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Maras in Lateinamerika. Warum so viele Jugendliche den kriminellen Banden des "Vida Loca" beitreten

Hausarbeit 2016 19 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Mittel- und Südamerika

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Maras
2.1 Struktur und symbolisch-ästhetische Dimension der Gangs
2.2 Beitrittsgründe
2.3 Ehre, Drogen und Gewalt
2.4 Opfer vs. Täter

3 Gegenmaßnahmen

4 Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Karte Zentralamerika

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

In Zentralamerika ist in den letzten Jahren ein Anstieg an Gewalttaten zu verzeichnen (Moser, McIlwaine 2004: 1). Zwischen 2007-2012 kamen jährlich weltweit etwa 7,4 Personen pro 100.000 Einwohner durch Gewaltverbrechen ums Leben. In Zentralamerika beträgt dieser Schnitt mehr als 30 pro 100.000 Einwohner. Damit gehört Zentralamerika zu den gefährlichsten Regionen weltweit (Geneva Declaration 2015: 56- 57).

Die hohe Gewaltquote in Zentralamerika wird durch viele Faktoren beeinflusst, wie eine schnelle Verstädterung, anhaltende Armut und Ungleichheit, soziale Ausgrenzung, politische Gewalt und organisierte Kriminalität. Zusätzlich wird die Gewaltquote von gesellschaftlichen Strukturen nach konfliktgeprägten Zeiten, dem Handel illegaler Drogen sowie von autoritären Familienstrukturen beeinflusst (World Bank 2008: 3).

Die offensichtlichste Ausprägung der Gewalt in Zentralamerika sind die Jugendbanden, welche in den letzten zwei Jahrzenten an Größe und Einfluss gewonnen haben (Jütersonke et al 2009: 375-376). Die Schätzwerte, wie viele Gangmitglieder diese Region zu verzeichnen hat, gehen weit auseinander. Eine Statistik der UNODC (2007: 60) geht davon aus, dass 5 % aller jungen Männer zwischen 15 und 24 Jahren in Honduras einer Jugendbande angehören. Im Verhältnis zur Bevölkerung ist dieser Wert in El Salvador geringer und liegt lediglich bei etwa 1,5 % und in Guatemala bei etwa 1% (UNODC 2007: 60-61). In El Salvador scheint die Anzahl der Mitglieder im Verhältnis zwar relativ gering zu sein, es wird jedoch behauptet, dass auch hier etwa die Hälfte der Straftaten durch die „Maras“ verübt werden (Peetz 2004: 50).

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit den Maras, da es sich hierbei um ein zentrales Thema im derzeitigen politischen Geschehen handelt (Bruneau 2011: 1). Um die Fragestellung: „Wieso treten so viele Jugendliche dem „Vida Loca“ bei?“ zu klären und um hieraus Maßnahmen für die Reduzierung der Jugendbandenaktivitäten abzuleiten, beschreibt die vorliegende Hausarbeit zunächst die Maras und deren Lebensstil. Daraufhin werden die Gründe, die zu einem Beitritt zu einer solchen Jugendbande führen, erörtert. Darauf aufbauend werden effektive Gegenmaßnahmen beschrieben und mit den derzeitigen politischen Maßnahmen verglichen. Ausgehend von den Ergebnissen der Forschungsfrage wird ein kurzer Blick auf die Frage geworfen, ob es sich bei „Mareros“ (Mara-Mitglieder), um Täter oder Opfer handelt. Die Hausarbeit schließt mit einem Fazit ab.

2 Maras

Mara ist eine spezifische Form von „Pandillas“, d.h. von städtischen Jugendbanden. Die Bezeichnung „Mara“ kommt von „con mis amigos“ (mit meinen Freunden), wurde aber später auf die Marabunta1 zurückgeführt (Seffer, Zinecker 2010: 305).

Die deutsche Übersetzung des spanischen Wortes „Mara “ ist Bande oder Gruppe (Cruz 2007: 13). Die Maras sind eine spezielle Form von Jugendbanden in den Ländern des „triángulo norte“2. Diese Gangs sind inzwischen zu einem Symbol für Gewalt und Unsicherheit in dieser Region geworden (Peetz 2012: 5). Während im angrenzenden Nachbarstaat Nicaragua noch eine Reihe eigenständiger Gangs existieren, gehören in dem „triángulo norte“ praktisch alle Banden einem von zwei international vernetzten Großverbänden an, der „Mara Salvatrucha“ (kurz „MS“) und der Mara Dieciocho (kurz „18“) (Peetz, P. 2004: 49).

