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Die Entwicklung der deutschen Sprache

Referat (Ausarbeitung) 2001 21 Seiten

Germanistik - Semiotik, Pragmatik, Semantik

Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung

1. Die Kontinuitätstheorie von Karl Viktor Müllenhoff
1.1 Die karolingische Hofsprache
1.1.1 Die Träger der Schriftkultur
1.1.2 Die althochdeutsche Sprache
1.2 Die mittelhochdeutsche Hofsprache der Staufer
1.2.1 Die mittelhochdeutsch Sprache
1.2.2 Die Erweiterung des deutschen Sprachraums
1.3 Das Deutsch der Luxemburger in Prag
1.3.1 Das Deutsch der Luxemburger in Prag
1.3.2 Das Deutsch der Luxemburger in Prag
1.4 Das Deutsch der Luxemburger in Prag
1.4.1 Das Deutsch der Luxemburger in Prag
1.4.2 Der französische Spracheinfluss auf das Neuhochdeutsche
1.5 Martin Luther
1.6 Kritik
1.6.1 Resümee

2. Konrad Burdachs Theorie von der Prager Kanzleisprache
2.1 Der Einfluss der italienischen Humanisten
2.1.1 Rhetorische Elemente treten in den Vordergrund
2.2 Kritik
2.2.1 Resümee

3. Frings Theorie der Sprachentwicklung im mitteldeutschen Osten
3.1 Kritik
3.2 Resümee

4. W. Beschs – Theorie: Zur Entstehung der nhd. Schriftsprache

Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Der Sprachwandel und die Sprachverschiedenheit werden seit der Aufklärung immer häufiger als selbstverständliche Erscheinung der menschlichen Sozialgeschichte anerkannt. Um diesen Wandel besser differenzieren zu können beschäftigen sich Sprachforscher mit der Entwicklung einer Sprache und den Erscheinungsformen des Sprachwandels im außersprachlichen Bereich, so wie dem Verhältnis zwischen Sprache und Schrift.[1] Sie forschen immer wieder nach Ursachen, Orten, Räumen, Personen oder Institutionen die einen entscheidenden Einfluss auf die Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache hatten.

Da die Geschichte einer Sprache keine Stilgeschichte der schönen Literatur ist, beschränkt sie sich nicht auf die Sprache der Dichter oder die Hochsprache der Gelehrten. Deshalb müssen auch die Stilbereiche von der Gebrauchsprosa in der Wissenschaft, Verwaltung, Politik, Wirtschaft und Technik bis zur spontanen Umgangssprache der verschiedenen sozialen Gruppen berücksichtigt werden.

Das Deutsche hat sich, im Vergleich zu anderen Nationen, relativ spät herausgebildet, daher war der Einigungsprozess wesentlich langwieriger und schwieriger als etwa für das Englische oder Französische.[2] Die Gründe dafür liegen in der plurizentrischen Struktur des deutschen Sprachgebietes. Über Jahrhunderte gab es kein dominierendes Machtzentrum politischer, wirtschaftlicher und kultureller Art. Folglich war die sprachliche Entwicklung, durch die Konkurrenz verschiedener Zentren, den häufigen Wechsel der Machtgruppen und die Schwächung der Reichsgewalt, infolge des territorialherrschaftlichen Prinzips im Spätmittelalter, stark behindert. Daraus resultiert auch die typische Regionalgliederung der deutschen Sprache.

In der Regel vollziehen sich die schriftsprachlichen Einigungsprozesse in zwei Dimensionen.

1. Durch die Überwindung der Vorherrschaft einer fremden Sprache,

z.B. das Lateinische.

2. Durch die Beseitigung der regionalen Sprachvielfalt.

Der zweite Punkt hat sich als schwierig erwiesen, weil die regionalen Sprachvarianten durch jahrhundertlange Schreib- und Sprachtradition sehr gefestigt waren. Die komplizierten Einigungsprozesse sind bis heute noch nicht in allen Phasen und Details erforscht.

Die folgenden Theorien und Thesen, von Karl Müllenhoff, Konrad Burdach, Theodor Frings und Werner Besch zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache, spiegeln die grundsätzlichen Schwierigkeiten der Einigungsvorgänge, in einem sprachpartikularistischen Land, wider.

1. Die Kontinuitätstheorie von Karl Viktor Müllenhoff

Karl Müllenhoff (1818-1884) entwickelte 1863 die Theorie von der Kontinuität der Schriftsprache seit althochdeutscher Zeit. Laut Müllenhoff hat sich die deutsche Sprache der Gegenwart kontinuierlich in fünf Etappen, vom 9.-16. Jahrhundert, entwickelt. Diese Entwicklung steht für Müllenhoff in einem engen Zusammenhang zwischen der Abfolge der kaiserlichen Machtzentren und den entsprechenden politisch-kulturellen Höhepunkten, die eine geographische Reihung von Nordwest, Südwest, Mittelost und der jeweiligen landschaftlichen Prägung der Schriftsprache erkennen lassen. Die Hauptträger seiner Theorie sind die Kaiserhöfe und die Kanzleien.

