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Mit Volldampf in ein neues Zeitalter! Eine 6-stündige Einheit zum Thema Industrialisierung (Geschichte, 9. Klasse)

Unterrichtsentwurf 2016 47 Seiten

Didaktik - Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Ideenüberblick zu einer Einheit mit dem Thema „Industrialisierung“

2. Skizzierung der UE

3. Unterrichtsthema

4. Sachanalyse

5. Didaktische Analyse

6. Methodische Analyse

7. Auf Kompetenz orientierende Unterrichtsziele

8. Bibliographie

9. Detailplanung

10. Material

1. Ideenüberblick zu einer Einheit mit dem Thema „Industrialisierung“

Die vorbereitete UE zur Industrialisierung ist auf allgemeinpädagogische und geschichtsdidaktische als auch lerngruppenspezifische Aspekte aufgebaut.

Ratsam wäre für die UE, historische Sachverhalte teilweise, wo es um geschichtliche Großereignisse oder strukturgeschichtliche Prozesse geht, aus überschaubaren schriftlichen Sekundärquellen erarbeiten zu lassen. Um die Arbeit mit den Texten zu erleichtern, könnten kurze Kommentare über einigen Texten verfasst werden, die diese anmoderieren. Bei der Auswahl der (Quellen-)Texte ist auf das Sprachvermögen der SuS zu achten. Wenn die Gruppe wenig bis kaum an das Unterrichtsprinzip kooperativen Lernens gewöhnt ist, können Methoden wie „Brainwriting“ und jene des „Partnerpuzzles“ ausprobiert werden, um langsam an das Unterrichtsprinzip heranzuführen, den klassischen Frontalunterricht zeitweise aufzulösen und um den Großteil der Lerngruppe am Arbeitsprozess zu beteiligen.[1] Ein solches Vorgehen hat den Vorteil, die Lerner an eigenverantwortliche Arbeitsprozesse heranzuführen zu können, die auch für andere Fächer als auch ihr späteres Berufsleben relevant sind.[2] Allgemein erscheint es von Nutzen zu sein, die SuS in selbstreguliertem Lernen und Arbeiten zu unterstützen, indem sie beispielsweise am Ende der Einheit zur Industrialisierung zur Metakognition über ihren konkreten Lernfortschritt angeregt werden.[3] Insgesamt müssen die Arbeitsaufträge einfach und verständlich für die Lerngruppe formuliert sein und das Material sollte anregenden Charakter haben, indem neben Text- auch Bildelemente auf den Arbeitsblättern verwendet werden. So können die SuS ihre Fähigkeiten erweitern, an Gedanken anderer anzuknüpfen und gemeinsam Lösungsversuche erarbeiten . Eine grundlegende „Lernzielambivalenz“ [4] zwischen (hoher) Stoffdichte und (geringem) Kompetenzerwerb sollte vermieden werden. Eine weitere, zu ergreifende Maßnahme ist die Förderung des sensiblen Umgangs mit Primärquellen, um die Perspektivität von Quellen wahrzunehmen und den Aussagewert einer Quelle untersuchen zu lernen. Denkbar wäre dies am Beispiel von Erinnerungen verschiedener Zeitgenossen zur Kinderarbeit, sodass gleichzeitig das Fällen von Sach- und Werturteilen sowie Perspektivenübernahme geschult werden. Verstärkt sollte Augenmerk auf den sprachsensiblen Umgang mit angemessenen Fachtermini in grammatikalisch korrekten Sätzen gelegt werden. Es ist außerdem denkbar, mit Hilfe von Leitfragen und Hypothesen der SuS Tafelbilder zu erstellen, die komplexe historische Sachverhalte elementarisieren und statt lediglich Fakten zu akkumulieren, vielmehr eine problemorientierte Auseinandersetzung mit Fragen und Materialien ermöglichen. Eine Gefahr dabei ist allerdings, dass triviale Geschichtsbilder oder einfache Muster historischer Prozesse an die Tafel gebracht werden. Als rückblickende Rekonstruktion der Vergangenheit können sie keine historischen Prozesse abbilden, sie haben lediglich einen konstruktiven Charakter schematisierter Darstellungen, die es gilt, der Lerngruppe bewusst zu machen.

