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Abschottung, Öffnung, Rebellion. Die japanischen Geschichte und ihre Darstellung im Film "Last Samurai"

Facharbeit (Schule) 2015 35 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

1. Hilfestellungen und Quellenangaben

2. Glossar

3. Problemstellung

4. Leitfragen

5. Vorgehen

6. Theoretischer Hintergrund Japan
6.1 Japan - Eine kleine geographische Landeskunde
Das Inselreich
Die Bodenbeschaffenheit
Das Klima
6.2 Japan - Ein kurzer geschichtlicher Abriss
Vorgeschichte
6.3 Abschottung Japans
6.4 Zeitalter der Isolation
6.5 Öffnung Japans und Meiji-Restauration
6.6 Satsuma-Rebellion

7. The Last Samurai - der Kinofilm
7.1 Inhaltsangabe Film
7.2 Informationen zum Film

8. Analyse - Fiktion und Wirklichkeit im Film
8.1 Vergleich der Protagonisten im Film mit historischen Persönlichkeiten
8.1.1 Nathan Algren
8.1.2 Katsumoto Moritsugu
8.1.3 Omura
8.1.4 Tenno
8.2 Szenenanalyse - Empfang beim Kaiser
8.3 Analyse - Die Rebellion der Samurai
8.3.1 Gründe
8.3.2 Verlauf
8.3.3 Ende und die Folgen
8.4 Auswertung

9. Analyse der Filmmischen Gestaltungsmittel
9.1.Die Winchestervorführung
9.2 Analyse und Interpretation des Bildinhaltes
9.3 Analyse und Interpretation der Bildgestaltung
9.3.1 Einstellungsgrösse
9.3.2 Kameraperspektive
9.3.3 Analyse und Interpretation der Lichtgestaltung
9.4 Analyse und Interpretation des Tones
9.4.1 Herkunft
9.4.2 Tonquellen

10. Zusammenfassung/ Schlusswort
10. Danksagung

11. Quellen

Anhang

1. Sequenzprotokoll

VORWORT

Lang bevor ich herausgefunden hatte, über was ich meine Arbeit schreiben soll, wusste ich es soll etwas mit Geschichte zu tun haben. Für viele andere war das unverständlich. Wieso soll man sich 20 Seiten lang über etwas abmühen, das schon längst passé ist? Ich habe da jedoch eine andere Ansicht. Geschichte passiert zwar in der Vergangenheit, aber beeinflusst unsere Gegenwart. Unsere Vergangenheit ist der Grund, weshalb die Welt so ist, wie sie ist. Wenn wir heute etwas verstehen wollen, sei es beispielsweise ein aktueller Konflikt wie der IS, reicht es nicht, die aktuelle Lage anzuschauen. Man muss in die die Vergangenheit gehen, die Ausgangssituation und Bedingungen analysieren, um etwas nur annähernd zu verstehen. Und deshalb ist Geschichte so interessant, dass ich meine Maturaarbeit darüber machen wollte.

Das Überthema war also schnell klar, meine Geschichtslehrerein als Betreuerin sagte mir auch bald zu, aber danach wusste ich nicht mehr weiter. Ideen hatte ich viele, aber richtig funktionieren wollte keine. Manche zu weitläufig, andere zu schwer genügend Informationen zu beschaffen und bei denen, die umsetzbar wären, fehlte mir das Interesse. Schlussendlich hielten meine Betreuerin und ich eine Krisensitzung ab, ein paar Stunden bevor das Thema der Arbeit abgegeben werden musste. Und plötzlich hatten wir eine perfekt auf mich zugeschnittene Idee: einen Film mit Geschichtshintergrund zu analysieren.

Filme sind wunderbar. Sie ermöglichen einem für eine kurze Zeit in eine ganz andere Welt einzutauchen. Sie lassen einem eine Geschichte hautnah erleben. Wenn man das Ganze jetzt noch mit Geschichte kombiniert und dann auch noch Japanischer, ist es so interessant, dass mir der Film auch nach dem ich ihn das zigste Mal schaue, immer noch nicht auf den Wecker geht.

