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Wenn Sport zur Sucht wird. Extrem- und Risikosport

Hausarbeit 2009 16 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportökonomie, Sportmanagement

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Merkmale des Extrem- und Risikosports

3 Risikosport als Folge gesellschaftlichen Wandels
3.1 Gesellschaftlicher Wandel
3.1.1 Von der Außenorientierung zur Innenorientierung
3.1.2 Vom Geldbudget zum Zeitbudget
3.1.3 Wertewandel und Individualisierung

4 Bindung und Sucht im Extrem- und Risikosport
4.1 Der Mythos des runners high
4.2 Extrem- und Risikosport als Grenzsuche
4.3 Extrem- und Risikosport als Erlebnissuche
4.4 Extrem- und Risikosport – eine Sucht?

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Berthold Brecht hat einmal gesagt : „Der große Sport fängt da an, wo er längst aufgehört hat, gesund zu sein!“ (vgl. Acker, 1972, S. 20). Ein großer Satz eines großen Mannes. Doch wie zutreffend diese Aussage einmal sein würde- bezogen auf den Extrem- und Risikosport im 21. Jahrhundert- konnte Brecht sicherlich nicht erahnen. Nach dem Motto: höher, schneller, weiter- und riskanter, gehen immer mehr Menschen freiwillig Risiken im Extremsport ein. Aber warum? Wie wird man zu einem Extremsportler oder wird man bereits als einer geboren? Wie kam es dazu, dass Trendsportarten wie z.B. Free Climbing, Kitesurfen, Paragliding oder Snowboarden einen derart großen Boom auslösten? Ist es die Schuld der Gesellschaft, in der sich eine Monotonie im Alltag breit macht, sprich eine Reizarmut entsteht, welche bei vielen das Gefühl von Langerweile erzeugt? Entwickeln wir uns wirklich zu einer Extremgesellschaft, in der es darauf ankommt, möglichst viel zu erleben und durch waghalsige Manöver auf sich aufmerksam zu machen? Immer häufiger hört man in diesem Zusammenhang bestimmte Anglizismen bzw. Amerikanismen, welche in dieser Branche bereits zur Alltagssprache gehören. Die Rede ist von Wörtern wie, „fun“-„speed“-„power“-„flow“-„thrill“-„risk“- „fit-for-fun“. Sie stehen für eine Generation, in der es besonders darauf ankommt, eine Symbiose zwischen Sport und Spaß herzustellen. Dabei scheint es den meisten egal zu sein, welche Risiken sich hinter extremen Sportaktivitäten verbergen. Jeder Trend wird mit gemacht, denn niemand will etwas verpassen. Liegt es demnach in der Natur des Menschen, ständig nach Neuem zu suchen? Die folgende Arbeit versucht einen kleinen Einblick in die Welt des Risiko- und Extremsports zu geben. Welche Auswirkungen hat diese Form des Sports auf die Athleten bzw. kann es gar zu einer Sucht werden, sich immer wieder in bestimmte Gefahrensituationen begeben zu müssen?

2 Merkmale des Extrem- und Risikosports

Henning Allmer und Norbert Schulz erläutern in ihrem Buch „Erlebnissport- Erlebnis Sport“ in Anlehnung an Aufmuth (1989, S.125) folgende fünf Merkmale als charakteristisch für den Risiko- und Extremsport:

1.) Außerordentliche körperliche Strapazen

Extrem- und Risikosportarten verlangen dem menschlichen Körper alles ab. Der Sportler setzt sich mitunter höllischen Qualen aus und bewegt sich ständig am Limit seiner eigenen Leistungsfähigkeit. Da verwundert es einen nicht, wenn von blutigen Händen, Hautabschürfungen, Knochenbrüchen und anderen schweren Verletzungen die Rede ist.

Doch dieses Risiko, verletzt zu werden, stellt kein besonders großes Hindernis für die Extremsportler dar. Für sie gilt einzig und allein der Slogan: „no risk- no fun.“

2.) Ungewohnte Körperlagen und –zustände

Die Problematik der sportlichen Aktivitäten besteht darin, dass der Körper während der Ausführung in unübliche Lagen und –zustände versetzt wird. Dazu können der freie Fall und das beinahe schwerelose Schweben in Luft und Wasser, hohe Geschwindigkeiten und Beschleunigungen sowie Rotationsbewegungen und extreme Körperseitenlagen gezählt werden.

