16 Seiten

Didaktik - Deutsch - Deutsch als Fremdsprache

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Spracherwerb
2.1 Spracherwerbstheorien
2.1.1 Behaviorismus
2.1.2 Kognitivismus
2.1.3 Nativismus
2.1.4 Interaktionismus

3. Zweitspracherwerb
3.1 Zweitspracherwerbshypothesen
3.2 Erwerbsformen von Sprache/DaZ/ DaF
3.3 Spracherwerb von Deutsch als Zweitsprache in der Kindertageseinrichtung
3.4 Resümee

4. Sprachförderung von Kindern aus Familien mit Zuwanderungsgeschichte in Kindertageseinrichtungen

5. Frühpädagogische Leitlinien für die konkrete Arbeit in den Kindertageseinrichtungen
a. Berlin
b. Hessen

6. Fazit

7. Literatur

1. Einleitung

Mit dieser Arbeit werde ich das Thema „Spracherwerb und Sprachförderung von Kindern aus Familien mit Zuwanderungsgeschichte“ ausarbeiten und dabei den Fokus auf den Elementarbereich legen.

Ausschlaggebend für meine Themenwahl waren meine 2 Kinder. Während der Grundschulzeit hat mein Sohn auch im Fach „Deutsch als Zweitsprache“ teilgenommen. Im Laufe dieser Zeit konnte ich feststellen, dass einige seiner Klassenkameraden mit Zuwanderungsgeschichte immer noch erhebliche Mängel in der deutschen Sprache aufweisen, obwohl sie einen mindestens 2 jährigen Kindergartenbesuch hinter sich haben.

Meine Tochter ist 5 Jahre alt besucht eine städtische Kindertageseinrichtung. Die unterschiedlichen Erfolge im Erwerb der deutschen Sprache, obwohl die Voraussetzungen gleich waren, ließen bei mir die Fragestellung nach der Professionalität der Sprachförderung von Kindern mit Deutsch als Zweitsprache oder Fremdsprache in Kindertageseinrichtungen aufkommen. Viele der Kinder in der Klasse meines Sohnes als auch der Kinder in der Kindergartengruppe meiner Tochter können die deutsche Sprache nicht altersgemäß sprechen und haben auch Probleme in der eigenen Muttersprache. Dies habe ich aus unzähligen Unterhaltungen mit den Eltern erfahren. Auf die signifikanten Sprachprobleme der Kinder reagiert die Schule mit dem Förderprogramm „Deutsch als Zweitsprache“. Allerdings ist das Problem aber viel früher aufzugreifen, etwa im Kindergartenalter. Kinder aus Familien mit Zuwanderungsgeschichte besuchen schon seit 3 Generationen deutsche Bildungseinrichtungen. Meistens fallen sie aber durch sprachliche Defizite auf, das belegen neue Zahlen von Bund und Ländern zu den Sprachkenntnissen von Schülern mit Migrationshintergrund. Überragende Leistungen oder der Abschluss eines allgemeinen Gymnasiums gelten als viel weniger in den Familien im Vergleich zu deutschen Kindern.

Unter Berücksichtigung dieser Erkenntnisse und meiner eigenen Beobachtungen in meinem Umfeld und an meinen eigenen Kindern, stellt sich für mich die Frage, wie Kinder aus Familien mit Zuwanderungsgeschichte in ihrem Zweitspracherwerb Deutsch richtig unterstützt werden können, um ihre Chancen im deutschen Bildungssystem zu verbessern.

Zu Beginn dieser Arbeit möchte ich unter dem Aspekt des Spracherwerbs verschiedene Spracherwerbstheorien vorstellen und dabei unterschiedliche Auffassungen des Spracherwerbs von Forschern verdeutlichen. Nachfolgend thematisiere ich den Zweitspracherwerb und stelle einige Zweitspracherwerbstheorien vor, um auch hier wieder verschiedene Betrachtungsweisen zu zeigen. Des Weiteren gehe ich auf die Erwerbsformen von Sprache, Deutsch als Zweit- Fremdsprache ein, um zu verdeutlichen, welche Einflussfaktoren dabei gewichtig sind. In der letzten Passage meiner Arbeit konzentriere ich mich auf die sprachliche Förderung von Kindern aus Familien mit Zuwanderungsgeschichte in Kindertageseinrichtungen. Hierzu gebe ich Beispiele von Bildungsplänen aus den Bundesländern Berlin und Hessen.