So kam es, dass meine Maturaarbeit nun von der historischen Korrektheit im Film ͣLast Samurai“ handelt und ich aufzuzeigen versuche, mit welchen filmtechnischen Mitteln unsere Wahrnehmung der Story beeinflusst wird. Ausserdem ist es mir ein Anliegen, dem Leser einen Ausschnitt aus der äusserst spannenden Geschichte Japans zu vermitteln.

1. HILFESTELLUNGEN UND QUELLENANGABEN

Die Begriffe, welche hier erklärt werden, sind im Text mit einem (*) gekennzeichnet.

Buch und Internetquellen sind mit Zahlen gekennzeichnet (1,2,3͙) und im Anhang nachzulesen.

Filmquellen aus dem Film ͣLast Samurai“ sind mit der Sequenznummer gekennzeichnet (S1, S2, S3͙). Eine kurze Zusammenfassung der Szene, sowie die Zeiteinstellungen können im Anhang beim Szenenprotokoll nachgeschlagen werden. Diese beziehen sich alle auf die Originalausgabe des Films ͣLast Samurai“ von Edward Zwick präsentiert von Warner Bros. Pictures aus dem Jahre 2003 (148min).

2. GLOSSAR

Audiovisuelle Medien:

Medien, die sowohl Ton- als auch Bildinformationen vermitteln. Oft werden aber auch ausschließlich auditive oder visuelle Medien dazu gezählt.1

Rezipient:

Eine Person die etwas aufnimmt und geistig verarbeitet.2

Historienfilm:

Film, dessen Thema ein historisches Ereignis ist oder dessen Handlung in einen historischen Kontext eingebettet ist3

Tenno:

(Japanisch ͣHimmlischer Herrscher“, ursprünglich Tennƃ) Ist ein Adelstitel, welcher mit der deutschen Bezeichnung ͣKaiser“ verglichen werden kann.4

Daimyo:

(Jap., ursprünglich Daimyƃ) lokaler Herrscher, Fürst Japans5

Samurai:

(jap. ͣDienender“) Im alten Japan bewaffnetes Begleitpersonal dliger, später die Angehörigen des Kriegerstandes; seit dem 17. Jh. die oberste Klasse, aus der sich u. a. Militär, Beamte und Klerus rekrutierten. Die Samurai hatten einen strengen Ehrenkodex (Bushido) und ihr Erkennungszeichen waren zwei Schwerter.6

Bushido:

(jap. ͣWeg des Kriegers“, ursprünglich Bushidƃ) Verhaltenskodex und Ethik der Samurai.7

Boshin-Krieg:

Krieg in den Jahren 1868 und 1869 zwischen den prokaiserlichen Truppen und denen des herrschenden Shoguns. Er endete mit der Absetzung des Shoguns und der Proklamierung des Kaisers als neuer Herrscher.8

Seppuku:

Ritualisierte Japanische Art des Selbstmords. Meistens begingen Samurai Suizid, um der Gefangenschaft nach einer Niederlage zu entfliehen, seinem Verstorbenen Daimyo in den Tod zu folgen oder um nach einer Schmach die Ehre wiederherzustellen.9

