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Die Umsetzung der Bologna-Reform in Deutschland

Ein diskursanalytischer Essay

Essay 2014 13 Seiten

Pädagogik - Hochschulwesen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung … 1

2. Die Bologna-Erklärung … 2

3. Die Politik … 3

4. Die Hochschulen … 4

5. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft … 5

6. Die Hochschulforschung … 6

7. Fazit … 7

Quellen- und Literaturverzeichnis … 9

Quellen … 9

Literatur … 10

Presse … 11

Internetseiten ausgewählter Akteure … 11

1. Einführung

„[...] Bologna: Das ist zum Synonym für eine radikale und flächendeckende Umstrukturierung des europäischen Hochschulwesens geworden, ein wichtiger Schritt in die moderne Wissensgesellschaft für deren Befürworter, der Ruin der Universitäten für deren Gegner [...]“ (Liessmann 2009: 7). Liessman gehört wohl eher zu den Letztgenannten. In seiner „Theorie der Unbildung“ unterzieht er die Rituale und Erscheinungsformen heutiger Bildung einer kritischen Analyse und gleicht sie mit den Bildungsidealen eines Humboldt oder Kant ab. Sein Urteil ist vernichtend.

Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der Bologna-Erklärung im Jahre 2009 sind in diesem Zeitraum zahlreiche Publikationen erschienen, die die Ergebnisse von Bologna diskutieren, Kritik äußern und Anregungen zur Weiterarbeit geben. Nicht zuletzt ist die Hochschulforschung dabei, Bologna zu einem ihrer zentralen Gegenstände zu machen. Weitere Akteure in der Debatte zu Erfolgen und Misserfolgen von Bologna sind sowohl die politischen Entscheidungsträger der verschiedenen Ebenen, als auch die Hochschulen selbst und ihnen angegliederte Institutionen.

Wie Liessmanns zugespitzte Aussage zeigt, ist die Meinung zu Bologna recht unterschiedlich. Dabei sind zunächst jene Akteure, die die Idee der europäischen Einigung an sich kritisieren und damit einhergehend auch alle Schritte europäischer Integration, von denen abzugrenzen, die ein grundsätzliches Ja zum europäischen Einigungsprozess finden. Im Rahmen dieser Arbeit soll nicht die Legitimität der EU oder ihrer angestrebten gemeinsamen Bildungspolitik Gegenstand der Untersuchung sein. Vielmehr soll der Tatsache Rechnung getragen werden, dass nicht Bologna an sich scheitern oder nicht scheitern konnte, weil es sich lediglich um eine Absichtserklärung handelte. Die Bewertung von Bologna kann daher nur eine Bewertung ihrer jeweiligen nationalen Umsetzung sein. Mit welchem Erfolg Bologna hierzulande umgesetzt wurde und wird – darüber herrschen kontroverse Meinungen, die im Folgenden mittels eines diskursanalytischen Vorgehens untersucht werden sollen. Es gilt nach einer kurzen thematischen Rekapitulation zu Bologna die Frage zu beantworten, wer sich wie zur Umsetzung der Bologna-Reform äußert und warum.

2. Die Bologna-Erklärung

Die 31 Bildungsminister und -ministerinnen, die am 19. Juni 1999 im italienischen Bologna eine Erklärung zur Vereinheitlichung des europäischen Hochschulraumes unterzeichneten, sahen „[...] in weiten Teilen der politischen und akademischen Welt sowie in der öffentlichen Meinung ein wachsendes Bewußtsein für die Notwendigkeit der Errichtung eines vollständigeren und umfassenderen Europas [...]“ (Bologna-Erklärung 1999: 1). Aufgrund der „außerordentlichen Fortschritte der letzten Jahre“ (ebda.) wollten sie besonders die „geistigen, kulturellen, sozialen und wissenschaftlich-technologischen Dimensionen“ (ebda.) im europäischen Rahmen weiter stärken.

