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Der (philosophische) Bezug des Salutogenese-Konzepts auf das gesellschaftliche Gesundheitssystem

Mit Beispielen aus der Altenpflege

Hausarbeit 2012 20 Seiten

Gesundheit - Pflegewissenschaft - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Salutogenese und Altenpflege?

3. Weitere Vorgehensweise in dieser Arbeit

4.1 Gesundheit und Gesundheitssystem
4.2 Wie versteht das Gesellschaftssystem Gesundheit?
4.3 Wozu dient das Gesundheitssystem?
4.4 Was die WHO sagt

5.1 Das Konzept der Salutogenese nach Aaron Antonovsky
5.2 Das Gesundheits- Krankheits-Kontinuum
5.3 Grundannahme der Heterostase
5.4 Das Kohärenzgefühl (SOC)

6. Die weitere (philosophische) Verbindung von Salutogenese und Gesellschaft

7. Fazit

Literaturnachweis/ Quellennachweis

1. Einleitung

Hin und wieder fühle ich mich glücklich!

So sprach ich zu dem Gelehrten

der mich ungerührt untersuchte

und mir nachwies, wie sehr ich irrte

… er sollte die Lust mir doch lassen

zu lieben und geliebt zu werden:

einen Schatz würde ich mir suchen

für einen Monat oder 'ne Woche

oder für den vorletzten Tag noch

seither bin ich mir nicht im klaren

ob ich gehorchen soll und sterben

gemäß dem Dekret des Experten

oder so wohl mich fühlen soll

wie's mein eigener Leib mir anrät

(Pablo Neruda, 1974)

Der Begriff „Salutogenese“ findet in der Pflege immer größere Verbreitung. Anfangs vor allem aus den Sozialwissenschaften und der Medizin kommend, hier vor allem in Zusammenhang mit Prävention und Gesundheitsförderung (vgl. Bengel et al (2001), S. 9), findet sich die Salutogenese inzwischen wohl in jedem Curriculum der verschiedenen Pflege-Ausbildungen wieder (vgl. z.B. Lehrplan des Kultusministerium B-W (2009), S. 5).

Das oben aufgeführte Gedicht erzählt auf anrührende Weise von einem Menschen, der zuerst einen salutogenetischen Blickwinkel auf seinen Gesundheits-Zustand einnimmt, der dann aber mit dem pathogenetischen »Urteil« eines Spezialisten konfrontiert wird und über sich selbst ins Zweifeln gerät. Die Pathogenese urteilt nach messbaren Fakten, schaut nur auf die Krankheit, auf deren Entstehung und mögliche Behebung. Die Salutogenese dagegen befasst sich mit der Frage nach Gesundheit, deren Deutungen und Entstehung. Doch das Konzept der Salutogenese von Aaron Antonowsky ist weit mehr als nur ein mögliches Rezeptbuch für Gesundheitsprävention. Es beschreibt eine eigene Denk- und Sichtweise. Es kritisiert das rein biomechanische Paradigma der Medizin und stellt eine ergänzende Grundannahme (die Salutogenese) zur Diskussion (vgl. Wydler et al (2000), S 11ff).

Hierdurch wurde der Begriff „Gesundheit“ in einem neuen und umfassenden Blickwinkel betrachtet und entsprechend definiert. Die Folgen eines neuen Verständnisses von Gesundheit müssten aber in einer Veränderung des medizinischen Handels sichtbar werden. Und dadurch wäre auch das Handeln in der Pflege betroffen, bis hin zur Altenpflege.

Man könnte sogar noch weiter gehen und sagen, dass ein salutogenetischer Blickwinkel auf den Begriff „Gesundheit“, wie er ja in Ansätzen schon 1946 von der WHO in ihrer Verfassung postuliert wurde, sich eigentlich auf das jeweilige gesamte Gesundheits-System auswirken müsste.

Sind solche Schlussfolgerungen aber tatsächlich folgerichtig? Oder sind sie nur konstruiert und unrelevant?

