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Kritik der libertären Position in der Willensfreiheitsdebatte

Betrachtung der Denkfehler, die der Ablehnung des Determinismus zugrunde liegen

Referat (Ausarbeitung) 2014 11 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Der losgelöste Wille: ein Alptraum

Der begriffliche Zerfall des unbedingten Willens

Die Aufgabe

Literatur

Einleitung

Die libertäre Position beruft sich auf die Willensfreiheit mit gleichzeitiger Ablehnung des Determinismus. Somit stellt sie eine inkompatibilistische Position dar, die in den Kontroversen zwischen Anhängern der Unvereinbarkeitsthese und Kompatibilisten nicht stark auffällt, da sie den Determinismus ablehnt (Erb, 2003, S.282). Auch wenn ihr in diesem Diskurs nur eine Nebenrolle zufällt, so sind der libertären Position nicht weniger unlogische Gedankengänge, Scheinprobleme und Irrwege eigen, als den Anhängern des harten Determinismus. Aus diesem Grund versucht Peter Bieri im siebten Kapitel (Unbedingte Freiheit: eine Fata Morgana) seines Buches Das Handwerk der Freiheit: Über die Entdeckung des eigenen Willens (2001), die Probleme die ein von libertärer Seite propagierter unbedingt freier Wille mit sich bringt begriffsanalytisch darzulegen, die Irrtümer die dieser Denkweise anheimfallen zu entschlüsseln und die Ursachen die diesen Irrtümern zugrunde liegt zu erkunden. Zuerst soll kurz und knapp der Willensbegriff geklärt werden, der gemeint ist, wenn wir von Willensfreiheit sprechen. Wille ist „als konstitutives Moment einer Entscheidung zwischen Alternativen“ (Erb, 2003, S. 280) gemeint. Aus diesen konstitutiven Merkmalen ergibt sich laut Bieri (2001, S.32ff) die Urheberschaft des Handelnden.

Der losgelöste Wille: ein Alptraum

Aus der Idee des unbedingt freien Willens geht hervor, dass unter gleichen gegeben Umständen ein Mensch der diesen unbedingt freien Willen besäße, unterschiedlich handeln würde. Dieser unbedingt freie Wille hinge ja nicht von gegeben Umständen ab und befände sich dadurch in einem Zustand völliger Losgelöstheit. In aller Konsequenz bedeutet diese Losgelöstheit eine Unabhängigkeit von Charakter, Körper, Umwelt etc., was ein kausales Vakuum impliziert, in welchem sich der unbedingt freie Wille befindet. Ein solcher Wille wäre somit unabhängig vom Menschen, da der Mensch selbst eine Bedingung darstellt. Dieser Wille wäre eher etwas, was dem Menschen zustößt und durch ihn nicht beeinflussbar ist, als etwas zu ihm gehörendes (Bieri, 2001, S. 231). Wenn der Wille nun nicht des Menschen Wille ist, kann man auch nicht von einer Urheberschaft des Handelnden sprechen, denn die Urheberschaft läge beim unbedingt freien Willen, einem dem Menschen fremden Willen, da er sich jeglichem Einfluss (z.B. durch Nachdenken, Überlegen und Urteilen) entzieht (Bieri, 2001, S.231). In der Konsequenz besitzt dieser unbedingt freie Wille laut Bieri genau die Eigenschaften, die für ihn die Unfreiheit des Willens ausmachen, nämlich Unbeeinflussbarkeit, fehlende Urheberschaft und Fremdheit. Darin liegt für Bieri die Paradoxie des unbedingt freien Willens: gerade seine Unbedingtheit macht ihn zu einem unfreien Willen (2001, S.231f).

