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Chancen und Herausforderungen beim Leselernprozess gehörloser Kinder

Seminararbeit 2016 17 Seiten

Pädagogik - Leseerziehung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition von Gehörlosigkeit

3. Bedeutung des Lesens für gehörlose Menschen

4. Leselernprozess bei gehörlosen Kindern
4.1. Vorlesen als wichtiger Bestandteil
4.2. Frühförderung gehörloser Kinder

5. Chancen und Herausforderungen gehörloser Kinder beim Leselernprozess

6. Leselernmethoden in der Gehörlosenpädagogik
6.1. Lesen lernen auf oralem Weg
6.2. Lesen lernen durch simultane Kommunikation
6.3. Lesen lernen mit der Gebärdenschrift
6.4. Lesen lernen im bilingualen Unterricht

7. Praxisbeispiel einer Wiener Integrationsklasse

8. Fazit und Beantwortung der Forschungsfrage

9. Literatur

1. Einleitung

Um am gesellschaftlichen, politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben teilnehmen zu können, zählt Lesen und Schreiben zu den wichtigsten Kompetenzen im Leben eines Menschen. Ist ein Kind gehörlos, so gestaltet sich der Leselernprozess schwieriger als bei hörenden Kindern. Obwohl sie schnell und problemlos die Gebärdensprache erlernen können, darf nicht vergessen werden, dass sich diese sehr grundlegend von der deutschen Lautsprache unterscheidet.

Herausfordernd für gehörlose Kinder beim Erwerb des Lesens und Schreibens sind auch das Erlernen und die Anwendung der neuen Grammatikstruktur. Darunter wird der Lernprozess, die Grammatik der Österreichischen Gebärdensprache in die deutsche Lautsprachgrammatik umzusetzen, verstanden. Dies setzt bei den Gehörlosen eine hohe Lernleistung voraus.

Fakt ist, dass gehörlose Kinder in der Schule nicht nur das Lesen und Schreiben, sondern auch eine neue Sprache - nämlich Deutsch erlernen. Das Problem ist meist, dass die gehörlosen Schüler ihre Zweitsprache nicht auditiv wahrnehmen, sondern nur über den schriftlichen Weg erlernen können. Einen anspruchsvollen Punkt stellt vor allem dies dar, dass jedes neue Wort erklärt, gelernt, gelesen und geschrieben werden muss (Kramreiter 2012, 2).

In dieser Arbeit wird zu Beginn die Definition der Gehörlosigkeit erläutert und zunächst die Bedeutung des Lesens für Gehörlose vorgestellt. Einen weiteren Punkt bildet der Leselernprozess bei gehörlosen Kindern, in welchem auch das Vorlesen als wichtiger Bestandteil und die mögliche Frühförderung näher erläutert wird. Chancen und Herausforderungen werden genauer beschrieben. Zudem wird auf Leselernmethoden in der Gehörlosenpädagogik eingegangen, wobei das Lesen lernen auf oralem Weg, das Lesen lernen durch simultane Kommunikation, das Lesen lernen mit der Gebärdenschrift sowie das Lesen lernen im bilingualen Unterricht näher erläutert werden. In Anschluss wird ein Praxisbeispiel einer Wiener Integrationsklasse in Bezug auf den Leselernprozess sowie auf den Schriftspracherwerb vorgestellt. Abschießend wird versucht, die Forschungsfrage zu beantworten.

In der vorliegenden Arbeit sollen folgende Fragen beantwortet werden:

- Vor welchen Herausforderungen und Chancen stehen gehörlose Kinder beim Leselernprozess?
- Welche Möglichkeiten gibt es für gehörlose Kinder bereits vor Schuleintritt das Lesen und Schreiben zu lernen?

Lesen lernen beschränkt sich in der vorliegenden Arbeit auf die Lebensspanne im Kindergartenalter und im Pflichtschulbereich. Es handelt sich hierbei um eine literaturgestützte Arbeit.

2. Definition von Gehörlosigkeit

Es gibt zahlreiche Definitionen von Gehörlosigkeit. Im Rahmen meiner Seminararbeit habe ich die Definition nach Bernitzke gewählt, die wie folgt lautet:

„Als gehörlos werden Menschen bezeichnet, die infolge einer starken Schädigung des Gehörs selbst mit Hilfen keine oder nur eine sehr geringe auditive Wahrnehmung haben. Das Sprachverstehen und die Kontrolle des eigenen Sprechens gelingt nur mit optischer und kinästhetischer Unterstützung. Der Hörverlust liegt über 90 dB“ (Bernitzke 2008, 165).

