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"Lieblingsdinge". Die soziale Bedeutung von Artefakten für Jugendliche

Wie und zu welchem Zweck werden gemeinsame Bewertungskriterien produziert? Wie werden sie ausgehandelt und gegenseitig bestätigt?

Forschungsarbeit 2015 39 Seiten

Soziologie - Kinder und Jugend

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis & Quellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsdesign

3. Symbolischer Interaktionismus

4. Datenerhebung

5. Datenauswertung
5.1.Zielgerichtetheit beim Shopping
5.2.Kleidungskriterien
5.3. Kleidungsbewertung
5.4. Feedbackschlaufen
5.5. Gruppenzugehörigkeit aufzeigen
5.6. Geschlecht
5.7. Aushandlungsstrategien bei Uneinigkeit
5.8. Shoppingrollen
5.9. Versagen der Feedbackschlaufe
5.10.Theoretische Ansätze

6. Zusammenfassung

7. Forschungslücken der eigenen Arbeit

8. Methodische Reflexion

9. Reflexion der eigenen Forscherrolle

10. Persönliche Eindrücke des Forschungspraktikums

11. Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ii. Quellenverzeichnis

- S.9 Abb 2 Konzept- Indikator- Modell, 1998 In: Strauss, Anselm & Juliet Corbin (1998): Grounded Theory: Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Weinheim. Belz Verlag, S. 54.
- S. 11; 13; 14; 15; 18, 2015, Beobachtungsprotokoll 17.03.15; Gurstein, Meisner
- S. 12, 2015, Beobachtungsprotokoll 23.03.15; Clauberg, Dick
- S. 12; 15, 2015, Beobachtungsprotokoll Burkert, Pludra
- S. 13; 27; 32, 2015, Beobachtungsprotokoll 04.03.15, Gurstein, Meisner
- S. 15; 18; 25, 2015, Beobachtungsprotokoll 28.04.15; Stepanova
- S.18; 19; 21; 22; 24, 2015, Beobachtungsprotokoll 05.09.15; Gurstein
- S. 23, 2015, Beobachtungsprotokoll 09.04.15; Stepanova

