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Die Darstellung von Zeit und Mobilität in dem TV-Spot „Diese Zeit gehört Dir“ der Deutschen Bahn

Analyse in Form einer Hausarbeit und Filmprotokoll

Hausarbeit 2016 24 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einführung: Beeinflussung durch Werbevideos

2. Der Faktor Zeit als zentrales Paradigma

3. Der Kontrast zwischen Stillstand und Bewegung
3.1. Der semantische Raum des Autos
3.2. Der semantische Raum des Zuges

4. Schluss: Sinnvolle Zeitnutzung als Werbebotschaft

5. Quellenverzeichnis

1. Einführung: Beeinflussung durch Werbevideos

Werbefilme haben in erster Linie eine ökonomische Funktion: Sie dienen zur Erweiterung des Kundenstammes und somit zur Steigerung von Verkaufszahlen. Um dies zu erreichen, müssen sie eine breite Masse ansprechen. Es gilt, einen potentiellen Kunden von sich zu überzeugen. In solchen Videos verwendet man bestimmte Faktoren, wie den Einsatz von berühmten Testimonials1 oder das Herstellen eines Zugehörigkeitsgefühls, die die Zuschauer beeinflussen sollen. Letzteres kann man zum Beispiel anhand des TV-Spots „Diese Zeit gehört Dir“ der Deutschen Bahn veranschaulichen. Hier werden unterschiedliche Protagonisten pro Einstellung einsetzt, um zu zeigen, dass eine bestimmte Situation viele Menschen angeht, beschäftigt oder treffen kann. Dieser Werbespot besteht zudem aus interessanten Zeichen, die verschiedene Semantiken konstituieren. In der vorliegenden Hausarbeit werden diese anhand filmsemiotischer Methoden analysiert. Hierbei spielt vor allem der Begriff der Zeit, aber auch Stillstand und Bewegung eine große Rolle.

2. Der Faktor Zeit als zentrales Paradigma

„Diese Zeit gehört Dir“ - schon der Titel macht deutlich, worauf der TV-Spot abzielt. Die Zeit wird zum Gegenstand der Erzählung, sie wird sowohl auditiv als auch visuell thematisiert. Den auditiven Part übernimmt eine Stimme aus dem Off. In jedem einzelnen gesprochenen Satz des Videos kommt das Wort „Zeit“ vor. Die Intention wird im Laufe des Werbefilms deutlich: Es ist wichtig, dass wir unsere Zeit nutzen. Diese Hommage an die Zeit spiegelt sich auch in den Filmbildern wieder. Schon in der ersten Sequenz (0:01) begegnet uns ein Symbol für die Zeit in Form einer Armbanduhr, auf die ein im Stau wartender Mann sieht. Er kann die Wartezeit im Stau nicht für sich nutzen, da er trotzdem auf den Verkehr achten muss. Diese Tatsache wird auch an anderen Stellen des Films deutlich. Ab 0:11 sieht man einen Mann, der ein Buch liest. Er versucht es zumindest, bevor ihn seine Frau auf die anfahrenden Autos vor ihm aufmerksam macht, und er das Buch weglegen muss. 0:23 zeigt ein ähnliches Szenario: Ein Mann in seinem Auto versucht, auf seinem Laptop zu arbeiten, muss aber stets zu den vorderen Autos im Stau aufschließen. In den Szenen im Zug wird hingegen vermittelt, dass massig Zeit sowohl für das Lesen (0:31) als auch für das Arbeiten am Laptop (0:32) zugegen ist, die man im Straßenverkehr nicht hat.

Man kann den Faktor Zeit aber nicht nur anhand der handelnden Personen erkennen, sondern auch anhand der Raumkonstruktion. Die unterschiedlichen Lichtverhältnisse in den Einstellungen lassen auf verschiedene Tageszeiten schließen. Auch die diversen Witterungsverhältnisse, wie Regen oder Sonnenschein, zeigen, dass es sich um verschiedene Zeitpunkte handelt. Ein Beispiel für diese zeitliche Spanne wäre der Vergleich der vierten Einstellung (0:09) mit der Szene ab 0:14. Während es in der erstgenannten hell und demzufolge Tag ist, zeigt die zweite Einstellung einen Stau auf der Autobahn bei Nacht. Der junge Mann in dem gelben Auto der vierten Einstellung muss im strömenden Regen warten, wohingegen die Nachtszenerie trocken ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungen 1 und 2: Der visuelle Vergleich unterschiedlicher Zeitpunkte anhand zweier Szenen des TV-Spots

Die Darstellungen des Verkehrsstaus vermitteln den Zuschauern also, dass hier viel Zeit verloren geht. Und die unterschiedlichen Zeitpunkte suggerieren, dass solch ein Stau uns zu jedem Zeitpunkt überraschen könnte. Die Zeit kann also als Leitmotiv gesehen werden, das sich durch den gesamten Werbespot zieht.