2. Spracherwerb

Die vorliegende Arbeit untersucht die Qualität der pädagogischen Konzepte für den Zweitspracherwerb in Kindertageseinrichtungen. Dafür werden beispielhaft Bildungspläne für Kitas für die Förderung des Zweitspracherwerbs an aktuellen sprachwissenschaftlichen Erkenntnissen gemessen.

Der Spracherwerb ist ein Forschungsgegenstand sowohl für die angewandte Linguistik als auch für die allgemeine Linguistik. Hierbei wird zwischen Spracherwerb und Sprachlernen unterschieden.

Von erwerben einer Sprache spricht man, wenn der Aneignungsprozess ungesteuert bzw. unbewusst stattfindet. Dies kann sowohl beim Einkaufen oder bei anderen sozialen Tätigkeiten erfolgen, ohne je Unterricht in dieser Sprache gehabt zu haben. In diesem Fall wird von „natürlichem“ Spracherwerb gesprochen (vgl. Kniffka/Siebert-Ott 2012, S. 29). Hierfür ist der Spracherwerb bei Kleinkindern ein Beispiel, da dies ohne jeglichen Unterricht nur durch die sowohl angeborene Bereitschaft Sprache zu erlernen, als auch durch die Elterliche Zuwendung erfolgt. Das Sprachenlernen ist eine bewusste und gesteuerte Form des Spracherwerbs. Unterstützt wird dies durch expliziten Sprachunterricht oder Sprachförderung, welche man an Schulen bekommt.

Um meiner Ausgangsfrage näher zu kommen und einen Überblick über Spracherwerb zu erhalten, beschäftige ich mich in diesem Kapitel mit dem Verlauf des Spracherwerbs und der unterschiedlichen Spracherwerbstheorien.

2.1 Spracherwerbstheorien

Es werden vier Theorien im Folgenden erläutert.

2.1.1 Behaviorismus

Der behavioristische Ansatz besagt, dass der Spracherwerb durch Nachahmung bzw. Imitation und Verstärkung bzw. Belohnung erfolgt. Der Vertreter dieses Ansatzes ist Burrhus F. Skinner.[1] Hierbei spielen die näheren Bezugspersonen eine große Rolle. Kinder ahmen Laute, Wörter und Sätze dieser Bezugspersonen nach. Wenn sie richtig imitieren, werden sie durch die Bezugspersonen verstärkt.

Eine fehlerhafte Imitation wird korrigiert und somit der Spracherwerb gesteuert. Wenn die Nachahmung eines Kleinkindes verstärkt wird, befestigt sich diese umso mehr in seinem Sprachgebrauch. Die Reaktionen der Umwelt bekräftigen und gestalten die sprachliche Entwicklung somit. Allerdings gilt diese Theorie als überholt, weil sie voraussetzt, dass das Kind spontan Laute produziert, welche wiederum von seiner Umwelt bekräftigt werden können.

Beispiel: Kind: „Ich will Wasser trinken“

Mutter: „Du möchtest also Wasser trinken“

2.1.2 Kognitivismus

Der Behaviorismus untersucht „Input-Informationen“ und „Output- Verhalten“. Der Kognitivismus hingegen wendet sich dem Zwischenschritt bzw. der Informationsverarbeitung zu. Die Denkprozesse sollen untersucht werden und somit im Gegensatz zum Behaviorismus die „Black-Box“ bzw. die inneren Vorgänge eines Individuums untersucht werden. Kognitivistische Lerntheorien besagen, dass der Erwerb einer Sprache in Relation zur kognitiven Entfaltung steht. Hierbei werden zwei Positionen vertreten. Zum einen wird gesagt, dass vor dem Spracherwerb eine explizite kognitive Struktur existieren muss. Dies wird als Grundvoraussetzung für den Erwerb von Sprache angesehen.

Zum anderen wird jedoch davon ausgegangen, dass wiederum eine unterschiedliche Struktur in der Sprache präsent sein muss, damit die kognitiven Erfahrungen weitergebildet werden. Dieser Ansatz ist zurückzuführen auf den Schweizer Entwicklungspsychologen Jean Piaget, welcher die genetische Epistemologie entwickelte. Empirischen Studien zufolge hat sich ergeben, dass die Entwicklung nicht kontinuierlich verläuft. Deshalb hat Piaget zwischen unterschiedlichen Stadien unterschieden, die Kinder in den gleichen Altersstufen durchlaufen.