1. Einleitung

Das Phänomen Kleidung stellt einen grundlegenden soziologischen Forschungsbereich dar. Insbesondere die Geschmacksforschung erlebt seit dem 19 Jhd. einen Aufschwung. Die starke Auseinandersetzung mit Geschmack im soziologischen Verständnis geht auf Pierre Bourdieu zurück. Er beschäftigt sich in seinem wichtigsten Werk „Die feinen Unterschiede“ von 1979 (Deutschland 1982), mit dem Geschmack, der als klassen- bzw. milieuspezifische Kategorie verstanden wird. Bourdieu geht davon aus, dass Geschmack nicht individuell, sondern von der Gesellschaft geprägt ist, indem Sozialisation und das Umfeld auf den Geschmack einwirken. Die ästhetische Bewertung auf der Handlungsebene ist daher auch ein Ausdruck der Sozialstruktur (vgl. Prof. Delitz Vorlesung zu Makrosoziologischen Konzepten SoSe 2015: 31). Auch die Kleidermode beschreibt Bourdieu als ein Element gesellschaftlicher Strukturen, die sich durch die Wahl von Kleidung auf der individuellen Ebene widerspiegeln (vgl. Prof. Delizt Vorlesung zu Makrosoziologischen Konzepten SoSe 2015: 32) In der Mode spiegelt sich der klassen- bzw. milieuspezifische Geschmack ab. Herbert Blumer dagegen beschreibt in seinem Aufsatz „Fashion“ Mode als ein Prozess, der von einzelnen Individuen beeinflusst wird. In seinem Aufsatz schildert er, dass Individuen durch Mode Innovationen präsentieren, die von anderen Individuen kopiert werden (Blumer 1985: 343). Das Kopieren von neuen Modetrends ist Ausdruck ihrer Befürwortung der Innovation. Dadurch definieren sie die modischen Standards, die von weiteren Akteuren kopiert und dadurch wiederum bestätigt werden. Mode ist daher eine Summe von Einzelhandlungen, die sich ständig aufeinander beziehen. Geschmack seinerseits entsteht aus dem Feld der Mode, indem er sich aus der Erfahrung der Mode herausbildet. Die Erfahrung beinhaltet den definitorischen Prozess aller Akteure, die dazu beigetragen haben eine bestimmte Mode zu etablieren. Daher ist Geschmack immer retrospektiv (vgl Blumer 1985: 344). Geschmack und Mode befinden sich im andauernden Diskurs. Wenn sich die Mode verändert, so tut es auch der Geschmack, sodass beide im ständigen Wandel sind. Obwohl Bourdieu selber unter anderem auch Praxissoziologe war, ist er nicht auf die Praxis von Geschmack eingegangen. Wenn man allerdings Blumer folgt, lassen sich der Geschmack und die Mode nicht ohne die Handlungsebene erklären. Daher ist es wichtig, sich die Vollzugswirklichkeit zu untersuchen, um Kategorien wie Geschmack im Moment des Entscheidens zu verstehen. Christian Stegbauer präsentiert dazu einen passenden Ansatz, der sowohl die strukturellen als auch die praktischen Aspekte von Geschmack untersucht. In seinem Werk „Geschmackssache? Eine kleine Soziologie des Genießens“ von 2006 erforscht er den Geschmack von Speisen und Getränken, insbesondere von Wein. Dazu geht er sowohl auf gesellschaftliche Kategorien, wie Geschlecht und Milieu ein. Er schaut sich aber auch die die Situation der Auswahl von bestimmten Weinsorten und das Fällen von Entscheidungen bezüglich Weinsorten an. In seiner letzten Passage führt er aus, wie der Geschmack in Aushandlungssituationen überhaupt entsteht. Dabei richtet sich sein Blick auf den Moment der gemeinsamen Gruppenbewertung und die Auswirkungen auf die einzelnen Individuen und der symbolischen Grenzziehung durch den gemeinsamen Geschmack. Die Auseinandersetzung mit den Aushandlungspraktiken von Bewertungen in der Vollzugswirklichkeit stellt eine methodische Forschungslücke in der Sozialforschung dar, die Stegbauer durch die Erforschung der Weinverkostung zu schließen versucht. Diese Arbeit möchte deshalb an Stegbauer anknüpfen und jene Situationen untersuchen, in denen es zur Bewertung und Bewertungsaushandlung kommt. Allerdings ging es in dieser Arbeit um jene Situationen, in denen er zur Bewertungsaushandlung von Kleidungsstücken kam. Außerdem sollte untersucht werden, wie es durch die gemeinsame Bewertungsaushandlung zur Herausbildung eines gemeinsamen Gruppengeschmacks kommt und welche Funktion der gemeinsame Geschmack erfüllt. In der Praxis kann man zwar nicht überprüfen, ob der Geschmack milieuabhängig ist, aber man kann untersuchen, welchen Einfluss Interaktionspartner im Sinne von Bourdieus Umfeld aufeinander nehmen, welche Bewertungskriterien für den Geschmack entscheidend sind, ob der gegenseitige Einfluss zu einer Herausbildung eines gemeinsamen Gruppengeschmacks führt und welche Methoden in der Interaktion zur Aushandlung eingesetzt werden. Damit hat sich die Arbeit vorgenommen, Blumers handlungstheoretische Ansätze anhand der Empirie zu ergänzen. Die Forschungsfrage lautet deshalb: Wie und zu welchem Zweck werden gemeinsame Bewertungskriterien produziert? Wie werden sie ausgehandelt und gegenseitig bestätigt?