Die Bologna-Erklärung steht in der Tradition der europäischen Integration und ist als ein weiterer Meilenstein europäischer Bildungspolitik zu betrachten. Seit den Anfängen der Europäischen Union in den 50er Jahren flankierten immer auch bildungspolitische Maßnahmen die wirtschaftliche Integration in Europa. Zunächst lag mit dem EGKS- (1951) und den EGW-Verträgen von 1957 und 1963 der Fokus auf der Sicherung von Fachkräften und es wurden Vereinbarungen zu Berufsausbildungsgängen getroffen. Mit der Gründung der Generaldirektion für Forschung, Wissenschaft und Bildung wurde 1973 eine erste europäische Bildungsbehörde geschaffen. Mit einem 1981 geschaffenen Direktorat für Bildung, Berufsbildung und Jugendpolitik erweiterte die EU ihre Handlungs- und Entscheidungsfreiheit im Bildungssektor. Die 80er Jahre stellen insgesamt eine Zeit dar, in der vom EuGH zahlreiche Urteile zu bildungspolitischen Sachverhalten gefällt wurden, die auch zu einer Expansion von Mobilitätsprogrammen führten. Seit dem Vertrag von Maastricht (1992) galten neue gesetzliche Grundlagen für die europäische Bildungspolitik, 1998 wurde schließlich in der Sorbonne-Erklärung die Absicht erklärt, einen einheitlichen, gemeinsamen europäischen Hochschulraum zu schaffen.

Mit der Bologna-Erklärung (1999) wurde diese Absicht bekräftigt und vertieft. Als Ziel wurde die „Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Hochschulsystems“ (ebda.: 3) ins Auge gefasst. Festgelegt wurden: die Einführung eines Systems verständlicher und vergleichbarer Abschlüsse, zwei Hauptzyklen (undergraduate / graduate, bzw. Bachelor / Master), das Leistungspunktesystem (ECTS), die Förderung der Mobilität, gemeinsame Qualitätssicherungsmechanismen und die Kooperation der europäischen Hochschulen. Es werde erwartet, „[...] daß die Hochschulen […] prompt und positiv reagieren und aktiv zum Erfolg [der, JV] Anstrengungen beitragen [...]“ (ebda.: 5).

Seit 1999 sind weitere Schritte gegangen worden, die auf den aller zwei Jahre stattfindenden Konferenzen der europäischen Bildungsminister nach der Evaluation des jeweiligen Standes verhandelt und festgelegt wurden. Diese beinhalten insbesondere konkretere Maßnahmen zur Vereinheitlichung des europäischen Hochschulraumes (vgl. EURYDICE / EACEA 2009: 14-16).

3. Die Politik Das Bundesministerium für Bildung und Forschung und die Kultusministerkonferenz als Hauptakteure bei der nationalen Umsetzung der Bologna-Erklärung äußern sich zur Implementierung des Prozesses nahezu ausschließlich positiv. Für diese Einschätzung liegen die aller zwei Jahre erarbeiteten Berichte zur Umsetzung von Bologna zugrunde. Zuletzt erschien im Jahre 2012 ein Bericht über die Schritte aus dem Zeitraum 2009 – 2012. Darin werden besonders die „ländergemeinsamen Strukturvorgaben“ (BMBF / KMK 2012: 1) benannt, die zu weiteren Verbesserungen bei der Umsetzung von Bologna führen sollen. Reagiert habe die KMK damit „umfassend auf die Kritik an den Bologna-Umsetzung“ (ebda.). Dass über die Reaktion auf Kritik berichtet wird, ist ein Novum und zeigt einerseits die Bedeutung, bzw. den Umfang der Kritik, andererseits die Dialoghaftigkeit des Umsetzungsprozesses. Der neueste Bericht ist einer der Umfangreichsten. Es schlägt sich darin vor allem die Diversifizierung nieder, die die Umgestaltung der deutschen Hochschullandschaft für ebendiese bedeutet. Der Bericht enthält insgesamt die Nennung zahlreicher Akteure, Initiativen und rechtlicher Vorgaben, die die Implementierung von Bologna weiter vorantreiben sollen. Der Duktus ist positiv, tatkräftig – Schwierigkeiten werden in geringem Umfang erwähnt, wie z.B., wenn es heißt: „Die Diskussion zu rechtswissenschaftlichen und medizinischen Staatsexamensstudiengängen dauert weiter an“ (ebda., S. 5).