1. Die sensomotorische Phase

Die erste Phase betrifft den Lebensabschnitt von 0-24 Monaten. Das Kind sammelt in den ersten zwei Lebensjahren Erfahrungen mit seinen Sinnesorganen und seiner Motorik.

2. Die Präoperationale Phase

Das Kind ist noch nicht in der Lage logisch zu denken, da sich die Fähigkeiten im Gehirn für logisches Denken noch nicht gebildet haben. Diese Phase betrifft vor allem Kinder im Kindergartenalter. Diese neigen zu Vermenschlichung von Gegenständen welches auch Anthropomorphismus genannt wird.

Wenn sie sich beispielsweise an der Tür stoßen und wehtun, dann denken sie dass die Tür ihnen absichtlich wehgetan hat und bezeichnen sie als „böse Tür“. Im Vorschulalter ist das kindliche Denken magisch. Dies bedeutet das Vorfälle oder Ereignisse höheren Mächten zugeschrieben werden. Sie spielen alltägliche Situationen aus dem eigenen Familienleben in ihren Spielen nach. Mädchen spielen meistens die Rolle der Mutter und Jungen meistens die des Vaters. Sie fahren Auto oder fliegen ein Flugzeug oder spielen sogar Charaktere nach, die sie aus Fernsehserien kennen.

3. Die konkret-operationale Phase

In der Phase zwischen 7 und 12 Jahren kann das Kind mit konkreten Objekten figurieren. Es kann noch kein logisches Denken gebildet werden.

4. Die Formal-operationale Phase

Dies ist die Phase, die ab dem 12. Lebensjahr eintritt. Alle vorherigen Phasen werden ab dem 12. Lebensjahr ausgereift. Kinder können nun logisch und intentional Denken. Sie sind in der Lage, Transferleistungen zu vollbringen. Sie können eigenständige Lösungen abstrahieren und auf neue Probleme anwenden. Auch können sie sich nun mit irrealen Annahmen auseinandersetzen.

2.1.3 Nativismus

Nach dieser Theorie sind kognitive Eigenschaften zum Erlernen von Sprache angeboren. Diese werden natürlich durch das Umfeld gelenkt. Die meisten Vertreter dieses Ansatzes beziehen sich auf Chomsky.[2]

Awram Noam Chomsky vertritt die Theorie, dass erblich bedingtes Vorwissen die Grundlage für den Spracherwerb sei. Somit hat jedes Kind eine eigene genetische Ausstattung für den Spracherwerb. Kinder machen während des Spracherwerbsprozesses ganz individuelle Fehler die sie nicht von engeren Bezugspersonen übernommen haben können. Somit wird die Nachahmungstheorie widerlegt. Nach Chomsky erlernen Kinder Sprache nicht Wort für Wort. Die Regeln der Muttersprache werden erworben und dies ist nur möglich mit einem angeborenen Spracherwerbsmechanismus, einem sogenannten „Language Acquisition Device“ (LAD). Die kognitive Entwicklung und das Umfeld spielen hier eine untergeordnete Rolle.

Beispiel: Kind: „Mama, ich habe das gelest“ Anhand des obigen Beispiels lässt sich erkennen, dass Kinder durchaus in der Lage sind, eigenständig Formen zu bilden, die sie nicht in ihrem Umfeld gehört haben.

2.1.4 Interaktionismus

Soziale Interaktionen werden im Behaviorismus und Nativismus in den Hintergrund gestellt, wobei sie aber hier die wichtigste Rolle spielen. Beim interaktionistischen Konzept betrachtet .Jerome Seymor Bruner[3] die vorsprachlichen Interaktionen des Säuglings mit der Mutter und sieht diese als Beginn der Sprachentwicklung.