3. PROBLEMSTELLUNG

Audiovisuelle Medien* sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Egal, ob in Form von Lehrfilmen, YouTube Clips oder Werbefilmen, dieses Medium spielt eine grosse Rolle in unserem Alltag. Umso erstaunlicher ist es, dass der Umgang damit im schulischen Bereich nur wenig thematisiert wird. Während die Analyse von Gedichten und Büchern, gerade auch auf Mittelschulebene, ausführlich unterrichtet und geprüft wird, taucht das Medium Film im Lehrplan nie ausdrücklich auf.10 Dies ist vor allem auch von Bedeutung, da Filme in der heutigen Zeit so unglaublich real aussehen. Dank hochauflösender Bildqualität, Spezialeffekten und talentierten Schauspielern erweckt es den Anschein, als ob die Handlungen sich wirklich so abgespielt hätten. Das mag für den Rezipienten* sehr unterhaltsam sein, jedoch muss man das Ganze auch hinterfragen. Denn gerade zum Beispiel bei Historienfilmen*, wie ͣLast Samurai“, läuft man Gefahr einen Hollywoodfilm mit einer Geschichtslektion zu verwechseln. Historische Fakten vermischen sich in solchen Filmen mit unterhaltsamen Einschüben. Den Regisseuren reicht es meist auch, dass die Zuschauer es als realistisch empfinden, anstatt zu versuchen der Wirklichkeit gerecht zu werden. So können sich bei den Rezipienten nicht fundierte Meinungen und Vorurteile bilden oder gerade in Bezug auf Historienfilme können sich falsche Bilder von Geschehnissen aus der Vergangenheit einnisten. Dies kann auch gänzlich unbewusst passieren. Genau dies ist jedoch auch der Fall in ͣLast Samurai“. Hierbei wird das Ganze verstärkt dadurch, dass mit offensichtlich historisch wahren Ereignissen gearbeitet wird und uns beispielsweise durch Einblendung exakter JahreszahlenS5 historische Korrektheit vorgegaukelt wird. Der normale Zuschauer kann nur schwer unterscheiden, wo in einem solchen Film die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion gezogen wurde.

Ein nächstes Problem audiovisueller Medien ist, dass die Handlung zwar mit der Forschung übereinstimmen kann, jedoch man aufgrund des Einsatzes filmtechnischer Mittel wie epischer Musik, spezieller Beleuchtung etc. manipuliert wird. So werden zum Beispiel aus brutalen Kriegen glorreiche Schlachten. Auch mit diesem Aspekt soll sich diese Arbeit befassen.

4. LEITFRAGEN

Die folgenden Leitfragen sollen aufzeigen, mit welchen Fragen ich mich auseinander setzen werde.

Wahrheitsgehalt: Inwiefern stimmt ͣLast Samurai“ mit den historischen Daten und Fakten überein?

- Gab es die Hauptfiguren und die Hauptereignisse in echt? Wenn ja, wie stark passen sie aufeinander?
- Stimmen die Ereignisse zeitlich mit den historischen Daten überein?
- Wie steht es um die Details? Zum Beispiel mit der Hintergrundkulisse, den Waffen etc. die im Film gezeigt werden?

Filmische Gestaltungsmittel:

- Mit welchen Mitteln wird unsere Meinung zur Handlung im Film manipuliert?
- Was für eine Wirkung erzielen diese?

Nebenfragen:

- Was sind die historischen Grundlagen? (Geschichte Japans: Samurai, Isolierung Japans, Meiji Restauration)
- Wer hat den Film gemacht? Was waren die Intentionen? Welche Erfolge erzielte er?

5. VORGEHEN

Meine Arbeit wird in drei Teile aufgeteilt sein. Den theoretischen Hintergrund, die Analyse der historischen Korrektheit und als letztes kommt die Analyse der filmtechnischen Mittel.

Mit dem theoretischen Teil soll dem Leser das nötige Wissen einerseits über Japan geographisch, sowie auch geschichtlich und anderseits über den Film ͣLast Samurai“ vermittelt werden. Dabei soll der theoretische Text nicht nur das nötiges Wissen zum Verständnis der folgenden Analyse liefern, sondern auch dem Leser einen Einblick in die Geschichte Japans geben.

Beim zweiten Teil geht es darum herauszufinden, was Fiktion und was Wahrheit im Film ist. Diese Analyse ist wiederum in drei Teilschritte aufgeteilt. In einem ersten Schritt sollen die Hauptcharaktere auf ihren historischen Hintergrund geprüft werden. Danach folgt die Analyse der im Film dargestellten Rebellion der Samurai und abschliessend eine detaillierte Untersuchung einer einzelnen Szene. Die Analyse erfolgt durch den Vergleich zwischen dem Film und dem heutigen Wissen zur damaligen Zeit. Das nötige Wissen wird aus Büchern, Filmen und dem Internet geholt.

Beim letzten Teil soll dem Leser gezeigt werden, wie mit filmischen Mitteln auf unsere Auffassung und unser Verständnis von der gezeigten Story Einfluss genommen wird. Dazu dient eine Analyse einer einzelnen Szene auf den Bildinhalt, die Bildgestaltung sowie die Tonebene. Zudem sollen auch die Aufgabe und Wirkung dieser drei Elemente im Allgemeinen beschrieben werden.