Im folgenden Abschnitt geht Bieri genauer auf die Konsequenzen ein, die ein unbedingt freier Wille mit sich bringen würde. Um den Kommilitonen das bisher Gehörte verständlicher und bildhafter zu machen und ihnen die Möglichkeit zu geben die weiteren Konsequenzen eines unbedingt freien Willens zu „erleben“ wurde von Seiten der Referenten auf die Darstellungsform des szenischen Spiels zurückgegriffen. Den Kommilitonen wurde der Arbeitsauftrag gegeben, herauszufinden welche Konsequenzen der unbedingt freie Wille mit sich bringe, wenn man ihn auf den Alltag anwendet und was dessen kennzeichnende Merkmale sind. Die frei erfundene Szene handelt von einem homosexuellen männlichen Liebespaar, wobei ein Partner einen unbedingt freien Willen hat. Die Komplikationen, die sich aus dem Gespräch (siehe Anhang) ergeben, sollten den Kommilitonen auf komödiantisch-unterhaltsame Art und Weise zeigen, welche absurden Konsequenzen ein unbedingt freier Wille, bezogen auf das reale Leben, mit sich bringen würde. Von Seiten der Kommilitonen wurde das szenische Spiel, welches in der anschließenden Diskussionsrunde besprochen wurde, sehr positiv aufgenommen. Der pädagogische Nutzen dieser Darstellungsform wurde auch insofern deutlich, als dass die meisten Punkte, die Bieri in seinem Text aufführt von den Kommilitonen nach der Szene aufgegriffen wurden. Von den Kommilitonen wurde u.a. genannt1: Der Unbedingt freier Wille…

… diktiert stur seine Ziele, ist den Akteuren unverständlich (2001, S. 232).

… verwehrt jegliches Verstehen und Erklären, was ihn schließlich unberechenbar macht (2001, S.233).

… ist zufällig, macht eigenes Handeln unmöglich (2001, S. 234).

… lässt den Akteur wirr und verrückt erscheinen.

Zusätzlich zu den genannten Punkten, wurde vom Referenten ergänzt, dass ein unbedingt freier Wille keine „Warum“-Fragen zulasse (2001, S. 233) und der Akteur mit unbedingt freiem Willen deshalb die Frage seines Partners nach seinen Beweggründen ärgerlich zurückweisen musste. Er konnte es ihm nämlich selbst nicht erklären. Das Resümee der Szene war, dass ein Mensch mit unbedingt freiem Willen einer tickenden Zeitbombe ähnle, weil er und seine Umwelt den Plänen seines unbedingt freien Willens gewissermaßen ausgeliefert wären. In der dem Referat folgenden Diskussionsrunde wurde bemängelt, dass die Szene mehr Wirkung entfaltet hätte, wenn die zeitliche Dimension, z.B. in Bezug auf das Zustandekommen der Beziehung und den Umgang der Personen untereinander, besser herausgearbeitet worden wäre2.

Um zu überprüfen, inwiefern die Kommilitonen das bisher kommunizierte verstanden haben, wurde vom Referenten eine Tandemarbeit vorbereitet. Als Grundlage diente ein Beispiel Bieris, welches das gesellschaftlich hoch relevante Thema der Schuldfrage in einem Mordprozess ansprach. Der Richter verurteilt in folgendem Beispiel einen Mann mit unbedingt freiem Willen wegen Mordes.

„Nichts und niemand zwang Sie dazu“, könnten wir zu ihm sagen, „und auch auf ihre Lebensgeschichte können sie sich nicht herausreden, denn Sie handelten aus freiem Willen, und das bedeutet: aus einem Willen, der von nichts abhing und durch nichts bestimmt wurde. Wenn es irgend jemanden gibt, der eine echte Wahl hatte, dann sind Sie es: Sie konnten es tun oder lassen, und es gab nichts, rein gar nichts, was Sie in die eine oder andere Richtung beeinflußte [sic!]. Es lag ganz allein bei Ihnen, was sie wollen und tun würden. Deshalb ist keinerlei Entschuldigung für Ihre Tat auch nur denkbar. Und deshalb sind wir empört, ziehen Sie zur Verantwortung und werden Sie bestrafen.“ (Bieri, 2001, S. 238)