Die positive Rhetorik findet sich auch in den Pressemitteilungen des BMBF wieder. Sowohl die vormalige Bundesbildungsministerin Schavan, als auch die neue Ministerin Wanka loben den Bologna-Prozess hierzulande als einen Erfolg. Schavan spricht im August 2012 davon, dass die Bologna-Reform „eine europäische Erfolgsgeschichte“ (Pressemitteilung 2012: 1), die Entscheidung für eine europaweite Hochschulreform richtig gewesen sei. Sie betont aber auch die zukünftig weiter nötigen Anstrengungen: „Wir müssen die Bologna- Reform weiter konsequent vorantreiben“ (ebda.). Wanka wird in einer Pressemitteilung von Juni 2014 mit den Worten zitiert, die deutschen Hochschulen hätten in den vergangenen 15 Jahren „eine gewaltige Leistung erbracht“ (Pressemitteilung 2014: 1). Wankas Äußerungen sind insgesamt etwas verhaltener im Vergleich zu denen ihrer Vorgängerin. Sie spricht recht schnell die noch zu bewältigenden Aufgaben an: es müsse der Reformweg konsequent weitergegangen werden und auch offen über noch bestehende Schwierigkeiten gesprochen werden. Lobend erwähnt sie den internationalen Charakter der deutschen Hochschulen, benennt aber auch „Verbesserungsbedarf […] bei der Anerkennung von Studienleistungen“ (ebda.).

4. Die Hochschulen

Die Hochschulrektorenkonferenz spielt als Vertreterin der Hochschulen in Deutschland bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses eine große Rolle. Die fungiert als Kommunikationsplattform der Hochschulen und als Sprachrohr der Hochschulen gegenüber Politik und Öffentlichkeit; ihre Servicestelle Bologna berät die Hochschulen zur Bologna-Umsetzung. 2004 hat sie einen Reader mit Hilfestellungen zur Verwirklichung der Bologna-Ziele erstellt. Derzeit wird im Rahmen des Projektes nexus ein Erfahrungsaustausch zwischen den Hochschulen generiert, dessen Ziel es ist, weiteres Know How zur Umsetzung von Bologna zu bieten (vgl. HRK 2010d). Eine Analyse der Veröffentlichungen der HRK, besonders der Pressemitteilungen, zeigt sehr deutlich, welche Rolle die HRK einnimmt: sie ist Anwältin der Hochschulen und nimmt die Politik in die Pflicht, ihre Versprechen auch einzulösen. Die Umsetzung von Bologna ist in der Arbeit der HRK zentrales Anliegen. 2010 machte die damalige Präsidentin Wintermantel – möglicherweise angesichts der gewachsenen Kritik - deutlich: „Eine Rückkehr zu den alten Studiengängen steht […] nicht zur Debatte“ (HRK 2010a). In den Verlautbarungen der HRK drängt sich der Eindruck auf, die Hochschulen würden für die Mängel in der Bologna-Umsetzung seitens der Politik verantwortlich gemacht. Sie versuchen deshalb die Politik an ihre Versprechen zu erinnern und appellieren an eine ausreichende Grundfinanzierung universitärer Bildung. Der 2012 ins Amt gekommene HRK-Präsident Hippler gilt als Kritiker der Bologna-Reform und erklärte 2012, die zentralen Ziele des Bologna-Prozesses seien nicht erreicht worden (vgl. Preuß / Osel 2012). So tritt die HRK zuweilen auch als scharfe Kritikerin bildungspolitischer Maßnahmen auf. Insgesamt kann sie allerdings weiterhin als Verfechterin der Bologna-Reform und als Vorreiterin bei ihrer Umsetzung gelten.

5. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

Bei der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft ist es vor allem ihr Hochschulexperte Keller, der sich zur Umsetzung des Bologna-Prozesses in Deutschland äußert. Entsprechend oft wird er in Pressemitteilungen der Gewerkschaft zitiert. Es zeigt sich insgesamt, dass die GEW die Umsetzung von Bologna konstruktiv unterstützen möchte und daher häufig in beratender Weise auftritt. So forderte die GEW nach den Protesten von Studierenden 2009 von der Politik ein Aktionsprogramm Kurswechsel im Bologna-Prozess (vgl. GEW 2009a). Im gleichen Jahr kommt Keller in Bezug auf die Umsetzung von Bologna zu dem Schluss, nicht Bologna sei gescheitert sondern Bonn. Anlässlich der Vorstellung einer Studie zum zehnten Jahrestag der Bologna-Erklärung werden viele nicht erreichte Ziele benannt und ein Appell an Politik und Hochschulen gerichtet. Den Worten müssten endlich auch Taten folgen (vgl. GEW 2009b).

Die GEW als kritische Begleiterin und Beobachterin, die selbst nicht in die Umsetzung der Bologna-Ziele einbezogen ist, mahnt auch in den folgenden Jahren regelmäßig Verbesserungen in der deutschen Hochschullandschaft an. Sie steht dabei an der Seite der Studierenden und übernimmt deren Perspektive, wenn sie beispielsweise die Garantie von Masterplätzen für alle Bachelorabsolventen fordert, die Beendung der sozialen Benachteiligung von Studierenden aus Arbeiterhaushalten oder die qualitative Verbesserung der Lehre durch Einstellung weiteren Personals anmahnt. An der Rhetorik hat sich auch zum 15. Jahrestag der Bologna-Erklärung in diesem Jahr nichts geändert. Die GEW legt ein grundsätzliches Bekenntnis ab zu den Bologna-Zielen, sieht aber die Umsetzung hierzulande nach wie vor kritisch. Manche Formulierungen weichen kaum ab von den vor 5 Jahren gebrauchten. Thematisch werden etwa gefordert: den Übergang vom Bachelor- in den Masterstudiengang zu verbessern und mehr Personal anzustellen. Auch ist wie in den Jahren vorher von einem „Kurswechsel“ die Rede, womit der Umsetzung in Deutschland eine grundsätzlich falscher Kurs bescheinigt wird (vgl. GEW 2014).

6. Die Hochschulforschung

Als ein interdisziplinär aufgestelltes Feld wird die insgesamt junge Hochschulforschung unter anderem unter politikwissenschaftlicher, soziologischer, ökonomischer, pädagogischer oder philosophischer Perspektive durchgeführt. Inwiefern die Etablierung der Hochschulforschung hierzulande mit der umzusetzenden Bologna-Erklärung in Zusammenhang steht, lässt sich dabei nicht genau bestimmen. Allerdings hat die auf den Weg gebrachte Umwandlung der Hochschulen hin zu modernen „Dienstleistungsbetrieben“ (Liesner / Lohmann 2009: 11) den Bedarf an entsprechender Expertise sprunghaft steigen lassen. Hochschulforschung stellt meist politik- und praxisbezogene Evaluationen zur Verfügung, die einen Überblick über Erreichtes geben (vgl. u.a. Nickel 2011).

Walter konstatiert, Bologna sei als ein sehr junges Projekt noch in weiten Teilen unerforscht (Walter 2006: 21). Dagegen drängt sich aktuell der Eindruck auf, dass die Akteure der Hochschulforschung dabei sind, Bologna zu einem bevorzugten Untersuchungsgegenstand zu machen. So zeichnet die Gesellschaft für Hochschulforschung (GFHF) jährlich Arbeiten aus der Hochschulforschung aus. In diesem Jahr wird u.a. eine Arbeit geehrt, die sich mit den Studienstrukturen in Deutschland nach Bologna befasst (Kluge 2014). Dass die Hochschulforschung noch jung aber dabei ist, sich als Akteurin bei der Internationalisierung deutscher Hochschulen und den angestrebten Qualitätsverbesserungen zu etablieren, zeigt nicht zuletzt eine Stellungnahme aus dem Jahre 2012, in der die GFHF weitere Angebote zur Ausbildung von Hochschulforschern und -forscherinnen fordert (GFGH 2012).

Insgesamt hat die einschlägige Forschung ungefähr seit dem 10-jährigen Jubiläum zu Bologna begonnen, Folgen und Implikationen des Transformationsprozesses zu untersuchen. Maesse (2010) analysierte die diskursive Logik im Bologna-Prozess, Liesner und Lohmann (2009) dagegen befassen sich mit den praktischen Auswirkungen der Reform auf die Hochschule und ihre Akteure, Jung und Meyer stellen 2009 die Frage nach der allgemeinen Bildung an europäischen Universitäten nach Bologna, Brändle legte mit seiner Bologna- Revue ein „Überblickswerk über einen spezifischen Teil der empirischen Bildungsforschung“ vor (Brändle 2010: 1) und Knill / Vögtle / Dobbins (2013) beschrieben kürzlich die Bologna-Auswirkungen mittels einer vergleichenden Analyse von Konvergenzen im europäischen Hochschulraum.

Aufgrund der Heterogenität der Hochschulforschung ist es zwar schwer, zu einer Einschätzung über die Haltung der Hochschulforschung zur Umsetzung von Bologna in Deutschland zu kommen, aber ein 2011 vorgelegter Überblick über erste Ergebnisse der Bologna- Forschung mit Daten und Analysen zu den Wirkungen von Bologna in Deutschland (Nickel 2011) kann einen Einblick in die Sicht der Hochschulforschung geben. Dort heißt es, es sei angesichts der „[...] politisch-emotionalen Aufladung aber auch der anspruchsvollen Zielsetzung der Bolgna-Reform […] reizvoll, empirisch zu prüfen, ob und wie sich die Realität tatsächlich verändert hat [...]“ (ebda.: 11).

Nickel, die die Beiträge des Bandes zusammenfassend bewertet, kommt zu dem Schluss: Die Hochschulumstrukturierungen sind besser als ihr Ruf. In Anbetracht der – nach ihrer Sicht - sehr vehement vorgetragenen Kritik (ebda.: 9) könnten die vorgelegten Daten zeigen, dass die Studienqualität an deutschen Hochschulen besser sei als weithin angenommen (ebda.: 17). Die einzelnen Beiträge enthalten dennoch nicht selten die Aufforderung nach weiteren Anstrengungen zur Verbesserung der Studienqualität. Damit ähneln sie formal und inhaltlich den ebenfalls eher vorsichtig geäußerten Stellungnahmen politischer Entscheidungsträgerinnen (vgl. Kapitel 3). Neu im Bologna-Diskurs ist das Plädoyer für eine differenziertere Auseinandersetzung mit dem Wandlungsprozessen an deutschen Hochschulen: „[...] Wirkungsforschung zu Bologna steht […] vor der Herausforderung, genau zu unterscheiden, welche Folgen direkt der Bachelor/Masterreform und welche anderen Veränderungsprozessen zuzurechnen sind [...]“ (ebda.: 16).