Obwohl Gehörlosigkeit nicht gesehen bzw. sofort äußerlich erkannt werden kann, beeinträchtigt sie massiv die zwischenmenschliche Kommunikation (Bernitzke 2008, 165). Da der Großteil der Gehörlosen die Gebärdensprache benutzt, sind visuelle Sprachen das zentralste Mittel zur Kommunikation. Somit kann sie als authentisches Kommunikationsmitteln von gehörlosen Menschen gesehen werden (Krausneker 2004, 290). Entscheidend bei gehörlosen Menschen ist, zu welchem Zeitpunkt die Taubheit aufgetreten ist. Es ist Fakt, dass Kinder, die von Geburt an gehörlos sind, beim Erlernen der Sprache, des Denkens und der Kommunikation vor einer Herausforderung stehen. Tritt die Gehörlosigkeit allerdings erst nach dem Spracherwerb ein, so richtet sich die Hilfe auf den Erhalt des nicht mehr selbst kontrollierbaren Sprechens und der Vermeidung sozialer Isolation (Bernitzke 2008, 165). Gehörlose Menschen verständigen sich zumeist über die Gebärdensprache, jedoch ist es heutzutage beinahe erforderlich, die Schriftsprache sowie das Lesen ebenso zu beherrschen (ebd., 167).

3. Bedeutung des Lesens für gehörlose Menschen

Für hörbeeinträchtigte Kinder sollte der Erwerb einer guten Lesekompetenz eines der wichtigsten Ziele sein. Durch die Schriftsprache kann die Kommunikation zwischen Gehörlosen und Hörenden stattfinden, ohne Angst haben zu müssen, dass es zu Missverständnissen kommt. Sollte es trotzdem zu Verständigungsproblemen kommen, so kann einfach auf die Schrift zurückgegriffen werden. Es werden ohnehin viele wichtige Informationen auf schriftlichem Wege mitgeteilt. Dazu zählen beispielsweise die Beantwortung von Briefen offizieller Stellen, Versicherungen, Hausverwaltung und weitere. Hinzu kommt, dass das Lesen im Zeitalter des Computers zusätzlich an Bedeutung gewonnen hat. Unterschiedlichste Informationen sind so zugänglich, da durch die Schrift eine unmittelbare Kommunikation möglich ist. Ein Beispiel dafür wären beispielsweise E-Mails und SMS. Ein gehörloses Kind könnte ohne SMS nicht zu Hause Bescheid geben, wenn es beispielsweise früher oder später von der Schule abgeholt werden soll (Bull 2000, 150). Außerdem ermöglicht erst das Lesen den Zugang zu höherem Bildungserwerb und einem größeren, komplexeren Wortschatz. Einen zentralen Stellenwert hat die Schriftsprache auch bei der späteren Berufswahl, da ungefähr 90% aller Arbeitsplätze den Umgang mit schriftlichem Material verlangen. Des Weiteren ermöglicht die Schriftsprachkompetenz eine zentrale Kompetenz zur Teilhabe hörbeeinträchtigter Menschen in der Kultur (Bundeselternverband gehörloser Kinder 2014,[2]). Durch das Medium der Sprache müssen Gehörlose ebenso wie Hörende gewisse Dinge bewältigen können, denn jedes Kind hat Recht au Kommunikation und somit auf zweisprachiges Aufwachsen mit Gebärdensprache und Lautsprache. Nachfolgend werden einige Punkte aufgezählt. Ein gehörloses Kind muss mithilfe der Sprache so früh wie möglich mit seinen Eltern und seiner Familie kommunizieren können. Ebenso soll es sich von jüngstem Alter an kognitiv entwickeln können. Darunter wird beispielsweise die kognitive Fähigkeit des Urteilens, Abstrahieren, Sich-Erinnern verstanden. Jedes gehörlose Kind soll mittels Sprache Wissen erwerben und mit seiner Umgebung kommunizieren können (Grosjean o.J., 2f).

4. Leselernprozess bei gehörlosen Kindern

Gehörlose Kinder lernen Lesen nicht über eine Verbindung von Laut und Buchstabe, sondern sie prägen sich das Schriftbild ein. Deshalb ist es für sie hilfreich, wenn Wörter aus gut lesbaren Druckbuchstaben bestehen und Groß- und Kleinbuchstaben benutzt werden, da sie im Schriftbild überwiegen. Durch das Merken des Schriftbildes machen gehörlose Kinder im Allgemeinen wenige Rechtschreibfehler. Weil sie aber die deutsche Grammatik nicht aus der Lautsprache kennen, ist es eine Hilfe, wenn Hauptwörter mit Artikeln aufgeschrieben und je nach Geschlecht farbig geschrieben werden (Bundeselternverband gehörloser Kinder 2014,[1]). Bereits K.- B. Günther bestätigte im Jahre 1994, dass die Verarbeitung und Wahrnehmung der alphabetischen Schrift die Möglichkeiten des Auges unterfordert und Informationen visuell rascher verarbeitet werden können als auditiv (Merten 2003, 34). Die Unterscheidung und Wahrnehmung der Buchstaben ist für gehörlose Kinder einfacher als die Entschlüsselung der Lautsprache.