2. Skizzierung der UE

Die Unterrichtseinheit „Mit Volldampf in ein neues Zeitalter- die Industrialisierung“ stellt einen Weg dar, womöglich vorgeschaltete Unterrichtsinhalte wie „1848- Revolution in Deutschland“ und „Reichseinigung von oben“ unter der Leitfrage: „Wie kommen die Deutschen ihrem Bedürfnis nach Einigkeit, Recht und Freiheit nach?“ mit der nachfolgenden Industrialisierung sinnvoll in Beziehung setzen zu können, indem der chronologischen Ausrichtung des Unterrichts entsprochen wird.

Thematisch wird in der ersten Doppelstunde die Entwicklung der Industrialisierung ausgehend von England in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts behandelt. Die gemeinsam zu entwickelnde erkenntnisleitende Frage könnte wie folgt lauten: Warum begann die Industrialisierung gerade in Großbritannien? Die Frage Nachzügler Deutschland- Wann begann die Industrialisierung in Deutschland? Soll in der zweiten Doppelstunde ausgehend von der Ausbreitung der Industrialisierung auf den europäischen Kontinent mit Augenmerk auf Deutschland behandelt werden. Thematisch wird in der dritten Doppelstunde, die auch in zwei Einzelstunden unterrichtet werden kann, zur Frage Kinderarbeit- Kleine Erwachsene in der Industrialisierung? Schwerpunkt auf den Aspekt der Kinderarbeit zum Ende der Einheit gelegt.

Ziel ist es, das lehrplanrelevante Thema in lernpsychologischen und geschichtsdidaktischen Begründungszusammenhängen möglichst innovativ und abwechslungsreich einzuführen, historisches Lernen zu fördern und das Abwägen von Argumenten anzuregen. Angestrebt wird dabei insbesondere „Sinnbildung über Zeiterfahrung“[5] mittels unterschiedlichen Medien wie einem Plakat, Bildern und einer Karikatur sowie übersichtlichen Arbeitsblättern. Die angestrebten Tafelbilder sollen wie die anderen Medien auch Problembewusstsein schärfen. Zwar können sie keine historischen Prozesse abbilden, wohl aber eine vereinfachte Rekonstruktion für einen verständlichen Überblick.

3. Unterrichtsthema

Die unterrichtliche Behandlung der Industrialisierung umfasst ein breites Spektrum an Aspekten als eine mit vorhergehender Entwicklung nicht vergleichbare Zäsur und ist im „Bildungsplan der Sekundarstufe I im Land Bremen Gesellschaft und Politik. Geographie, Geschichte, Politik. Bildungsplan für die Oberschule.“ vom Stand 2010 für die Jahrgänge 7 und 8 nach der Epochenwende vom Mittelalter zur Neuzeit, Reformation, Glaubenskriegen und Absolutismus vorgesehen. Damit die SchülerInnen im Rahmen der historischen Dimension am Beispiel des weltgeschichtlich bedeutungstragenden Vorgangs ein fundiertes Geschichtsbewusstsein entwickeln und historisches Denken ausdifferenzieren, ist angedacht, dass sie „[…] in Ansätzen Ursachen und Bedingungsgefüge der Industrialisierung“[6] erarbeiten und „[…] beispielhaft ihre Fortentwicklung zur modernen Industriegesellschaft und ihre Auswirkungen auf Arbeits- und Lebensbedingungen.“[7] untersuchen. Konkret sollen folgende Inhalte bearbeitet werden: „Von der Agrar- zur Industriegesellschaft: technisch- wissenschaftliche Neuerungen und ihre Folgen, Kapitalismus, Proletariat, Arbeiterbewegung“ sowie die „Entwicklung Bremens von der Hanse- zur Industriestadt, Gründung Bremerhavens“[8].

Je nachdem, ob Lernergebnisse niedriger oder kognitiver Dimension vorgesehen werden, sollten die Inhalte und Arbeitsaufträge angepasst werden. Für das grundlegende Niveau können vor allem Lernergebnisse niedriger kognitiver Dimension[9] vorgesehen sein, beispielsweise, dass das Zeitalter der Industrialisierung in den historischen Kontext eingeordnet wird, die Entwicklung von der Agrar- zur Industriegesellschaft erkannt und Unterschiede benannt werden. Außerdem sollten die SuS die Gründe für England als „Vorreiter“ der Industrialisierung nennen und die Ausbreitung der Industrialisierung in Deutschland beschreiben. Desweiteren ist es denkbar, dass die SuS wissenschaftliche Neugerungen und ihre Folgen und Begriffe wie Kapitalismus, Proletariat etc. nennen können sollten. Außerdem sollten sie Probleme der Industrialisierung beschreiben, Errungenschaften der Arbeiterkämpfe nennen und einen Bezug zu heute herstellen können und als zentrales Gebiet der Industrialisierung in Deutschland das Ruhrgebiet nennen und Errungenschaften der Industrialisierung in Beziehung zur heutigen Zeit setzen und bewerten können.

