Lade Inhalt...

Väter und Söhne in Storms Novellen 'Carsten Curator' und 'Hans und Heinz Kirch'

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 27 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Storms Familie und sein Familienbild

2. Carsten Curator (1878)
2.1. Autobiografische Hintergründe
2.2. Culpa Patris - Culpa Sanguinis
2.3. Rezeption

3. Hans und Heinz Kirch (1881/1882)
3.1. Autobiografische Hintergründe
3.2. Rezeption

4. Darstellung des Vater-Sohn-Konflikts
4.1. Die unterschiedlichen Rollen der Väter
4.2. Die Darstellung der Söhne
4.3. Die Frage nach der Schuld

5. Novellistik
5.1. Darstellung der Wirklichkeit
5.2. Tragik

6. Gesellschaftskritik

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Darstellung des Verhältnisses von Vätern und Söhnen in Storms Novellen „Carsten Curator“ (1878) und „Hans und Heinz Kirch“ (1881/1882). Anhand des in beiden Novellen vorkommenden Vater-Sohn-Konfliktes sollen einerseits die autobiografischen Züge beider Novellen näher betrachtet werden, anderseits die Rezeption der Novellen in der zeitgenössischen Kritik.

Im Folgenden wird Storms Verhältnis zu seiner eigenen Familie dargestellt, um die Motivation aufzuzeigen sich mit dem Thema „Väter und Söhne“ zu befassen. Bei der Besprechung der einzelnen Novelle wird auf die autobiografischen Einflüsse jedoch detaillierter eingegangen.

Storm stellt in beiden Novellen Väter und Söhne und ihre Konflikte unterschiedlich dar. Dies und die Frage nach der Schuld wird im Kontext der eigenen Lebenssituation Storms erläutert.

Auch im 19. Jahrhundert stellte sich die Frage, wie man Wirklichkeit in der Literatur angemessen präsentieren kann. Auf Grund von sich rasch verändernden Lebensbedingungen kamen immer mehr und mehr Zweifel darüber auf, von welcher Art die Wirklichkeit denn überhaupt sei.

Hier soll nun untersucht werden, wie die Wirklichkeit in beiden Novellen gesehen wird.

Des weiteren wird die Dokumentation auch auf die Tragik der Novellen eingehen.

Zum Schluss soll untersucht werden, ob beziehungsweise inwiefern man in beiden Novellen von einer Gesellschaftskritik an der Gründerzeit sprechen kann.

1. Storms Familie und sein Familienbild

Geboren am 14. September 1817 in Husum, wuchs Hans Theodor Woldsen Storm als „ein froher, fast übermütiger Junge, im Spiel mit anderen Knaben einer der tollsten“[1] auf. Er selbst gab zu, dass „wenig an ihm erzogen wurde“[2]. Von seinen Eltern Johann Casimir und Lucie Storm wurden ihm nur wenige Grenzen gesetzt, er führte als Kind ein ungezwungenes Leben.

1846 heiratete Theodor Storm seine Cousine Constanze Esmarch. Das Paar bekam 7 Kinder (1848 Hans, 1851 Ernst, 1853 Karl, 1855 Lisbeth, 1860 Lucie, 1863 Elsabe, 1865 Gertrud). Constanze starb nur drei Wochen nach der Geburt von Gertrud. Storm litt stark unter diesem Schicksalsschlag, war doch für ihn die Familie nun unvollständig geworden. Er versuchte sich durch längere Reisen abzulenken und heiratete 1866 seine Jugendliebe Dorothea Jensen. 1868 kommt das einzige gemeinsame Kind Friederike zur Welt.[3]

Als Vater erzog Storm seine Kinder frei, ja sogar antiautoritär. Im Gegensatz zur damals üblichen Erziehung bemühte sich Storm um eine emotionale Bindung an seine Kinder und stellte sich nicht als autoritärer Vater dar.[4] „Storm sieht die Autorität des Vaters nur als akzeptabel, wenn sie einhergeht mit dem Vertrauen bei den Kindern, gerecht behandelt zu werden“.[5] Er war sehr stolz auf seine unkonventionellen Erziehungsmethoden. Seine Kinder waren für ihn enge Vertraute, denen gegenüber er seine Ängste und Nöte aussprechen konnte. Storms Briefwechsel mit seinen Kindern (über 1000 Briefe sind bekannt)[6] zeugt davon. Die Briefe waren aber auch geprägt von väterlichen Ratschlägen und Verhaltensmaßregeln. So zum Beispiel ermahnt er seinen Lieblings-Sohn Hans des öfteren zu Sparsamkeit und Fleiß, bittet ihn an seine Familie, vor allem an den Vater, zu denken und regelmäßig zu schreiben Er nennt ihn liebevoll „meinen alten Jungen“ und ist nachgiebig, wenn Hans eine alte Uhr versetzt“.[7]