Für Bruner sind die primären Bezugspersonen des Kindes von großer Bedeutung. Natürlich ist die Fähigkeit zur Kommunikation des Kindes die Voraussetzung für jegliche sprachliche Entwicklung. Sobald ein Baby auf die Welt kommt, kommt es bereits zu sozialen Interaktionen zwischen Kind und Bezugsperson. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich am Stand der sprachlichen kognitiven Entwicklung des Kindes orientieren. Da die erste Bezugsperson im Regelfall die leibliche Mutter des Kindes ist und diese die Entwicklung eher emotionell betrachtet, wird das Kind zunächst nur mit der sogenannten Babysprache angesprochen. Diese beinhaltet meistens nur kurze Sätze mit vielen, melodienhaft betonten Wiederholungen. Wenn das Kind mit Blicken und Lauten darauf reagiert, wird dies als Erwiderung verstanden. Je älter das Kind wird, desto öfter wird es dazu ermutigt diese Laute und Blicke durch sprachliche Äußerungen zu ersetzen. Mit der Zeit lernt das Kind auf diese Weise nach und nach die Muttersprache.

Beispiel: Die Mutter versteckt ihr Gesicht hinter ihren Händen, öffnet diese anschließend und ruft: „Hallo!“

Das Kind schaut ganz aufmerksam zu und lacht. Mit einem Jahr versteckt das Kind selber sein Gesicht hinter den Händen, zieht diese runter und ruft „Hallo“.

Nach dieser Theorie sind Sprache und Kommunikation fest miteinander verbunden. Sprache dient zur Herstellung sozialer Beziehungen, wobei die Eltern die größte Verantwortung bei dem Erwerb der Sprache tragen.Demnach ist der Spracherwerb weder mit angeborenen Fähigkeiten, noch mit Nachahmung oder Kognitivismus zu erklären.

3. Zweitspracherwerb

Im folgenden Kapitel geht es darum, wie Zweitsprache erworben wird und wie sie beeinflusst wird.

Kinder mit Migrationshintergrund sprechen in den meisten Fällen die Muttersprache der Eltern in ihrer Familie. Meistens haben sie auch zu wenig Kontakt zu deutschsprachigen Kindern und dem deutschsprachigen Umfeld. Somit haben sie auch geringe Möglichkeiten, die deutsche Sprache in für sie wichtigen Handlungskontexten zu lernen und mit dieser zu kommunizieren.

Laut Tracy gibt es drei entscheidende Faktoren für den Erwerb der deutschen Sprache als Zweitsprache für Kinder mit Zuwanderungsgeschichte: das Lebensalter zu Beginn des Kontakts mit einer weiteren Sprache, das Ergebnis des Erwerbsprozesses und den Erwerbsverlauf (vgl. Tracy 2007: 126). Zu den Einflussfaktoren zählt Drorit Lengyel individuelle, gruppenspezifische und soziale Faktoren (vgl. Lengyel 2009: 35).

3.1 Zweitspracherwerbshypothesen

Viele Faktoren beeinflussen den Erwerb einer Zweitsprache. Eine eindeutige Darstellung ist deshalb schwierig. Gesa Siebert-Ott beschreibt diese beiden Hypothesen in ihrem Buch „Deutsch als Zweitsprache“ wie folgt:

Identitätshypothese: Die Identitätshypothese basiert auf der Grundlage der im ersten Kapitel vorgestellten kognitivistischen und nativistischen Ansätzen zum Spracherwerb. Sprachliches Vorwissen habe keine große Bedeutung für den Zweitspracherwerb. Nach der Identitätshypothese unterliegen sowohl der Erstspracherwerb als auch der Zweitspracherwerb den gleichen Prinzipien. Auch die Entwicklung im Erstspracherwerb und Zweitspracherwerb sind gleich.

Kontrastivhypothese: Die Kontrastivhypothese basiert auf einem behavioristischen Grundsatz. Gegensätzlich zur Identitätshypothese wird hier davon ausgegangen, dass das sprachliche Vorwissen eine erhebliche Rolle spielt. Die Verläufe der Entwicklungen im Zweitspracherwerb weichen von dem im Erstspracherwerb ab. Die Differenzen zwischen der Erstsprache und der Zweitsprache führen nach dieser Hypothese zu Lernschwierigkeiten und Fehlern beim Zweitspracherwerb.

Interlanguagehypothese: Hier wird darauf hingewiesen, dass die Differenzen im Erstspracherwerb und Zweitspracherwerb nicht nur durch Differenzen im sprachlichen Vorwissen zu erklären sind. Der Interlanguagehypothese zufolge werden beim Erlernen einer Zweitsprache unterschiedliche Zwischenstadien erreicht, welche als „Interlanguages“ bezeichnet werden.