Im erweiterten Niveau sollen die SuS Lernziele mittlerer kognitiver Dimension erreichen, indem sie zusätzlich die Bedeutung des Deutschen Zollvereins erklären und Begriffe wie Kapitalismus, Proletariat etc. mit Beispielen belegen können.[10] Außerdem sollen sie den Zusammenhang zwischen den Problemen und dem Kampf für soziale Gerechtigkeit wiedergeben können.

Diese Lernziele verleihen dem Thema eine Bedeutung, die kaum hoch genug eingeschätzt werden kann, da die Industrialisierung neben Veränderung der Lebensweise und –grundlagen im speziellen eine allgemeine gründliche Umwälzung der menschlichen Existenz repräsentiert.

4. Sachanalyse

Monokulturen, Klimaerwärmung, Outsourcing und die weltweite Zweiteilung der Länder in Industrie- und Schwellenländer sind als direkte und indirekte Folgen des historisch abgeschlossenen Industrialisierungsprozesses[11] heute deutlicher denn je zu spüren und stellen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft vor kaum zu bewältigende Herausforderungen. Über die herausragende Bedeutung des „Durchbruch[-s] zur modernen Industriegesellschaft“[12] sind sich Historiker einig, wenn sie konstatieren, die Industrialisierung habe „in der Geschichte der Menschheit nicht ihres gleichen“ und keine historische Entwicklung sei in Verlauf und Folgen „je so dramatisch“[13] gewesen. Nach der britischen Historikerin Phyllis Deane bezeichnet der Begriff Industrialisierung „[…] den wirtschaftlichen Prozess, der eine vorindustrielle, von niedriger Produktivität und Stagnation gekennzeichnete Gesellschaft in eine moderne Industriegesellschaft überführt, die von steigender Produktivität und Wirtschaftswachstum gekennzeichnet ist“[14]. Eine nicht nur ökonomisch, sondern auch alle anderen Aspekte des veränderten Lebens durch die Industrialisierung berücksichtigende Definition ist folgende von Klaus Tenfelde. Unter Industrialisierung seien „[…] die grundlegenden, vornehmlich wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und mentalen Veränderungen zu verstehen, die seit der Mitte des 18. Jahrhunderts die Existenzgrundlagen und die Befindlichkeiten der modernen Gesellschaften umgewälzt haben“[15]. Der in beiden Definitionen akzentuierte Gesellschaftsübergang durch die Industrialisierung von Agrar- zu Industriegesellschaften ist dabei zentrales Element. Der Industrialisierung, deren Position als Forschungsthema zwischen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte zu verorten ist, wird die Bedeutung einer repräsentativen historischen Entwicklung mit weltgeschichtlichem Charakter[16] und einer „menschheitsgeschichtlichen Dimension“[17] zugewiesen. Bisweilen wird sie sogar als zweiter, exemplarischer Einschnitt in der Menschheitsgeschichte nach der neolitischen Revolution vor etwa 10.000 Jahren gedeutet.[18]

