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Jugendkriminalität und Sozialisation. Inwiefern haben Sozialisationsprozesse Einfluss auf Jugenddelinquenz?

Hausarbeit 2014 19 Seiten

Soziologie - Recht, Kriminalität abw. Verhalten

Leseprobe

INHALT

Einleitung

Definition Sozialisation

Sozialisationstheorien

Symbolischer Interaktionismus

Sozialisation über Kapital

Sozialisation in der Erlebnisgesellschaft

Sozialisation als Aneignungsprozess

Selbstsozialisation

Sozialisationsprozesse

Primäre Sozialisation

Sekundäre Sozialisation

Tertiäre Sozialisation

Definition Delinquenz

Jugenddelinquenz als Ausdruck misslungener Sozialisation

Weitere Theorien zu deviantem Verhalten

Entwicklungstheorie

Lerntheorie

Frustrations-Aggressions Theorie

Anomie-Theorie

Etikettierungsansatz

Fazit

Einleitung

Im Rahmen der vorliegenden Hausarbeit möchte ich mich damit beschäftigen, inwiefern Sozialisationsprozesse auf Jugenddelinquenz einwirken, beziehungsweise inwieweit misslungene Sozialisation zu kriminellem Verhalten führen kann.

Um den kausalen Zusammenhang von kriminellem Verhalten und misslungener Sozialisation zu ergründen, beginne ich damit mich im ersten Abschnitt der Arbeit zunächst mit dem Begriff der Sozialisation im Allgemeinen und später mit Theorien sowie Prozessen der Sozialisation auseinanderzusetzen.

Anschließend werde ich versuchen den Begriff der Delinquenz zu definieren und mich kurz dem Problem der Erfassung und Konkretisierung von ‚abweichendem Verhalten‘ widmen.

Im vierten Punkt meiner Arbeit stelle ich eine Verbindung zwischen misslungener Sozialisation und Jugendkriminalität her.

Im Folgenden setze ich mich mit weiteren Theorien zu deviantem Verhalten auseinander welche die Argumentation, dass Jugenddelinquenz und misslungene Sozialisation kausal zusammenhängen teilweise unterstützen.

Abschließend stelle ich mein Fazit vor und versuche meine persönliche Meinung zu der Thematik darzulegen.

Definition Sozialisation

Um der Frage nachzugehen, was genau Sozialisation auszeichnet versucht der Autor Peter Zimmermann in seinem Werk ‚Grundwissen Sozialisation – Einführung zur Sozialisation im Kindes- und Jugendalter‘ sich dem Begriff zunächst über die Frage „Wie kommt die Welt ins Individuum?“1 zu nähern. Diese Frage zeigt die grundlegende Funktion von Sozialisation. Es wird verdeutlicht, dass sich Sozialisation mit der Integration eines Menschen in die Gesellschaft beschäftigt.

Im Rahmen dessen, geht der Autor auf die klassische Bestimmung der Sozialisation von DURKHEIM (1973) ein, die vorrausetzt, dass jeder Mensch erst auf das gesellschaftliche Leben vorbereitet werden müsse. Daraus folgt die Frage, „[…] wie und warum aus einem Neugeborenen ein autonomes, gesellschaftliches Subjekt wird.“1

Sozialisation wird hier also ein weiteres Mal als Prozess dargestellt, der dazu führt, dass ein Individuum sich in sein soziales Umfeld, beziehungsweise in die Gesellschaft, einfügt.

Darauf verweist schon die lateinische Ableitung des Wortes ‚sociare‘ (verbinden), indem es die Synthese von Mensch und Umwelt beschreibt.

Erziehung spiele dabei eine wichtige Rolle, ließe sich aber nicht mit Sozialisation gleichsetzen, da Erziehung nur mit bewussten Versuchen Menschen zu vergesellschaften zusammenhängen würde, Sozialisation könne jedoch auch unbewusst und ohne Absicht stattfinden. (vgl. P. Zimmermann)

Das heißt, „Sozialisation ist […] zu verstehen als Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt.“2.