„Diese Zwischenstadien, für die auch die Begriffe „Lernersprachen“, „Zwischensprachen“ oder „Intermissprachen“ verwendet werden, weisen einerseits Merkmale der Ausgangssprache(n) und der Zielsprache auf, haben andererseits aber auch charakteristische Merkmale, die sich weder aus Eigenschaften der Ausgangssprache(n) noch aus Eigenschaften der Zielsprache erklären lassen. (Kniffka/Siebert-Ott 2009: 35)

Interdependenzhypothese: Jim Cummnis[4] ist Vertreter der Interdependenzhypothese. Seiner Ansicht nach entwickeln sich die Erstsprache und die Zweitsprache in relativer Abhängigkeit voneinander. Um gute Kompetenzen in der Zweitsprache zu erlangen, müssen bereits gute Kenntnisse in der Erstsprache vorliegen. Laut Chudaske wird zwischen den Kompetenzen in der Ausgangs- und Zielsprache demzufolge eine kausale positive Beziehung angenommen, unter der Voraussetzung, dass der Lerner z. B. in der Schule oder in seiner Umwelt entsprechendem Kontakt mit der Zweitsprache ausgesetzt ist und zudem hinreichende Motivation besitzt, die Zweitsprache zu erwerben (vgl. Chudaske 2011: 114).

Die oben aufgeführten Zweitspracherwerbshypothesen sollen nur einen Einblick in die wissenschaftlichen Kontoversen diesbezüglich liefern. Grundsätzlich ist es nicht möglich eine dieser Hypothesen als vollkommen zutreffend zu kategorisieren.

3.2 Erwerbsformen von Sprache/DaZ/ DaF

Es gibt zwei Arten des Spracherwerbsprozesses, den gesteuerten bzw. explizitem Zweitspracherwerb und den ungesteuerten bzw. impliziten Zweitspracherwerb (vgl. Kniffka/ Siebert-Ott 2009: 28f).

Deutsch als Zweitsprache (DaZ) wird in „natürlicher Umgebung“ erlernt und bildet somit den impliziten Zweitspracherwerb. Es wird nicht durch Unterricht angeeignet oder erworben, sondern in Kommunikationssituationen im täglichen Leben. Situationen, die man im Alltag auf sich gestellt bewältigen muss, wie z.B. das Einkaufen, Arztbesuche oder auch Arbeitsumfelder, führen durch den Kontakt mit der deutschen Sprache zum impliziten Lernen. Wichtig hierbei sind allerdings der gelieferte sprachliche Input und natürlich auch die Möglichkeiten zu Kontakten. Ähnlich wie beim Erstspracherwerb erfolgt auch der implizite Zweitspracherwerb als unbewusster Vorgang. Die von den Kindern mit Zuwanderungsgeschichte im deutschsprachigen Umfeld gelernte Zweitsprache dient der Handlungsregelung und der Kommunikation. Zu dem Erkennen von irgendwelchen sprachlichen Normen kommt es hierbei eher zufällig wenn überhaupt. Diese Art des Zweitspracherwerbs birgt aber die Gefahr in sich, dass Kinder sich hinderliche Sprachformen aneignen.

Besonders bemerkbar macht sich dies spätestens bei dem Schuleintritt. Dort reichen die Deutschkenntnisse meistens nicht für eine erfolgreiche Teilnahme am Unterricht aus. Auch das Lernen der Schriftsprache wird meistens behindert.

Der gesteuerte bzw. explizite Spracherwerb folgt unter Vorgabe eines Erwerbsmodells für den Sprachlerner. Für Deutschlerner wird das als Deutsch als Fremdsprache (DaF) bezeichnet. Laut Lengyel ist das Bewusstsein am expliziten Spracherwerb beteiligt. Zunehmende Flexibilität bei der Konstruktion von Äußerungen, der Entdeckung von Perspektivenvielfalt und der Steigenden Fähigkeit, Abfolgen von Äußerungen im Diskurs zu organisieren, und schließlich auch in der Entstehung der metasprachlichen Fähigkeiten (vgl. Lengyel 2009: 40). In aller Regel tritt der gesteuerte Erwerb noch vor dem Schulbeginn im Vorschulalter hinzu.