3.) Ungewisser Handlungsausgang

Aufgrund der extremen und riskanten Situation liegen Erfolg und Misserfolg einer Handlung nah beieinander. Denn: Je mehr sich die wahrgenommene Fähigkeit und wahrgenommene Aufgabenschwierigkeit annähern, desto größer wird die Ungewissheit der Situationsbewältigung (vgl. McGrath, 1981, S. 457). Der Sportler muss sich stets darüber im Klaren sein, dass die Bewältigung der Situation sozusagen „ auf der Kippe“ steht, sie demnach gelingen kann, aber ebenso auch misslingen.

4.) Unvorhersehbare Situationsbedingungen

Hierzu lässt sich sagen, dass sich Extrem- und Risikosportaktivitäten nicht bis ins Detail planen lassen. Man kann nicht genau vorhersagen welche Situationsbedingungen im nächsten Moment auftreten werden. Ob und wie präzise man eine Situation vorhersehen kann, hängt vom Ausmaß der Informationsmöglichkeiten ab. So genannte unvorhersehbare Situationen, wie zum Beispiel das plötzliche Erfassen von einer Windböe oder einem unerwarteten Wetterumsturz ausgesetzt zu sein können nicht gänzlich verhindert werden. Diese Beispiele bezeichnet man als erwartungswidrige Ereignisse, da sie von der Person in Bezug auf seine vergangenen Erfahrungen grundsätzlich vorhersehbar sind. Von unbekannten Ereignissen spricht man, wenn keine Vorerfahrungen bezüglich der Situation vorliegen. Befindet man sich zum Beispiel auf einem Gewässer von dem man nicht genau den Verlauf kennt, so kann dies gravierende Folgen mit sich bringen.

5.) Lebensgefährliche Aktionen

Die Gefahr durch einen Fehler mit seinem Leben zu bezahlen, ist größer als bei allen anderen sportlichen Aktivitäten. Die Möglichkeit des tödlichen Absturzes, von der Gewalt des Wassers erdrückt oder von Schneelawinen verschüttet zu werden ist ein ständiger Begleiter dieser Sportarten. Dabei kann sich die Gefährdung der Gesundheit einerseits aus Fehlern, Unachtsamkeit und Leichtsinn des Akteurs selbst ergeben, anderseits aber auch aus einer plötzlichen Verschlechterung der Situationsbedingungen resultieren. Demnach spiegelt sich der Erfolg solcher Ausnahmesituationen unmittelbar im Überleben wider. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von „Open- End- Veranstaltungen.

3 Risikosport als Folge gesellschaftlichen Wandels

3.1 Gesellschaftlicher Wandel

Das Leben der heutigen Generation ist geprägt von einer sich immer stärker technisierenden Welt. Bindungs- und Orientierungslosigkeit, Unsicherheit, Unüberschaubarkeit und Ungewissheit sind nur einige Beispiele für das Empfinden der Menschen im 21. Jahrhundert. Neues und Altes passen kaum mehr zueinander. In Zeiten der Globalisierung in der es zu einer Auflösung von dominierenden Weltmächten, zum Übergang von Nationalökonomien zu Globalökonomien sowie zu einem Wechsel von natürlichen zu intelligenten Industrien kommt, müssen die Weichen zur Stabilisierung des Gleichgewichts neu gestellt werden. Die junge Generation ist ständig auf der Suche nach neuen Herausforderungen bzw. Abenteuern. Die Sehnsucht nach spontanem Glück und das Bedürfnis nach Spannung und Aktion sind nur einige Schlagwörter dieser Entwicklung.

3.1.1 Von der Außenorientierung zur Innenorientierung

Am Ende des 19. Jahrhunderts konzentrierte sich die Gesellschaft hauptsächlich auf die äußeren Lebensbedingungen, sprich auf die Sicherstellung von Ressourcen, die Sicherheit der eigenen Persönlichkeit sowie auf die Abwehr bestimmter Gesundheitsrisiken usw., welche allgemein als Außenorientierung bezeichnet werden kann.