3. Der Kontrast zwischen Stillstand und Bewegung

In diesem Spot sind zwei semantische Räume zu finden: Zum einen der Raum des Autos, der hier metaphorisch für den Stillstand steht, und zum anderen der des Zuges, der als Symbol für Bewegung beziehungsweise Mobilität gesehen werden kann. Folglich müssen sich diese Räume unterscheiden. Ein Kontrast muss hergestellt werden, was hier anhand verschiedener filmsemiotischer Bereiche aufgezeigt wird.

Zunächst werden den Räumen jeweils Attribute zugeschrieben. Der Raum des Autos soll Unbehagen hervorrufen, der des Zuges jedoch einladend und wohlfühlend gestaltet sein. Es ist sinnvoll, diese beiden Räume semantisch getrennt zu betrachten, um die Unterschiede sehen zu können.

3.1. Der semantische Raum des Autos

Unbehagen kann durch vielerlei Emotionen konnotiert werden: Langeweile, Trauer, Wut oder Frustration. Viele dieser Gefühle entdeckt man in den Einstellungen des TV-Spots wieder, ob anhand der Protagonisten selbst, dem filmischen Raum oder der Kamerahandlung. Durch den überwiegenden Einsatz von Nah- und Großaufnahmen steht der Gesichtsausdruck der Personen meist im Fokus. Man sieht also genau, welche Gefühlslage gerade dargestellt wird. Die Kamera bewegt sich entweder langsam oder bleibt statisch, was sowohl die Langeweile als auch den Stillstand eines Verkehrsstaus zum Ausdruck bringt. Die Verbindung dieser Einstellungsgrößen und der Kamerabewegung sieht man zum Beispiel besonders gut in der zweiten Einstellung (0:05). Eine Frau schläft auf dem Beifahrersitz, während die Kamera sich langsam von rechts nach links bewegt. Als der angelehnte Kopf der Frau langsam nach unten rutscht, wacht sie ruckartig auf. Durch die Nahaufnahme sieht man deutlich den leicht erschrockenen Gesichtsausdruck der Frau.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungen 3 und 4: Durch Nahaufnahmen sind Emotionen sehr gut erkennbar

Wenn man den filmischen Raum einer Einstellung beschreiben will, muss man auch die Farbgestaltung betrachten. Auffällig ist, dass in diesem Raum dunkle und blasse Farben im Fokus stehen, vor allem die Farbe Grau. Viele der Autos sind grau, silberfarben oder schwarz. Die einzige Ausnahme bildet das gelbe Auto ab 0:07. Der Himmel ist meistens grau verhangen, die Straßen sind grau und das Innenleben der Autos ist ebenfalls größtenteils grau. Dies erzeugt die Tristheit, die ein Stau mit sich bringt. In diesem Raum werden zusätzlich Nachtszenen verwendet, die eine dunkle Atmosphäre schaffen.

Nicht außer Acht zu lassen ist der Effekt, den die Musik zur Stimmungsbildung beiträgt. Sie beginnt anfangs sehr ruhig und langsam mit vielen Pausen und einer einfachen Melodie. Das unterstützt die Eintönigkeit und Langeweile der Autofahrer. Ab 0:19 steigert sich die Musik etwas, wenn die Szenen gezeigt werden, die sich mit dem Stress und Ärgernissen eines Staus beschäftigen. Hier sieht man zum Beispiel einen Jeep, der versucht, auf die linke Fahrbahn zu wechseln, auf der aber bereits ein anderes Fahrzeug steht (0:19). Beide Fahrer werden wütend und brüllen sich durch die geöffneten Seitenfenster an. Diese Einstellung wird zusätzlich verlangsamt dargestellt, damit der Zuschauer genug Zeit hat, die Wut in den Gesichtern der Protagonisten zu sehen.