Dieses Zitat legt dar, dass zur Integration eines Menschen in die Gesellschaft folglich nahe und unmittelbare Faktoren wie zum Beispiel die Familie, aber auch das erweiterte soziale Umfeld (Kultur, Freundschaften, Vorbilder etc.), und nicht zuletzt auch der ökonomische Hintergrund eines Individuums zu berücksichtigen ist.

Diese Aspekte lassen sich auch in der Definition von K. Hurrelmann wiederfinden:

„Mit Sozialisation wird der Prozess der Entstehung und Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit in Abhängigkeit von und in Auseinandersetzung mit den sozialen und den dinglich-materiellen Lebensbedingungen verstanden, die zu einem bestimmten Zeitpunkt der historischen Entwicklung einer Gesellschaft existieren. Sozialisation bezeichnet den Prozess, in dessen Verlauf sich der […] menschliche Organismus zu einer sozial handlungsfähigen Persönlichkeit bildet, die sich über den Lebenslauf hinweg in Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen weiterentwickelt“3.

Sozialisationstheorien

Zu den theoretischen Hintergründen der Sozialisation eines Individuums gibt es mehrere theoretische Ansätze.

„Ausgangspunkt der Sozialisationstheorien ist die Idee Emile Durkheims, dass Menschen sich soziale Ordnungen zu eigen machen, indem sie im Prozess des Heranwachsens über das Leben in Gruppen ein „conscience collective“, also ein Kollektivbewusstsein erwerben, das zu einer regulierenden Instanz der eigenen Handlungen wird.“4

Die im Folgenden vorgestellten Theorien haben alle gemeinsam, dass sie die „Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit“3 zum Ziel haben.

Symbolischer Interaktionismus

Ein eher sozialpsychologisch orientierter Ansatz ist der symbolische Interaktionismus wie er unter anderem auch von Georg Herbert Mead vertreten wird.

Diese Theorie geht davon aus, dass durch Interaktion, beziehungsweise durch Kommunikation, Sozialisationsprozesse stattfinden würden.

Es wird davon ausgegangen, dass „Im alltäglichen Handeln und im Umgang mit anderen Menschen […] eigene Ansprüche und die Ansprüche der Außenwelt vereinbart werden.“5 müssen.

Grafisch stellt P. Zimmerman diese Balancefindung wie folgt dar;

Hierdurch wird verdeutlicht, dass in der alltäglichen Interaktion mit anderen Menschen sowohl das persönliche Selbst, welches ganz individuell durch diverse Erfahrungen geprägt sein kann, zusammen mit der sogenannten ‚Sozialen Identität‘ kollidiert und ein sozialisiertes Individuum bildet.

Diese Theorie verdeutlicht also unter anderem auch die Rolle, die Gruppenkontexte bei der Sozialisation eines Menschen spielen – im Rahmen der Fragestellung Inwiefern Sozialisationsprozesse Einfluss nehmen würden auf die Kriminalisierung Jugendlicher ist dies später noch einmal zu betrachten.

Sozialisation über Kapital

Eine weitere Idee ist, dass „[…] das gesamte Leben eines Individuums […] von seinem sozialen Status, [und] von seiner Klassenzugehörigkeit bestimmt […]“6 wird.

Um dies genauer zu erklären unterscheidet der Soziologe Pierre Bordieu zwischen drei verschiedenen Arten des Kapitals:

1. dem ökonomischen Kapital,
2. dem kulturellen Kapital, und
3. dem sozialen Kapital.7

Das ökonomische Kapital ist vereinfacht dargestellt die Menge an Geldwerten über die ein Individuum verfügt. Vermögen ist nach P. Bordieu also ein Faktor der den sozialen Status eines Menschen definieren kann.