2. Forschungsdesign

Für die Datenerhebung wurde die offene Beobachtungsmethode angewendet. Da die Forschungsfrage auf die Vollzugswirklichkeit abzielte, konnte diese am besten über die Beobachtung sozialer Prozesse erschlossen werden, um die Komplexität des Phänomens zu wahren. Die Prozesshaftigkeit der Shoppingpraxis sollten mithilfe der wissenschaftlichen Beobachtungen rekonstruiert werden (Przyborski & Wohlrab-Sahr 2009: 35). Der Zugang zum Feld wurde über die Ansprache von Jugendlichen erschlossen, die sich in Shoppingmalls aufhielten. Beobachtet wurden Zweier- oder Dreiergruppen junger Frauen und Männer in der Adoleszenz, da es bei der Forschung im Rahmen eines Seminars um die Praktiken von Jugendlichen gehen sollte. Für die Beobachtungen haben sich Mädchen und Jungen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren zur Verfügung gestellt. Bei der Datenerhebung steigt man mit Vorannahmen ins Feld ein. Dabei werden Fälle und Daten (Ort, Zeit, Personen, Alter, Geschlecht etc.) im weiteren Erhebungsverfahren festgelegt und später angepasst. Diese Form der Generalisierung wird als theoretical Sampling bezeichnet. Beim theoretical Sampling entscheidet der Forscher auf einer analytischen Basis, welche Daten wo erhoben werden (Strauss & Corbin 1998: 70). Das Sampling sollte ursprünglich sowohl Mädchen- als auch Jungengruppen einschließen. Auch Paare kamen in Frage. Allerdings haben wir bei der Ansprache von relevanten Probanden festgestellt, dass männliche Jugendliche, die in Gruppen unterwegs waren, nicht auf Kleidungssuche waren. Die reinen Männergruppen, die wir angesprochen haben, hielten sich im Einkaufszentrum auf, um sich an den zahlreichen Essenständen etwas zu essen zu kaufen oder um im Geschäft für Computerspiele bzw. Konsolenspiele vorbeizuschauen etc. Das Shopping lag dabei nicht in ihrem Interesse. Allerdings wurden zwei gemischte Gruppen beobachtet, in denen jeweils ein junger Mann unter den Damen dabei war, sodass in der Datenerhebung anschließend auch Aussagen über das Geschlecht gemacht werden konnten. Die Aushandlungen wurden aus der Perspektive des Symbolischen Interaktionismus (S.I.) von Herbert Blumer untersucht, dessen theoretischer Schwerpunkt auf gemeinsam geteilten Bedeutungen liegt. Der S.I. diente als theoretische Verortung, aus dessen Perspektive der Blick auf den Alltagsvollzug gerichtet wurde. Blumer selbst war kein Forscher, sondern ein Theoretiker. Deshalb bietet er in seinen Werken wenig Methoden an, um die Theorie mit der Empirie zu verknüpfen. Aus diesem Grund lag dieser Arbeit zusätzlich die Grounded Theory (G.T.) nach Anselm Strauss als Forschungsstil zugrunde. Die G.T. nahm die methodischen Grundannahmen, die man bei Blumer findet, in den eigenen Forschungsstil auf, sodass sich der S.I. und die G.T. gegenseitig ergänzten. Die G.T. stellt im Gegensatz zu ihrem Namen keine klassische Theorie dar, sondern einen ganzen Forschungsstil. Das Ziel des methodischen Vorgehens war es, die Generierung einer Theorie. Grounded steht dabei für die Verankerung der Theorie in der Empirie. Die am Ende ausgearbeitete Theorie muss deutlich aus dem Datenmaterial hervorgehen. Die G.T. bietet dazu einen methodischen Leitfaden für die Datenerhebung und Datenauswertung, mit dessen