Man hört aber nicht nur die Musik aus dem Off, sondern auch einen Sprecher mit tiefer und ruhiger Stimme. Interessant ist hier die Betrachtung der Text-Bild-Relation. Es wird überwiegend mit dem Stilmittel Ironie gearbeitet, was dem Ganzen eine gewisse Komik verleiht. Dies kann man zum Beispiel in den Einstellungen 3 und 4 sehr gut beobachten, in denen die Rede von „einfach nur dasitzen und endlich mal wieder ein gutes Buch lesen“ (0:09- 0:12) ist. Anstatt einer entspannten, gemütlichen Situation, wie sie durch den Sprecher vermittelt wird, sieht man einen gelangweilten, jungen Mann in seinem stehenden Auto, der aber in der Tat „einfach nur dasitzt“. In der darauffolgenden Einstellung sieht man wieder den im vorherigen Kapitel beschriebenen Mann, der versucht ein Buch zu lesen, aber keine Zeit dafür findet. Obwohl der Erzähler also genau die bildhaft dargestellte Situation beschreibt, so stimmt die Intention nicht mit den Situationen überein. Diese ironischen Vergleiche machen den gesamten Text in dem semantischen Raum des Autos aus.

Schlussendlich sollte man die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Protagonisten näher betrachten. Während des gesamten Spots, also in beiden semantischen Räumen, halten sie sich immer in geschlossenen Räumen auf. Das ist dann aber auch die einzige Gemeinsamkeit in diesem Abschnitt. Die Autofenster sind im ersten semantischen Raum meist geöffnet, mit Ausnahme der Regenszenen. Dies könnte eine Metapher für den Wunsch der Autofahrer aus dem Stau auszubrechen, sein. Wenn sich mehrere Protagonisten in einer Einstellung befinden, reden sie kaum oder gar nicht miteinander. Auch Streit wird thematisiert, wie man in der bereits genannten Jeep-Szene und der im folgenden beschriebenen Einstellung sieht. Diese zeigt nämlich die Mise-en-scène einer Familie in einem Auto (0:15). Sie sitzen abgewandt voneinander, da die Kinder sich auf der Rückbank und die Eltern sich auf den Vordersitzen befinden. Die Kinder streiten und die Mutter versucht, diesen zu schlichten. In der nächsten Einstellung ab 0:17 sieht man das Paar von vorne. Sie reden nicht miteinander, der Mann sieht müde und etwas traurig ist, die Frau wütend. Unterstrichen wird diese Szene wieder durch die ironische Aussage: „Zeit, die nur für deine Kinder da ist. Oder deine Frau.“ Man sieht also, dass die Stimmung der Protagonisten untereinander in diesem Raum angespannt ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungen 5 und 6: Vergleich der Mise-en-scène in beiden semantischen Räumen

3.2. Der semantische Raum des Zuges

Dieser Raum begegnet uns ab 0:31. Er spielt mit ganz anderen Emotionen als den bisher gezeigten. Statt Langeweile und Frustration, stehen hier Freude, Zufriedenheit und Spaß im Mittelpunkt. Dargestellt werden diese auch wieder durch Groß- und Nahaufnahmen. Auffällig ist hier, dass alle Einstellungen mit der Handkamera gefilmt wurden. Das erzeugt Authentizität.

Der Zuschauer fühlt sich näher am Geschehen, beispielsweise am Spaß, den die Familie beim Memory-Spielen im Zug hat (0:34). In dieser Mise-en-scène sieht man außerdem, dass die zwischenmenschlichen Beziehungen ganz anders aufgebaut sind, als im vorherigen semantischen Raum. Die Familie sitzt im Viererabteil des Zuges einander zugewandt, lächelt und interagiert miteinander. Auch die zwei Frauen bei 0:36 kommunizieren miteinander, obwohl sie unterschiedlichen Alters sind. Dies zeigt, dass man während einer Zugfahrt neue Leute kennenlernt, die einem sonst nicht über den Weg laufen würden. Die Szenen sind hell, durch die Fenster fällt Sonnenlicht. Die Farben sind nicht mehr trist und dunkel, das Mädchen bei 0:35 trägt beispielweise bunte Klamotten und die Sitze des ICE sind mit blauem statt grauem Stoff überzogen. Die Musik ist lebendiger als im vorherigen Raum, sie ist fröhlicher und schneller. Der Erzähler verwendet nun nicht mehr Ironie, sondern stellt eine rhetorische Frage: „Wäre es nicht schön, in dieser Zeit auch das Ziel zu erreichen“? (0:31-0:32) Die Text- Bild-Relation zeigt, dass diese Frage von den Filmbildern quasi beantwortet wird. Die Frau in 0:31 lächelt und auch der Mann ab 0:32 macht einen zufriedenen Eindruck. Der Erzähler gibt also einen Ausblick, was zeitlich während einer Zugfahrt möglich ist. Die vorletzte Szene rundet den Raum und somit den Werbespot ab (0:37). Zu sehen ist ein Pärchen, dass sich in Großaufnahme leidenschaftlich küsst. Dann schwenkt die Handkamera schnell zum Fenster des Zuges und man sieht die vorüberziehende Landschaft im Licht der Abendsonne. All diese Faktoren tragen zu einer glücklichen Atmosphäre bei, die dem Rezipienten zum Schluss im Gedächtnis bleibt. Hier wird die Zeit auch noch einmal verbildlicht, indem der Spruch „Diese Zeit gehört Dir“ eingeblendet wird.