Die heutige gesellschaftliche Situation ist eher durch ein Übermaß an Angeboten geprägt. Diesem Überangebot an Konsumgütern ist es nur schwer zu wiederstehen. Man spricht daher von einer Innenorientierung, da es vielmehr um Werte wie Selbstentfaltung bzw. Selbstverwirklichung geht. Dies wurde bereits in dem von Maslow 1943 veröffentlichten Modell „ Die Maslowsche Bedürfnistheorie“ deutlich. Dieser versucht darin die Motivationen von Menschen zu beschreiben. Das in Abbildung 1 dargestellte Modell lässt die fünf Stufen der Bedürfnisse erkennen. Demnach wird deutlich, das dass höchste aller menschlichen Bedürfnisse die „Selbstverwirklichung“ ist. Darunter versteht man Begriffe wie Individualität, Talententfaltung, Perfektion, Erleuchtung etc..Es geht demzufolge nicht mehr primär ums Überleben, um Abwehr von Bedrohungen und Kampf gegen Restriktionen, sondern um die Lebensgestaltung jenseits situativ bedingter Probleme.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1. Maslowsche Bedürfnispyramide (Quelle: In Anlehnung an Kotler/Bliemel 2001, S. 344)

3.1.2 Vom Geldbudget zum Zeitbudget

Wir leben mittlerweile in einer Erlebnis- und Konsumgesellschaft in der es besonders darauf ankommt innerhalb kürzester Zeit so viel wie möglich zu erledigen. „Die Menschen bekommen in Zukunft ein anderes Verhältnis zu der Zeit. Das Zeitbudget wird genauso kostbar wie das Geldbudget.“ (vgl. Opaschowski, Horst W.,2006, S.158). Opaschowski weist daraufhin welche Bedeutung die Zeit in der gegenwärtigen Welt einnimmt. Alles muss schneller gehen: Das Essen, das Fernsehen, das Einkaufen, Bigger–Better–Faster–More- eine Konsumgesellschaft in der die Arbeitszeit zu stagnieren scheint und die Freizeit einen immer größeren Stellenwert einnimmt. Der Mensch hat also im Vergleich zu früher mehr Möglichkeiten seine Realität selbstbestimmend so zu gestalten, wie er sich diese vorstellt. Das Konsumangebot wächst, und es wird immer schwerer diesem Wachstum mit der zu Verfügung stehenden Zeit gerecht zu werden. Der Trend alles zu erleben und nichts zu verpassen setzt viele Menschen unter Druck, wodurch es vermehrt zu Konsumstress, Kontaktstress und Erlebnisstress kommen kann. Der Spaß bzw. die Freude am Leben wird ein Leitthema der nächsten Jahre sein.

3.1.3 Wertewandel und Individualisierung

Der politisch-soziologische Begriff Wertewandel schildert einen Verlauf, der etwa seit Beginn der 1960er Jahre in den westlichen Industrieländern zu umfassenden Verhaltens- und Einstellungsveränderungen geführt hat. Dies hat wiederum zu einer stärkeren Individualisierung und einer Zunahme von so genannten nicht- materiellen Werten(z.B. Emanzipation) geführt. Die Individualisierung beschreibt hingegen den Wandel des Subjekts, das heißt den Übergang des Individuums von der Fremd- zur Selbstbestimmung, in Zusammenhang mit dem Wandel sozialer Bindungen im Alltagsleben. Der Individualisierungsprozess erzeugt in gewisser Hinsicht die sozialstrukturellen und individualpsychologischen Voraussetzungen für einen Boom des Sportmarktes. Außerdem bedingt dieser Vorgang den Bedeutungszuwachs und die gestiegene gesellschaftliche Wertschätzung des Sports und des sportiven Körpers. Dieser fit getrimmte, jugendlich gestylte Körper wird zu einem Statussymbol für die Darstellung von Individualität. Man will sich persönlich von anderen Personen abgrenzen und über einen trainierten Körper seinen gesunden und modernen Lebensstil ausdrücken. Über das Fernsehen und die Printmedien werden dem Konsumenten immer neuere Wege der Individualisierung aufgezeigt. So entstand gerade im Feld des Sports in den letzten Jahren neben dem traditionellen (Vereins-) Sport eine rasante Entwicklung von neuartigen Bewegungsformen und Sportmoden, welche inzwischen von Jogging, Aerobic, Yoga, über Tai Chi bis hin zu den Risiko- und Extremsportarten wie z.B. Freeclimbing, Canyoning, Skysurfing etc. reicht.

4 Bindung und Sucht im Extrem- und Risikosport

4.1 Der Mythos des runners high

Um Hilfe im Krieg gegen die Perser zu suchen, lief der griechische Bote Pheidippides 490 v. Chr., die sagenhafte Strecke von Athen nach Sparta in zwei Tagen. Dies berichtete zumindest der Geschichtenschreiber Herodot, dessen Aussage 500 Jahre danach von Plutarch und Lukian von Samosata zu einer Legende geformt wurde. Demnach heißt es, dass sich ein Läufer nach dem Sieg der Athener in der Schlacht von Marathon auf den ca. 40 Kilometer langen Weg nach Athen gemacht habe und dort nach der Verkündung seiner Botschaft „Freut Euch, wir haben gesiegt“ tot zusammengebrochen sei.