6. THEORETISCHER HINTERGRUND JAPAN

6.1 JAPAN - EINE KLEINE GEOGRAPHISCHE LANDESKUNDE

DAS INSELREICH

Der Inselbogen Japan besteht aus vier Hauptinseln und knapp 7000 kleinen Inseln. Diese entstanden durch das Zusammendriften von tektonischen Platten vor Millionen von Jahren.11 Im Vergleich zu seinen Nachbarn im Westen, China und Russland, wirkt es klein und unscheinbar. Nach europäischem Massstab sieht es jedoch ganz anders aus, denn Japans Fläche ist vergleichbar mit derjenigen Deutschlands.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Geographische Karte Japans

DIE BODENBESCHAFFENHEIT

Japan besteht zu Dreivierteln aus Gebirgen. Der resultierende Mangel an nutz- und fruchtbaren Flächen führte schon früh dazu, dass diese Flächen dicht besiedelt waren. Auch führte der Mangel an gutem Boden immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Daimyos*. Angebaut wurde meist das seit jeher für die Japaner wichtigste Grundnahrungsmittel Reis. Die monsunartigen Niederschläge, besonders im Frühjahr, bieten ideale Bedingungen.12

DAS KLIMA

Da sich das Inselreich über viele Breitengrade erstreckt, weist es grosse klimatische Unterschiede auf. Vom subpolaren Norden, in dem man im Winter mit jeweils zwei bis drei Monaten Schnee rechnen muss, erstreckt sich der Inselbogen über eine mediterrane Zone mit immergrünen Laubwäldern bis zu subtropischen Verhältnissen im Süden. Es ähnelt damit stark Europa, vor allem da auch Japans Klima durch einen warmen Meeresstrom gemildert wird.13

6.2 JAPAN - EIN KURZER GESCHICHTLICHER ABRISS

VORGESCHICHTE

Bis zur letzten Eiszeit vor ca. 10‘000 Jahren war Japan durch Landbrücken mit dem Festland verbunden. Die Menschen besiedelten das Land und lebten als Jäger und Sammler. Mit der Einführung des fortschrittlichen Reisanbaus und Handwerks um 500 v. Chr. wurden die Leute sesshaft. Mit der Zeit wurde der erste japanische einheitliche Staat begründet. Dessen Herrscher, der Tenno*, verstand sich bereits damals als Abkömmling der Sonnengöttin.14 Es entwickelte sich die ͣShinto“-Religion, die an mehrere Naturgötter glaubt und heute noch vermischt mit dem Buddhismus die Hauptreligion darstellt.15 Ab 600 n. Chr. beeinflusste der grosse Nachbar China, welcher inzwischen zu einer Hochkultur aufgestiegen war, Japan stark. So importierte man einerseits den Buddhismus, aber auch die Schrift (leicht abgeändert) und auch das Handwerk. Ab dem 10. Jahrhundert verlor der Kaiser an Macht, dafür stiegen die Shogune auf. Nebenbei etablierte sich die Kriegerklasse, die Samurai. Im 13. Jahrhundert, als der grösste Teil Asiens von den Mongolen besetzt wurde, hatte Japan grosses Glück. Zwei Male zerstörten Taifune die herannahende Flotte.16

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Samurai erledigen die letzten Mongolen, 1281