Seine These zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache erschien zunächst in der Vorrede zur 2. Auflage seiner Textsammlung „ Denkmäler deutscher Poesie und Prosa aus dem 8. - 12 Jahrhundert.“.[3]

1.1 Die karolingische Hofsprache

Karl Müllenhoff setzt voraus, dass Sprache mit Schriftlichkeit verbunden ist und die Anfänge der deutschen Sprache, die über den Mundarten steht, auf Karl den Großen (768-814) und seinen Hof zurückzuführen sind. Er stützt seine These darauf, dass durch die Bildungsreform Karl des Großen und dem fränkisch-angelsächsischen Gelehrtenkreis an seinem Aachener Hof, die Kluft zwischen Latein und Volkssprache überbrückt wird. Weil der Frankenherrscher 794, im Zuge seiner Reform, die Geistlichen aufgefordert hat die wichtigsten kirchlichen Texte in die Volkssprache zu übersetzen. Außerdem hat sich nach 800 eine karolingische Hofsprache herausgebildet. Die Grundlage für diese Sprache ist das Mainfränkische, das durch seine Mittellage günstige Voraussetzungen für die Vermittlung zwischen dem Norden und Süden hat.

Um die Heiden effizient zu bekehren, mussten die Mönche sich deren Sprache bedienen, deshalb übersetzten sie ihre religiösen Schriften in die Volkssprache. Dies brachte es mit sich, das manche Wörter aus dem Lateinischen eine volkstümliche Entsprechung brauchten, allerdings wurde nicht jeder Sprachvorschlag von der Bevölkerung verstanden. So wurde das lateinische „spiritus sanctus“ erst mit „ther uuiho atū“ (der heilige Atem) wiedergegeben, später setzte sich die angelsächsische Variante „ther heilago geist“ (der heilige Geist) durch.

„Warum sollen denn die Franken allein davon ablassen, auf Fränkisch das Lob Gottes zu singen“ (wenn andere Völker es in ihrer Sprache längst mit reiner Kunst getan haben)[4]

Folglich beginnt für Müllenhoff die Geschichte der deutschen Sprache im 8. Jahrhundert n. Chr., mit dem Einsetzen schriftlicher Überlieferungen in deutscher Sprache. Der sprachsoziologische und sprachliche Übergang vom Germanischen zum Deutschen vollzog sich für ihn, im christlichen Reich Karls des Großen. In der Zeit vor dem 8. Jahrhundert ist die sprachliche Entwicklung, auch im alltagssprachlichen Sinn, eine Vorgeschichte der deutschen Sprache, da die in dieser Zeit gesprochenen Idiome zwar als germanisch bzw. indogermanisch, aber noch nicht als deutsch bezeichnet werden können.

Er hat nicht bedacht, dass die Karolinger und die mit dem Papsttitel ausgezeichneten Bischöfe von Rom im 8. Jahrhundert ein langwährendes Bündnis zur gegenseitigen Machtsicherung geschlossen haben. Dieses Bündnis war die Voraussetzung für das universale Kaisertum der Frankenkönige und für die Existenz des Papsttums im mittelalterlichen Sinn.

Karl der Große wird von Papst Leo III, am Weihnachtsmorgen des Jahres 800 in der Petersbasilika in Rom, zum römischen Kaiser gekrönt. Die Volksmenge rief: „ Karl, dem Augustus, dem gottgekrönten großen und friedenreichen Imperator der Römer, Heil und Sieg!“ Mit dieser Krönung und den huldigenden Heilrufen war nach der Auffassung der Zeitgenossen das west-römische Kaisertum, das 476 untergegangen war, wieder belebt worden. Karls persönliche Interessen für seine fränkische Muttersprache sind uns von seinem Biographen Einhard überliefert. Sein Plan, eine deutsche Grammatik zu verfassen, wurde nicht ausgeführt und die von ihm verfasste Sammlung deutscher Heldenlieder ist verloren gegangen.

1.1.1 Die Träger der Schriftkultur

Die Trägerin der Schriftkultur war in althochdeutscher Zeit die Kirche. In den Domschulen und Klöstern übersetzten Mönche die Schriftstücke in althochdeutsche Dialekte. Da die Mönche aus unterschiedlichen Sprachregionen stammten, kann man auch in diesem Fall nicht von einer einheitlichen Schreibsprache sprechen.

Bis ins 8. Jh. war das Latein die einzige geschriebene Sprache. Allerdings war das lateinische Alphabet nur beschränkt geeignet, die germanischen Lautungen wiederzugeben. Vom fränkischen Merowingerkönig Chilperich I.(U 584) ist überliefert, dass er das Alphabet um vier Zeichen (ē, ō, w, th) erweitert hat, um es zur Aufzeichnung fränkischer Wörter geeignet zu machen.