Verschiedenste Bedeutungsschichten, die die thematische Komplexität der Industrialisierung abbilden, z.B. die politische, die ökonomische und die soziale Dimension, machen deutlich, dass der Versuch, „eine“ Universalgeschichte der Industrialisierung schreiben zu wollen, ein vermessenes Unterfangen ist. Ein Kompendium an ungleichzeitigen Entwicklungen in unterschiedlichen Staaten und Regionen und viele Varianten industrieller Entwicklung gehen über jedes schematische Muster hinaus. Trotzdem ist der Anspruch lohnend, einen konsistenten Überblick zusammenzustellen, auch wenn aufgrund der thematischen Komplexität kein einheitlicher Faktenbestand für die Industrialisierung vorhanden sei, wie Nonn problematisiert.[19] Der als notwendig betrachtete Geschichtspluralismus wird in der folgenden, stark verkürzten Darstellung des historiographischen Diskurses zur Industrialisierung ebenso deutlich wie die diffizile Bemühung, die Industrialisierung historisch zu kontextualisieren und zu periodisieren. Als allgemein anerkannt gilt unter Historikern, dass die Industrialisierung Teil des „langen 19. Jh.“ bzw. des nicht ohne Probleme sog. „Zeitalters der Industrie“ ist. Dieses wird von folgenden beiden Zäsuren begrenzt, erstens der Französischen Revolution 1789 und zweitens dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914. Doch dies sind allenfalls Orientierungspunkte, einen genauen Zeitpunkt des Beginns der Industrialisierung festzulegen ist nicht möglich, da das Erkenntnisinteresse des jeweiligen Historikers bei der Untersuchung der Industrialisierung dabei entscheidend ist.[20] Grundsätzlich problematisch sei auch die Bezeichnung der Industrialisierung als Epoche, so ergebe sich daraus doch rhetorisch-historischer „Zündstoff“, weil, wie Condrau erläutert: „[…] die Epochengrenzen sehr viel weniger klar sind, als das in der Politik- und Diplomatiegeschichte zumeist der Fall ist.“[21]. Deshalb sind auch jene historiographische Ansätze, wie Görtemaker feststellt, fragwürdig, die den Beginn der Industrialisierung nach Stand der Kohleförderung bestimmen.[22] Unbestritten hingegen ist, dass die Industrialisierung „weder über Nacht noch in allen Wirtschaftsbereichen gleichzeitig“[23] einsetzte, sondern eine lange Vorgeschichte hat. Diese bezeichnet der wirtschaftshistorische Diskurs als Phase der sog. „Protoindustrialisierung“, ein um 1970 von Mendel geprägter Begriff, der die Industrialisierung vor der Industrialisierung meint und die auf den systemischen Charakter vorindustrieller Gewerbe abhebt (z.B. Familienorganisation).[24]

