Lade Inhalt...

Wandlungsprozesse der Familie in der modernen Zeit

Hausarbeit 2015 17 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Familie im Wandel
2.1 Der Familienbegriff
2.2 Wandel der Familienstruktur aus demografischer Sicht
2.2.1 Generatives Verhalten
2.2.2 Sinkende Heiratsneigungen
2.2.3 Wachsende Scheidungsrisiken
2.3 Pluralisierung und Individualisierung der Lebensformen
2.4 Innenfamiliäre Wandlungsprozesse
2.4.1 Wandel der Partnerbeziehung
2.4.2 Wandel der Frauen-Männerrolle
2.4.3 Veränderungen in der Eltern-Kind-Beziehung

3. Belastungen der modernen Familie
3.1 Familien in benachteiligten Lebenslagen
3.1.1 Armut
3.1.2 Alleinerziehende
3.1.3 Familien mit Migrationshintergrund
3.2 Gesellschaftliche Beeinflussungen der Elternschaft
3.2.1 Erschöpfung der Familien
3.2.2 Eltern unter Druck
3.2.3 Gewalt in der Familie

4. Frühe Hilfen
4.1 Begriffsbestimmung
4.2 Angebote und Programme
4.2.1 Früherkennung von Risiken für Kindeswohlgefährdung
4.2.2 Erziehungsberatung
4.2.3 Gesundheitsförderung im frühen Kindesalter
4.2.4 Migrationssensibilität
4.2.5 Gewalt in der Paarbeziehung

5. Forschung

6. Schlusswort

7. Literaturverzeichnis

„Wandlungsprozesse der Familie in der modernen Zeit“

1. Einleitung

Das Thema Familie und die Frage einer effektiven Familienförderung sind heute aktueller denn je. Die Tatsache, dass Deutschland eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt aufweist und Eltern in immer stärkerem Maße über Karrierenachteile sowie Überforderung bei der Kindeserziehung berichtet, hat die Thematik zu einem zentralen Feld der Politik werden lassen. Die Medien berichten von einer steigenden Zahl an Kindeswohlgefährdung und der Ruf nach einer angemessenen Förderung von Kinder und Familien wird stetig lauter. Der Begriff „Familie" im Allgemeinen eröffnet den Blick auf eine enorme Vielfalt von andren Aspekten, die einzeln vertieft behandelt werden könnten. In der vorliegenden Arbeit soll der Fokus aber nicht auf ein spezifisches Teilthema gerichtet werden, sondern es wird die Form des Überblicks gewählt. Sowohl die Wandlungsprozesse auf gesamtgesellschaftlicher Ebene wie auch die Veränderungen auf der innenfamiliären Ebene sollen in ihren Grundzügen diskutiert werden. Daraus soll die gegenwärtige Situation der Familien in diesen sich wandelnden Verhältnissen abgeleitet werden. Dabei wird zunächst im 2. Kapitel ein Bild von Herausforderungen und gesellschaftlichen Beeinflussungen der modernen Familie dargestellt. Das 3. Kapitel beschäftigt sich mit den staatlichen Angeboten und Maßnahmen zur Erhalt und Unterstützung der heutigen Familien. Anschließend wird ein Auszug aus dem Forschungsprojekt vorgestellt und abschließend ein Fazit gezogen.

2. Familie im Wandel

Die modernen Familienforschungen haben heutzutage eine widersprüchliche Vorstellung von der Institution „Familie“ gebildet. Ein Teil der Familienforschung stilisiert die Familie der industriellen Gesellschaft als Einrichtung, die zum Auflösen verurteilt ist, aber ein anderer Teil betont demgegenüber den sozialen Wandel, der die neuen Formen mit sich bringt. Die historischen Entwicklungen des 20.Jahrunderts erfordern eine grundlegende Neubestimmung des Verhältnisses von Familie und Gesellschaft, die mit den Stichworten „Modernisierung“ und „Individualisierung“ gekennzeichnet wird. „Führte die Epoche der Aufklärung und des Bürgertums noch zu relativ fest gefügten, sozialen Ordnungen mit klaren Regelungen, beginnt diese soziale Struktur in modernen Gesellschaften immer brüchiger und durchlässiger zu werden.“ (Fend 2000, S. 148) Aus diesem Grund es ist erforderlich, familiale Lebensformen als historisch wandelbar, kulturgeprägt, umweltabhängig und politikresistent zu begreifen und ausgehend von diesen Merkmalen die gesamtgesellschaftlichen Veränderungen von Familie zu skizzieren (vgl. Kaufmann 1995, S. 14).