1.1.2 Die althochdeutsche Sprache

Althochdeutsch wird jene Schreibsprache genannt, die zwischen dem 7. und 11. Jahrhundert in den Überlieferungen verwandt wird und einen gewissen Stand der zweiten oder hochdeutschen Lautverschiebung zeigt. Althochdeutsche Texte (750-1050) beruhen in der Regel auf Abschriften, in denen versucht wurde, einen Dialekt in einen anderen zu übertragen, was bei den verschiedenen Werken im unterschiedlichen Grad gelang. So ist beispielsweise das Hildebrandslied nur in einer altsächsischen Abschrift eines bairischen oder langobardischen Originals erhalten, was man aus den hyperkorrekten und nicht umgesetzten Formen erschließen kann.[5]

Es existierte kein einheitliches Laut-, Sprach- oder Schreibsystem, sondern nur eine Gemeinschaft von Dialekten durch übereinstimmende Merkmale in Konsonantismus, z.B. die Tenusverschiebung bei der II. Lautverschiebung, Vokalismus, Wortschatz und Wortbildung.. Im Norden blieb die Abgrenzung zum Altsächsischen und Altniederfränkischen durch die Lautverschiebungslinie, „Benrather-Linie“ auch „maken/machen-Linie“ genannt, bestehen.

Diese Grenze wurde durch die hochdeutsche Lautverschiebung bestimmt, die Grenzlinie verläuft südlich von Aachen und beginnt an der Grenze des französischen Sprachgebiets, macht einen weiten Köln umfassenden Bogen, kreuzt den Rhein südlich von Düsseldorf bei Benrath, verläuft von da südöstlich, dann vom Rothaargebirge nordöstlich bis sie zur polnischen Sprachgrenze weiterverläuft.

1.2 Die mittelhochdeutsche Hofsprache der Staufer

Die zweite Etappe ist für Müllenhoff die mittelhochdeutsche Hofsprache mit dem Kaisergeschlecht der Staufer. Nach Müllenhoff baut sie systematisch im 11. – 12. Jahrhundert auf den Grundlagen der karolingischen Hofsprache auf. Seine Theorie ist, dass die mittelhochdeutsche Sprache kein neuer Sprachtypus ist, sondern eine Weiterentwicklung der karolingischen Hofsprache, die sich auf das Althochdeutsche aufbaut. Die Anfänge deutschen Schreibens und Lesens in der Karolingerzeit waren aber nur ein erster schwacher Ansatz, der in der Ottonenzeit wieder in Vergessenheit geriet.

Notker von St Gallen, der sich um 1000 aufs Neue, wie Otfrid, für sein Wagnis mit der barbarischen deutschen Sprache bei seinem Bischof entschuldigte, hat von den karolingischen Vorgängen nichts gewusst.

Müllenhoff hat bei seinen Forschungen nicht berücksichtigt, dass, das günstige geistige Klima für die Volkssprache nicht mehr vorhanden war. Im 10. Jahrhundert regierten nicht mehr die mitteldeutschen Karolinger, sondern die niederdeutschen Ottonen und Salier. Die mitteldeutschen religiösen Schriften wurden im niederdeutschen Sprachraum nicht verstanden, sie wurden auch nicht in das Niederdeutsche übersetzt, weil das Niederdeutsche in der damaligen Zeit als Sprache nicht angesehen war.

Vom 10. – 11. Jahrhundert wird in den klösterlichen Schreibstuben des mittelalterlichen Reichs fast kein Deutsch mehr geschrieben. In der Zeit der Staufer und Salier dominierten diejenigen Kräfte, die in ihrem universalistischen Anspruch kein Interesse daran hatten, von der Schreibsprache Latin abzugehen, so dass eine Zeitlang keine großen Deutschen Texte verfasst wurden. Deshalb wurde beschlossen auf die lateinischen Texte zurückzugreifen.

[...]


[1] Peter von Polenz Geschichte der deutschen Sprache, 9. überarbeitete Auflage, Berlin, New York: de Gruyter, 1978. S. 6-8.

[2] Peter von Polenz. Geschichte der deutschen Sprache, 9. überarbeitete Auflage, Berlin, New York: de Gruyter, 1978. S. 73-74.

[3] Müllenhoff, Karl: Vorrede. In: Müllhoff/Scherer (Hrsg.). Denkmäler deutscher Poesie und Prosa aus dem VIII-XII Jahrhundert. Berlin 1864, S. V-XXXI.

[4] Peter von Polenz. Geschichte der deutschen Sprache, 9. überarbeitete Auflage, Berlin, New York: de Gruyter, 1978. S. 37.

[5] In selten erhaltenen Notizen, die der Reinschrift einer Urkunde vorausgingen, stellt Stefan Sonderegger fest, dass in den Konzepten die Entwicklung der Sprache, z. B. der Primärumlaut, weiter fortgeschritten ist als in den Urkunden selbst. Die stark phonetische Schreibweise der Vorakte wurde zugunsten einer konservativen Einheitsschreibung aufgegeben.

Details

Seiten
21
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638331081
Dateigröße
620 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v32375
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Germanistisches Seminar
Note
1,7
Schlagworte
Entwicklung Sprache

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