7. Fazit

Die Bedeutung des Bologna-Prozesses leitet sich wohl nicht nur dadurch her, dass mit ihm die Umgestaltung des gesamten europäischen Hochschulraumes (und noch darüber hinaus) angestrebt wird, sondern sie tritt auch dadurch hervor, dass Bologna eine große Zahl an Schriften nach sich zog, zieht und wohl auch ziehen wird. Die Fülle des Materials zur Studien- und Hochschulreform weist dabei auch eine große formale Vielfalt auf: Studien, Diskursanalysen, politische Stellungnahmen und Absichtserklärungen, Presseberichte, Tagungsbände, Handreichungen, Pamphlete und Presseberichte. Außerdem befinden sich sich deutschen Hochschulen in einem sich ständig erweiternden Feld von Institutionen und Akteuren, dessen Verflechtungsstrukturen und dadurch bedingte Unübersichtlichkeit auch die vorliegende diskursanalytische Arbeit erschwert haben. „[...] Hochschulen und insbesondere Universitäten [sind, J.V.] viel zu eigenwillige Institutionen, die selten das eins zu eins umsetzen, was sich Politiker(innen) am grünen Tisch überlegen [...]“, schreibt Nickel (2011: 17) und sie trifft damit den wunden Punkt der Bologna-Reform: die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Diese Lücke hat einen Meinungskampf hervorgerufen, der von den einen belächelt, von den anderen mit Vehemenz geführt wird. Gerade im Stimmengewirr unzähliger Akteure und Beobachterinnen ist es wohl die Hochschulforschung, bzw. die Bolognaforschung, die hier mit wissenschaftlichen Methoden etwas Licht ins Dunkel bringen kann.

Es bestätigt sich insgesamt die Anfangsvermutung, dass die politischen Verantwortlichen die Bologna-Reform und ihre Umsetzung als Erfolg verkaufen. Dies dient natürlich nicht zuletzt dem Zwecke der politischen Überlebenssicherung; die Haltung zur Bologna-Umsetzung ist also in gewisser Weise dem Amt geschuldet. Die Hochschulen und ihre Vertreter sind da schon kritischer eingestellt; zumal sie die Adressaten und Hauptakteure im Reformgetümmel sind. Wenn man die Haltung im Bologna-Diskurs auf einem Spektrum anordnen möchte, so wäre noch jenseits der HRK die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft anzusiedeln, deren grundsätzliches Ja zu Bologna zwar gilt, die aber vehementer und öffentlichkeitswirksamer als die HRK Korrekturen und Verbesserungen anmahnt. Die Hochschulforschung nimmt eine gewisse Sonderrolle ein, da sie zwar Teil des Wissenschaftsbetriebes selbst ist, zugleich jedoch mit ihrem Gegenstand eine Metaposition beansprucht. Ihre Veröffentlichungen sind eher als Werkzeuge für den weiteren (hochschul- und bildungs-) politischen Prozess anzusehen, da sie die notwendigen Daten und Analysen erst liefert, auf Grundlage derer sich wahrscheinlich auch die Richtung des weiteren Diskurses herausbilden wird.

Quellen- und Literaturverzeichnis

Quellen

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Liesner, Andrea / Lohmann, Ingrid (2009): Einleitung. In: Dies. (Hg.): Bachelor bolognese. Erfahrungen mit der neuen Studienstruktur, Verlag Barbara Budrich, Opladen & Farmington Hills, S. 11-20

Liessmann, Paul (2009): Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft, Verlag Piper, München, 2. Auflage

Maesse, Jens (2010): Die vielen Stimmen des Bologna-Prozesses. Zur diskursiven Logik eines bildungspolitischen Programms, transcript Verlag, Bielefeld

Walter, Thomas (2006): Der Bologna-Prozess. Ein Wendepunkt europäischer Hochschulpolitik?, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden

Presse

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Internetseiten ausgewählter Akteure

Bundesministerium für Bildung und Forschung: http://www.bmbf.de/ (letzter Zugriff am 19.07.2014)

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GEW – Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft: http://www.gew.de/Startseite.html (letzter Zugriff am 11.08.2014)

idw – Informationsdienst Wissenschaft: https://idw-online.de/de/ (letzter Zugriff am 11.08.2014)

Kultusministerkonferenz: http://www.kmk.org/ (letzter Zugriff am 19.07.2014)

Details

Seiten
13
Jahr
2014
ISBN (Buch)
9783668224889
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v323335
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Politikwissenschaft
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Schlagworte
Bologna Hochschulrektorenkonferenz Hochschule Hochschulforschung GEW Bologna-Reform Europäische Union EU Bildungspolitik Bologna-Erklärung Johanna Wanka GFHF Universität Bolognaforschung

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