4. Schluss: Sinnvolle Zeitnutzung als Werbebotschaft

Zu Anfang dieser Hausarbeit wurde darauf hingewiesen, dass Werbevideos in erster Linie eine ökonomische Funktion innehaben. Das heißt aber nicht, dass man sie rein aus diesem Aspekt betrachten sollte. Viele der Werbespots beinhalten auch immer eine hintergründige Botschaft. Das bedeutet: Auch, wenn die Deutsche Bahn diesen TV-Spot dazu einsetzt, neue Kundschaft zu generieren, so gibt sie uns doch eine wichtige Nachricht auf den Weg: Diese Zeit gehört uns und es gilt, diese sinnvoll zu nutzen. Die Semantik versteht es, solche Bedeutungen und Botschaften aufzudecken und zu analysieren. Der Vergleich der zwei semantischen Räume hat klargemacht, wie wir Menschen unsere Zeit nutzen können, um glücklicher und entspannter zu sein. Aufgrund solcher Botschaften ist es wichtig, Werbespots nicht nur als reine Unterhaltung oder „Geldmacherei“ abzutun, sondern genauer hinzusehen. Sinnvolle Zeitnutzung wird auch in anderen TV-Spots propagiert. Ein bekannteres Beispiel lieferte die Supermarktkette EDEKA im November 2015 mit ihrem Weihnachtsspot „#heimkommen“. Der Clip erzählt die Geschichte eines älteren Mannes, der Jahr für Jahr Weihnachten alleine verbringen muss. Seine Kinder und Enkelkinder sagen jedes Jahr aufgrund von zu viel Stress ab. Dann entschließt sich der Mann, dies zu ändern und täuscht seinen eigenen Tod vor. Als alle seine Kinder zu seiner Beerdigung erscheinen, zeigt er sich vor dem festlich gedeckten Tisch in seinem Haus mit den Worten: „Wie hätte ich euch den sonst alle zusammenbringen sollen.“ Als alle zusammen fröhlich das Festessen genießen, wird das Insert „Zeit heimzukommen“ in der Mitte des Bildes eingeblendet. Hier wird die Zeit mit der Familie als höchstes und leicht vergängliches Gut vermittelt. Dies begegnet uns, wie im vorherigen Kapitel festgestellt, auch im Werbespot der Deutschen Bahn. In beiden Spots wird dazu angeregt, darüber nachzudenken, wie man seine Zeit am sinnvollsten nutzen kann. Ob mit der Familie, mit einem guten Buch oder am Laptop. Man könnte sie natürlich auch damit verbringen, Filme auf ihre verwendeten Zeichen und Zeichensysteme und die damit herausgelesenen Semantiken zu analysieren. Das bleibt jedem selbst überlassen, denn wie wurde es so schön von der Deutschen Bahn formuliert: Diese Zeit gehört Dir.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungen 7 und 8: Sinnvolle Zeitnutzung im EDEKA-Werbespot #heimkommen

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1 Definition: Zentraler Protagonist, der in der Werbung für ein Produkt oder eine Marke steht 1

Details

Seiten
24
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783656989097
ISBN (Buch)
9783656989103
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v323357
Institution / Hochschule
Universität Passau – Philosophische Fakultät
Note
2,0
Schlagworte
Filmanalyse Film Video Medien Filmprotokoll TV-Spot Analyse Protokoll Deutsche Bahn

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Titel: Die Darstellung von Zeit und Mobilität in dem TV-Spot „Diese Zeit gehört Dir“ der Deutschen Bahn