Hilfe eine Theorie generiert wird. Sie wird demnach induktiv aus den empirischen Untersuchungen eines Phänomens abgeleitet, welche sie abbildet. Ist eine Theorie gebildet, soll sie zusätzlich anhand neuer Erhebungen überprüft und gegebenenfalls modifiziert werden. Datenerhebung und -auswertung bilden dabei keinen linearen Prozess, sondern können als zirkuläre Bewegungen betrachtet werden. Der Vorteil von Theorien, die mithilfe der G.T. gebildet werden, ist der, dass diese nicht nur bloße Befunde, sondern auch Entdeckungen und Einsichten vermitteln, um Phänomene sowohl zu beschreiben als auch erklären zu können. Theorien in der Tradition der G.T. haben den Anspruch, pragmatisch zu sein. Deshalb muss die Theorie aus dichten Daten abgeleitet werden, die die Komplexität eines Phänomens erfassen können (Strauss & Corbin 1998: 35). Die G.T. begleitete den gesamten Forschungsverlauf der Arbeit. Das Phänomen Shopping von Jugendlichen wurde zunächst ohne eine bestimmte Fragestellung untersucht. Uns interessierten erst einmal nur die Praktiken des Shoppings. Erst im Forschungsverlauf wurden Forschungsfragen ausgearbeitet, die das Erkenntnisinteresse des Forschers im Blick hatten. Das Ziel dieser Arbeit war es, durch induktives Vorgehen theoretische Ansätze mittlerer Reichweite zu generieren, die den Zusammenhang zwischen allen entscheidenden Kategorien des Aushandlungsprozesses herstellten. Die Beobachtungsprotokolle wurden anschließend unter der Berücksichtigung der Fragestellung nach dem Kodierparadigma von Anselm Strauss kodiert. Im Kodierprozess wurden Kategorien wie Kürze bzw. Länge des Rocks, Preis, Bedarf an einem Kleidungsstück etc. herausgearbeitet. Diese warfen weitere spezifische Fragen zu bestimmten Subkategorien auf, die anhand weiterer Beobachtungen konkretisiert werden mussten. Die Kategorien wurden in einer erneuten Erhebungsphase fokussiert untersucht. Anschließend wurden neue Beobachtungen gemacht und unmittelbar im Anschluss protokolliert und kodiert, bis die Fragen der Kategorien, die zur Integration der theoretischen Ansätze nötig gewesen sind, vollständig beantwortet waren. Anhand der Kategorien wurde im Anschluss eine Schlüsselkategorie herausgearbeitet, die zur Integration der theoretischen Ansätze diente. Der zirkuläre Vorgang der Datenerhebung und Datenauswertung war mit der Formulierung der theoretischen Ansätze aber nicht abgeschlossen. Neue Dimensionen von Kategorien warfen immer weitere Fragen auf, die man untersuchen könnte. Allerdings konnte man an dieser Stelle trotzdem eine Schlüsselkategorie bilden, da die Kategorien, die zur Beantwortung der Fragestellung nötig waren, beantwortet wurden und weitere Beobachtungen immer wieder zu gleichen Ergebnissen führen. Ihre theoretische Sättigung war damit erreicht. Die theoretische Sättigung wird durch den Vergleich verschiedenen Fällen erzeugt, die man über dasselbe Phänomen gesammelt hat und aus denen man dieselben Schlüsse ziehen kann (Strauss & Corbin 1998: 49). Der Forscher hält sich solange im Feld auf, bis keine neuen Befunde durch empirische Erhebungen mehr erlangt werden. Sobald dieser Punkt erreicht ist, kann man von verdichteten Kategorien sprechen, die dazu in der Lage sind, eine Theorie in der Empirie zu integrieren.