So kam es dazu, dass bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit 1896 in Athen der Marathonlauf entstand. Waren es zunächst nur 40 km die man für einen Marathon zu absolvieren hatte, wurde 1924 die Streckenlänge auf 42,915 km verlängert. Seit den 70er Jahren entwickelte sich, ausgehend von den USA, eine Laufbewegung die bis heute anhält. Immer wieder wird darauf hingewiesen wie gesundheitsfördernd der Ausdauersport sein kann, was viele Menschen zusätzlich animiert hat mit dem Joggen zu beginnen. Jedoch soll an dieser Stelle nicht der gesundheitliche Aspekt des Laufsports im Vordergrund stehen. Vielmehr möchte ich über einen Zustand berichten, welchen Sportler als rauschartiges Erlebnis ansehen. So berichten Ausdauersportler über Gefühle der Schwerelosigkeit, des ungebrochenen Glaubens an die eigene Leistungsfähigkeit etc., Zustände, die als runners high (vgl. Parkman & Baker, 1980) bezeichnet werden. Weiterhin bekannt ist der second wind. Angeblich verspürt der Athlet nach ca. 32 km Laufstrecke das Gefühl, einen Auftrieb zu bekommen, bzw. eine Mauer zu durchbrechen („the runner hit the wall“- Phänomen). So kann man den Zustand des runners high phänomenologisch mit dem „high“ oder „flash“ nach einer Heroininjektion vergleichen. In diesem Zusammenhang möchte ich auf den Ex-Junkie Andreas Niedrig verweisen. Nach einjähriger Heroinabhängigkeit hatte dieser es geschafft sich mit Hilfe des Ausdauersports aus dem Sumpf zu ziehen (Runners high statt Heroin). Seinen größten Erfolg erreichte Andreas Niedrig 2001, als er beim Ironman auf Hawaii den siebten Platz belegte. Näheres über diesen Fall kann man auch in seinem Buch „ Vom Junkie zum Ironman“ -welches 2007 erschienen ist-nachlesen. Wie es allerdings zu so einem runners high, sprich so einem Hochgefühl kommen kann, war lange Zeit umstritten. Doch eine Forschergruppe aus Nuklearmedizinern und Neurologen von der Technischen Universität München und der Universität Bonn haben dieses Phänomen wohl aufgeklärt. Dabei injizierten die Forscher 20 Athleten eine radioaktive Substanz, welche die Eigenschaft besitzt, sich an dieselben Areale im Gehirn anlagert wie die Endorphine. Dabei benutzten Sie eine Technik namens Positronen-Emissions-Tomographie (PET), womit die Wissenschaftler kontrollierten konnten, wie viel von der radioaktiven Substanz sich erfolgreich an die Bindungsstellen gekoppelt hatte. Anschließend mussten die Sportler sich 2 Stunden auf dem Laufband bewegen, wobei die Forscher vorher und nachher eine Untersuchung mittels PET machten. Das Ergebnis der Analyse war, dass auf den Bildern nach dem Laufen viel weniger von dem radioaktiven Stoff im Gehirn vorlag als davor. Daraus schlussfolgerten die Wissenschaftler, dass während eines runners high so viele Endorphine die Bindungsstellen besetzt hatten, dass sie den radioaktiven Konkurrenten größtenteils verdrängen konnten. Ebenso wurde die These aufgestellt, dass die Sportler das Hochgefühl umso intensiver erlebten, je weniger von dem radioaktiven Stoff im Gehirn gebunden war. Diese Erkenntnis lobte auch der Endorphin-Kritiker Oliver Stoll vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Halle. Das Team der Wissenschaftler erhoffte sich dadurch mehr Menschen mit chronischen Schmerzen für das Laufen begeistern zu können. Denn die Gehirnareale, in denen viele Endorphine freigesetzt werden, sind auch für die Unterdrückung von Schmerz zuständig.

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Details

Seiten
16
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783668208612
ISBN (Buch)
9783668208629
Dateigröße
815 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v321324
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,3
Schlagworte
Sportökonomie Sportmanagement Sportentwicklung Sportwissenschaften Extremsport Risikosport

Autor

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