6.3 ABSCHOTTUNG JAPANS

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts verstärkte sich der Zwiespalt zwischen den konventionellen Japanern und den konvertierten Japanern, welche mit dem Westen sympathisierten. Es kam vermehrt zu kriegerischen Zwischenfällen und Erlass fremdenfeindlicher Edikte. Nach einem nur mit grosser Not niedergeschlagenen Aufstand der christlichen Landbevölkerung war es dann 1639 sogar soweit, dass alle Ausländer vertrieben worden waren, der Handel sehr stark eingeschränkt sowie ein Ein- und Ausreiseverbot für Japaner eingeführt worden war. Nur noch den Holländern war es gestattet, Japan anzusegeln, um zu handeln und Information auszutauschen. Die Regierung wollte mit der Abschottung erreichen, dass die eher fremdenfreundlichen Gebiete im Westen nicht mächtiger werden konnten. Denn durch den Überseehandel häuften sie Reichtum an und die Regierung fürchtete eine anfällige Auflehnung der dortigen Daimyos gegen sie. Zudem sollten die Menschen vom Christentum loskommen, welches sich immer grösserer Beliebtheit erfreute und dessen Ansichten nicht mit denen des Shoguns übereinstimmten. So war zum Beispiel der Papst die höchste Instanz der Katholiken anstelle des Shoguns. Die Christen im Land, das waren Anfang des 17. Jahrhunderts 700'000 bis 800'000, wurden verfolgt. Wer auch nicht unter Folter von seinem Glauben abschwor, wurde schonungslos getötet. Man nimmt an, dass dabei 280'000 Menschen zum Opfer fielen.17

6.4 ZEITALTER DER ISOLATION

Die Isolation Japans vom Ausland dauerte von Beginn des 17. Jahrhunderts bis Mitte des 19. Jahrhunderts. Mit Ausnahme der Christenverfolgung ist es als friedliches Zeitalter zu beschreiben. Denn während der rund 250 Jahre gab es ansonsten kaum kriegerische Auseinandersetzungen. Die Shogune verstanden sich darauf, das Gesetz in allen Belangen genau zu definieren, um Streitigkeiten zu vermeiden. Ausserdem wurde ein starkes Heer gebildet und die Lehnsherren, die Daimyos, stark überwacht. Es wurde verfügt, dass jeder Daimyo maximal ein Jahr in seiner Provinz verbleiben durfte, und dann ein Jahr in der Hauptstadt Edo, dem heutigen Tokyo, zu verbringen hatte. Dies war so kostspielig für die Daimyos, dass sie sich keine Kriege mehr leisten konnten. Ausserdem verhinderte es, dass die Daimyos sich von der Regierung abwandten. Zu dieser friedlichen Zeit nahm die Bevölkerung stark zu. Verstädterung und Industrialisierung kamen auf. Auch gewannen die Händler allmählich an Wohlstand und Bedeutung. Die Abschottung und die Regierung durch einen Polizeistaat hatten jedoch auch ihre Schattenseiten. Die kulturelle Entwicklung, die durch den Austausch mit dem Westen ins Rollen gebracht worden war, stagnierte nun. Und obwohl das japanische Handwerk auf einem hohen Level war, hinkten die Japaner in manchen Bereichen dem Abendland hinterher. Gerade beim Militär und der Massenanfertigung wurden durch die Isolationspolitik wichtige technische Fortschritte unterbunden, was später noch zu grossen Problemen führte.18

6.5 ÖFFNUNG JAPANS UND MEIJI-RESTAURATION

Der Zusammenbruch des alten Systems hatte viele Ursachen. Zum einem war die Kriegerschicht in der Friedenszeit eine grosse wirtschaftliche Last für die Bevölkerung. Die Kriegerschicht selber hingegen verarmte auch, da sie durch das feste Ständesystem nur in der Verwaltung arbeiten durfte. Die Händlerschicht war unzufrieden mit ihrer Lage, da sie zwar gut situiert war, jedoch sozial nur einen geringen Wert zugesprochen bekam. Naturkatastrophen und Hungersnöte verschlimmerten die Lage noch. Als dann die Amerikaner 1853 mit vier dampfbetriebenen Kanonenbooten der U.S. Navy Japan ihre militärische Überlegenheit demonstrierten, um Japan Verträge aufzudrängen, wussten sich die Regierenden nicht zu helfen. Es war eine Schmach und die Kritik am Shogun wurde immer lauter. Schlussendlich wurden die Verträge mit der USA angenommen. Die Verträge fanden jedoch nicht auf

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Die Ankunft des Commodore Matthew Perry, 1853