Neben den Begriffsbestimmungen befasst sich diese Arbeit mit solchen Fragen.

Aufgrund der komplexen »Größe« dieses Themas können hier aber nur kleine Ausschnitte aufgezeigt und lediglich Denkanstöße geliefert werden.

2. Salutogenese und Altenpflege?

Wie schon erwähnt, befasst sich das Konzept der Salutogenes mit der Frage nach der Entstehung von Gesundheit.

Bevor nun aber näher darauf eingegangen wird, was dieses Konzept konkret aussagt und bedeutet, könnte man doch zuerst einmal einwerfen, dass es zumindest für die Altenpflege wohl wenig Bedeutung haben dürfte. Denn bei der Pflege von alten Menschen geht es doch kaum um die Entstehung von Gesundheit. Wenn alte Menschen Pflege brauchen, und somit entsprechend dem Pflegeversichungsgesetzt pflegebedürftig sind, dann gibt es in der Regel kaum ein »zurück« (zur Gesundheit) mehr. Dann ist es faktisch nur eine Frage der Zeit, selbst wenn es noch Jahre wären, bis das Lebensende eintritt.

Folglich bräuchte man hier den Blick nicht auf die Gesundheit lenken, sondern vor allem auf das Lindern (»Betäuben«) von Leiden und Schmerz in Zuge einer «finalen» Krankheit. Solches Lindern von Leid bei sterbenden Menschen ist z.B. Aufgabe der Palliativmedizin. Generell ist das »Lindern« ebenso eine der vier Hauptaufgaben der Pflege (vgl. ICN-Ethikkodex (2000), S.1). Vor allem in der Altenpflege, so kann vermutet werden, steht diese Aufgabe im Vordergrund.

Solch eine Sichtweise, wie sie in der Praxis aber durchaus in unterschiedlichem Ausmaß anzutreffen ist, entspricht jedoch eher einer pathogenetischen Anschauung. Sie schaut auf den alten Menschen unter dem Blickwinkel seiner Defizite. Entsprechend wird bei manchen Pflegemodellen, z.B. bei Orem, auch von Defizitmodellen gesprochen (vgl van Kampen (1998), S. 160 ff). Im Grunde lassen sich aber alle Bedürfnismodelle, auch Juchli und Krohwinkel, die letztendlich auf Henderson zurückgehen und maßgeblich nicht nur für die deutschsprachige Pflege sind, einer defizitären Anschauung zuordnen (vgl. ebd. S. 148ff).

Zumindest erlauben diese Modelle es in der praktischen Anwendung, den Blick überwiegend auf Defizite zu richten und diese zu »pflegen«; selbst wenn es im jeweiligen Modell ursprünglich ganz anders gedacht war.

In einer Gesellschaft der quantitativen und rationalen Normen »sticht« die verminderte Leistungsfähigkeit des Handelns und Denkens natürlich auch sofort als »Defizit« ins Auge. So formen diese Defizite einen Hauptbestandteil des Bildes, das wir uns von alten oder auch pflegebedürftigen Menschen machen.

Wir (Gesunden) differenzieren meist aus unserer kollektiven Norm, grenzen uns dadurch ab, bilden entsprechend unsere Identität, und sprechen dann von dem »Anderen« (z.B. vom Kranken, Dementen oder Schwerst- Pflegebedürftigen), der so zum »Außen-Stehenden« wird. Hierzu dient uns die Betonung der Defizite in einer Werte bildender Weise.

Und da diese Defizite bei alten Menschen im Grunde nicht mehr behoben werden können (oder sollen), geht es uns (Gesunden) nun lediglich darum, diese Defizite zu »pflegen«. In der Pflege-Praxis bedeutet dies, die kollektiv- ethischen Normen zu erfüllen, den Menschen selbst aber oftmals zu übersehen. Die ethischen Normen heißen, dass niemand verhungern darf, dass jeder ein Dach über dem Kopf braucht, und dass der Schein der Würde (= möglichst kein offen-sichtliches oder -hörbares Leid) gewahrt wird. Dies alles hat aber zudem unter dem übergeordneten Diktat der gesellschaftlichen Ökonomie zu funktionieren.

