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Um welche Art der filmischen Adaption nach dem Modell von Kreuzer handelt es sich bei dem Film "Effi Briest" (2009)?

Hausarbeit 2014 10 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitendes Wort

2. Bezug auf die konkrete Fragestellung

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitendes Wort

Theodor Fontanes Roman ‚Effi Briest’ gilt wohl als eines der am häufigsten ausdiskutierten Romane. Thematisiert wird in diesem Roman der Ehebruch der Protagonistin, Effi Briest, welcher dazu führt, dass Effi aus der Gesellschaft ausgestoßen wird und letztendlich stirbt. In der vorliegenden Hausarbeit werde ich nicht sonderlich auf den konkreten Inhalt dieses Werkes eingehen, sondern auf die Fragestellung, welche Art der filmischen Adaption nach dem Modell von Helmut Kreuzer auf den Film ‚EFFI BRIEST’ von Huntgeburth, aus dem Jahre 2009, am ehesten zutrifft. „Die Regisseurin besetzte die Hauptrolle der Effi Briest mit Julia Jentsch (geb. 1978) [...], [d]ie männliche Hauptrolle des Geert von Innstetten [hingegen] erhielt Sebastian Koch (geb. 1962)“.[1] Kreuzer unterscheidet grundsätzlich zwischen vier verschiedenen Arten einer Adaption, auf welche ich im Hauptteil genauer eingehen werde. Anschließend werde ich darstellen welche Art der Adaption meiner Meinung nach am ehesten auf den von mir ausgesuchten Film passt und meine Argumente dann genauer schildern. In meiner gesamten Arbeit habe ich neben der Primärliteratur, also dem Roman ‚Effi Briest’ von Fontane und dem Film ‚Effi Briest’ (2009) von Huntgeburth, auch die Texte „Aktualisierung als Problem und Chance der Literaturverfilmung“ von Annika Milz und Helmut Kreuzers „Arten der Literaturadaption“ herangezogen.

2. Bezug auf die konkrete Fragestellung

Die erste und für Kreuzer gleichzeitig auch die uneigentlichste dieser vier Arten ist die Adaption als Aneignung von literarischem Rohstoff. Hierbei geht es darum, dass die Literatur bloß als ein Konzept für den Film gilt. Der Regisseur benutzt die Primärliteratur als Vorlage für sein Werk. Er versucht also nicht alles, als ein Ganzes zu übernehmen, sondern verwendet nur ihm persönlich sinnvolle Teile und bearbeitet diese erneut. Die Illustration, auch bebilderte Literatur, ist die zweite Art einer filmischen Adaption. Wenn der Regisseur sich dafür entscheidet, eine Literatur zu illustrieren, dann heißt es, dass er versucht, die Primärliteratur eins zu eins zu reflektieren. Er versucht also alles, so weit es ihm gelingt, in seinem Film vollständig umzusetzen. Sowohl die Handlung als auch die Figurenkonstellation bleibt erhalten. Anders als bei der ersten Art der Adaption übernimmt der Regisseur hier wörtliche Dialoge. Meistens wird dafür ein Off-Erzähler verwendet, der die jeweilige Textpassage aus dem Off heraus aufsagt, während gleichzeitig die Bilder der jeweiligen Szene abgespielt werden. Als dritte Art der Adaption ist die Transformation bekannt. Will man eine Literatur transformieren, so entsteht ein neues, aber dennoch sehr analoges Werk. Hierbei ist es wichtig zu erkennen, dass nicht nur der Inhalt übernommen wird, sondern viel wichtiger auch der komplette Stil des Werks und am wichtigsten – der Sinn des Werkganzen. Dialoge jedoch müssen nicht wortwörtlich übernommen werden. Vielmehr ist es bei der Transformation so, dass es durchaus sinnvoll ist, den Text zu verändern, um dadurch die Analogie mehr in den Vorschein bringen zu können. Die Transformation lässt sich auch noch in zwei weitere Unterpunkte ausdifferenzieren. Ersteres ist die interpretierende Transformation. Hierbei ist es sehr wichtig, dass der Sinn des Werkganzen im Vordergrund steht. Ganz am Anfang muss man den Sinn erfassen, um dann den Rest gemäß der Literatur umsetzen zu können, ohne diesen zu verfälschen. Interpretierend deshalb, da es zwangsläufig dazu führt, dass der Inhalt des Werkes erst einmal interpretiert werden muss um transformiert werden zu können, denn der Regisseur muss sich überlegen, was der Sinn des Werks ist, welche Szenen wichtig sind, um diesen Sinn den Menschen näherzubringen und wie er diese dann noch filmisch darstellen kann. Dadurch, dass der Filmmacher selbst entscheiden muss, welche Szenen seiner Meinung nach am meisten von Bedeutung sind, kann es auch durchaus vorkommen, dass er bestimmte Szenen und Dialoge entweder ganz weglässt oder so verändert, dass es ihm einfacher fällt, die Aussage deutlicher werden zu lassen. Die zweite Unterteilung der Transformation ist die transformierende Bearbeitung, welche aussagt, dass es bei einem Vergleich von Literatur und Werk vielmehr auf die Unterschiede ankommt, als auf die Gleichheiten. Die vierte und somit letzte Art der Adaption ist nach Kreuzer die Dokumentation, welche eine reine Aufzeichnung einer Theateraufführung beinhaltet.[2]