Augenhöhen statt. So wurde zum Beispiel erzwungen, dass die Festlegung der Zölle nicht von den Japanern bestimmt wurde, weswegen Japan schon bald von billigen westlichen Produkten überschwemmt wurde. Oder es wurden den Ausländern exterritoriale Rechte eingeräumt. Die Ausländer mussten sich demnach nur an ihre eigenen Gesetze halten. Bald darauf vereinbarten auch europäische Imperialmächte ähnliche Verträge. Diese sogenannten ͣUngleichen Verträge“ trafen vielerorts auf starke Ablehnung im Volk. Das Vertrauen und die Autorität des Shoguns bröckelten weiter. Die konservativen Fürstentümer Satsuma und Choshu, auf die der Shogun aufgrund der grossen Entfernung nur kleinen Einfluss hatte, rebellierten und besiegten dank westlicher Unterstützung die Truppen des Shoguns. Infolge dieses sogenannten Boshin-Krieges* kam es zu einem Machtwechsel an der Spitze Japans. Anfang des Jahres 1868 wurde die Restauration der Macht des Kaisers proklamiert. Erstmals seit Hunderten von Jahren war der Tenno wieder alleiniger Herrscher Japans. Der Kaiser namens "Mutsuhito" war jedoch erst 16 Jahre alt und hatte keine Erfahrung in Politik. So wurden die Angelegenheiten hauptsächlichen von seinen Ministern geführt, die sich hauptsächlich aus den siegreichen Anführern des Boshin-Krieges zusammensetzten.19

Seine Minister verfolgten eine gänzlich neue Politik, welche als Meiji-Reformen in die Geschichte eingingen. Es wurden dringend notwendige Reformen in allen Bereichen des öffentlichen Lebens umgesetzt. Japan richtete sich nach dem Westen aus. Die Regierung reformierte das Bildungssystem, die Industrie und Armee, verhandelten neu über die Verträge mit dem Ausland uvm. 1889 wurde abschliessend eine gänzlich neue Verfassung verkündet20 „͙das Wissen aus aller Welt zu nutzen sei für das Gedeihen der Herrschaft des Tennƃ“ - 5. Artikel der Eidescharta der neuen Regierung, 186821

6.6 SATSUMA-REBELLION

Die Satsuma-Rebellion ging als letzter grosser Aufstand gegen die neue kaiserliche Zentralregierung in Japan ein. Sie begann im Januar des Jahres 1877 und endete im September desselben Jahres in der Schlacht von Shiroyama. Der Führer der Rebellion war Saigo Takamori.22

Saigo Takamori, der mit seinem Jugendfreund Okubo Toshimichi Hauptverantwortlicher im Kampf gegen den letzten Shogun und bei der Wiedereinsetzung des Kaisers war, wurde zu einem erbitterten Feind der Regierung. Obwohl er nach dem Sieg 1873 wichtige politische Ämter zugesprochen bekommen hatte, konnte er sich damit nicht anfreunden. Er sah der Öffnung und Modernisierung Japans nicht gleich optimistisch entgegen wie seine Ministerkollegen. Besonders entwürdigend empfand er die Behandlung der Samurai. Nach der Einfuhr der allgemeinen Wehrpflicht wurden die Samurai bedeutungslos und viele verarmten. So kam es, dass Saigo sich 1874 aufs Land zurückzog. Dort baute er Ausbildungsstätten für junge Krieger, welche zu Auffangbecken für Enttäuschte des neuen Systems wurden. Auch die neuen Regeln von 1876 missachtete man, welche das Tragen von Schwertern und Zöpfen verboten. Diese waren bis dahin die sichtbaren Insignien der Sonderstellung der Samurai gewesen.