Storm erkannte früh, dass eine fundierte Ausbildung und standesgemäße Bildung für den Status der Nachkommenschaft wichtig war, auch wenn die Ausbildung seiner Söhne nicht wie erhofft verlief. Sein ältester Sohn Hans erwies sich als besonders existenzunfähig. Nach elf Jahren Medizinstudium an acht verschiedenen Studienorten und diversen nicht angetretenen beziehungsweise nicht bestandenen Prüfungen, schaffte er es 1877 (mit massiver Unterstützung seines Vaters, der eigens nach Würzburg gereist kam) sein medizinisches Examen zu bestehen, aber auch Vater Storms Hilfe bei der Beschaffung von Anstellungen hilft ihm nicht sich eine eigene Existenz aufzubauen. Er häuft Schulden an, ist zeitweilig verschollen und 1886 stirbt er lungenkrank an den Folgen seiner jahrelangen Trunksucht.

Storms Zweitgeborener Ernst erfüllte augenscheinlich die beruflichen Hoffnungen des Vaters: Wie er selbst studierte er Jura und ließ sich 1887 als Rechtsanwalt und Notar in Husum nieder. Er tat es jedoch seinem Bruder Hans in bezug auf alkoholische Exzesse gleich, ohne dass er jedoch alkoholsüchtig wurde. Aber auch Ernst häufte beträchtliche Schulden an, was die Eröffnung einer unabhängigen Anwaltskanzlei ausschloss.[8]

Storms dritter Sohn Karl begann ein Musikstudium, jedoch reichte seine Begabung nicht zu einer glanzvollen Karriere als Musiker. Karl musste sich damit begnügen seinen dürftigen Lebensunterhalt als Gesangs- und Klavierlehrer zu verdienen. Genau wie sein Bruder Hans hatte auch er Schulden angehäuft, die der Vater, neben den Ausbildungsgeldern und Behandlungskosten für Syphilis, begleichen musste.

Für seine Töchter sah Storm die standesgemäße Verheiratung als Ziel an. Hier entspricht er dem Bild seiner Zeit. Allerdings belasteten ihn finanzielle Probleme: Durch die kostenaufwändige Lebensweise seiner Söhne drohte seinen Töchtern Verarmung. Für deren Studien und Mitgift stand somit viel weniger Geld zur Verfügung.[9]

Aber auch Storms Familienbild wird durch die Lebensweise seiner Söhne belastet: Er sieht die Rolle der Familie, die sich von Generation zu Generation fortsetzt, in Gefahr:

„Für Storm, den passionierten Vater, ist die Abfolge der Generationen eine Gegenkraft gegen die Vergänglichkeit. Dem ganz und gar diesseitsbezogenen Dichter, dessen Lebensgefühl vom ständigen Bewusstsein der unaufhaltsam verrinnenden Zeit überschattet ist, bedeutet das Fortleben in Kindern und Kindeskindern eine Art von Unsterblichkeit“.[10]

Das stabile Familienleben bedeutete seine Mitte, um welche seine Existenz kreiste. Seine Familie gab ihm das Gefühl der Sicherheit.

Deswegen traf es ihn so hart, dass seine Söhne, allen voran Hans, so wenig seinen Vorstellungen und Idealen entsprachen. Diese Bitterkeit war mit ausschlaggebend für die Entstehung beider Novellen.

2. Carsten Curator

„Carsten Curator“ ist eine der am wenigsten beachteten Novellen Theodor Storms, von der es bis vor Kurzem nur eine einzige Separatausgabe gab und die nie verfilmt wurde.[11] Sie gilt als die erste jener Novellen, die Storms bevorzugtes Thema der 1880er Jahre umkreisen „... (...)die Familie in der Zerstörung mit den tiefsten Schatten“[12].

Die Aufzeichnung von „Carsten Curator“ hieß für Storm eine Erlösung von persönlichen Sorgen und Ängsten, die seinen Sohn Hans betreffen. Dieser ist in vielen Zügen der Hauptfigur der Novelle wiederzuerkennen, und das unglückliche Ende von Heinrich Carstens nahm vorahnend den frühen Tod von Hans voraus. „Die Novelle basiert auf zwei Konflikten: dem Konflikt zwischen persönlichem Wunsch und gesellschaftlicher Konvention einerseits und zwischen individueller Neigung und sozialer Verantwortung andererseits (...)“.[13]

Für Storm sollte die Novelle ein innerer Befreiungsakt sein, in dem er sich von unterdrückter Feindseligkeit löste. In „Carsten Curator“ erlaubte er dem Vater, das zu tun, wozu er selbst nicht den Mut aufbrachte und woran ihn seine Vaterliebe hinderte: den Sohn zu verstoßen.[14]

„Storm machte Freunden gegenüber kein Geheimnis daraus, dass die Novelle biografische Hintergründe hat. „Mein Verstand raisonnierte mir vor, es sei diese Arbeit eine Befreiung (à la Göthe), (...); aber es ist dieß Mal doch anders“ “.[15]

2.1. Autobiografische Hintergründe

Dadurch, dass die Novelle Carsten Curator als „innerer Befreiungsakt“[16] Storms gesehen wird, sucht man hier gerade die Parallelen zu seinem Leben. Das Vater-Sohn-Verhältnis Carsten Curator - Heinrich zeigt deutlich autobiografische Züge zum Verhältnis Theodor Storm - Hans Storm.