Nachdem ich mir den Film angeschaut habe konnte ich sofort die vierte Art der Adaption, also die Dokumentation, ausschließen, da es sich nicht um eine Aufzeichnung eins Theaterstückes handelt. Genauso wenig erschien mir die Illustration als sinnvoll, denn es ist nicht so, dass der Regisseur versucht hat, den Roman eins zu eins zu übernehmen. Es ist zwar zu erkennen, dass einige Szenen, wie beispielsweise die, wo Effi im Roman draußen mit ihren Freundinnen spielt in beiden Werken vorkommt, doch von einer hundertprozentigen Übernahme kann man nicht sprechen. Beide Szenen sind sich zwar sehr ähnlich, aber mehr als das kann man nicht behaupten, denn beispielsweise fehlt in dem Film das Lied „Flut, Flut... Mach alles wieder gut.“[3] Auch die Szene, wo Effi ihren Mann darum bittet, das Spukhaus aufzugeben und ein neues zu mieten ist ähnlich. Aber mehr als von einer Ähnlichkeit kann man auch hier nicht sprechen, denn die Dialoge wurden nicht aus dem Roman übernommen, sondern gänzlich neu, aber sich ähnelnd geschrieben.[4]

Es sind einzelne, neue Szenen zu finden, die es in dem Roman gar nicht gibt. Ein Beispiel hierfür ist die allererste Szene der beiden Werke. Während das erste Kapitel des Romans mit der detaillierten Beschreibung des Wohnsitzes der Familie Briest beginnt, fängt die erste Szene des Films so an, dass man eine Kutsche sieht, welche von einer Brücke aus zu einem großen Schloss, mitten im Wald, gelangt.[5] Darauf folgt das Fest in Hohen-Cremmen, wo die wichtigsten Personen dargestellt werden. Diese Szene dient „als Exposition [...], [um schon einmal] einen Teil der Hauptfiguren und einen Hauptschauplatz“ vorgestellt zu bekommen.[6] Sowohl die Eltern Effis, Effi selbst, während sie am tanzen ist[7] und beispielsweise auch Baron Geert von Innstetten werden vorgeführt. Viele weitere, kleine Änderungen wurden vorgenommen. Ein weiteres Beispiel hierfür ist, dass Effi Innstetten nicht erst dann kennenlernt, wenn er schon bei ihr zu Hause um ihre Hand angehalten hat, sondern schon auf der anfänglichen Feier, wo Effis Mutter ihn ihr vorstellt und Effi verpflichtet dazu wird mit ihm zu tanzen, obwohl sie es ihrem Vetter, Dagobert, schon versprochen hatte.[8] Ich persönliche würde behaupten, dass die Filmmacher versucht haben Fontanes Werk interpretierend zu transformieren. Hierfür ist mein erstes Argument, dass man bei dem Film aufgrund der zahlreichen Unterschiede, von denen ich einige gerade genannt habe, von einem neuen Werk sprechen kann, dieses aber trotzdem eine starke Analogie zu dem Roman aufweist. Bevor ich genauer darauf eingehe, meine Wahl zu begründen, möchte ich Stellung dazu nehmen, warum ich mich auch gegen die erste Art, also die Adaption als Aneignung von literarischem Rohstoff entschieden habe. Es ist zwar so, dass man sagen kann, dass das Werk durchaus als Konzept für den Film gedient haben muss, aber es ist eben noch mehr als nur ein Konzept dafür gewesen. Zudem kann man nicht sagen, dass die Filmmacher sich nur ein Beispiel an Fontanes Werk und nur bestimmte Bruchteile daraus herausgenommen haben, denn eigentlich ist es schon so, dass der Film von Huntgeburth die komplette Grundkonstellation berücksichtigt. Kommen wir also wieder zu der interpretierenden Transformation zurück. Wie ich am Anfang schon geschrieben habe ist dabei sehr wichtig, das Werk erst einmal zu interpretieren und dann schließlich zu transformieren und ich denke, dass die Filmmacher das genau so gemacht haben. Es ist meiner Meinung nach deutlich zu erkennen, dass bestimmte Szenen mehr in den Vordergrund