Als 1877 die Regierung ein Waffendepot räumen liess, kam es zu tödlichen Kämpfen. Als kurz darauf auch noch angeblich ein Attentäter, der es auf Saigos Leben abgesehen hatte, entlarvt wurde, mobilisierten sich Saigos Anhänger zu einem Aufstand. Im Februar 1877 zogen rund 30'000 Rebellen los, um für die alten Privilegien und gegen die verhassten Erlasse zu kämpfen. Die Truppen, welche Okubo schickte um seinen alten Freund zu schlagen, waren nicht nur zahlenmässig überlegen, sondern vor allem auch viel besser ausgerüstet. Deshalb schaffte es die Rebellenarmee nicht, in ihrer ersten Offensive eine strategisch wichtige Burg einzunehmen. Später im März, in der ersten grossen Feldschlacht gegen die Regierungstruppen, mussten sie sich nach drei Wochen in die Berge zurückziehen.23 Die kaiserlichen Truppen trieben die Aufständischen vor sich her, bis sie die letzten 3000 Überlebenden einzukreisen schafften. 300 Krieger, unter ihnen auch Saigo, konnten sich auf den Hügel von Shiroyama flüchten und verschanzen. Er selbst war jedoch schwer an der Hüfte verletzt. Laut Legende beging er daher Selbstmord, um der Entehrung durch eine Gefangenschaft zu entgehen. Die Überlebenden ritten mit gezückten Schwertern Richtung Gegner und somit in ihren sicheren Tod. Das war das Ende des letzten grossen Kampfes der Samurai.24

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Satsuma-Samurai in den 1860er Jahren

7. THE LAST SAMURAI - DER KINOFILM

7.1 INHALTSANGABE FILM

Die Geschichte spielt in den Jahren 1876 und 1877 zuerst in Amerika, anschliessend in Japan. Sie handelt vom amerikanischen Kriegsheld Captain Nathan Algren (Tom Cruise). Dieser wird von seiner Erinnerung an die Gemetzel unschuldiger Indianer heimgesucht. Traumatisiert ertränkt er seine Sorgen in Alkohol. Die Japaner offerieren ihm dennoch einen gut situierten Job als Ausbildner ihrer Soldaten. Algren nimmt ihn an und reist nach Japan, das mit der Modernisierung nach westlichem Vorbild gerade erst begonnen hat. Manchen Samurai geht der Wandel jedoch zu schnell und sie rebellieren dagegen. Gegen seinen Rat muss Algren seine noch unerfahrenen kaiserlichen Soldaten in die Schlacht gegen diese Aufständischen führen. Die japanischen Soldaten werden dabei überrannt. Algren bleibt dank dem Anführer der Samurai Katsumoto (Ken Watanabe) am Leben, wird aber als Gefangener in das Heimatdorf der Samurai mitgeschleppt. Dort lernt er ihre Kultur und Werte kennen und mit der Zeit auch zu lieben. Er kommt von seiner Alkoholsucht los und findet neuen Sinn in seinem Leben. Daraufhin entscheidet er sich an der Seite der Samurai zu kämpfen. In einer letzten grossen Schlacht wird über das Schicksal Japans entschieden. Da die traditionellen Samurai den gut ausgerüsteten Regierungstruppen nicht gewachsen sind, bleibt Algren als einer von wenigen am Leben. Durch die Stärke, welche die Samurai zeigten und den Opfertod den sie eingegangen waren, wird der japanische Kaiser dazu animiert, sich gegen seine eigennützigen Minister zu erheben. Er schaltet sie aus und verspricht von nun an mehr für das Volk und die japanischen Traditionen einzustehen.25

Um einen tieferen Einblick in den Film zu bekommen, empfehle ich den Film anzuschauen. Eine Auflistung der Handlung in den einzelnen Szenen ist im Szenenprotokoll im Anhang zu finden.

7.2 INFORMATIONEN ZUM FILM

The Last Samurai erschien im Jahre 2003. Das Drehbuch kam aus der Feder von John Logan, der bereits durch Filme wie Gladiator sein Können unter Beweis gestellt hatte. Auch der Rest der Crew ist hochkarätig, mit Edward Zwick als Regisseur, Hans Zimmer zuständig für die Musik und als Protagonisten Ken Watanabe und natürlich dem Hollywoodstar Tom Cruise. Selbst für die Nebencharaktere wurden bekannte Gesichter gewählt, auch wenn man diese hauptsächlich nur in Japan kennt. Mit einem Budget von 140 Millionen US-Dollar fehlte es auch nicht an den nötigen Mitteln.26 Gedreht wurde der Film dann jedoch hauptsächlich in Neuseeland, manches auch in den Filmstudios Kaliforniens.27 Nur wenige Stellen drehte man in Japan selbst. Der Erfolg des Filmes ist unbestreitbar. Der Film spielte allein in den Kinos rund 457 Millionen US-Dollar ein. Zahlen, die den Erlös aus den DVD-Verkäufen aufzeigen, gibt es leider nicht zu finden. Interessant ist jedoch, dass der Film nur etwa einen Viertel seiner Einnahmen in den USA verbuchte.28 In Japan und Europa traf er auf mehr Interesse. Spannend ist das im Zusammenhang, weil die Vereinigten Staaten im Film eher negativ dargestellt werden. Generell waren die Kritiken sehr durchmischt, wobei der Film in der japanischen Presse bessere Kritik erhielt.