Weit verbreitet ist die Vorstellung, die Industrialisierung hätte mit der technischen Erfindung der Dampfmaschine begonnen. Doch diese Vorstellung sei, so Ziegler, absurd.[25] Entgegen sozialgeschichtlicher Forschung, die vorwiegend die Verflechtung von wirtschaftlichem, technischem und gesellschaftlichem Wandel und auch die bedeutungstragenden Rohstoffdependenzerhältnisse betont[26], schreiben Wirtschaftshistoriker tatsächlich vor allem technischem Fortschritt und Innovation Bedeutung zu. Letztere konzentrieren sich in ihren Bemühungen auf die Ursachen der Industrialisierung im 18. und 19. Jahrhundert.[27] So beispielsweise Rostow in seiner bekannten Monographie „The Stages of Economic Growth“ (1991), in dem er eine Variante der Modernisierungstheorie eröffnet. Der Wirtschaftshistoriker und Ökonom unterscheidet in seiner Stufentheorie fünf Phasen des Industrialisierungsprozesses, indem er eine für seine Zeit typische Argumentationslinie aufnimmt. Diese besagt, dass die industrielle Revolution einen Bruch mit der Vergangenheit darstelle und wirtschaftlicher und sozialer Wandel in einer politischen Entwicklung münde.[28] Im ereignisreichen sog. „take off“ entstünden wachsende Industrien aufgrund radikaler Veränderungen der Herstellungsmethoden gegen das Ende des 19. Jh. Dem widerspricht Görtemaker, da für ihn die Darstellung der Unvermitteltheit des Übergangs von vorindustrieller zu industrieller Gesellschaft und Produktionsweise „dem komplexen und differenzierten Industrieverlauf“[29] unzureichend erscheint. Hier wird die relativierende historiographische Frage deutlich, ob es sich tatsächlich um eine „industrielle Revolution“ aufgrund eines fundamentalen Transformationsprozesses gehandelt hat oder ob die Idee eines Flugzeugstarts im „take off“ für den recht langfristigen Prozess der Industrialisierung im Vergleich zu Ereignisrevolutionen wie der Französischen Revolution oder der Oktoberrevolution 1917 unzureichend ist.[30] Diese seit den 1970er Jahren relevante erkenntnisleitende Frage wird traditionell vor allem im angelsächsischen Raum kontrovers diskutiert.[31] Der seit Zeitgenossen wie Liszt gültige, sakrosankte Konsens, es handle sich um eine „industrielle Revolution“, ein von Engels und Blanqui im frühen 19. Jh. geprägter und von Toynbee übernommener Begriff, also ein plötzliches Auftreten des Industrialisierungsprozesses, wird mit seiner systematisch-prozesshaften oder auch evolutionären Infragestellung geschwächt und in Teilen revidiert. Insbesondere unter dem Eindruck von Crafts Forschungen der 1980er Jahre zu den Wachstumsraten der englischen Industrie kamen erste Zweifel am „revolutionären“ Charakter der Industrialisierung auf und es wurde zunehmend statt mit einem Bruch mit Kontinuität mit der Vergangenheit argumentiert.[32] Crafts Forschungen ergaben, dass Prozesse der Industrialisierung bereits im 17. Jh. begannen, weshalb ihre angenommene Entwicklungsgeschwindigkeit langsamer sei als vermutet.[33] So entfaltete sich eine wissenschaftliche Kontroverse und es eröffneten sich wie analysiert verschiedene Positionen in der Historiographie. Entscheidend für die Beurteilung der diskutierten Frage ist der Betrachtungsfokus, wie Ziegler anschaulich darstellt.[34] Geht es um volkswirtschaftliche Wachstumsraten, lässt sich im Industrialisierungsprozess schlicht keine „Revolution“ für einen Staat wie Frankreich feststellen. Geht es um Branchen und Regionen oder Folgen der Industrialisierung, kann überzeugend die These einer Revolution vertreten werden, denn Produktionsbedingungen und Produktivität änderten sich in manchen Regionen tatsächlich mehr als rasant und die „Einteilung von Ressourcen wurde in der industriellen Gesellschaft zunehmend unabhängig von naturbedingten Rhythmen“[35]. In der Folge entwickelte sich die Auffassung, so Altena und van Lente, dass die Frage nach Bruch oder Kontinuität besser zu beantworten sei, betrachte man die Industrialisierung als europäisches, nicht nationalstaatliches Phänomen. In diesem Fall besteht jedoch das Problem, dass quantitative Zahlen von Staaten nur einen Durchschnitt repräsentieren. Deshalb wird heute aus Historikerkreisen auf die „Region als operative territoriale Einheit für die Industrialisierung“[36] hingewiesen, z.B. Sachsen und das Rheinland. Offenes und wohl wichtigstes zeitgenössisches Forschungsvorhaben ist für Butschek, zu beantworten, „wodurch denn alle diese notwendigen Voraussetzungen zustande gekommen seien und warum gerade in Europa“[37].

Welche Kennzeichen machen aber die Industrialisierung aus? Diese Frage erschließt alle grundsätzlichen Fachinhalte, die für ein Fachverständnis vorhanden sein müssen, zumeist gegliedert in Voraussetzungen und Folgen der Industrialisierung. Indem sich dem Ursprung der heute hoch entwickelten Industrie- bzw. Dienstleistungsgesellschaft zugewandt wird, ist zu erfahren, wie fatal Fortschrittsglaube sein kann, und wie Gegensätze und soziale Ungerechtigkeiten sich in einer die Modernität gestaltenden Welt bedingten. Antriebskräfte waren neben der Konstitutionalisierung der Monarchien und deren Ablösung durch parlamentarische Demokratien die Herausbildung von Nationalstaaten und globale Phänomene wie Kolonialismus und Imperialismus sowie sektoraler Wandel, technische Neuerungen von Produktionsapparaten, gesteigerte Akkumulation liquiden Kapitals und starkes Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum.[38]

