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Die Borderline-Persönlichkeitsstörung. Ein Überblick zu Epidemiologie, Psychopathologie, Ätiologie, Verlauf und Therapie

Hausarbeit 2016 15 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Epidemiologie und Komorbidität

3 Psychopathologie
3.1 Symptomatik gemäß ICD-10
3.2 Klinische Symptomatik

4 Ätiologie
4.1 Psychoanalytischer Ansatz
4.2 Dialektisch-kognitiver verhaltenstherapeutischer Ansatz

5 Verlauf

6 Therapiemöglichkeiten
6.1 Dialektisch-behaviorale Therapie (DBT)

7 Literaturverzeichnis

1 Einführung

Jede Person besitzt eine eigene Persönlichkeit, die mit Persönlichkeitsstilen und Persönlichkeitseigenschaften einhergehen. Diese Attribute tragen dazu bei, dass sich jedes Individuum optimal an sein individuelles Leben anpassen, in dem Alltag funktionieren und sich weiterentwickeln kann. Manchen Menschen misslingt es jedoch, Herausforderungen im Leben adäquat zu begegnen. Diesen Personen fehlt eine flexible, sich verändernde Persönlichkeit. Stattdessen tragen die starren Persönlichkeitsstile dazu bei, dass die Betroffenen unglücklich sind und ihr Leben aus eigenem Antrieb nicht bewältigen und gestalten können. Dies führt zur Ausbildung von Persönlichkeitsstörungen statt zur Entwicklung anpassungsförderlicher Persönlichkeitsstile (Wittchen & Hoyer, 2006). Eine solche Störung ist die Borderline-Persönlichkeitsstörung bzw. die Emotional-instabile Persönlichkeitsstörung nach ICD 10, mit der sich diese Hausarbeit beschäftigt.

Nach Fiedler (2007) geht der Begriff Borderline auf den Psychoanalytiker Stern (1938) zurück und bedeutet „Grenzlinie“. Basierend auf einem Kontinuum zwischen Neurose und Psychose wurde der Begriff Borderline als Übergangsbereich definiert. Es handelt sich demnach um eine psychische Interferenz, welche sich zwischen neurotischen und psychischen Störungen ansiedelt. Nachdem Ende der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts der Begriff Borderline geprägt wurde, nahm Knight (1953) im „Bulletin of the Menninger Clinics“ darauf Bezug und führte den Ausdruck in die psychoanalytische Konzeptbildung ein. Knight bezog sich zusätzlich auf Hoch und Polatin (1949), welche im Grenzbereich zur Schizophrenie die Bezeichnung „pseudoneurotische Schizophrenie“ aufführten (Fieder, 2007). Nach Fiedler (2007) gilt Knight als der Trendsetter der Borderline-Persönlichkeitsstörung, da seine Arbeit über Borderline eine Vielzahl von Nachfolgepublikationen mit sich brachte und schließlich zu einem „neuen“ Persönlichkeitskonzept beitrug. Jedoch fand, erst durch die Arbeiten von Kernberg die Vielfältigkeit im Bezug auf den Begriff Borderline eine Präzisierung. Nach Kernberg (1978) ist es bei manchen Autoren strittig, ob mit den Begriffen „ambulatorische Schizophrenie“ (Zillboorg, 1941) oder „pseudoneurotischen Schizophrenie“ (Hoch und Polatin, 1949) tatsächlich von einer Borderline-Persönlichkeitsstörung gesprochen wird oder ob sich lediglich die Symptome der betroffenen Patienten ähneln. Kernberg (1978) zufolge existieren Störungsformen, welche durch stabile und spezifische pathologische Ich-Strukturen auffallen. Da diese sich nach seiner Auffassung von Neurosen und leichteren Charakterstörungen sowie von den Ich-Störungen bei Psychosen abgrenzen, siedelt er die Störungsformen in der sogenannten „borderline area“ zwischen Neurose und Psychose an und bezeichnet diese als Borderline-Persönlichkeitsstruktur. Heutzutage hat der Begriff Schizotypie den Begriff Borderline in Bezug auf die Phänomene im Grenzbereich zur Schizophrenie abgelöst. „Borderline“ wird nun als eine eigene Persönlichkeitsstörung angesehen.

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist nach Davidson und Neale (2002) durch Impulsivität sowie Instabilität in zwischenmenschlichen Beziehungen, in der Stimmung sowie im Selbstbild charakterisiert. Gefühle und Einstellungen können sich innerhalb von Minuten ändern und Emotionen sind teilweise so sprunghaft, dass sie auf einem Kontinuum von einem Extrem zum anderen Extrem wechseln. Gerade in der Partnerschaft oder bei Bezugspersonen, bei welchen Emotionen eine große Rolle spielen, ist der Wechsel von hingebungsvoller Idealisierung zu tiefer Wut nicht weit. Mit dieser Störung gehen weiterhin Charakterzüge einher wie Streitsüchtigkeit, Reizbarkeit, Sarkasmus, schnelle Gekränktheit und Kritikunfähigkeit. Des Weiteren zeigen Borderline-Persönlichkeiten starkes impulsives Verhalten in Bezug auf Glücksspiele, Geldausgeben, sexuelle Aktivitäten, übermäßiges Essen oder den Straßenverkehr (Davidson & Neale, 2002). Außerdem weisen Betroffene ein instabiles Selbstgefühl auf. Damit einher geht die Unsicherheit bezüglich ihrer Werte, der Loyalität nahestehender Mitmenschen sowie im beruflichen Kontext. Zusätzlich weisen sie Trennungsangst auf und fordern deswegen ständige Aufmerksamkeit, um ein Sicherheitsgefühl zu erhalten. Diese Charaktereigenschaften sowie depressive Symptome wie zum Beispiel das Gefühl von Leere und Einsamkeit führen bei einigen schließlich zu selbstverletzenden und suizidalen Handlungen.

Im Folgenden soll ein genauerer Einblick in die Borderline-Persönlichkeitsstörung gegeben werden. Hierzu wird sich die Arbeit mit der Epidemiologie und Komorbidität, mit der Symptomatik, der Ätiologie, dem Verlauf sowie den Therapiemöglichkeiten auseinandersetzen.

2 Epidemiologie und Komorbidität

Nach Davidson und Neale (2002) tritt die Borderline-Persönlichkeitsstörung erstmals in der späten Adoleszenz bzw. im frühen Erwachsenenalter auf und ist mit einer Prävalenz in der Allgemeinbevölkerung von 1% - 2% relativ gering. Lieb, Zanarini, Schmahl, Linehan & Bohus (2004) vermerken jedoch, dass einige Symptome bereits in der späten Kindheit auftauchen. Comer (2008) berichtet eine ähnliche Prävalenzrate von 1,5% - 2,5% und erklärt weiterhin, dass vor allem weibliche Patienten betroffen sind. Mit 75% wird bei ihnen dreimal so häufig eine Borderline-Persönlichkeitsstörung festgestellt wie dies bei männlichen Betroffenen der Fall ist. Bei ambulanten Patienten beträgt die Prävalenzrate ungefähr 10%, im stationären Bereich wächst diese Zahl auf 20% (Benecke, 2014). Weiterhin führt Benecke (2014) an, dass im klinischen Spektrum der Persönlichkeitsstörungen eine Prävalenz von 30% - 60% im Hinblick auf die Borderline-Persönlichkeitsstörung existiert und in der EU eine Jahres-Prävalenz von 0,7% angenommen werden kann.

Bezüglich der Komorbidität leiden nach Davidson und Neale (2002) Patienten neben der Borderline-Persönlichkeitsstörung häufig auch unter einer affektiven Störung der Achse I. Außerdem wurden Begleiterkrankungen wie Substanzmissbrauch, Essstörungen und posttraumatische Belastungsstörungen sowie weitere Persönlichkeitsstörungen aus dem Cluster A – Persönlichkeitsstörungen mit absonderlichem oder exzentrischem Verhalten – berichtet. Hierunter fallen paranoide, schizoide, schizotypische und dissoziale bzw. antisoziale Persönlichkeitsstörungen. Benecke (2014) berichtet von einer aktuellen Studie von Sack et al. (2012), in welcher hohe Komorbiditäten zwischen der Borderline-Persönlichkeitsstörung und der PTBS (79%) und der dissoziativen Störung (41%) gefunden wurden. In besagter Studie berichteten 48% der weiblichen Patienten und 28% der männlichen Patienten über sexuelle Gewalt in ihrer Kindheit und der Adoleszenz und 65% aller Probanden schilderten, schwere körperliche Gewalt erfahren zu haben.

3 Psychopathologie

3.1 Symptomatik gemäß ICD-10

Die emotional-instabile Persönlichkeitsstörung (F60.3) ist gemäß ICD-10 im F6-Kapitel „Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen“ eingeordnet und in zwei Subtypen unterteilt. Zum einen den impulsiven zum anderen den Borderline-Typ (Dilling & Freyberger, 2014).

Nach Dilling und Freyberger (2014) besteht die allgemeine Symptomatik dieser Störung aus einer fehlenden Impulskontrolle, welche mit starken Stimmungsschwankungen und emotionalen Ausbrüchen einhergeht. Dabei ist es für die Betroffenen nahezu unmöglich, ihr Verhalten zu kontrollieren bzw. die Konsequenzen abzuwägen. Können die impulsiven Handlungen nicht ausgelebt werden, so kann dies zu streitsüchtigem Verhalten mit nahestehenden Personen führen.

Infolgedessen kann zwischen zweierlei Typen unterschieden werden, dem impulsiven Typ und dem Borderline-Typ. Der impulsive Typ weist emotionale Instabilität und mangelnde Impulskontrolle auf. Der Borderline-Typ weist zusätzlich zu den Merkmalen des impulsiven Typus Störungen des Selbstbildes, der Ziele und inneren Präferenzen auf. Weiterhin bestehen bei Betroffenen ein chronisches Gefühl von Leere und selbstzerstörerische Verhaltensweisen, die parasuizidale Handlungen und Suizidversuche mit sich bringen können.

Für die Diagnose eines impulsiven Typs (F60.30) müssen nach Dilling und Freyberger (2014) die beschriebenen allgemeinen Kriterien erfüllt sein sowie drei weitere Kriterien, aus den folgenden fünf Eigenschaften und Verhaltensweisen vorliegen, darunter Item 2:

1. „deutliche Tendenz unerwartet und ohne Berücksichtigung der Konsequenzen zu handeln
2. deutliche Tendenz zu Streitereien und Konflikten mit anderen, vor allem dann, wenn impulsive Handlungen unterbunden oder getadelt werden,
3. Neigung zu Ausbrüchen von Wut oder Gewalt mit Unfähigkeit zur Kontrolle explosiven Verhaltens
4. Schwierigkeiten in der Beibehaltung von Handlungen, die nicht unmittelbar belohnt werden
5. unbeständige und launische Stimmung.“

(Dilling & Freyberger, 2014, S. 241)

Um im Zusammenhang mit einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung einen Borderline-Typ (F60.31) diagnostizieren zu können, muss die allgemeine Symptomatik und müssen drei der oben aufgelisteten Kriterien des F60.30-Typs erfüllt sein. Zusätzlich müssen mindestens zwei der nachfolgenden Eigenschaften und Verhaltensweisen existieren:

1. „Störung und Unsicherheit bezüglich Selbstbild, Zielen und „inneren Präferenzen“ (einschließlich sexueller)
2. Neigung sich auf intensive aber instabile Beziehungen einzulassen, oft mit der Folge von emotionalen Krisen
3. übertriebene Bemühungen, das Verlassenwerden zu vermeiden
4. wiederholt Drohungen oder Handlungen mit Selbstbeschädigung
5. anhaltende Gefühle der Leere.“

(Dilling & Freyberger, 2014, S. 242)

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Details

Seiten
15
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668211490
ISBN (Buch)
9783668211506
Dateigröße
840 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v321811
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Schlagworte
Borderline-Persönlichkeitsstörung Borderline Dialektisch-behaviorale Therapie DBT Persönlichkeitsstörung

Autor

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Titel: Die Borderline-Persönlichkeitsstörung. Ein Überblick zu Epidemiologie, Psychopathologie, Ätiologie, Verlauf und Therapie