[...]


1 https://glossar.ub.uni-kl.de/begriff606, Audiovisuelle Medien, (2.12.2015).

2 Vgl. http://de.thefreedictionary.com/Rezipientin, Rezipient, (2.12.2015).

3 http://www.duden.de/rechtschreibung/Historienfilm, Historienfilm, (2.12.2015).

4 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Tennƃ, Tenno, (2.12.2015).

5 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Daimyƃ, Daimyo, (2.12.2015).

6 Vgl. http://www.enzyklo.de/lokal/40014, Samurai, (2.12.2015).

7 Vgl. http://www.welt-der-samurai.de/bushido.html, Der Weg des Kriegers, (2.12.2015).

8 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Boshin-Krieg, Boshin Krieg, (2.12.2015)

9 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Seppuku, Seppuku, (2.12.2015)

10 ) Vgl. Lehrplan für das Gymnasium im Kanton St. Gallen 2008/10, erlassen vom Erziehungsrat, 2006, S.12-17, 70-74.

11 ) Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Japan, Japan, (28.11.2015).

12 ) Vgl. Prof. Dr. Pantzer, Peter: Samurai, Bd. 94, Was ist Was, 2006, S.6.

13 ) Vgl. Ebd. Pantzer, Samurai, S.6.

14 ) Vgl. http://www.helles-koepfchen.de/artikel/3455.html, Felicia Chacón Díaz & Björn Pawlak: Die Geschichte Japans - Das Inselreich von der Frühgeschichte bis zur Gegenwart, (28.11.2015).

15 ) Vgl. https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Grundbegriffe/Shinto, Scheid, Bernhard: Shinto - Versuch einer Begriffsbestimmung, (28.2015).

16 ) Vgl. Díaz & Pawlak: Japan - das Inselreich von der Frühgeschichte bis zur Gegenwart, helles-koepfchen, (28.11.15).

17 ) Vgl. Inoue, Kiyoshi: Geschichte Japan, 2003, S.208-221.

18 ) http://universal_lexikon.deacademic.com/255352/Japan_in_der_Isolation__(1603_bis_1868_)%3A_Das_Schogunat_der_Tokugawa, Prof. Dr. Müller, Klaus: Japan in der Isolation \(1603 bis 1868\): Das Schogunat der Tokugawa, (29.11.2015).

19 ) Vgl. Inoue, Kiyoshi: Geschichte Japan, 2003, S.285-317.

20 ) Vgl. Unter Leitung von Schaper, Michael, Das kaiserliche Japan, Geoepoche, 2006. S.128-129, 134.

21 ) Inoue: Geschichte Japan, S.318.

22 ) Vgl. Inoue: Geschichte Japan, S.359.

23 ) Vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/Satsuma_Rebellion, Satsuma-Rebellion, Englisch, (28.11.2015).

24 ) Vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/Battle_of_Shiroyama, Battle of Shiroyama, Englisch, (28.11.2015).

25 ) Vgl. DVD Last Samurai, Originalausgabe, Regisseur Edward Zwick, Warner Bros. Pictures, 148min. 26) Vgl. www.boxofficemojo.com/movies/?id=lastsamurai.htm, The Last Samurai, (28.11.2015). 27) Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Last_Samurai, Last Samurai, Englisch, (28.11.2015). 28) The Last Samurai, boxofficemojo, (28.11.2015).

Details

Seiten
35
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668229570
ISBN (Buch)
9783668229587
Dateigröße
1.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v323101
Note
5.0
Schlagworte
abschottung öffnung rebellion geschichte darstellung film last samurai

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