Diese lassen sich gut in verschiedenen Periodisierungsansätzen deutlich machen. In einem gängigen Ansatz werden die eineinhalb Jahrhunderte bis zum frühen 20. Jh. in drei Phasen eingeteilt, erstens die leichtindustriell geprägte Frühindustrialisierung (1760-1830), zweitens die schwerindustriell geprägte Hochindustrialisierung (1830-1870) und drittens die Spätindustrialisierung (1870-1914).[39] Die Frühindustrialisierung setzt im ausgehenden 18. Jh. vor allem in Großbritannien ein und dehnt sich später auf Westeuropa aus. Dabei stehen Textil- und Schwerindustrie im Mittelpunkt. Begünstigender Faktor der Industrialisierung ist zunächst die demographische Entwicklung. Es kommt zu spektakulären Fertilitäts- bei gleichzeitig sinkenden Mortalitätsraten, was zusammen mit einer verbesserten Ernährungsgrundlage zu einer „Bevölkerungsexplosion“ führt. Landwirtschaftliche Innovationen in Folge des Strukturwandels von der Dreifelderwirtschaft zur ertragreicheren Fruchtwechselmethode ermöglichen eine deutlich „kapital- und arbeitsintensivere Bodenbearbeitung“[40]. Es ist auch die Zeit der Erschließung wichtiger Ressourcen wie Baumwolle, Eisenerz und Kohle. Abstraktes wissenschaftliches Denken z.B. von Unternehmern der Kolonialmacht Großbritannien, ermöffnet bahnbrechende Erfindungen wie die Dampfmaschine, Baumwollspinnmaschinen und Verfahren der Eisenverarbeitung, die das Leben der Menschen veränderen.[41] Es setzt ein Strukturwandel ein, in dessen Verlauf die Anzahl der Bevölkerung im primären, landwirtschaftlichen Sektor sinkt und der Bevölkerungsanteil des sekundären Sektors zunimmt. Das Zeitalter der Maschinen hatte begonnen.[42] Zukünftig geht es nicht mehr um die handwerkliche Herstellung von Produkten, sondern um die Beaufsichtigung von Maschinen. Das industrielle Wachstum dieser Zeit speist sich maßgeblich aus der Anhäufung an Kapitalmitteln zur Finanzierung neuer Technologien und Fabriken, besonders ab 1750 dynamisiert sich dieser Prozess zunächst in der ersten Industrienation Europas Großbritannien, wo die Fabriken unabhängig von geographischen Gegebenheiten wie Wind und Wasser. Durch die Bauernbefreiung, den Wegfall des Zunftzwanges und die Gewerbefreiheit wird es möglich, frei einen Beruf zu wählen und sich den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen.[43] Doch die Konkurrenz auf den frühindustriellen Arbeitsmärkten ist groß und weil ein Überangebot an Arbeitskräften einem arbeitskräftesparendem, von Maschineneinsatz geprägten Arbeitsmarkt gegenübersteht, suchen viele ihr Glück in der Ferne und emigrieren in die USA.[44] Für das rasante Anwachsen der Auswandererzahlen nach Übersee nach der gescheiterten Revolution 1848/49 sind neben politischen soziale Missstände im Zusammenhang mit der Industrialisierung zu bemerken.[45] Vor allem die Not auf dem Land löst gewaltige Binnenwanderungen in die Städte aus, die fortan Siedlungsentwicklung und Raumordnung maßgeblich mitbestimmen. Motive dieser Land-Stadt-Wanderungen waren vor allem auf attraktive Strukturmerkmale der Städte gerichtet, insbesondere auf Arbeitsmöglichkeiten. Rasante Urbanisierungsprozesse in den Vorstädten verdeutlichen die wirtschaftliche Polarisierung und waren Ausdruck sozialer Disparitäten, die für soziale Segregation sorgten. Die Städte sind von einem enormen Bevölkerungs- und Flächenwachstum gekennzeichnet und sind bis heute Verdichtungsräume in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht. Teilweise entstehen neue Siedlungen wie Oberhausen in der Nähe von niedergelassenen, rohstofforientierten Unternehmen.

Deutschland und andere kontinentaleuropäische Länder werden, da die Industrialisierung dort nach Großbritannien ab dem ersten Drittel des 19. Jh. einsetzte (in Deutschland ab etwa 1840), auch „Nachzügler“ der Industrialisierung genannt. Entscheidend für den Anschub der Industrialisierung im deutschen Kulturraum ist der Wegfall der Zoll- und Handelshemmnisse und die Entstehung eines gemeinsamen Wirtschaftsraums durch den 1834 gegründeten Deutschen Zollverein, die eine Phase des Festhaltens am merkantilistischen Wirtschaftssystem ablösten. Der partikularistischen Struktur des Deutschen Bundes, der in 38 Einzelstaaten gegliedert war, wurde so aus ökonomischer Perspektive ein Ende gesetzt. Die Eisenbahn entwickelte sich als Motor der Industrialisierung zu einem Leitsektor und hatte für Deutschland jene herausragende Bedeutung, die in England die Textilindustrie hatte.[46]