2.1 Der Familienbegriff

Die Definition von „Familie“ ist vielfältig und über die Jahre zahlreichen historischen und kulturellen Veränderungen unterlegt worden. Aus diesem Grund sollen für die Formulierung die unterschiedlichen Perspektiven und Erklärungen aufgezeigt werden.

Der Begriff familia entstammt aus dem Lateinischen und bedeutet „die gesamte Hausgenossenschaft“ oder auch der gesamte Hausbestand. Hiermit sind weniger Verwandtschaft, sondern mehr hierarchische Machtverhältnisse gekennzeichnet, denn es handelt sich um „alle der Vollgewalt des Hausherrn – pater familias – unterstehenden Glieder der römischen Kleinfamilie, Herrschaft und Dienerschaft zusammen.“ (Langenscheidt 1991, S. 459)

Im heutigen Sprachgebrauch präsentiert sich die Familie längst nicht mehr als Besitz- oder Herrschaftsverhältnis, sondern vor allem als Beziehungs-System aus Mutter und Vater sowie einem oder mehreren Kindern – die so genannte traditionelle oder Kernfamilie.

Das Deutsche Jugendinstitut fasst Familie sowohl als ein veränderliches System persönlicher, fürsorgeorientierter und emotionsbasierter Generationen- und Geschlechterbeziehungen, als auch ein zentrales Strukturelement von Gesellschaft in einem Lebenszusammengang und Lebenswelt von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen (vgl. DJI 2015, Juli).

Die Familie hat sich über die Zeit und den gesellschaftlichen Wandel verändert. So wie die übliche Mehrgenerationen- oder Großfamilie mittlerweile die Ausnahme darstellt, erscheint die traditionelle Kernfamilie als strukturelle Norm, jedoch nicht weiterhin als faktisch vorherrschendes Lebensmodell (vgl. Peuckert 2008, S.32f). In den Begriffsklärungen wird insbesondere auf die „Pluralisierung von Familienformen“ eingegangen, welche die Konsequenz des gesellschaftlichen Wandels einhergehend mit einer gestiegenen Individualisierung, veränderten Ökonomie und sozialstaatlicher Absicherung darstellt (vgl. Nave-Herz 2007, S.16f).

Aus soziologischer Perspektive wird Familie als eine Institution betrachtet, deren Kern generationale Verbindungen mit besonderem Blick auf die Elternrolle als intergenerative Vermittler von Wertvorstellungen und sozialen Orientierungen ist (vgl. Ecarius 2002, S. 37). Die Bestimmungen über die Funktionen der Familie konzentrieren sich auf die Art und Weise, wie Familie die Anforderungen des Zusammenlebens regelt. Diese beziehen sich insbesondere auf die Art der Haushaltsführung, Freizeitgestaltung und Kindererziehung.

Aus psychologischer Sicht erscheinen weniger die Rollen der Familienmitglieder als mehr die Qualität der innerfamilialen Beziehungen und Interaktionen wichtig. Dementsprechend wird die Familie als eine Einheit definiert, die sich besonders auf die Intimität und die Intensität der persönlichen Beziehungen zwischen biologischen Mitgliedern fokussiert, aber auch gleichzeitig ihre unterschiedlichen Aktivitäten und ihre subjektiven Wahrnehmungen berücksichtigt (vgl. Ecarius 2011, S. 15).

Diese entwicklungspsychologische Definition wird um den pädagogisch-psychologischen Aspekt der Erziehungs- und Sozialisationsleistung erweitert, so dass die Familie nun folgendermaßen bezeichnet werden kann:

„Familie ist eine Gruppe von Menschen, die durch nahe und dauerhafte Beziehungen miteinander verbunden sind, die sich auf eine nachfolgende Generation hin orientiert und die einem erzieherischen und sozialisatorischen Kontext für die Entwicklung ihrer Mitglieder bereitstellt.“ (Hofer 2002, S. 11)

2.2 Wandel der Familienstruktur aus demografischer Sicht

Die Jahre zwischen 1955 und 1965 gelten als Blütezeit von Familie. Die moderne Kernfamilie mit der Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern war eine kulturelle Selbstverständlichkeit und wurde von der großen Mehrheit der Bevölkerung gelebt. Diese Situation hat sich seit Mitte 1960er Jahre infolge der gravierendsten Wandlungsprozesse der Familienstruktur aus demografischer Sicht, der Pluralisierung und Individualisierung der Lebensformen und innenfamilialer Umstellungen geändert.

