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Der Bildungsbegriff und seine Abhängigkeit vom Nutzen

Eine Kritik der ökonomischen Bewertung des Studiums

Essay 2015 11 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Das größte Problem in der Diskussion um Bildung liegt in ihrer Bewertung. Nicht in der Bewertung an sich, denn das der Bildung ein Wert zugewiesen werden kann soll noch gezeigt werden, sondern in der Richtung aus der diese Bewertung kommt. Das kleine Wort „um“ bekommt in diesem Zusammenhang eine herausgehobene Bedeutung. Auf die Frage danach, was Bildung ausmache, wird zumeist eine Nutzenhypothese generiert. In allen Stationen des Lernens erscheint Bildung als ein Mittel oder als Zweck, den es zu erfüllen gilt. Schüler gehen zur Schule um zu lernen. Doch nur wenige würden sagen, dass sie das allein um des Lernens Willens tun. Letztlich sollen die Schüler lernen um danach eine Ausbildung beginnen oder um studieren zu können, um selbstständig zu werden, um ihr Leben selbst führen zu können und gleichzeitig zu erfahren, was von ihnen verlangt wird. Nämlich ihr erlangtes Wissen auch wiedereinzusetzen, zum eigenen und zum Nutzen Anderer. Nur maximal als Zwischenschritt erscheint hier die Bildung um ihrer selbst willen. Ebenso erscheint es im Studium. Die Studierenden sollen eigenen Interessen folgen, ihr Fach so tief es geht verstehen, aber auch daneben Erfahrungen sammeln. Und am Ende „qualifiziert“ sein, qualifiziert genug um ihr Wissen, ihre Bildung auf dem Arbeitsmarkt verwerten zu können. Die Universität soll forschen, soll neues entdecken, Innovationen hervorbringen. Und dabei möglichst wenig Geld brauchen und einen maximalen Out-Put generieren. Dieser manifestiert sich indirekt in Form der ausgebildeten Studierenden, die ihr Können für die Wirtschaft und die Gesellschaft einsetzen und auch direkt in der praktischen Umsetzung des an der Universität entwickelten.

In keiner der drei genannten Stationen, die zumal ausschließlich den institutionalisierten Bereich der Bildung einschließen, spielt es eine große Rolle was Bildung eigentlich sei, welches Wesen sie habe. Das „um zu“ bekommt eine größere Bedeutung als das „was“. Durch die Einführung des Bachelor- und Mastersystems hat sich dieses nicht geändert. So wurde auch hier nicht von der Bildung aus gedacht, sondern gewissermaßen am anderen Ende begonnen. Es entsteht der Eindruck, dass es dieses Endes, eines Nutzen der Bildung bedarf um die Bildung an sich zu legitimieren. Doch dadurch wird der Begriff der Bildung mit einem Ziel erklärt, ohne dass gesichert ist, dass die Bildung an sich überhaupt ein Ziel oder einen Nutzen brauche. Dieser Essay soll zeigen, wie Bildung auch anders gedacht werden kann und welche Auswirkungen ein anderes Bildungsverständnis für das (Selbst) -Bild der Studenten und Studentinnen und schließlich für die Gesellschaft aufweist.

Als Manifestierung der Nutzenhypothese hat sich das Unwort employability verbreitet. Mit seiner Hilfe lassen sich vielerlei Reformen und Maßnahmen in der Bildungspolitik rechtfertigen. Doch der Begriff schränkt Bildung zwangsläufig auf ein Minimum ein und vergisst zusätzlich den wichtigsten Faktor: den Menschen selbst. Wer Bildung allein als Mittel denkt, der hebt sie auf den selben Status wie Geld und macht aus ihr einen fiktiven Tauschwert. Wilhelm von Humboldt macht in seinem Aufsatz „Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin“[1] deutlich, dass Nutzendenken und ökonomische Interessen der Universität schaden und dem eigentlichen Ziel der Bildung sogar entgegen wirken. Dieses liegt nach ihm in nicht in der Anhäufung von Wissen, sondern stellt einen Selbstzweck dar. Bildung ist persönlich angelegt und geht mit der Charakterbildung einher, die schließlich im Handeln des Einzelnen zu Tage tritt. Diese Bildung eignet sich der Mensch in freier Entfaltung und im geistigen Zusammenwirken mit Anderen an. Der Staat darf sich in diesen Prozess nicht einmischen, sondern muss lediglich die (auch ökonomischen) Rahmenbedingungen zur Verfügung stellen und in diesem Sinne die Universität, als Raum des Austausches, stärken. Über die Verwendung ihrer Mittel soll die Universität weitreichend selbst bestimmen. Wenn heute allerdings von der Selbstbestimmung der Universitäten gesprochen wird, wird ein fataler Fehler begangen. Auf Grund der chronischen Unterfinanzierung durch den Staat ist die Wissenschaft auf Gelder aus der Wirtschaft angewiesen. Diese Bindung kann nicht einher gehen mit der freien Entfaltung der Bildung. Schon Humboldt legte die Grundlage für eine Unterscheidung zwischen Ausbildung, als zielgerichtetem und vorstrukturiertem Prozess, und Bildung als fortwährendem, individuellem Prozess. In der Schule soll vor allem das Streben des Schülers nach mehr Wissen angeregt werden, und deshalb bedarf es hier gewisser Rahmenbedingungen und auch eines strikteren Lehrplans. An dieser Stelle besteht noch ein Unterschied zwischen Schülern und Lehrern. An der Universität wird dieser gewissermaßen aufgehoben, da auch die Dozenten durch den Austausch mit den Studierenden fortwährend und besser lernen, als alleine an ihren Schreibtischen. Nach der Humboldtschen Idealvorstellung von Bildung hat diese keinen (primär) ökonomischen Nutzen. Doch es lässt sich ein damit nicht identischer gesamtgesellschaftlicher Nutzen ablesen. Die Herausbildung des guten Charakters und das Zusammenwirken der einzelnen Akteure im Bildungsbereich hat einen direkten Effekt auf die Entwicklung der Gesellschaft (und einen indirekten auf die Wirtschaft).

