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Sind Polygraphen noch aktuell? Messverfahren und aktuelle Entwicklungen in der Lügendetektion

von Tessa Thun (Autor)

Hausarbeit 2013 18 Seiten

Psychologie - Biologische Psychologie

Leseprobe

Lügendetektion

Einleitung

1. Geschichte des Lügendetektors

2. Messverfahren der Lügendetektion – die klassische Polygraphie
2.1 Physiologische Maße
2.2 Befragungstechnik
2.3 Auswertung polygraphischer Tests im Bezug auf die Befragungstechnik

3. Aktuelle Entwicklungen
3.1 Messung zentralnervöser Veränderungen
3.2 Heutige Anwendung

4. Studie
4.1 Hypothesen
4.2 Methode
4.3 Ergebnisse
4.4 Diskussion zur Studie

5. Diskussion
5.1 Klassische Polygraphie zur Täterbeurteilung? Sollten Lügendetektoren auch in Deutschland als Beweismittel zugelassen werden?
5.2 Schutz vor Terrorismus oder Eingriff in die Privatsphäre?

Literatur

Abbildung

Einleitung

Es handelt sich um ein Missverständnis, wenn, häufig im Volksmund oder in diversen Fernsehprogrammen, von „Lügendetektion“ die Rede ist. Dieser Begriff vermittelt den Eindruck es gäbe Geräte und Auswertungstechniken, welche in der Lage wären Lügen zu identifizieren, indem man die Körperreaktionen misst und diese dann zuordnet. Ganz so einfach ist dies aber nicht. Inzwischen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass es keine spezifische körperliche Reaktion auf eine Lüge gibt (Gamer, Vossel, 2009). Es existieren also nicht nur individuelle Unterschiede zwischen Personen bezüglich ihrer körperlichen Reaktion bei solchen Tests. Es stellt sich zudem die Frage, ob Messwerte einer erhöhten körperlichen Reaktion tatsächlich im Zusammenhang mit der gestellten Frage stehen. Mit der Beurteilung einer Täterschaft ist wesentlich mehr verbunden als die Auswertung der Registrierkurve, die von einem Gerät ausgespuckt wird. Es geht um eine durchdachte Befragungstechnik, Experten, welche die Beurteilung menschlichen Verhaltens vornehmen, und inzwischen auch um neuere Methoden der Messung körperlicher Reaktionen, welche unter anderem die Gehirnaktivität hinzuzieht. Schlüsse über das Individuum und seine individuellen Reaktionen können nur dann gezogen werden, wenn die entsprechenden Werte jener Person miteinander verglichen werden, denn es gibt keine allgemeingültige Regel, welche körperlich messbaren Reaktionen ein „Lügender“ zeigt. Geeigneter sind deshalb neutralere Begriffe wie beispielsweise „Psychophysiologische Aussagebeurteilung“, welcher 1987 von dem deutschen Psychologen Max Steller verwendet wurde, oder „forensische Psychophysiologie“, von Dr. Hans-Georg Rill im Jahr 2001 (Gamer, Vossel, 2009).

Polygraphen basieren im Wesentlichen auf der Annahme, dass Menschen, wenn sie nicht die Wahrheit sagen, also eine Lüge aussprechen, mindestens geringfügig nervös werden. Das vegetative Nervensystem erzeugt also Reaktionen, die gemessen werden können. Jene Variablen wie Puls, Atmung, Blutdruck oder Hautleitfähigkeit einer Person werden während der Befragung kontinuierlich gemessen und aufgezeichnet. Jene Aufzeichnungen zeigen dann das momentane Aktivitätsniveau. „Ziel der Psychophysiologischen Aussagebeurteilung ist die Differenzierung von Tätern und Unschuldigen auf der Basis physiologischer Reaktionen auf spezifische Fragen“ (Gamer, Vossel, 2009, S. 207). Darüber hinaus geht es um die „Entwicklung und Überprüfung von Techniken, die auf der Basis bestimmter physiologischer Reaktionen Schlussfolgerungen über die Glaubwürdigkeit einer Person zulassen sollen“ (Gamer, Vossel, 2009, S.207), wozu unter anderem die in 2.2 vorgestellte Befragungstechnik zählt.

1. Geschichte des Lügendetektors

Im Jahr 1895 entdeckte Cesare Lombroso den Zusammenhang zwischen einer Lüge und der gemessenen Pulsfrequenz. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts folgte dann die Grundidee zum Polygraphen von Carl Gustav Jung und Max Wertheimer, welche körperliche Reaktionen auf psychische Reize beobachten konnten. Im Jahr 1913 entwickelte Vittorio Benussi daraufhin den ersten Lügendetektor, welcher den Zusammenhang von Lüge und Puls, Blutdruck sowie Atmung messen konnte. Zweiundzwanzig Jahre später testete Leonhard Keeler den klassischen Polygraphen zum ersten Mal in einem Experiment. Dies geschah unter anderem über Elektroden, die dem Befragten aufgeklebt werden, und mit welchen so genannte Erregungskurven aufgezeichnet werden konnten. Der „klassische“, vor allem in einigen US-Bundesstaaten auch vor Gericht eingesetzte, Polygraph (siehe 3.2 Heutige Anwendung) misst Herzfrequenz, Atmung, Blutdruck und Hautwiderstand. So fand der Lügendetektor immer öfter Verwendung. Nach dem zweiten Weltkrieg beispielsweise hat es Vernehmungen von deutschen Kriegsverbrechern gegeben, bei denen ein Polygraph zum Einsatz kam. 1954 wurde die Verwendung von Lügendetektoren innerhalb von Strafverfahren vom Bundesgerichtshof verboten (Stüllenberg, 2002). 1998 wird der Lügendetektor erneut als Beweismittel abgelehnt (Gamer, Vossel, 2009). Allerdings gab es in diesem Zusammenhang Unterschiede in der Beurteilung zweier Befragungstechniken, welche im Punkt 3.2 genauer erläutert werden. Während die eine komplett abgelehnt wurde, wurde der anderen die Funktion als zuverlässige Vernehmungsmethode zugeteil, da sie ein „wissenschaftlich gut fundiertes Verfahren“ (Gamer, Vossel, 2009, S. 214) sei.

2. Messverfahren der Lügendetektion – die klassische Polygraphie

2.1 Physiologische Maße

Die Lügendetektion bedient sich der Polygraphie, welche die gleichzeitige Registrierung von verschiedenen körperlichen Reaktionen beinhaltet. Dabei werden meist die drei Komponenten Atmung, Hautleitfähigkeit und Blutdruck gemessen und zu Papier gebracht.

Die Funktion der Atmung ist in erster Linie die Versorgung des Organismus mit Sauerstoff, welcher über die Lungen ins Blut abgegeben wird. Die Atmung wird im Vergleich mit den anderen Komponenten als das schwächste Maß eingestuft. Dies ist unter anderem dadurch zu begründen, dass sie durch den Probanden willentlich steuerbar und manipulierbar ist, was die Testergebnisse verfälschen könnte. Gerade, wenn die Versuchsperson den möglichen Zusammenhang zwischen der Atmung und einer Erregung aufgrund von gewissen Fragestellungen, die sie eventuell als Täter entlarven könnten, kennt, kann sie ihre Atmung bewusst kontrollieren und so das Ergebnis beeinflussen (Schandry, 1998). Dennoch haben Untersuchungen darauf hingewiesen, dass ein Zusammenhang zwischen den drei Parametern Atemfrequenz, Ein- und Ausatmung, sowie Atemtiefe und einer emotionalen Reaktion besteht. Gemessen wird die Atemtätigkeit mithilfe von Atemgürteln oder Temperaturfühlern. Ersteres besteht beispielsweise aus zwei mit Luft gefüllten Manschetten, welche zum einen um den Bauch und zum anderen um den Brustkorb gelegt werden, um sowohl Brust-, als auch Bauchatmung erfassen zu können, da Bauchatmung eher mit einer geringen bis mittleren Erregung in Verbindung gesetzt wird. Mit der Bewegung während der Atmung kommt es zu einer Längenänderung, welche daraufhin in ein elektrisches Signal umgewandelt wird. Temperaturfühler, welche unter einem Nasenloch angebracht werden messen die Temperatur der aus- im Vergleich zur eingeatmeten Luft, was den „Rhythmus der Atmung“ ( Schandry, 1998, S. 274) anzeigt. Bei beiden Methoden wird vor allem die Atemfrequenz ermittelt. Je höher diese ist, desto höher ist auch die Aktivierung des vegetativen Nervensystems der jeweiligen Versuchsperson.

Die Hautleitfähigkeit oder auch elektrodermale Aktivität ist ein Sammelbegriff für die Beschreibung von „elektrischen Phänomenen der Haut“ (Boucsein, 1988, S.2), welche sich unter Einfluss einiger Faktoren verändern kann. Sie wird mittels Elektroden an der Handinnenfläche und einer geringen auf die Haut gelegten elektrischen Spannung und Ableitungspunkten, meist die mittleren Glieder des Zeige- und Mittelfingers, da diese eine geringe Krümmung der Oberfläche besitzen, registriert. Die Veränderung der Hautleitfähigkeit wird unter anderem durch die Beeinflussung der Schweißdrüsen in der Haut erklärt. Grund dafür, dass in den Handinnenflächen gemessen wird ist nämlich, dass sich hier mit die meisten Schweißdrüsen befinden, wodurch die Leitfähigkeit am größten ist. Durch die sich durch den Schweiß, der bei einer emotionalen Erregung entsteht, bildende „gut- leitende- Flüssigkeitsschicht“ (Schandry, 1998, S. 188) werden elektrische Signale schnell weitergeleitet. Dies nannte Boucsein 1988 das „emotionale Schwitzen“, bei dem psychische oder emotionale Zustände eine höhere Schweißdrüsenaktivität auslösen, was mit der „engen Verbindung“ (Boucsein, 1988, S. 34) des limbischen Systems, was unter anderem an der Verarbeitung von Emotionen beteiligt ist, mit dem Hypothalamus, der ähnliche Funktionen besitzt, zusammenhängt (Boucsein, 1988). Sind die Schweißdrüsengänge von Dermis und Epidermis nämlich mit Schweiß gefüllt, entsteht eine Verbindung zwischen Dermis und den angelegten Elektroden. Allerdings hat es Untersuchungen gegeben, welche zeigten, dass die Leitfähigkeitsreaktion der Haut schon kurz vor dem Auftreten der Flüssigkeitsschicht vorhanden war, was jenen Ansatz in Frage stellt. Des Weiteren wird von Schweißdrüsengängen gesprochen, welche dem fließenden Strom einen Weg durch die Haut bahnen. Allerdings seien alle vorhandenen Erklärungsversuche nicht befriedigend und das Phänomen der elektrodermalen Aktivität im Allgemeinen noch nicht vollständig erforscht (Schandry, 1998).

Der Blutdruck, als weitere bei der klassischen Polygraphie gemessene Komponente, wird mithilfe des Riva-Rocci-Verfahrens gemessen, bei dem eine Manschette an den Oberarm der Versuchsperson angelegt wird. Über eine Pumpe wird Luft in die Manschette befördert, sodass sich diese enger um den Arm schließt. Dieser Druck ist zunächst so hoch, dass die Oberarmarterie verschlossen wird. Durch langsames Öffnen des Ventils verringert man nun den Druck bis wieder Blut durch die Arterie fließen kann, was mit dem Stethoskop hörbare Geräusche erzeugt. An dieser Stelle ist der Druck auf der Manschette gleich dem systolischen Blutdruck. Die durch den äußeren Druck verschlossene Arterie wird dabei durch den „Maximal-Druck des Blutes“ (Schandry, 1998, S.157) geöffnet. Lässt man den Druck weiter sinken, so werden immer größere Blutmengen durch die für jeweils längere Zeit geöffnete Arterie gepumpt, bis sie schließlich nicht mehr eingedrückt wird und das Blut quasi ungehindert fließen kann. Der zu diesem Zeitpunkt abgelesene Druckwert wird als diastolischer Wert bezeichnet. Man hört dann keine Geräusche mehr. Der minimale Blutdruckwert entspricht nun dem Manschettendruck (Schandry, 1998). Bei Untersuchungen bezüglich einer Lügendetektion wird, um unter anderem die Störung durch eine weitere Person im Raum, die das Stethoskop bedient, zu vermeiden, wird ein „fernbedienbares Gerät“ (Schandry, 1998,S.159) verwendet. Der Luftschlauch und das Kabel des Mikrophons, welches die Töne aufzeichnet werden dazu verlängert und in einen benachbarten Raum gelegt. Darüber hinaus existieren noch weitere Blutdruckmessverfahren. Jene des zuvor beschriebenen „relativen Blutdrucks“ ist aber trotz Einwänden wie der Belastung der Person durch den ausgeübten Druck, weit verbreitet und wird häufig bei der Lügendetektion verwendet (Schandry, 1998).

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Details

Seiten
18
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668233201
ISBN (Buch)
9783668233218
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v323582
Note
1,3
Schlagworte
sind polygraphen messverfahren entwicklungen lügendetektion

Autor

  • Tessa Thun (Autor)

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