Da der Mensch hier funktional gesehen wird, könnte man somit eine pathogenetische Sichtweise zuordnen. Und hieraus wird deutlich, dass diese sehr eng mit gesellschaftlichen Werten und Normen, Wachstum, Wohlstand und Erfolg, verknüpft sein könnte. Daraus könnte man weiter vermuten, dass natürlich auch in unseren gesellschaftlichen Systemen, einschließlich des Gesundheits-Systems, die pathogenetische Anschauung vorneweg schon immanent sein muss.

Wenn Gesundheit jegliches »Andere« (Krank-Sein) verneint und ausschließt, so bedeutet dies auf die Gesellschaft übertragen, dass eine gesunde Gesellschaft keine Krisen haben darf, keine Probleme oder Schwächen. Und dass diese Gesellschaft die Existenz von »Außen-Stehenden« erhalten und »pflegen« will, und der eigenen Identität wegen auf deren Defizite bestehen wird. So könnte sich eine Verknüpfung aus der pathogenetischen Sichtweise darstellen.

Was dagegen eine salutogenetische Sichtweise auf ein gesellschaftliches Geschehen, z.B. auf die Pflege von alten Menschen, bedeuten würde, das wird im Weiteren zu diskutieren sein.

Vor allem, ob solch ein salutogenetischer Blickwinkel überhaupt eine praktische Relevanz haben kann und nicht nur ferne Theorie wäre? Ob sich darin überhaupt eine Systemrelevanz aufzeigen lassen kann, z.B. dass sich durch einen solchen Blick die »Zustände« in der Altenpflege verändern würden?

3. Weitere Vorgehensweise in dieser Arbeit

Zunächst soll unter 4. auf die Begriffe Gesundheit und Gesundheits-System nochmals näher eingegangen werden. Scheinbar stehen diese Begriffe auf den ersten Blick in einem engen Zusammenhang. Doch je nach Kontext und Sichtweise ist die Bedeutung von Gesundheit auch in diesem, scheinbar eindeutigen Zusammenhang, sehr unterschiedlich. Wenn z.B. mehrere PflegeExperten über Gesundheit diskutieren, könnte es durchaus sein, dass jeder von ihnen von etwas völlig anderem spricht.

Ein möglicher Kontextbezug, der um den es in dieser Arbeit hauptsächlich geht, wäre die Frage nach Gesundheit und Gesellschaft unter dem Blickwinkel des Salutogenese-Konzeptes. Hierzu wird unter 5. dieses Konzept in seiner Aussage und Bedeutung genauer betrachtet.

All nächstes gehe ich im 6. Kapitel auf die Frage ein, wie und ob es überhaupt eine sinnvolle Verbindung zwischen Gesellschafts-Theorie, sprich einem gesellschaftlichen System wie dem Gesundheitssystem, und dem Modell der Salutogenese geben kann. Diese Betrachtung ist eher philosophischer Art. Es lässt sich sogar sagen, dass die Betrachtungsweise dieser Arbeit insgesamt eine generell philosophische oder soziologische ist.

Im letzten Kapitel unter 8. erfolgt ein persönliches Fazit im thematischen Bezug.

Die Folge der Kapitel aufeinander, wie auch der Aufbau innerhalb mancher Kapitel, mag vielleicht nicht unbedingt folge-richtig erscheinen. Im Sinne von Verzögerung, Unterbrechung, Wiederholung oder scheinbarer Unordnung soll hiermit aber dem Nach-Denken in verschiedenen »Schleifen« gedient sein.

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Details

Seiten
20
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668209619
ISBN (Buch)
9783668209626
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v321583
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule Freiburg, ehem. Katholische Fachhochschule Freiburg im Breisgau
Note
1,7
Schlagworte
Salutogenese Aaron Antonowsky

Autor

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Titel: Der (philosophische) Bezug des Salutogenese-Konzepts auf das gesellschaftliche Gesundheitssystem