Hierzu kommt noch das kulturelle Kapital, welches sich in Bildung, Besitz und Kulturkompetenz äußert und für dessen Erwerb Zeitaufwand und Vermögen (ökonomisches Kapital) benötigt wird. Das kulturelle Kapital dient auch der Sozialisation eines Menschen – genau wie bei dem ökonomischen Kapital wird hierbei davon ausgegangen, dass je höher dies ist (je größer der Besitz, die Kulturkompetenz und die Anzahl an Bildungsabschlüssen), desto größer ist das gesellschaftliche Prestige der Gesellschaftsgruppe in die sich der Inhaber sozialisiert.

Die dritte Form ist das soziale Kapital das die „[…] Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen gegenseitigen Kennens oder Anerkennens verbunden sind; oder, anders ausgedrückt es handelt sich dabei um Ressourcen, die auf die Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen.“8

Das soziale Kapital ist folglich Abhängig von der Anzahl an Beziehungen über die ein Individuum verfügt. Ausschlaggebend hierfür können unter anderem das kulturelle und ökonomische Kapital sein, da sie zu großen Teilen die soziale Umgebung eines Menschen definieren können.

Zu beachten ist, dass die verschiedenen Arten von Kapital sich gegenseitig in einem gewissen Rahmen beeinflussen können.

So erleichtert beispielsweise ein großes Vermögen, qua ‚ökonomisches Kapital‘, den Erwerb eines angesehenen Bildungsabschlusses und trägt somit zum kulturellen Kapital bei, andererseits kann ein Individuum aber auch trotz relativer Armut verschiedene Beziehungen pflegen und somit über eine hohe Sozialkompetenz, beziehungsweise über soziales Kapital, verfügen.

Zusammenfassend bedeutet dies, dass sich jede Person über diese Arten von Kapital sozialisiert und so auch einer gewissen gesellschaftlichen Sektion zuzuordnen ist.

Kritisch zu betrachten ist hierbei der hohe Grad an Determinismus der diesem Konzept beiwohnt – Ideen der Selbstsozialisation werden nicht beachtet.

Sozialisation in der Erlebnisgesellschaft

„Die große Zunahme von Wahlmöglichkeiten in unserem Leben […] ist auch der zentrale Aufhänger des Konzeptes der Erlebnisgesellschaft.“9, mit diesem kultursoziologischen Analyse beschäftigte sich Gerhard Schulze 1993.

Der Ausgangspunkt des Konzeptes der Erlebnisgesellschaft war es, dass durch steigende Lebensstandards eine Erlebnisorientierung in der Gesellschaft entsteht, die dazu führte, dass die Erlebnissuche zu einer kollektiven Bestrebung wurde.

Sozialisation passiert nach der Auffassung von Schulze also durch die Suche nach einem schönen, und spannenden Leben.

Die Risiken hierbei sind unter anderem ein gestörtes Konsumverhalten, Enttäuschung und Hedonismus.

Sozialisation als Aneignungsprozess

Die Idee der Sozialisation als Aneignungsprozess hat zur Grundlage, dass Erfahrungen, Wissen und Fertigkeiten innerhalb einer Kultur von Generation zu Genration weitergeben werden.

In letzter Konsequenz würde dies bedeuten, dass sich jedes Individuum nur innerhalb eines durch ältere Generationen diktierten Rahmens sozialisieren kann.

Abstrakter, in Bezug auf kriminelles Verhalten bezogen, rückt dieses Konzept besonders die Verantwortung von Erziehungspersonen in den Vordergrund. Ältere Generationen sollen folglich bemüht sein, Kinder erfolgreich in ein nicht-kriminelles Milieu zu sozialisieren.

Selbstsozialisation

Eine etwas andere Sicht auf Sozialisation bietet die Theorie der Selbstsozialisation.

Anders als bei den bisher vorgestellten Sozialisation Theorien beschäftigt sich die Sozialisation des Selbst damit, das sich eine Person nicht in erster Linie durch Fremdeinflüsse wie Kapital oder Erziehung sozialisieren lassen würde, sondern stattdessen durch „[…] Selbsttätigkeit, Selbsterziehung, Selbstkonstruktion oder auch Selbstbildung.“10.