3. Symbolischer Interaktionismus

Herbert Blumer entwickelte ein neues Paradigma auf dem Gebiet der Prozesssoziologie- den Symbolischen Interaktionismus. Die Grundlage des Symbolischen Interaktionismus bilden 3 Grundprämissen, aus denen alle weiteren Annahmen abgeleitet werden.

„Die erste Prämisse besagt, dass Menschen Dingen gegenüber auf der Grundlage der Bedeutungen handeln, die diese Dinge für sie besitzen (…). Die Zweite Prämisse besagt, dass die Bedeutung solcher Dinge aus der sozialen Interaktion, die man mit seinen Mitmenschen eingeht, abgeleitet ist oder aus ihr entsteht. Die dritte Prämisse besagt, dass die Bedeutung in einem interpretativen Prozess, den die Person in ihrer Auseinandersetzung mit den ihr begegnenden Dingen benutzt, gehandhabt und abgeändert werden kann.“ (Abels 1998: 46).

Der Symbolische Interaktionismus möchte den Bedeutungsbegriff neu definieren. Bedeutung entsteht durch den symbolisch vermittelten Interaktionsprozess, indem Akteure sich auf ein gemeinsames soziales Objekt beziehen und dieses in einem Interaktionsprozess mit Bedeutung versehen. Die Bedeutung eines Objektes ist diesem nicht von Natur aus inhärent, sondern ist ein soziales Produkt von Interaktionsprozessen (Blumer 1969: 5). Dabei ist wichtig zu erwähnen, dass ein Interaktionsprozess im Sinne Blumers nicht nur zwischen Individuen entsteht, sondern auch zwischen einem Objekt und einem Individuum vollzogen werden kann (Blumer 2013: 68), indem sich das Individuum selbst ein Objekt aufzeigt und diesem mit Bedeutung versieht. Die Bedeutung, die ein soziales Objekt für die Akteure hat, beeinflusst wiederum ihr Handeln. Ausgehandelte Bedeutungen sind allerdings nicht statisch, sondern können in weiteren Interaktionsprozessen umgewandelt werden. In seinem Werk Symbolic Interactionism argumentiert er folgendermaßen: „Social interaction is an interaction between actors and not between factors inputted to them.“ (Blumer 1969: 8). Akteure in Interaktionsprozessen orientieren sich an den Interaktionspartnern und an den Objekten über die die Interaktion stattfindet. In Interaktionen werden von allen Akteuren Indikatoren erzeugt, die Hinweise darauf geben, was als nächstes zu tun ist. Die Interpretation dieser Indikatoren setzt eine Eigenleistung voraus, die nicht durch vorgefertigte Strukturen ersetzbar ist. Folglich bildet jede Interaktion eigene Faktoren heraus, die für die jeweilige Interaktion entscheiden sind und sich nicht zwangsläufig auf andere Situationen übertragen lassen, da jede Situation für sich allein betrachtet situationsspezifisches Kontextwissen verlangt. Aus diesem Grund sind Bedeutungen nur im Kontext der jeweiligen Situation zu verstehen (Blumer 1969: 4), sodass strukturelle Handlungsnormen in nicht greifen. Eine Situation im Sinne von Blumer ist demnach ein Umstand, in dem kontextuelle Faktoren auf die Individuen wirken. Diese ergeben sich aus der Situationsdefinition der Akteure. Unter dieser ist die Wahrnehmung eines Akteurs in einer bestimmten Situation zu verstehen. Da der Forscher „die praktische Welt der Interaktionen und die lokale Bezugnahme auf die konkrete Situation“ (Blumer 2013: 8) untersuchen möchte, konzentriert sich das methodische Vorgehen deshalb auf qualitative Methoden, die in der Lage sind, Datenmaterial aus Interaktionssituationen zu generieren. Dafür muss der Forscher das soziale Leben, das er untersuchen möchte, zunächst kennenlernen, damit er seine Forschung unmittelbar nach der Empirie auszurichten, die die Alltagswelt unmittelbar hergibt. Als allgemeines Merkmal der empirischen Methode hebt er besonders hervor, dass die Theoriebildung aufgrund von Vorwissen hinterfragt werden muss, da der Forscher das Kontextwissen der Situation kaum haben wird. Dazu sind nämlich genaue Kenntnisse der Lebenswelt nötig, die man untersucht, um die gemeinsam geteilten Bedeutungen offen zu legen. Um als Forscher dieses Kontextwissen in einem neuen Gegenstandbereich anzusammeln, sind Beobachtungen nötig, die theoretische Vorannahmen mit der Empirie verknüpfen. Die Gewinnung von Daten aus der Empirie findet mittels einer Exploration statt (Blumer 2013: 114). Der Forscher geht dabei ins Feld, um sich mithilfe von Beobachtungen für das Phänomen und die angemessenen Daten zu sensibilisieren. Weitere Beobachtungen erzeugen neues Datenmaterial, das Konzepte und Anschauungen an der Wirklichkeit überprüft und ggf. abgehändert werden (Blumer 2013: 114-115). Die methodische Positionierung und die Hilfstheorie ergänzen sich gegenseitig und bieten eine gemeinsame methodische Leitlinie, die sich durch die gesamte Arbeit ziehen wird. Die Datenerhebung wird die Alltagsroutine beim Shopping in Geschäften untersucht. Dabei liegt der Fokus insbesondere auf den Aushandlungsprozessen von Kleidungskriterien. Da es sich um routinierte Handlungen in der Alltagswelt handelt, eignet sich die wissenschaftliche Beobachtung als Methode, um das empirische Datenmaterial zu erheben. Die Beobachtungen werden vor dem Hintergrund des S.I. durchgeführt und ebenso auf die Datenerhebung angewendet. Der S.I. wirkt als Instrumentarium für die Beobachtungen, die in dieser Arbeit verwendet wurden. Während der Auswertung der Beobachtungsprotokolle und bei der anschließenden Ergebung von neuen Daten mittels weiterer Beobachtung sollte besonders unter der Berücksichtigung seines Paradigmas auf Situationen geachtet werden, in denen Bewertungskriterien von Kleidungsstücken ausgehandelt wurden. Andere Aspekte der Interaktion werden nachrangig behandelt. Da das Paradigma einen spezifischen Blick auf das Datenmaterial zulässt, ist es wichtig zu erklären, was Blumer unter dem Paradigma des symbolischen Interaktionismus versteht und inwiefern er sich von anderen Interaktionen abgrenzt.