Storms Sorgen um seine Söhne und Töchter häuften sich mit den Schulden seiner Söhne und den daraus resultierenden Geldforderungen. Die Mitgift der Töchter schrumpfte und es bestand die Gefahr, dass diese nicht mehr standesgemäß zu verheiraten waren.

Die Söhne, vorrangig Hans und Karl, waren quasi gescheiterte Existenzen, die keine Position innehatten. Storm hoffte, dass die Söhne durch eine standesgemäße Heirat zu bildungsbürgerlichen Familienvätern wurden, war es doch zum damaligen Zeitpunkt nicht unüblich und gesellschaftlich akzeptabel, dass sich „junge Herren“ vor der Ehe „austobten“. Aber er wusste auch, dass seine Söhne keiner jungen Frau aus gutem Hause zuzumuten waren, da nach einer Eheschließung nicht mit einer Besserung der Lebensweise seiner Söhne zu rechnen war. Somit befand er sich in einem Konflikt: Wussten die Familien vor einer Eheschließung vom Lebenswandel des zukünftigen Ehepartners, so kam eine Heirat wohl kaum zustande. Verschwieg man den Lebenswandel, würden die Ehefrauen und ihre Familie unglücklich werden. So verspürte Storm jedoch Verantwortung für die Töchter der bürgerlichen Gesellschaft und ihre Familien. Auch er wollte als Vater nicht, dass seine Töchter Männer wie Hans und Karl heirateten.

Das Motiv des Curators war gut zur Behandlung dieser Problematik geeignet. Der Leitgedanke von der Spannung zwischen der Sorgepflicht des Vaters für seine Söhne und seinen Pflichten und Verantwortungen seinen eigenen und anderer Leute Töchtern gegenüber ließ sich innerhalb dieses Rahmens ohne allzu große Verfremdung unterbringen.[17]

[...]


[1] Vgl. Laage, K.E.: Theodor Storm. Leben und Werk. A.a.O.: 1999. S. 8

[2] ebenda. S. 8

[3] ebenda. S. 53

[4] Vgl. Laage, K.E.: Theodor Storm. Eine Biographie. A.a.O.: 1999. S. 32

[5] Tschorn, Wolfgang: Idylle und Verfall. Die Realität der Familie im Werk Theodor Storms. A.a.O.:, 1978. S. 69

[6] Vgl. Laage, K.E.: Theodor Storm. Eine Biographie. A.a.O.:. 1999. S. 87

[7] Vgl Bollenbeck, Georg: Theodor Storm - Eine Biographie. Frankfurt: Insel 1988. S. 283

[8] Vgl. Jackson, David A.: Theodor Storm, Dichter und demokratischer Humanist. Berlin: Erich Schmidt 2001. S. 270ff

[9] Vgl. Jackson, David: Frauenopfer und Frauenverrat. Theodor Storms Novelle „Carsten Curator“. In: Schriften der Theodor-Storm-Gesellschaft (im Folgenden abgekürzt als STSG) Bd. 48, A.a.O.:,1999. S. 54

[10] Storm, Theodor: Carsten Curator. Mit einem Nachwort. Hrsg. von Irene Ruttmann. A.a

.O.: Reclam 1971. S. 82

[11] Laage, K. E.: Die Schuld des Vaters in Theodor Storms Novelle „Carsten Curator“. In: STSG Bd.44. A.a.O.: Boyens 1995. S. 7

[12] Fasold, Regina: Theodor Storm. A.a.O.: Metzler 1997. S. 153

[13] Schuster, Ingrid: Theodor Storm. Die zeitkritische Dimension seiner Novellen. A.a.O.:: Bouvier 1971. S.153ff

[14] Vgl.:Altmann, Minna K.: Theodor Storm. Das Persönlichkeitsbild in seinen Briefen. A.a.O.:: Bouvier 1980. S.101

[15] Goldammer, Peter: Culpa Patris? In: Stormlektüren. A.a.O.: 2000. S. 147

[16] Vgl.: Altmann, Minna K.: Theodor Storm. Das Persönlichkeitsbild in seinen Briefen. Bonn: Bouvier 1980. S.101

[17] Vgl.: Jackson, David: Frauenopfer und Frauenverrat. Theodor Storms Novelle „Carsten Curator“. In: STSG, Bd. 48. A.a.O.:1999. S. 55

Details

Seiten
27
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638330572
ISBN (Buch)
9783638687232
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v32306
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2+
Schlagworte
Väter Söhne Storms Novellen Carsten Curator Hans Heinz Kirch

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Väter und Söhne in Storms Novellen 'Carsten Curator' und 'Hans und Heinz Kirch'