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Sprachsensible Aufbereitung des Märchens "Die Sterntaler" (Deutsch, 7. Klasse)

Hausarbeit 2016 21 Seiten

Deutsch - Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Textuelle Analyse

3 Vorschläge zur Verwendung des Märchens im Unterricht
3.1 Pre-reading activities – Aktivierung von Vorwissen
3.1.1 Verfahren der Textentlastung
3.2 while-reading activities – Förderung des Lesefähigkeit
3.2.1 Explizite Spracharbeit
3.3 post-reading activities – Förderung der Schreibfertigkeit und Sprachproduktion

4 Möglichkeit der Förderung von Sprachbewusstheit

5 Fazit

6 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

In der vorliegenden Arbeit soll ein Vorschlag erarbeitet werden, auf welche Weise das Märchen Die Sternthaler der Gebrüder Grimm im sprachsensiblen Deutschunterricht Verwendung finden kann. Als potentielle Zielgruppe wird hierbei von Schülern[1] einer heterogen zusammengesetzten 7. Klasse einer Berliner ISS ausgegangen, deren „sprachliche Leistungen hinter dem ‚für ihr Alter Ewartbarem‘ […] zurückbleiben“[2] und auf deren Bedürfnisse durch adaptierte Aufgaben eingegangen werden soll. Die Sterntaler wird dabei in eine fiktive Unterrichtsreihe zum Thema ‚Märchen‘ eingebettet, wobei vorausgesetzt wird, dass Charakteristika des Genres bereits bekannt sind und den Materialen, die innerhalb der vorliegenden Arbeit entwickelt werden, ein exemplarischer Charakter zuteilwird.

Märchen eignen sich allgemein in diversen Klassen- und Niveaustufen zur Reflexion vielschichtiger Aspekte; das gewählte Märchen im Besonderen bietet aufgrund seiner Kürze und sich wiederholenden Struktur die Möglichkeit, inhaltliche wie auch sprachliche Besonderheiten effizient zu entschlüsseln. Darauf aufbauend können Merkmale wie Sprachwandel, rhetorische Mittel, Gattungs- und Textkriterien aber auch gesellschaftliche und religiöse Wertvorstellungen erarbeitet werden. Das Mädchen in Die Sterntaler hat weder irdische Besitztümer noch eine Familie, die es beschützen oder unterstützen könnte; einzig Gottvertrauen und damit seine Gutmütigkeit sind ihm geblieben. Diese Konstellation ermöglicht Schülern neben einer Reflexion über die Protagonistin auch das Reflektieren ihres eigenen Wertekanons und kann darüber hinaus auch einen aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussionsanlass bieten.

Der Text kann sowohl in seiner 1812 veröffentlichten Form als auch in überarbeiteten[3] sowie diversen graduell adaptierten Varianten aus dem Internet bezogen werden. Die didaktische und sprachliche Aufbereitung des Textes ist somit der Lehrkraft überlassen. Als Basis dieser Arbeit wurde sich für den 1857 in der siebenten Auflage der Grimm‘schen Kinder- und Haus-Märchen erschienen Text entschieden, der lediglich an die neue deutsche Rechtschreibung angepasst wurde. Einerseits ist dies der Authentizität des Märchentextes zuträglich und die archaischen Strukturen sollen als Anlass dienen, eben diese mit modernen und ggf. interlingual zu vergleichen. Andererseits ergeben sich aus dieser Vorlage sprachliche Besonderheiten, die eine gesonderte Aufarbeitung nötig macht; diese werden im nachfolgenden Kapitel näher dargestellt.

Die Auseinandersetzung mit Die Sterntaler soll zunächst das Lesen und Verstehen des fiktionalen Textes fördern[4] und darüber hinaus für sprachliche Strukturen und ihre Funktion im Deutschen sensibilisieren[5], um dies sukzessiv selbstständig bei der Begegnung mit anderen Texten anwenden zu können. Ebenfalls dauerhaft soll dadurch eine Lesemotivation gefördert werden, die zum eigenständigen (kritischen) Auseinandersetzen mit Texten führt. Auf der Basis der Lesekompetenz soll dann das Einordnen und Reflektieren der Handelnden ermöglicht werden und ggf. mit der eigenen Lebenswelt der Schüler abgeglichen werden. Die theoretischen erworbenen Gattungskenntnisse sollen anhand des Märchentextes weiterhin vertieft werden[6] ; durch eine abschließende Transformation des Textes sollen Schüler zuvor erlernte Charakteristika bewusst deuten[7] und neu formulieren[8].

Im Folgenden sollen die besonderen Herausforderungen, die Die Sterntaler mit sich bringt, analysiert werden. Für jene sollen anschließend Möglichkeiten der Übung im Unterricht benannt sowie passende Aufgaben konzipiert werden. Diese sind für die speziellen Anforderungen des jeweiligen Prozesses spezifiziert; der dadurch angestrebte Mehrwert soll ebenfalls kurz erläutert werden. Abschließend erfolgen Ausblick und ein reflektierendes Fazit.