gehoben worden sind um dem Sinn des Werkganzen eine größere Rolle zu verleihen beziehungsweise um diesen in den Mittelpunkt zu stellen. Auch wurden bestimmte Szenen eben so verändert oder anders veranschaulicht, dass die Aussage, die Huntgeburth ihren Zuschauern vermitteln möchte, deutlicher zum Vorschein kommt. Huntgeburth versucht eindeutig den Schwerpunkt auf Effi zu legen, damit wir, die Zuschauer, uns besser mit dieser Figur, ihren Erlebnissen und Gefühlen, identifizieren können und meiner Meinung nach ist es auch gelungen. „Die Zuschauer können miterleben und mitfühlen, wie das Leben einer jungen Frau der adligen Oberschicht Ende des 19. Jahrhunderts gewesen sein mag“.[9] Anders als bei Fontanes Roman hatte ich persönlich einen größeren Bezug zu der Protagonistin, Effi. Das beste Beispiel hierfür ist die Darstellung der Körperlichkeit und Sexualität im Bezug auf sie. Während Fontane in seinem Roman nicht wirklich auf diese Akte eingeht, obwohl der Ehebruch als Hauptthema klar im Vordergrund steht, geht Huntgeburth ganz anders an die Sache heran. Um zu zeigen, dass Effi gefangen ist, gefangen in der Lage, sich für ihre Familie und somit gegen ihren Willen zu entscheiden, spielt die Szene der Hochzeitsnacht eine große Rolle in dem Film, während zu diesem in Fontanes Roman nur gesagt wird, dass „der Hochzeitstag selbst [auch] gut verlaufen“ ist.[10] In dem Film wird diese Szene ausführlich dargestellt. Effi liegt in ihrem Bett und schaut vor sich hin, während Innstetten auch in das Bett geht und seine kleine Nachtlampe ausmacht. Er fängt an Effi anzufassen und sie zu streicheln. Sie sprechen nicht miteinander, man hört nur Effi, die vor Schmerzen Laute von sich gibt. Innstetten jedoch ist dies egal, er ‚verführt’ sie, während sie den Kopf von links nach rechts dreht und die Augen zusammenkneift. Hier wird noch einmal deutlich, dass Huntgeburth uns an die Figuren näher heranführen möchte. Man merkt richtig, wie „gefühlskalt und rücksichtslos“[11] Innstetten ist.[12] Auch ist die erste, sexuelle Begegnung Effis mit Crampas sehr unterschiedlich dargestellt worden. Im Roman erfahren wir nicht viel darüber, es wird zwar alles angedeutet, aber genaue Beschreibungen bekommt der Leser nicht. In dem Film hingegen ist diese Szene mit die längste von allen. Huntgeburth legt meiner Meinung nach auch deshalb Wert darauf, diese Sexualität möglichst nah an die Zuschauer heranzubringen, da es sehr ausschlaggebend für den Sinn des Werkganzen ist. Im Mittelpunkt steht der Ehebruch mit allen seinen daraus resultierenden Konsequenzen und hier insbesondere auch Effi – wie sie sich dabei fühlt. Die Szene mit Crampas steht in einem krassen Kontrast zu der Hochzeitsnacht mit Innstetten und auch Effis Emotionen kommen stark zum Vorschein. Während man in der Hochzeitsnacht sehr deutlich sehen konnte, wie schlecht Effi sich in ihrer Rolle als Opfer ihres Schicksals fühlt, sieht man sehr deutlich, ihre, wenn auch nur für den Moment erhaltene Freiheit während der Innigkeit, die sie mit dem Major teilt. In der alten, hölzernen Hütte am Strand kommt es zum ersten Kuss zwischen den beiden. Dieser anfängliche Kuss führt jedoch auch dazu, dass sich die beiden einander hingeben und Effi ihren Ehemann betrügt. Von Schuldgefühlen ist hier in dieser Szene jedoch noch keine geringste Spur. Im Gegenteil, man merkt wie geborgen sich Effi in den Armen eines anderen Mannes fühlt. In den Armen eines Mannes, mit dem sie aus eigenem Willen ist und nicht weil es die Gesellschaft und insbesondere ihre Familie von ihr verlangt.[13]