In diesem Beispiel wird besonders klar, welche Erwartung man an einen unbedingt freien Willen gemeinläufig stellt. Der Richter geht davon aus, dass der Angeklagte durch die Unbedingtheit seines Willens jederzeit hätte anders handeln können. Dass diese Erwartung ganz im Gegensatz zu den wirklichen Konsequenzen steht, die ein unbedingt freier Wille mit sich bringen würde, sollte den Kommilitonen im Laufe des Vortrags klar geworden sein. Deshalb wurde ihnen die Aufgabe gestellt, sich in die Lage des Angeklagten mit unbedingt freien Willen zu versetzen und sich in Partnerarbeit überlegen wie man sich nach den Aussagen des Richters verteidigen hätte können. Dafür wurde den Gruppen 2-3 Minuten Zeit gegeben. Diese Zeit, das wurde in der anschließenden Diskussionsrunde deutlich, war etwas zu knapp bemessen, als dass tiefere Auseinandersetzung mit der Thematik für die Kommilitonen möglich gewesen wäre. Die Antworten der Kleingruppen zeigten aber, dass sie das Vorgetragene sehr gut rezipiert hatten. Die Kommentare deckten sich zum größten Teil mit Bieris vorgeschlagener Antwort:

„Ich konnte doch gegen diesen Willen gar nichts machen! Sie sagen doch selbst: Nichts hätte ihn beeinflussen können, also auch nicht der Gedanke, dass man niemanden umbringt. Es ist ein Hohn, so etwas eine Wahl zu nennen. […] Sie haben Recht, dass es bei niemand anderem lag, was ich wollte. Aber es lag eben auch nicht bei mir, denn ich konnte, wie gesagt, gegen den fraglichen Willen nicht das geringste [sic!] ausrichten. […] Und deshalb ist es sowohl unfair als auch unsinnig, sich zu empören und mich zu bestrafen.“ (Bieri, 2001, S. 238-239)

Es lohnt sich an dieser Stelle ein Zwischenfazit zu ziehen, welches auch im Referat gezogen wurde. Der unbedingt freie Wille erweist sich, gerade wegen seiner vollkommenen und unwiderruflichen Losgelöstheit von allen Bedingungen, nicht als Segen, sondern für den Betreffenden als „Alptraum“ (Bieri, 2001, S. 239), der nicht im Entferntesten mit der verheißungsvollen Freiheit verwandt ist, die er im ersten Moment zu versprechen scheint. Der Mensch mit unbedingt freien Willen ist ein Gefangener dieses Willens und dessen Launen hoffnungslos ausgeliefert. Trotz seines Gefangenseins, muss der Mensch (wie am Beispiel des Richterspruchs deutlich wird) alle Konsequenzen tragen, die der unbedingt freie Wille ihm beschert. Alle normativen Erwartungen einer Gesellschaft müssten auf diese Weise unsinnig und nutzlos erscheinen (Bieri, 2001, S.238). Doch gerade unser soziales Miteinander (u.a. unser Rechtssystem) baut auf der Willensfreiheit auf, aber eben auf jener, die es möglich macht, Handlungen eines Individuums nachzuvollziehen, die Rückschlüsse auf die Urheberschaft zulässt (Erb, 2003, S.275). Ein funktionierendes Gesellschafts- und Wertesystem erweist sich unter der Prämisse unbedingter Willensfreiheit somit als unmöglich.

Der unbedingt freie Wille: ein bloßes Luftschloss?

Der begriffliche Zerfall des unbedingten Willens

Dass es eine beängstigende Erfahrung wäre, einen unbedingt freien Willen zu besitzen, wurde im obigen Abschnitt gezeigt. Es folgt eine begriffliche Analyse, die den unbedingten Willen als Luftschloss entlarvt. Bieri stellt zwei Bedingungen an die Existenz eines Willens: Ein Wille muss immer ein bestimmter und jemandes Willen sein. Ein Wille, den man von einem anderen nicht durch diese Bedingungen trennen kann, kann keiner sein (Bieri, 2001, S.239). Bieri argumentiert, dass alles was wir wollen von äußeren und inneren Umständen abhängt. Diese Umstände (Charakter, Geschichte, Situation) erscheinen auf den ersten Blick als Begrenzungen der Willensfreiheit. In der Realität ergeben diese Umstände aber die zwei Bedingungen, die ein Wille haben muss um einer sein: Bestimmtheit und Individualität (Bieri, 2001, S.240). „Die Bestimmtheit des Willens verlangt seine Bedingtheit.“(Bieri, 2001, S.240). Folglich ist ein Wille, bei dem alle Begrenzungen (synonym Bedingungen) aufgehoben werden, der unabhängig ist von äußeren und inneren Umständen, kein Wille mehr.