2 Textuelle Analyse

Das Märchen ist durch seinen archaischen Stil sowohl auf lexikalischer wie auch grammatikalischer Ebene geprägt. Dominant sind einerseits die in der Alltagssprache selten vorkommenden Imperfektformen sowie einige ebenfalls ungebräuchliche Ausdrücke, die zum Teil noch als Diminutive auftreten. Für eine nähere inhaltliche Auseinandersetzung müssen diese in ihrer Bedeutung geklärt werden; da diese Stilistik charakteristisch für das Genre Märchen ist, in geschriebenen Erzeugnissen jedoch weniger häufig und in den meisten mündlichen Kontexten nur sehr selten auftritt, ist es nicht notwendig, dies explizit üben zu lassen.

Die Sterntaler bietet eine klare Struktur: Einleitung, Hauptteil und Schluss sind -durch Absätze begünstigt- schnell ersichtlich, während die inhaltliche Wiederholung der Geschehnisse im Hauptteil die Klimax der Handlung vorantreiben. Dabei werden auch grammatikalische Strukturen teilweise parallel konstruiert, was einerseits eine Übung eben dieser gewährleistet, andererseits die Dekodierung sprachlicher Einzelphänomene erleichtert. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Text wird so begünstigt und einzelne Stilelemente können diskutiert werden.

Die formal einfache Gliederung des Märchens wirkt Schwierigkeiten beim Verständnis entgegen, das häufige Vorkommen von insbesondere Relativpronomina macht eine dezidierte Auseinandersetzung mit diesen aber unumgänglich, da Bezugselemente beim Lesen klar identifiziert werden müssen; sofern jene nicht verständlich sind, begreifen Schüler den Textzusammenhang nicht und können somit auch letztendlich kein vollkommenes Verständnis des Textes erlangen. Dies erfordert das Wissen darüber, dass Relativpronomina in Numerus und Genus, nicht aber im Kasus mit ihrem Bezugswort übereinstimmen müssen und setzt die Beherrschung eben dieser Elemente voraus. Aus diesem Grund werden für die Übung dieses grammatikalischen Phänomens im Verlauf der Arbeit explizite Aufgaben vorgeschlagen und erstellt. Teilweise entstehen durch die Verwendung von Relativpronomina sehr lange und verschachtelte Sätze, die es aufzulösen gilt. Weitere Pronomina kommen in Die Sterntaler zwar vor; da dies aber weniger gehäuft ist, sollen diese induktiv behandelt werden.

Nachfolgend eine Übersicht zu den prägenden Stolpersteinen des Märchens. Da die Phänomene auf Wortebene hauptsächlich für das Verständnis des Märchentextes nötig sind, bedürfen diese keiner ausführlichen didaktischen Aufbereitung und werden später lediglich im Glossar erklärt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3 Vorschläge zur Verwendung des Märchens im Unterricht

3.1 Pre-reading activities – Aktivierung von Vorwissen

Das zentrale Motiv des Märchens ist das der Selbstlosigkeit. Diese als generations-, kultur- und religionsübergreifende Tugend kann im Einstieg als Diskussionsanlass genutzt werden, indem ein Impuls durch ein entsprechendes Symbolbild vorgegeben wird, beispielsweise den Akt einer Spende. In einer Murmelphase können Schüler im gegenseitigen Austausch über unterschiedliche Aspekte von Selbstlosigkeit diskutieren und relevante Stichworte zu dem Thema notieren, um auch sprachliches Vorwissen zu aktivieren. Die daran anschließende Diskussion kann weitgehend eigenständig erfolgen und nur bei Bedarf durch gezielte Lenkung der Lehrkraft ergänzt werden: Altruismus ist in Die Sterntaler zwar explizit als christlicher Wert konnotiert, im Vorfeld können Schüler dabei jedoch auf generelle Vorstellungen zu diesem Thema zu sprechen kommen und dieses als kultur- und religionsübergreifend klassifizieren. Darüber hinaus können beispielsweise Fragen geklärt werden, aus welcher Motivation heraus Menschen sich uneigennützig zeigen und ob das Geben vom eigenen Besitz abhängig ist; die durch die Schüler zuvor notierten Stichworte können hierbei hilfreich sein. Neben der sprachlichen Aktivierung werden hierbei auch unterschiedliche Dimensionen des Motivs reflektiert; zentrale Aspekte sollten durch die Schüler beispielsweise als Mindmap auf einer Folie fixiert werden, damit diese bei der näheren Interpretation des Märchens im späteren Verlauf noch einmal zur Verfügung gestellt werden kann.

Darauf aufbauend können grammatikalische Besitzverhältnisse anhand eines „Geben-Nehmen-Rollenspiels“ aufgearbeitet werden: Indem Gegenstände von Schülern an andere weitergegeben werden, kommentieren Mitschüler diese Vorgänge mündlich. Dabei wird von der Lehrkraft beispielsweise durch Karten das jeweilige Pronomen eingeworfen und die Aussagen können auf diese Weise beeinflusst bzw. transformiert werden; die zunehmend stärkere Fokussierung auf Relativpronomina kann damit ebenfalls hervorgerufen werden.