2.2.1 Generatives Verhalten

Aus demografischer Sicht hat sich die Stellung des Kindes in der Familie bedeutend gewandelt. Das Geburtenniveau stagniert und es gibt auch einen starken Rückgang kinderreicher Familien mit einer wachsenden Kinderlosigkeit, gleichzeitig nimmt die spätere Mutterschaft zu. Aufgrund der Optionssteigerung gerät die Entscheidung für ein Kind, welches eine irreversible Festlegung bedeutet, in Konkurrenz zu anderen Lebensstilen.

„Als wichtige, die Entscheidung für Kinder stützende Rahmenbedingungen, die sich für immer weniger Paare dauerhaft realisieren lassen, zusammenfassend sind: eine gefestigte Paarbeziehung, eine gefestigte ökonomische Basis, ein verlässliches soziales Netzwerk, eine halbwegs kalkulierbare berufliche Zukunft, Berufstätigkeiten und Karriereinteressen, mit denen Kinder vereinbar sind. Diese Entwicklungen führen auf die Individualebenen zu Orientierungsschwierigkeiten junger Menschen, zu einer Zurückhaltung gegenüber langfristigen biografischen Bindungen und zu einer Präferenz für ehe- und kinderlose Lebensformen.“ (Peuckert 2008, S. 121)

Der Verzicht auf Kinder ist somit eine ökonomische und sozial rationale Reaktion der Individuen auf strukturelle Veränderungen. Die Elternschaft hat sich prinzipiell zu einer Option unter anderen entwickelt und kann im Prinzip bewusst gewählt oder nicht gewählt werden. Der Geburtenrückgang ist auf eine grundsätzliche Ablehnung von Familie und damit von Kindern zurückzuführen. Nach Ansicht der zahlreicher Sozialwissenschaftler machen Familie und Ehe in heutiger Gesellschaft eine Krise durch (vgl. Bien/Marbach 2008, S. 224-231).

2.2.2 Sinkende Heiratsneigungen

Die verzögerte Integration junger Erwachsener in das Erwerbsleben mit entsprechenden Konsequenzen für das Heiratsverhalten betrifft die heutige Generation in einem besonderen Ausmaß. Der Abschluss der Ausbildung und die Etablierung im Beruf fordern großen persönlichen und vor allem zeitlichen Einsatz, aber auch Partnersuche und Familiengründung fallen in diesen Zeitraum. Häufig wird in dieser Situation der beruflichen Entwicklung der Vorzug zugeteilt (vgl. Peuckert 2008, S. 126). Die Entscheidung eine langfristige Bindung einzugehen, zu heiraten und eine Familie zu gründen, wird aufgeschoben oder sogar völlig aufgegeben. Während die mit der Eheschließung verbundenen Vorteile kontinuierlich abnehmen, nehmen die Verbreitung und Anerkennung nichteheliche Lebensgemeinschaften nehmen stark zu. Frauen sind immer weniger auf eine Versorgung durch den Partner angewiesen, genauso haben sich die Grundlangen von Liebesbeziehungen gewandelt (vgl. Peuckert 2008, S. 21f). Das alles führt sowohl zu einer sinkenden Heiratsneigung als auch zur einen geringeren Haltbarkeit der Ehen allgemein.

2.2.3 Wachsende Scheidungsrisiken

Die Zahl der Ehescheidung hat einen neuen Höchststand erreicht. Gründe für die Zunahme sind eine „Intergenerationale Scheidungstragierung“ (vgl. Peuckert 2008, S. 22f) und gestiegene Ansprüche an die Beziehung bzw. eine höhere psychische Bedeutung und Wichtigkeit dieser für den Einzelnen (vlg. Nave.Herz, 2007, S. 122-126). Es zeigt sich in dieser Entwicklung die Tendenz zu einem pragmatischeren Umgang mit der Institution „Ehe“ mit einer starken Abnahme vom Verpflichtungs- und Verbindlichkeitscharakter (vgl. Cornelius 1994, S. 14). Man löst die Ehe auf, weil man sehr häufig von einer idealisierten Partnerschaft träumt und sich diese hohen emotionalen Erwartungen nicht erfüllten. Eine Ehescheidung gilt weiterhin immer mehr als legitime Form ehelicher Konfliktlösung, bei der etwa jedes zweite minderjährige Kind betroffen ist (vgl. Peuckert 2008, S. 22f).

2.3 Pluralisierung und Individualisierung der Lebensformen

In westeuropäischen Ländern wurde in den letzten Jahren auf die gestiegene Instabilität von Ehe und Familie und auf ihre sinkende Verbindlichkeit hingewiesen. Diese Entwicklung wurde als De-Institutionalisierungsprozess der Familie als auch eine Modernisierung in der Ausdifferenzierung von Lebens- und Familienformen gekennzeichnet (vgl. Nave-Herz 2007, S.13). Dieser Wandel resultierte aus gesamtgesellschaftlichen Veränderungen struktureller Art (ökonomische Wohlstandssteigerung, sozial-staatliches Absicherungssystem, gestiegenes Bildungs- und Erwerbsniveau) und kultureller Art wie Wertewandel (vgl. Nave-Herz 2007, S. 13).

Mit der Zunahme kleiner und nichtfamilialer Haushalte haben sich neue Formen der Gemeinschaftsbildung konstituiert, die mehr Unabhängigkeit und Freiheit bei der Wahl des Lebensstils versprechen. Aus diesem Grund kann man zu Recht von einer Pluralisierung der Lebensformen sprechen. Folgende familiale Lebensarten werden benannt: Alleinwohnende, kinderlose Ehen, eheliche Lebensgemeinschaft mir Kindern, getrenntes Zusammenleben, nichteheliche Lebensgemeinschaft, gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften, Ein-Eltern-Familie, Stieffamilien, Adoptivfamilien, Pflegefamilien, Patchworkfamilien, heterogene Inseminationsfamilien, Drei- und Mehrgenerationsfamilien (vgl. Peuckert 2008, S. 23-31). Gemeinschaftsbildung ist immer mehr zu einer individuell zu erbringenden Leistung geworden.

Die beschriebenen Wandlungsprozesse können als Ergebnis eines langfristig stattfindenden Individualisierungsprozesses interpretiert werden. Individualisierung wird dabei als „(…) universalistisch ausgerichteter Prozess verstanden, nämlich als Herausbildung von Fähigkeiten, Freiheit und Notwendigkeit zur eigenen Entscheidung für alle Individuen.“ (Peuckert 2008, S. 31, Auslassung H.H.)

In Hinblick auf die Pluralisierung der Lebensformen bedeutet das, dass nun verstärkt die Vorstellung zweier Individuen mit jeweils eigenen Lebensplänen koordiniert werden müssen, dass neue Arrangements von Familie und Beruf, neue Formen des Umgangs miteinander gefunden werden müssen.

2.4 Innenfamiliäre Wandlungsprozesse

Die Familie und Gesellschaft stehen immer in einem wechselseitigen Verhältnis zu einander und spiegeln somit alle Wandlungsprozesse auf verschiedenen Ebenen wie Partnerbeziehung, Rollenveränderung zwischen Mann und Frau als auch die Entwicklung der Erziehungsstile und derer Wirkung auf Eltern-Kind-Beziehung.

2.4.1 Wandel der Partnerbeziehung

Die Partnerschaftsbeziehung hat heutzutage nicht nur Bedeutungswandel als auch eine Sinnverschiebung erfahren. Die Ausbreitung von nichtehelichen Lebensgemeinschaften und anderer nichttraditionaler Lebensformen wird durch Individualisierung, finanzielle Unabhängigkeit, Wertewandel und die hohe Bildungs- und Erwerbsbeteiligung junger Frauen verstärkt (vgl. Peuckert 2008, S. 75). Nach Ansicht des Schweizer Soziologen Hoffman-Nowotny ist die Beziehungsform der Zukunft das „getrennte Zusammenleben“ („living apart together“) mit einem gemeinsamen oder ohne gemeinsamen Haushalt als Kompromiss- oder Notlösung aus beruflichen Umständen oder Ausbildungsgründen. Getrenntes Leben wird aber für die meisten als eine „Findungsphase“ oder eine Übergang wobei auch für die andere als Ausdruck eines Unabhängigkeitsideal betrachtet. Zusammen zu ziehen und eine nichteheliche Lebensgemeinschaft zu gründen, erscheint aber für viele als selbstverständliche, normale und notwendige Folge einer bereits längere Zeit bestehenden Beziehung. Die Beziehungsgestaltung der unverheiratet zusammenlebenden Paare unterscheidet sich kaum von Ehepaaren. Aufgrund des Wandels von „aufgabenorientiert“ zu „beziehungsorientiert“ durch die teilweisen Aufhebungen von Traditionalisierung werden die häusliche Arbeitsteilung, Wünsche, Erwartungen und Gewohnheiten zur Quelle von Irritationen, Spannungen und Auseinandersetzungen deutlich sichtbar (vgl. Peuckert 2008, S. 71).

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668228238
ISBN (Buch)
9783668228245
Dateigröße
698 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v323709
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Note
1,0
Schlagworte
wandlungsprozesse familie zeit

Autor

Zurück

Titel: Wandlungsprozesse der Familie in der modernen Zeit