[...]


[1] Milz, Annika: Aktualisierung als Problem und Chance der Literaturverfilmung. S. 99, Z. 11 ff.

[2] Vgl. Kreuzer, Helmut: Arten der Literaturadaption. Hrsg.: Literaturwissenschaft – Medienwissenschaft. Heidelberg 1977. S. 61-67.

[3] Fontane, Theodor: Effi Briest. Stuttgart: Reclam 2002. S. 13, Z. 18-19 & Vgl. Effi Briest. Regie: Hermine Huntgeburth. Drehbuch: Volker Einrauch. DE: Constantin 2009. 118 Minuten. URL: http://www.movie4k.to/Effi-Briest-online-film-1267278.html (Stand: 23.03.2014). Teil 1, 05:20 - 06:10.

[4] Vgl. Fontane, Theodor: Effi Briest. Stuttgart: Reclam 2002. S. 86, Z. 4 ff. UND Effi Briest. Regie: Hermine Huntgeburth. Drehbuch: Volker Einrauch. DE: Constantin 2009. 118 Minuten. URL: http://www.movie4k.to/Effi-Briest-online-film-1267278.html (Stand: 23.03.2014). Teil 1, 30:32 - 31:30.

[5] Vgl. Effi Briest. Regie: Hermine Huntgeburth. Drehbuch: Volker Einrauch. DE: Constantin 2009. 118 Minuten. URL: http://www.movie4k.to/Effi-Briest-online-film-1267278.html (Stand: 23.03.2014). Teil 1, 00:45 -00:47.

[6] Milz, Annika: Aktualisierung als Problem und Chance der Literaturverfilmung. S. 107, Z. 1-2

[7] Vgl. Effi Briest. Regie: Hermine Huntgeburth. Drehbuch: Volker Einrauch. DE: Constantin 2009. 118 Minuten. URL: http://www.movie4k.to/Effi-Briest-online-film-1267278.html (Stand: 23.03.2014). Teil 1, 01:20 -01:27.

[8] Vgl. Effi Briest. Regie: Hermine Huntgeburth. Drehbuch: Volker Einrauch. DE: Constantin 2009. 118 Minuten. URL: http://www.movie4k.to/Effi-Briest-online-film-1267278.html (Stand: 23.03.2014). Teil 1, 02:29 -02:40.

[9] Milz, Annika: Aktualisierung als Problem und Chance der Literaturverfilmung. S. 101, Z. 3 ff.

[10] Fontane, Theodor: Effi Briest. Stuttgart: Reclam 2002. S. 38, Z. 12

[11] Milz, Annika: Aktualisierung als Problem und Chance der Literaturverfilmung. S. 102, Z. 6 ff.

[12] Vgl. Effi Briest. Regie: Hermine Huntgeburth. Drehbuch: Volker Einrauch. DE: Constantin 2009. 118 Minuten. URL: http://www.movie4k.to/Effi-Briest-online-film-1267278.html (Stand: 23.03.2014). Teil 1, 16:05 -18:01.

[13] Vgl. Effi Briest. Regie: Hermine Huntgeburth. Drehbuch: Volker Einrauch. DE: Constantin 2009. 118 Minuten. URL: http://www.movie4k.to/Effi-Briest-online-film-1267278.html (Stand: 23.03.2014). Teil 2, 08:05 -13:04.

Details

Seiten
10
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668218826
ISBN (Buch)
9783668218833
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v322787
Institution / Hochschule
Universität Siegen – Philosophische Fakultät
Note
1,7
Schlagworte
Literaturwissenschaft Effi Briest Filmische Adaption Filmanalyse Kreuzer Roman Theodor Fontane Ehebruch

Autor

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