Die gesammelten Erkenntnisse werden im Anschluss gefestigt, indem der in acht Einzelsegmenten getrennte erste Absatz des Märchens von den Schülern in die richtige Reihenfolge gebracht wird (Material 1). Neben dem zuvor wiederholten Wissen um relative Satzanschlüsse helfen auch der typische Märchenbeginn sowie die parallele Struktur der Satzteile bei der Zuordnung des Textpuzzles. Verständnisfragen zum Text sind noch nicht relevant, da die Zusammensetzung vor allem pragmatisch und nicht inhaltlich begründet werden soll.

3.1.1 Verfahren der Textentlastung

Wenn die Struktur des Märchenbeginns erfolgreich entschlüsselt wurde, wird der vollständige Text ausgehändigt. Aufgrund der bereits genannten sprachlichen Hindernisse wird zeitgleich ein Glossar zur Verfügung gestellt (Material 2), auf den die Schüler mit sprachlichen Defiziten bei Bedarf zurückgreifen können.

Der Text von Die Sterntaler wurde in drei Abschnitte eingeteilt, wobei der Hauptteil weiterhin durch das Hinzufügen von Absätzen in „geografische Etappen“ gegliedert wurde. Diese optische Hilfestellung soll das Erfassen der jeweiligen inhaltlichen Schwerpunkte und die Erstrezeption des Märchens erleichtern. Weitere Entlastung hierbei soll die Bebilderung der jeweiligen Abschnitte bieten: Auch wenn lexikalische und grammatikalische Verständnisprobleme existieren, können inhaltliche Meilensteine des Märchens verstanden werden. Für das explizitere Verständnis beim close-reading sorgt das Glossar. Potenziell schwierige Wendungen sind dort nach Auftreten im Text aufgeführt und erklärt; zur zügigeren Einordnung sind außerdem Zeilennummern bei Märchen und Glossar gleichermaßen angegeben. Eine Beschreibung für den Namen des Märchens Die Sterntaler ist bewusst nicht ganz eindeutig aufgeführt, da die Bedeutung im weiteren Verlauf geklärt werden soll und mehrere Interpretationsansätze zulässt.

3.2 while-reading activities – Förderung des Lesefähigkeit

Die Schüler werden angehalten, Die Sterntaler zunächst kursorisch zu lesen, um einen allgemeinen Überblick über die inhaltliche Struktur des Märchens zu erhalten. Entstehende Fragen sollten die Schüler zunächst kurz notieren; im Anschluss an das erste Lesen erfolgt eine Auswertung im Plenum, in deren Verlauf vor allem lexikalische oder grammatikalische wie auch eventuelle inhaltliche Fragen besprochen werden können. Daraufhin erhalten die Schüler je nach Güte ihres Textverständnisses ein Arbeitsblatt, das eben dieses prüfen und zu einer Textinterpretation führen soll (Materialien 3); hierfür ist es notwendig, das Märchen noch einmal genau zu lesen. Schüler mit sprachlichen Schwierigkeiten sollen Aussagen zum Text verifizieren oder korrigieren (Material 3.1). Damit kann das Verstehen des Inhalts geprüft, selektives Leseverstehen gefördert und das Textverständnis intensiviert werden. Aussagen, die als korrekt markiert wurden, können in einem anschließenden Klassengespräch durch gezielte Fragen noch weiter elaboriert werden. Erst die Aussagen g) und h) gehen über reines Textverständnis hinaus und dienen der Möglichkeit zur interpretatorischen Auseinandersetzung mit dem Märchen: Ob die Statements als richtig oder falsch bewertet werden bzw. wie die Auswahl -bei g)- begründet wird, hängt von der Interpretation des Schülers selbst ab.

[...]


[1] In dieser Arbeit wird konsequent das generische Maskulin Verwendung finden; selbstverständlich sind damit männliche wie auch weibliche Rezipienten gleichermaßen eingeschlossen.

[2] S. Lütke (2014.) S. 203.

[3] Mit Verlinkung auf die Originaldrucke beispielsweise hier: https://de.wikisource.org/wiki/Die_Sterntaler

[4] RLP Deutsch, Sek I. 2006. S. 15.

[5] RLP Deutsch, Sek I. 2006. S. 52.

[6] RLP Deutsch, Sek I. 2006. S. 15.

[7] RLP Deutsch, Sek I. 2006. S. 61.

[8] RLP Deutsch, Sek I. 2006. S. 45.

Details

Seiten
21
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668232587
ISBN (Buch)
9783668232594
Dateigröße
815 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v323299
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,3
Schlagworte
DaZ DaF Die Sterntaler Material Unterricht Deutsch Peuschel Fremdsprache sprachsensibel Märchen Grimm Zweitsprache Didaktik

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