Abbildung 1: Karte Zentralamerika

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: UNODC 2007: 2

Die MS und die 18 gründeten sich vermutlich in den Migrantenvierteln von Los Angeles, nachdem die Menschen zuvor aus ihren Heimatländern, aufgrund von Bürgerkriegen in den 1980ern und frühen 1990ern, geflohen waren. Im Jahr 1996 veränderte die USA ihre Politik hinsichtlich der Kriminalitätsbekämpfung. Der Kongress verabschiedete in diesem Jahr ein Gesetz, dass die Abschiebung straffälliger Nicht-US-Bürger in ihre Ursprungsländer erleichterte. Dies löste einen massiven „Export“ der Jugendbanden nach Zentralamerika aus. Daraufhin bauten Mitglieder dieser Gangs die ersten Strukturen der MS und der 18 in El Salvador und Honduras auf (IHRC 2007: 20ff.).

Wer Mitglied der Mara werden möchte, muss sich brutalen Aufnahmeritualen unterwerfen. Diese Rituale variieren; sie müssen etwa wahllos jemanden niederschlagen oder ermorden oder auf sich selbst etwa 13 Sekunden einschlagen lassen. Eine Frau kann bei ihrem Beitritt zwischen dem gleichen Prozedere wie die Männer wählen oder sich stattdessen für die Vergewaltigung von 10-20 Männern der „Cliqua“ entscheiden (Benini 2011; Katowski 2008). Die Aufnahmerituale geben Aufschluss darüber, ob das neue Mitglied fähig ist, den Anforderungen der Gruppe zu genügen. Insbesondere sind dies Anforderungen, die für das Kämpfen wichtig sind und die Bereitschaft, sich vor Gefahren nicht zu scheuen (Liebel 2008: 456). Anschließend ist der Ausstieg aus der Mara nicht ohne weiteres möglich. Der einzig legitime Ausstiegsgrund ist der Tod eines Mareros in einem Kampf für die Mara. Dies verdeutlicht auch der Wahlspruch der Mareros „Vivo por mi madre, muero por mi barrio“ („ Für meine Mutter lebe ich, für mein Viertel sterbe ich“) (Latinoamericanto 2007: 0’09).

Zehntausende Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene gehören den Maras an. Der Großteil von ihnen ist zwischen 12 und 30 Jahren alt (Peetz 2004: 49). Die Maras bestanden zunächst überwiegend aus Jungen; ihr Anteil betrug etwa 80 %. Eine spätere, als repräsentativ geltende Umfrage in Guatemala, ergab für die Mädchen allerdings einen Anteil von 44 %. Die Zahl der Mädchen, die sich der Mara anschließen, scheint zu wachsen (Liebel 2008: 449). Die Mareros treten anderen „Nicht-Bandenmitgliedern“ gegenüber aggressiv auf, sodass in der Mara derjenige der anerkannte Führer ist, der sich nach außen als besonders aggressiv und gewalttätig beweist (Zinecker 2014: 235). Die Mareros verdienen sich ihren Lebensunterhalt hauptsächlich durch Raub, Diebstahl, Drogen- und Waffenhandel, Erpressungen sowie sonstige gesetzeswidrige Handlungen bis hin zu Auftragsmorden. In El Salvador wird rund die Hälfte aller Straftaten den Maras angelastet. Etwa 45 % aller Tötungsdelikte werden in El Salvador und Honduras den Jugendbanden zugeschrieben, in Guatemala hingegen nur 20 %. Unter den Todesopfern befinden sich zu einem Großteil auch Mareros, sodass die durchschnittliche Zugehörigkeitsdauer zu einer Jugendbande etwa drei Jahre beträgt. Länger überlebt kaum einer das „Vida Loca“, übersetzt das „verrückte Leben“ (Peetz 2004: 49-50). So bezeichnen die Gangmitglieder ihren Lebensstil, welcher von Gewalt und Drogen dominiert wird (Peetz 2012: 33). Das Vida Loca beschert ihnen Nervenkitzel, Aufregungen und Kämpfe mit Mitgliedern rivalisierender Banden und mit der Polizei. Es bedeutet Lust an der Provokation und meint somit alles, was moralisch anstößig oder gar verboten ist (Weber 2010).