Die Schwierigkeit des Bildungsbegriffs liegt vor allem in seiner Vielschichtigkeit. Bildung ist sowohl ein Ziel, als auch ein Prozess. Und auch das Ziel und der Prozess lassen sich jeweils weiter ausdifferenzieren. So ist das Erlangen von Wissen nur ein Teil des Zieles., zumal ein schwieriger, da er sowohl selbst-, als auch fremdbestimmt sein kein. Dies beeinträchtigt entscheidend die Gründe und auch die Wege zum Erlangen dieses Wissens. Der einfachste, und wohl auch faszinierendste Grund ist die kindliche Neugier, verbunden mit dem Wunsch die Welt um sich herum zu verstehen. Diese Form der Bildung ist zugleich die grundlegende und alle anderen bauen darauf auf oder setzen sie fort. Die Menschen bilden sich, in dem sie sich ein Bild von den Dingen machen, Verknüpfungen herstellen, Gründe erörtern und nach Orientierung im Einklang mit der eigenen, wiederum wandelbaren, Persönlichkeit suchen. Georg Simmel erklärt das Zusammenwirken in der sozialen Welt als Wechselwirkungen zwischen Individuen. Nach diesem Prinzip ist der Gegenstand des Wissens allein noch keine Bildung, er wird es erst in der Wechselwirkung mit anderen Gegenständen, Theorien und vor allem durch die Wechselwirkung zwischen Individuen und Gruppen in Bezug auf diesen Gegenstand, sowie durch die praktische Umsetzung dieses Prozesses im Handeln. Es wird deutlich, dass Bildung vieles sein kann. Was sie jedoch keinesfalls ist, ist statisch, da Ziel und Prozess untrennbar miteinander verknüpft sind. Damit ist ein wesentliches Kennzeichen des Wesens der Bildung, sofern man diesen vielfach uneindeutig verwendeten Begriff nutzen möchte, beschreiben.

Gleichzeitig entspringt an diesem Punkt auch ein weiterer großer Irrtum in Bezug auf die Bewertung von Bildung. Diese ist immer qualitativ und deshalb niemals quantitativ messbar. Beziehungsweise hat die quantitative Messweise, beispielsweise durch die Vergabe von Noten, keine Aussagekraft, da diese sich in ihren Begründungen auf Kriterien bezieht, die so keine Aussagekraft haben oder diese spätestens durch die Fixierung in Zahlen eliminieren. Werner Hamacher nennt dieses eine „Wertung ohne Wert“[2] und kritisiert damit die Wertung um der Wertung selbst willen als Ausdruck einer Fokussierung auf Marktwerte an Stelle von Inhalten und Erkenntnis. Nach Hamacher ist die Bildung bzw. das Studium mit den Begriffen der Konkurrenz und Verwertbarkeit unvereinbar. Aktuelle und vorangegangene Reformen, die eine Passung des Studiums an den Arbeitsmarkt zum Ziel haben, führen somit nach ihm letztlich zu einer Unbrauchbarkeit des Studiums, da dieses nach falschen Werten organisiert ist. Dieses Urteil ist hart, aber es trifft den Kern einer Entfremdung von Bildungssystem und Bildung.

[...]


[1] Vgl. Humboldt, Wilhelm von : Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin. In: Was ist Universität? Texte und Positionen zu einer Idee, Zürich: Diaphanes 2010, S. 95- 103.

[2] Hamacher, Werner: Freistätte. Zum Recht auf Forschung und Bildung. In: Horst, Johanna- Charlotte et al. (Hrsg.): Was passiert? Stellungnahmen zur Lage der Universität. Zürich: Diaphanes 2010. S. 217-247, S. 230.

Details

Seiten
11
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668223721
ISBN (Buch)
9783668223738
Dateigröße
383 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v323251
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Philosophisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Bildungsbegriff Ökonomisierung Universität Nutzen Bildungsphilosophie humanistische Bildung Messbarkeit

Autor

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Titel: Der Bildungsbegriff und seine Abhängigkeit vom Nutzen