Zentral ist hierbei, die Entgegensetzung der jugendlichen Lebenswelt in Abgrenzung zu der von Erwachsenen.

Hierbei gilt der sogenannte „[…]Dreischritt der Selbstsozialisation:

Kinder und Jugendliche schreiben sich und den sozialen und kulturellen Ereignissen in ihrer Umwelt eine eigene Bedeutung zu.

Kinder und Jugendliche entwerfen für sich und für den Umgang mit anderen Menschen eine eigene spezielle Handlungslogik.

Kinder und Jugendliche formulieren selbständig eigene Ziele für ihr Handeln.“11.

In gewisser Weise ist der Theorie nach jeder Jugendliche also autonom in seiner individuellen Sozialisation.

Antrieb der Selbstsozialisation kann, ähnlich wie bei der Sozialisation in der Erlebnisgesellschaft, der Wunsch nach neuem Erleben und nach Anerkennung sein.

Sozialisationsprozesse

Um einen genaueren Überblick über den konkreten Vorgang von Sozialisation zu gewinnen, bietet es sich an eine Einteilung in verschiedene Arten von Sozialisationsprozessen vorzunehmen. Kerstin Berger betont dies noch einmal in dem nachfolgenden Zitat:

„Die Sozialisation ist kein Prozess, der unentwegt vor sich hin läuft, sondern es handelt sich hier um einen Prozess, den man in 3 Phasen unterteilen kann; die primäre, die sekundäre und die tertiäre Sozialisation.“12..

Diese Sozialisationsprozesse wirken in jeweils verschiedenen Altersstufen.

[...]


1 Zimmermann, P. (2006). Grundwissen Sozialisation. Einführung zur Sozialisation im Kindes- und Jugendalter (3. Auflage). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften S.12 - 13

2 Zimmermann, P. (2006). Grundwissen Sozialisation. Einführung zur Sozialisation im Kindes- und Jugendalter (3. Auflage). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften S.15

3 Hurrelmann, K. (1995): Einführung in die Sozialisationstheorie. Weinheim: Beltz.

4 Scheunpflug, A.(2015). Die Natur der Sozialisation – zur Anthropologie eines erziehungswissenschaftlichen Begriffs. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 2015, S.3.

5 Zimmermann, P. (2006). Grundwissen Sozialisation. Einführung zur Sozialisation im Kindes- und Jugendalter (3. Auflage). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften S.54.

6 Zimmermann, P. (2006). Grundwissen Sozialisation. Einführung zur Sozialisation im Kindes- und Jugendalter (3. Auflage). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften S.56

7 Vgl. Baumgart, F. (2008). Bordieu: Ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital. In F. Baumgart (Hrsg.), Theorien der Sozialisation (4. Auflage, S.217-230) Julius Klinkhardt Verlag: Bad Heilbrun.

8 Baumgart, F. (2008). Bordieu: Ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital. In F. Baumgart (Hrsg.), Theorien der Sozialisation (4. Auflage, S.217-230) Julius Klinkhardt Verlag: Bad Heilbrun. S.224.

9 Zimmermann, P. (2006). Grundwissen Sozialisation. Einführung zur Sozialisation im Kindes- und Jugendalter (3. Auflage). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften S.63.

10 Zimmermann, P. (2006). Grundwissen Sozialisation. Einführung zur Sozialisation im Kindes- und Jugendalter (3. Auflage). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften S.76.

11 Zimmermann, P. (2006). Grundwissen Sozialisation. Einführung zur Sozialisation im Kindes- und Jugendalter (3. Auflage). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften S.78.

12 Berger K., (2007), Die Arten, Phasen und Instanzen der Sozialisation, München: GRIN Verlag GmbH.

Details

Seiten
19
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668204393
ISBN (Buch)
9783668204409
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v321209
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
2,3
Schlagworte
Soziale Arbeit Jugendkriminalität Sozialisation Delinquenz

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Titel: Jugendkriminalität und Sozialisation. Inwiefern haben Sozialisationsprozesse Einfluss auf Jugenddelinquenz?