4. Datenerhebung

Bei der Datenerhebung wurden Zweier- und Dreiergruppen beobachtet. Die Daten wurden zunächst von zwei Forscherinnen erhoben. Anschließend wurden die Feldnotizen zusammengetragen. Insbesondere bei verbalen Äußerung, bei denen das Mitschreiben sehr schwer fiel, hatten wir den Vorteil, dass wir im Anschluss unsere Notizen zusammensetzen konnten und diese Lücken, die jeweils bei einem der Beobachter offen geblieben sind, besser mit den Notizen des anderen füllen konnten. Die letzten drei Beobachtungen habe ich allerdings allein durchgeführt, weil diese speziell im Kontext meiner eigenen Fragestellung erhoben wurden. Die Datenerhebung begann mit der Ansprache von Jugendlichen im Einkaufszentrum. Die Kontaktaufnahme zu den Personen lief so ab, dass diese zufällig vor den Geschäften angesprochen wurden. Für das Sampling kamen zunächst alle Jugendlichen in Frage, die in Gruppen von zwei bzw. drei Personen shoppen waren. Wenn diese äußerlich in die Beschreibung gepasst haben, wurden sie angesprochen und kurz über die Beobachtungsziele aufgeklärt. Die Beobachtungen wurden offen durchgeführt, weil das Erkenntnisinteresse der Teilnehmerperspektive galt und man dafür so nah wie möglich bei der Interaktion anwesend sein musste (vgl. Przyborski & Wohlrab-Sahr 2009: 57). Die Gruppenkonstellation in den Beobachtungen fiel unterschiedlich aus. Am häufigsten fanden sich in der Datenerhebung zwei Freundinnen. Die Datenerhebung ist für diese Personenkonstellation deshalb besonders repräsentativ. In einigen Fällen beteiligten sich drei Gruppenmitglieder an der Interaktion. In zwei Beobachtungen, in denen drei Interaktionspartner vertreten waren, war jeweils einer der Gesprächspartner ein Junge. Zu Beginn wurden die Jugendlichen über die Forschung im Groben aufgeklärt. Dabei sollen Sie nur so viel erfahren, dass Ihre Alltagsroutine nicht beeinflusst wurde. Sobald wir Ihnen versicherten, dass die erhobenen Daten unmittelbar beim Protokollieren anonymisiert und nicht an Dritte weitergeben werden, stimmten die Jugendlichen einer offenen Beobachtung zu, womit die Datenerhebung bereits begann (Przyborski & Wohlrab-Sahr 2009: 67). Die Beobachtungen hatten unterschiedliche Zeitspannen. Die kürzeste Beobachtung betrug fünf Minuten, während die längste 50 Minuten lang dauerte. Das hing stark damit zusammen, wie die Jugendlichen beim Shopping vorgingen. Bummelten sie durch die Geschäfte, hielten sie sich oft weniger in einem Geschäft auf als diejenigen, die gezielt nach einem Kleidungsstück suchten und sich deshalb stärker mit ihnen auseinandersetzen. Sie nahmen sich dafür länger Zeit, die Kleidung zu begutachten und anschließend unter anderem auch in die Umkleidekabine zu gehen, um die ausgewählten Kleidungsstücke anzuprobieren. Das nahm mehr Zeit in Anspruch, sodass die Beobachtung dementsprechend länger dauerte. Zwei der Beobachtungen erstrecken sich über zwei Einkaufsläden, da eines der Mädchen gezielt nach einem Rock suchte, diesen aber nicht im ersten Laden finden konnte. Zunächst hielten sich die Mädchen im New Yorker auf und später in H&M1. Erst dort haben sie erst ein passendes Stück gefunden, das ihrer Vorstellung entsprach. Das Begleiten der Mädchen über zwei Läden hinweg, ermöglichte es, sie über eine längere Zeit zu beobachten und sogar das Vorgehen in beiden Läden miteinander zu vergleichen. Andere Probanden wiederum gingen nur in einen bestimmtes Geschäft, um sich schnell ein Kleidungsstück zu holen. Die Übersichttabelle im Anschluss gibt einen groben Abriss über die Randdaten der gemachten Beobachtungen.

Übersichtstabelle Beobachtungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung 16.09.2015

[...]


1 Bei New Yorker und Hennes & Mauritz handelt es sich um Textilhandelsketten für Kleidung, Accessoires und Schuhe, für Damen, Herren und Kinder. Vergleichsweise zu anderen Geschäften ist das Kleidungsangebot relativ preiswert und ist deshalb besonders bei Jugendlichen beliebt. (https://de.wikipedia.org/wiki/Hennes_%26_Mauritz vom 10.09.15).

Details

Seiten
39
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668217843
ISBN (Buch)
9783668217850
Dateigröße
942 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v322553
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal – Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
Kleidung Jugendliche Blumer Symbolischer Interaktionismus Bedeutungsaushandlung Kategorien wissenschaftliche Beobachtung Shopping Datenerhebung Datenauswertung Beobachtungsprotokoll Strauss und Corbin Grounded Theory Geschmack Geschmacksallianz

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