Laut Bieri kommt man zu dem gleichen Schluss wenn man die Spielräume betrachtet, in denen sich ein Wille bewegen kann (Bieri, 2001, S.240). Ein bedingter Wille hat einen relativen Spielraum. Damit er variiert, muss erst etwas anderes variieren (Bieri, 2001, S.241). Dies klingt stark nach einer Einschränkung von Freiheit. Wäre man nicht erst wirklich frei, wenn die Variation des Willens losgelöst ist von Bedingungen? Diese Vorstellung entspräche einem absoluten Spielraum des Willens, der von nichts anderem abhinge. Folglich würde dieser auch variieren wenn nichts anderes variiert (Bieri, S.241). Doch dadurch, dass dieser Wille als unabhängig von inneren und äußeren Umständen erklärt wird, macht man ihn zu einem unbedingten Willen, der, wie oben gezeigt wurde, kein Wille sein kann. In der Diskussionsrunde kam die Kritik auf, dass der Referent genauer auf den absoluten Spielraum hätte eingehen können, um den falschen Freiheitsbegriff, der der Idee des absoluten Spielraums zugrunde liegt, besser zu erläutern. Dies soll an dieser Stelle verbessert werden. Freiheit und Unfreiheit existieren nur in relativen Spielräumen, da bestimmte innere und äußere Umstände dazu führen, dass ein Individuum frei oder unfrei ist. Beispielsweise ist ein phobischer Mensch willensunfrei, weil er gezwungen ist in bestimmten Situationen eine Verhaltensweise zu zeigen, die er nicht zeigen möchte. Die psychische Störung schränkt seinen Handlungsspielraum ein. Durch eine Therapie kann der Betroffene seine Handlungsfähigkeit jedoch erweitern und so ein Stück Willensfreiheit wiedererlangen (Erb, 2003, S.277). Durch die Öffnung von absoluten Spielräumen kommt der Indeterminismus der Willensfreiheit nur scheinbar entgegen (Erb, 2003, S. 299). Die absolute Wahlfreiheit, die darin zu bestehen schein, führt konsequenterweise zu einer Zufälligkeit der Entscheidung, die mit „wirklicher“ Willensfreiheit, welche als zentrales Merkmal Rückschlüsse auf die Urheberschaft zulässt (Bieri,2001, S. 32ff), nichts zu tun hat. Laut Bieri steht eine zufällige Entscheidung durch ihre Unbeeinflussbarkeit sogar in Kontrast zur Entscheidungsfreiheit (Bieri, 2001, S. 240ff). Somit kann in einem absoluten Spielraum keine Willensfreiheit existieren.

Die Aufgabe

Es zeigt sich, dass die Idee des unbedingt freien Willens nach begrifflicher Analyse keinen stimmigen Gehalt aufweist. Laut Bieri hat die Rede vom unbedingten Willen keinen weiteren Gehalt, als die Negation (2001, S.242). Die Idee des unbedingt freien Willens ist demnach so vage, dass außer der Idee selbst keine stimmigen Hintergründe oder begrifflicher Gehalt vorhanden sind. Dies macht die unbedingte Willensfreiheit zu einem rein rhetorischem Gebilde (Bieri, 2001, S. 243). Die Freiheit des Willens kann man nicht durch die Abwesenheit von

[...]


1 Es wird hier nicht der genaue Wortlaut der Kommilitonen wiedergegeben, sondern die Punkte Bieris (2001, S. 232-236), die sie mit ihren Kommentaren angesprochen haben.

2 Aus diesem Grund liegt dem Anhang noch eine zweite, der Kritik entsprechend überarbeitete Version des Szenischen Spiels bei.

Details

Seiten
11
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668207547
ISBN (Buch)
9783668207554
Dateigröße
847 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v321187
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Psychologisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Willensfreiheit Peter Bieri Inkompatibilismus libertäre Position Determinismus

Autor

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Titel: Kritik der libertären Position in der Willensfreiheitsdebatte