Die Sprachverarbeitung über das Auge fällt gehörlosen Kindern genauso leicht wie hörenden Kindern. Oft sind gehörlose Kinder durch die Gebärdensprache (insbesondere gehörlose Kinder gehörloser Eltern) darin sogar viel geübter.

Die Lautsprache ist also keine bloße Lautschrift, sondern ein funktional und strukturell autonomes System, das gehörlose Kinder nicht nur ohne Lautsprache, sondern in Einzelfällen sogar als Erstsprache erlernen können. Der Leseerwerb fällt gehörlosen Schülern mit einer ausgeprägten Gebärdensprachkompetenz bzw., die schon früh und auf natürliche Weise die Gebärdensprache erlernen konnten, leichter (Günther 1983, 20f, zit. n. Merten 2003, 20f). Nachfolgend wird ein Zitat von Günther angeführt, welches sehr treffend beschreibt, dass statt Mund und Ohren ebenso ein anderer Körperteil zur Kommunikation verhelfen hätte können:

„Es ist ein Zufall, dass wir den Mund und das Ohr zur Kommunikation benutzen. Genauso gut hätten es die Hände und die Augen sein können. Vermutlich ist dies aber nicht eingetreten, da die Menschen die Hände meist zum Arbeiten gebrauchen mussten“ (Günther 1983, 21, zit. n. Merten 2003, 21).

4.1. Vorlesen als wichtiger Bestandteil

Wenn Eltern Geschichten vorlesen, tauchen Kinder zum ersten Mal in die spannende Welt des Lesens ein. Besonders faszinierend wirkt, wenn die Bücher zum Alter des Kindes passen. Dazu zählen die Sprache, die Länge und der Inhalt der Bücher. Sind viele Bilder zu den Texten enthalten, so kann die Freude zum Lesen ebenso geweckt werden. Wenn in Büchern Situationen beschrieben werden, die das Kind aus seinem Alltag kennt, wie beispielsweise das Einkaufen, den Spielplatz und den Kindergarten so kann das Kind motiviert werden. Das Interesse des Kindes sollte in jedem Fall angesprochen werden. Dies ist bei hörenden sowie gehörlosen Kindern gleich. Märchen werden bei hörenden Menschen sehr häufig vorgelesen. Bei gehörlosen Menschen ist dies allerdings anders, da sie Märchen meist nicht kennen. Häufig sind sie sich beim Erzählen unsicher, ob sie den Text tatsächlich richtig verstanden haben (Bundeselternverband gehörloser Kinder 2014,[2]).

Beim Vorlesen bekommt ein Kind viele sprachliche Bespiele. Unterhalten sich Eltern und ihr Kind dabei über das Buch, übt das Kind, selbst die Sprache zu benutzen. Gerade hörbeeinträchtigte Kinder profitieren sehr davon, da sie nämlich häufig nur wenige gebärdensprachkompetente Sprachvorbilder und/oder einen eingeschränkten Zugang zur Lautsprache haben. Die Eltern stehen aber vor einer Herausforderung: Hörende Eltern eines gehörlosen Kindes sind oft verunsichert, weil die Österreichische Gebärdensprache nicht ihre Muttersprache ist. Gehörlose Eltern sind oft unsicher, ob sie den Text des Buches richtig verstehen.

Beim Vorlesen sollte darauf geachtet werden, dass das Kind Gesicht und Hände des Vorlesers sehen kann. Wenn Eltern Gebärden nicht wissen, können sie Mimik und Gestik einsetzen, (auf) Bilder zeigen und/ oder die Situation nachspielen.

Wenn einem gehörlosen Kind viel vorgelesen wird, so kann es besser kommunizieren. Dadurch lernt es auch leichter schreiben und lesen - und zwar unabhängig davon, in welcher Sprache vorgelesen wird (Bundeselternverband gehörloser Kinder 2014,[3]). Im nachfolgenden Zitat wird die Bedeutung der Sprache nochmals verdeutlicht:

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668220010
ISBN (Buch)
9783668220027
Dateigröße
691 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v322926
Institution / Hochschule
Universität Wien – Bildungswissenschaft
Note
2
Schlagworte
chancen herausforderungen leselernprozess kinder

Autor

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Titel: Chancen und Herausforderungen beim Leselernprozess gehörloser Kinder