2.1 Struktur und symbolisch-ästhetische Dimension der Gangs

Die Struktur der Gangs ist territorial gegliedert. Bestehend aus etwa 10 bis 20 Mitgliedern, bildet sich in einem Viertel eine sogenannte „clika“ (etwa „Clique“). Die clika ist wiederum hierarchisch streng gegliedert. Je mehr sich ein Mitglied für seine clika oder für die Mara einsetzt, desto höher sein Status. Das jeweilige Engagement wird vor allem durch die Anzahl der Todesopfer, die ein Marero bei der Verteidigung des Territoriums oder der Ehre seiner Mara hinterlassen hat, gemessen. Die einzelnen „clikas“ sind immer innerhalb der rivalisierenden Großverbände MS und 18 vernetzt (Peetz 2004: 52).

Die Jugendbanden verwenden eine Reihe von Mitteln, um ihre Identität auszudrücken. Sie nutzen dafür verbale und nonverbale, optische und akustische Zeichen (Peetz 2004: 53). Eine wichtige non-verbale Ausdrucksform der Maras waren die Tätowierungen. (Rupp 2004). Mittlerweile tätowieren die Mareros sich nicht mehr, damit sie nicht sofort erkannt werden (Wermelskirchen 2007: ). Zusätzlich verwenden die Mareros Kleidung, Haartracht und Graffitis sowie (Zeichen-)Sprache für die Identitätsmarkierung (Rupp 2004).

2.2 Beitrittsgründe

Faktoren, wie Jugendarbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Armut, Mängel in Erziehung und Bildung, zusammengefasst das Fehlen sozialer und wirtschaftlicher Integrationschancen, bilden die Grundlagen für die Gewalt und Kriminalität der Jugendlichen (Peetz 2004: 52). Gewalt und Ungerechtigkeit erleben die Jugendlichen im täglichen Leben häufig und fast überall, u. a. auf der Straße, bei der Arbeitssuche und mit den staatlichen Autoritäten (Liebel 2008: 259).

Einer Studie folgend, geben etwa 40 % der Jugendlichen als Beitrittsgrund „Vacilar“ an, was soviel heißt wie „herumziehen“. 21 %, wollen auf diese Weise Familienproblemen entfliehen und weitere 20 %, treten aufgrund befreundeter Gangmitglieder bei (Giralt / Concha-Eastman 2001: 60). Die Studie erkennt zudem eine Korrelation zwischen der Arbeitslosigkeit und dem Beitritt zu einer Gang, da sich lediglich 17 % der Gangmitglieder beim Beitritt zur Gang in einem Arbeitsverhältnis befinden. (Giralt / Concha-Eastman 2001: 45).

Dennoch betonen die meisten Untersuchungen, dass die Jugendlichen, vor ihrem Beitritt zu einer Jugendbande, über ein zu Hause in einem „barrio“ (Viertel) verfügen und nicht auf der Straße leben. Häufig ist ihr zu Hause allerdings prekär und konfliktgeladen. Zudem verfügen sie meist über eine mindestens durchschnittliche Schulbildung und gehen nach dem Verlassen der Schule zunächst einer bezahlten Arbeit nach oder versuchen dies zumindest (Liebel 2008: 449).

Sozialen Zerfall und Gewalt erleben viele der Jugendlichen bereits bevor sie sich einer pandilla anschließen. Neoliberale „Strukturanpassungen“, die den lateinamerikanischen Ländern seit dem chilenischen Militärputsch von internationalen Finanzinstituten aufgezwungen wurden, führten u. a. zu fundamentalen kulturellen Veränderungen.

Diese wiederum führen zu einer Reduzierung des sozialen Zusammengehörigkeitsgefühls. Zudem ist das familiäre Leben der meisten „Pandilleros“ (Bandenmitglieder) bereits vor dem Bandenbeitritt von Gewalt und fehlendem Verständnis geprägt. Insbesondere die Mädchen fühlen sich dadurch veranlasst, einer Mara beizutreten (Liebel 2008: 458-459).

Die erfahrenen Bedrohungen veranlassen die Jugendlichen, sich zu einer Gruppe zusammenzuschließen, um sich gemeinsam zu verteidigen (Liebel 2008: 159).

[...]


1 Killer-Ameisen, die in einem Film der 1970er Jahre immense Zerstörungen in Brasilien anrichten

2 „Nördliches Dreieck“ Zentralamerikas: Guatemala, El Salvador und Honduras

Details

Seiten
19
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668221147
ISBN (Buch)
9783668221154
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v322954
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,3
Schlagworte
Maras Mara Salvatrucha Gewalt und Ungleichheit in Lateinamerika Lateinamerikas Jugendbanden

Autor

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