In der zweiten Phase, auch Hochindustrialisierung oder zweite industrielle Revolution genannt, bilden sich Chemie- und Elektroindustrie als industrielle Leitsektoren heraus und es entstehen Kapitalgesellschaften sowie Kartellbildung ganzer Branchen. Neue Kommunikationsmedien wie Telegrafen und Massenmedien, Teil der sog. Kommunikationsrevolution[47], und der systematische Ausbau der Verkehrsstrukturen mit Eisenbahn und Dampfschifffahrt, auch Transportrevolution genannt, ermöglichen durch den rasanten Aufbau des Netzes den Transport von Menschen und Gütern in bis dahin undenkbarem Ausmaß. Doch es gab auch ökonomische „Anpassungsprobleme“ in der Aufbauphase der Industrialisierung, es handelt sich also nicht wie fälschlich angenommen werden könnte um eine reine „Fortschrittsgeschichte“. Am Beispiel der krisenhaften Situationen 1841 bis 1847, die in Missernten, Hungersnöten und Massenarbeitslosigkeit begründet waren, lässt sich dies verdeutlichen.[48] Daraus entwickelt sich schließlich einer der „Glanzpunkte[-n]“[49] und entscheidenden Wendepunkte der deutschen Geschichte- das Revolutionsjahr 1848.

Auf dieser Grundlage veränderten sich die Formen des Zusammenlebens fundamental und Agrargesellschaften wandelten sich zu Industriegesellschaften. Neuartige Klassenstrukturen, die die aus dem industriell-kapitalistischen Produktionsprozess folgen, lösen die Stände ab, wobei eine neue Bevölkerungsschicht sog. Proletarier, der pauperisierten (verarmten) Unterschicht, auf Grund des Vordringens der Lohnarbeit entsteht. Sie bildet die unterste Gesellschaftsschicht, die am oder unter dem Existenzminimum lebt und abhängig vom Kapital/den Fabrikanten ist. Wesentliche Daseinsgrundfunktionen wie Ernährung, Arbeit und Bildung können bei Angehörigen dieser neuen Gesellschaftsschicht kaum bedient werden. In den Städten manifestieren also sich die neuen Klassengegensätze in klarer Art und Weise, speziell jene zwischen Bürgertum und Proletariat[50] und die massenhafte Verarmung zeigt hier am deutlichsten ihr Gesicht des von überlangen Arbeitszeiten, Frauen- und Kinderarbeit geprägten Frühkapitalismus. Kapitalbesitzende Unternehmer als Teil der Bourgeoisie standen fortan besitzlosen Arbeitern mit 70-Stunden-Wochen und unbezahltem Urlaub gegenüber, d.h. die neue bürgerliche Gleichheit löste sich in wirtschaftlicher Ungleichheit auf und die sich gegen andere Wirtschaftsformen durchsetzende kapitalistische Industrialisierung wurde auch in der Gesellschaftsordnung wirksam.[51] In Konsequenz spielt sich die wirtschaftliche Prosperität im Schatten der von John Stuart Mill beklagten sozialen Ungleichheit ab.[52] Antworten auf die „Soziale Frage“, Sammelbegriff für neue Formen der Armut, gaben Kirchen und Unternehmen wie BASF, aber auch Karl Marx und Friedrich Engels, Verfasser des „Kommunistischen Manifests“ (1848), die Geschichte als Klassenkampf verstanden und zur „Diktatur des Proletariats“ aufriefen. Der Staat reagierte mit neu erlassenen Sozialgesetzen unter Bismarck, der die Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung einführte.

[...]


[1] Vgl. Adamski, Peter: Gruppenarbeit und kooperatives Lernen. Gemeinsam historisch lernen, In: Sammelband Geschichte lernen. Bausteine des Unterrichtens, Hefte 116, 123 und 139, S. 64-76., Hier: S. 69.

[2] Vgl. Gloe, Markus: Stolpersteine bei der Gruppenarbeit, In: Sammelband Geschichte lernen. Bausteine des Unterrichtens, Hefte 116, 123 und 139, S. 89-95, Hier: S. 89.

[3] Vgl. Meyer, Hilbert: Leitfaden Unterrichtsvorbereitung, Berlin 2015., S. 151.

[4] Schumacher, Eva-Maria: Eskalation verhindern. Zum Umgang mit Störungen in der Hochschullehre, In: Forschung und Lehre, Jahrgang 19, Heft 2, Bonn 2012, S. 138-139, