Lade Inhalt...

Ohne Bindung keine Bildung und Erziehung. Die Relevanz der Bindungstheorie für Kindertageseinrichtungen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 18 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bindung
2.1 Begriffserklärungen der Bindungstheorie
2.2 Bindungsverhalten – Explorationsverhalten

3. Bildung
3.1 Begriffserklärungen der Bildung
3.2 Zusammenhänge zwischen Bindung und Bildung

4. Erziehung
4.1 Begriffserklärungen der Erziehung
4.2 Zusammenhänge zwischen Erziehung und Bindung

5. Forschung

6. Relevanz der Bindungstheorie für eine Kindertageseinrichtung
6.1 Die Gestaltung der Beziehung zwischen pädagogischer Fachkraft und Kindern
6.2 Die Qualifikation der pädagogischen Fachkräften
6.3 Die Aufnahme des Kindes in die Kindertageseinrichtung
6.4 Die Zusammenarbeit mit den Eltern

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

9. Internetquellen

„Ohne Bindung keine Bildung und Erziehung“

1. Einleitung

Forscherinnen und Forscher haben sich in den letzten Jahren intensiv der Frage gewidmet, inwiefern Bindungsbeziehungen zwischen Kindern und ihren Eltern aber auch zwischen Kindern und den pädagogischen Fachkräften in der Kindertageseinrichtung für deren Entwicklung von Bedeutung sind. Die Entwicklung des Kindes soll zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit gefördert werden. Diese Aufgabe beinhaltet die Betreuung, Bildung und Erziehung. Die Bindungstheorie bietet die Erkenntnisse über die Art der Beziehungen der Kinder und deren erwachsenen Bezugspersonen und darüber hinaus ermöglicht die Implikationen für die Elementarpädagogik, die letztlich auch einen Einfluss auf die Entwicklungschancen eines Kindes in der Kindertageseinrichtung haben. Die vorliegende Arbeit hat als Ziel, diese Prozesse näher zu betrachten. Dabei werden im 2. und im 3. Kapitel die Zusammenhänge zwischen Bindung, Bildung und Erziehung dargestellt. Das 4. Kapitel beschäftigt sich mit den neurobiologischen Ergebnissen der Hirnforschung über kognitive Entwicklung der Kinder in Bezug auf die frühen Bindungsbeziehungen. Danach soll die Relevanz der Bindungstheorie für eine institutionelle Betreuung kritisch betrachtet und differenziert diskutiert werden. Abschießend wird ein Fazit gezogen.

2. Bindung

Der Beginn der Forschung über Bindung ist mit den beiden Namen von John Bowlby und Mary Ainsworth verwurzelt. Bowlby entwickelte die theoretischen Grundlagen eines Bindungssystems zwischen Kindern und ihren Eltern, die sowohl innere, genetisch veranlagte Dispositionen als auch äußere Einflüsse berücksichtigen. Ainsworth bestätigte die neuen Erkenntnisse durch empirische Studien. Eine besondere Leistung der Bindungstheorie liegt darin, dass sie menschliches Verhalten als Ganzes in den Blick nimmt und dieses nicht in kleine analytische Einheiten aufteilt.

2.1 Begriffserklärungen der Bindungstheorie

Bindung wird als „(…) imaginäres Band, das in den Gefühlen einer Person verankert ist und das sie über Raum und Zeit hinweg an eine andere Person (…) bindet.“ (Grossmann/Grossmann 2005, S. 71, Auslassung H.H.). Bindung wird auch als eine emotionale Beziehung zwischen zwei Individuen verstanden, die ein Bedürfnis nach gegenseitiger Nähe und Gemeinschaft haben, die aber durch eigenständiges Motivationssystem weder von den sexuellen noch den aggressiven Triebbedürfnissen abgeleitet ist (vgl. Rass 2011, S. 34).

Eine der zentralen Aussagen von Bowlbys Bindungstheorie ist, dass der menschliche Säugling die Neigung hat, die Nähe einer vertrauten Person zu suchen, und dass ein gesunder Erwachsener ebenfalls dazu neigt, diesen Bedürfnissen gerecht zu werden. „Fühlt sich der Säugling (aber auch das größere Kind) müde, krank, unsicher und allein, so werden Bindungsverhaltensweisen wie Schreien, Lächeln, Anklammern und Nachfolgen aktiviert, welchen die Erwachsenenpersonen ansprechen, so dass sie mit Nähe reagieren muss, um die im Kind angestiegene Spannung zu mildern.“ (Rass 2011, S. 34) So entsteht das Gefühl der Geborgenheit erst durch die Befriedigung körperlicher als auch emotionaler Grundbedürfnisse zu vertrauter Bezugsperson.

Bowlby war bestrebt, den Blick auf die Ursachen und Wirkungsmechanismen dieser engen Bindung zu erweitern und auf andere Bereiche zu lenken. Er geht in seiner Bindungstheorie davon aus, dass Bindungsverhalten, mit dem Ziel, Nähe herzustellen, eine angeborene menschliche Eigenschaft ist (vgl. Bowlby, 2008, S. 98). Zwei Funktionen werden dafür aufgeführt: Zum einen sieht Bowlby in dieser engen emotionalen Beziehung die Quelle von Schutz, Zuwendung und Beistand für das Kind und zum anderen die Befriedigung von primären Bedürfnissen, wenn das Kind von Schmerz oder Unwohlsein geplagt ist (vgl. Bowlby, 2008, S. 98).

Auch Ainsworth beschreibt Bindung als Schutzfunktion, die das Überleben in der risikoreichen Kleinkindzeit sichert. Sie kennzeichnet sie damit ebenfalls als genetisch festgelegt (vgl. Ainworth 2003, S. 148). Zum einem entsteht durch die Bindung in einem dynamischen Prozess zwischen Bezugsperson und Kind das Selbstbild des Kindes, indem die eigenen Haltungen, Einstellungen und Ansichten ständig mit denen des Bindungspartners verglichen werden. Bindung ermöglicht dem Kind also nicht nur ein sicheres Aufwachsen in einer Zeit, in der es noch auf den Schutz und die Versorgung durch die Eltern angewiesen ist, sondern sie ist auch grundlegend für die Herausbildung der Persönlichkeit des Kindes.

2.2 Bindungsverhalten – Explorationsverhalten

Zwei wesentliche Begriffe in der Bindungstheorie sind die Bindungs- und Explorationsverhalten. Bindungsverhalten kann als das Bestreben des Kindes beschrieben werden, in einer verunsichernden Situation Sicherheit und Schutz zu erlangen (vgl. Ainsworth 2003, S. 146). Explorationsverhalten ist eine Verhaltensweise, die dafür sorgt, dass das Individuum sich für neue Eigenschaften der Umwelt interessiert und lernt (vgl. Ainsworth 2003, S. 148). Bindungs- und Explorationsverhalten befinden sich in einer Balance, welche durch genetische Vorgaben und konkrete Interaktion beider Partner gesteuert wird (vgl. Fröhlich-Gildhoff 2009, S. 23).

„Aus den interaktiven und kommunikativen Erfahrungen, die das Kind mit seinen zuverlässigen Fürsorgepersonen im Laufe des ersten Lebensjahres macht, resultiert schließlich ein Gefühl der Bindung, was je nach Erfahrung verschiedene Färbungen annehmen kann, die wiederum als unterschiedliche Bindungsqualitäten in Erscheinung treten.“ (Rass, 2011, S. 35) Mary Ainsworth konnte aufgrund der Beobachtungen mit einem standardisierten Verfahren (Fremde-Situation-Test) verschiedene Bindungstypen definieren (vgl. Ainsworth 1974, S. 414-421).

Sichere Bindung: Die Mutter wird für das Kind als sichere Basis wahrgenommen. Das Kind erhält schnell Trost bei der Rückkehr der Mutter. Es sucht aktiv Kontakt zur Mutter.

Unsicher vermeidende Bindung: Beim Verlassen der Mutter zeigt das Kind ein gleichgültiges Verhalten. Es akzeptiert von jedem Trost. Bei der Rückkehr der Mutter zeigt es keine oder eine stark verzögerte Kontaktaufnahme zur ihr.

Unsicher ambivalente Bindung: Bei der Trennung zeigt das Kind ein ängstliches Verhalten. Während der Trennungsphase ist es ständig nach der Suche von Bindungsperson. Bei der Rückkehr reagiert das Kind ambivalent: einerseits sucht es eine Wiederannäherung, aber anderseits zeigt offenen Ärger durch schlagen oder strampeln und kann sich dabei kaum beruhigen.

Desorientierte Bindung: Diese Kinder zeigen die Kombinationen aus verschiedenen Bindungstypen. Sie rufen nach der Mutter, aber erstarren, erschrecken oder wenden sich ab bei ihrer Rückkehr. Sie empfinden kaum Trost und Schutz oder erleben die nahe Bezugsperson als bedrohlich. Die kindliche Verhaltensorganisation bricht somit zusammen und das Kind ist unfähig, mit bindungsrelevantem Stress umzugehen.

Bindungsmuster sind keine genetischen Dispositionen und sind als Folge ganz konkreter Erfahrung des Kindes mit seiner Bezugsperson in den ersten Lebensjahren zu verstehen. Für die Entwicklung eines bestimmten Bindungstypus ist die Fähigkeit der Bezugsperson, angemessen auf das Kind zu reagieren, entscheidend. Dabei spielen die Aspekte der Feinfühligkeit und der Responsivität eine besondere Rolle. Der Begriff „Feinfühligkeit“ bezieht sich auf die Wahrnehmung und Deutung der kindlichen Verhaltensweisen und der darin enthaltenen Signale. „Responsivität“ bezieht sich auf die tatsächliche Reaktion der Mutter auf das Verhalten des Kindes. Das gesamte Konzept besteht aus vier Elementen: Feinfühlig und responsiv ist die Bindungsperson, wenn sie die kindlichen Bindungssignale wahrnimmt, sie richtig deutet und interpretiert, prompt und angemessen darauf reagiert (vgl. Ainsworth 1974, S.414).

Als Ergebnis von Feinfühligkeit und Responsivität wird die Bindungsperson als eine sichere Basis wahrgenommen, was als eine Bindungsqualität zu kennzeichnen ist. Durch ein sensitives Verhalten der Bezugsperson werden die Bedürfnisse des Kindes befriedigt, womit sein Bindungsverhaltenssystem beruhigt (deaktiviert) wird und das Explorationssystem aktiviert. Die Bereitschaft zur Exploration ist jedoch nur dann gegeben, wenn das Kind emotional und kognitiv gewiss ist, in den „sicheren Hafen“ zurückkehren zu können, wenn es seine Umwelt erkundet und erforscht (vgl. Drieschner 2011, S. 13). Das heißt, das Verhältnis von Bindung und Exploration ist ein höchst dynamisches, komplexes und interindividuell differentes Interaktionssystem zwischen Kind und Bezugsperson ist, das entwicklungsbedingt kontinuierlich neu ins Gleichgewicht gebracht werden muss (vgl. Fröhlich-Gildhoff 2009, S. 23). Die Verzahnung von Bindungs-und Explorationsverhalten dient als Voraussetzung der kognitiver Entwicklung des Kindes und ist der zentrale Bestand seiner frühen Bildung.

3. Bildung

3.1 Begriffserklärungen der Bildung

Wissenschaftlich lässt sich die Bedeutung des Begriffs Bildung schwierig erfassen. Deshalb soll hier das zusammengetragen werden, was Wissenschaftler, die im Bereich der frühkindlichen Bildung forschen, zu Bedeutung des Bildungsbegriffes beigetragen haben. Eine Übersicht über den Bildungsbegriff in verschiedenen pädagogischen Ansätzen findet sich bei Martin R. Textor, der sowohl die Elemente, die Bildung als selbstständigen Aneignungsprozess und Prozess des Erschießens der Welt darstellen, beschreibt als auch die Elemente, die in der Sichtweise des „gebildet Werdens“, also der Motivation von außen, verhaftet sind (vgl. Textor 2006, S. 21). Der Autor führt den Ansatz Bildung als Selbstbildung auf und beschreibt ihn als konstruktivistischen Ansatz nach DeVries und Kohlberg in Bezug auf Piaget, welchem das Verständnis der Eigenaktivität des Kindes eine zentrale Rolle zugeteilt wird (vgl. Textor 2006, S. 22). Sein weiterer Ansatz ist die Ko-Konstruktion, die, laut Textor, auf Wygotski zurück geht: Die Bildung erfolgt nicht als einseitiger Übernahmeprozess von der kompetenteren Person zu wenig kompetenten, sondern wird als gemeinsamer Prozess der Konstruktion verstanden.

Hans-Joachim Laewen beschreibt den Bildungsbegriff aus zwei gegensätzlichen Perspektiven. Zum einen ist das Bildung als Bedarfsdeckung, wo der Erwerb von Schlüsselkompetenzen wie Lernkompetenz oder Kommunikationskompetenz im Zentrum steht (vgl. Laewen 2002, S. 30). Zum anderen wird die Perspektive von Bildung als Eigenaktivität des Kindes gezeigt, wo die verschiedenen Ansätze einbezogen werden (Pestalozzis Bild des Kindes als Werk der Natur, Gesellschaft und seiner selbst als auch das Bild des Kindes nach Reggios Pädagogik als Konstrukteur seiner Kenntnisse) (vgl. Laewen 2002, S. 32).

Als Zusammenfassung der Autoren Textor und Laewen lässt sich Folgendes schließen: Bildung beschreibt einen lebenslangen Prozess, in dem das Individuum in aktiver Auseinandersetzung mit seiner sozialen und materiellen Umwelt heranwächst, mit dem Ziel, einen individuellen Welt-und Selbstbezug im Denken, Fühlen und Handeln als Entfaltung seinen Möglichkeiten und Potenziale zu entwickelt. Bildungsprozesse gehen in erster Linie vom Kind selbst aus als auch sie können durch die Umwelt angeregt werden, aber nicht durch sie gemacht oder vermittelt werden.

[...]

Details

Seiten
18
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668228375
ISBN (Buch)
9783668228382
Dateigröße
695 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v323693
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Note
1,3
Schlagworte
ohne bindung bildung erziehung relevanz bindungstheorie kindertageseinrichtungen

Autor

Zurück

Titel: Ohne Bindung keine Bildung und Erziehung. Die Relevanz der Bindungstheorie für Kindertageseinrichtungen