„Meist wird davon ausgegangen, dass ca. ab dem 3./4. Lebensjahr aufgrund der bereits erworbenen Sprachkenntnisse und der neuronalen und kognitiven Entwicklung für die Aneignung einer neuen Sprache eine veränderte Erwerbssituation besteht und deshalb ab diesem Zeitpunkt von frühem Zweitspracherwerb gesprochen.“ (Ahrenholz/ Omen-Welke 2008; 5)

Es wurden bereits in Kindertageseinrichtungen für Kinder mit Zuwanderungsgeschichte Förderkonzepte von Bildungsämtern entworfen und in vorgeschriebenen Bildungsplänen festgesetzt. Zwei dieser Bildungspläne werde ich im Verlauf dieser Arbeit vorstellen.

3.3 Spracherwerb von Deutsch als Zweitsprache in der Kindertageseinrichtung

Im zweiten Kapitel wurde deutlich gemacht dass der Erwerb der Zweitsprache vor allem von sozialen Faktoren abhängt und beeinflusst wird. Die Interdependenzhypothese wird unter den pädagogischen und bildungspolitischen Aspekten als ausschlaggebend eingestuft, da hier davon ausgegangen wird, dass gute Kenntnisse in beiden Sprachen ausschlaggebend für Erfolge in der Schule seien. Desweiten wurden unterschiedliche Formen des Erwerbs der deutschen Sprache als Zweitsprache aufgeführt, welche ebenso als wichtige Einflussfaktoren gelten. Daraus geht hervor, dass Kinder bei frühem Beginn des Zweitspracherwerbs erfolgreicher sind. Meistens ist es in Familien mit Zuwanderungsgeschichte der Fall, dass die Eltern selbst nicht über ausreichende und qualitative Deutschkenntnisse verfügen. Aus diesem Grund wird der frühe Besuch einer Kindertageseinrichtung empfohlen, da diese Kinder dort mit der Zweitsprache Deutsch in Kontakt kommen. Auch haben sie dort gleichaltrige Kinder, mit denen sie gezwungener Maßen auf Deutsch kommunizieren müssen. Eben dieser Zwang fordert die Kinder bei ihrem Erwerb der zweiten Sprache Deutsch und sie lernen dazu. Ihr Wortschatz erweitert sich. Für die pädagogischen Fachkräfte ist es zunächst einmal wichtig zu erkennen, wo das Kind in seiner Sprachentwicklung und in seinem Zweitspracherwerb steht und wo sich Ansatzpunkte für die sprachliche Bildung möglich sind. Die Voraussetzung ist natürlich, dass die pädagogischen Fachkräfte die grundlegenden Faktoren für den Spracherwerb und den Zweitspracherwerb kennen, Stärken und Schwächen der Kinder erkennen und sie systematisch fördern können. Sie müssen wissen, an welchen Meilensteinen die Kinder gerade sind und welche sie noch durchlaufen werden. Auf spielerische Art und Weise können informelle Verfahren dazu beitragen, die Sprachleistung eines Kindes, ohne es mit anderen Kindern und deren Sprachleistungen zu vergleichen, zu bestimmen (vgl. Ruberg, Rothweiler, Koch-Jensen: 2013/40).

3.4 Resümee

Um die sprachliche Entwicklung zu fördern sollten entsprechende Maßnahmen getroffen werden. Aus den obigen Kapiteln lässt sich erkennen, welche Kriterien für den erfolgreichen Spracherwerb von Belang sind. Diese sind:

1. Sprechen lernt man durch sprechen
2. Anregungsreiche Umgebung
3. Korrekte Sprache
4. DaZ baut auf Familiensprache auf

[...]


[1] B.F. Skinner; hat mit seiner Theorie „Lernen am Erfolg“ die Reiz-Reaktionsprozesse untersucht.

[2] Awram Noam Chomsky; (*7. Dezember 1928) ist ein emeritierter Professor für Linguistik am Massachusetts Institute of Technology (MIT).

[3] Jerome Seymor Bruner; (*1. Oktober 1915) ist Psychologe mit pädagogischem Interesse.

[4] Jim Cummnis: (*1949): kanadischer Pädagoge, Professor am Ontario Institute for Studies in Education

Details

Seiten
16
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668203549
ISBN (Buch)
9783668203556
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v320913
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
spracherwerb sprachförderung kindern familien zuwanderungsgeschichte

Autor

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Titel: Spracherwerb und Sprachförderung von Kindern aus Familien mit Zuwanderungsgeschichte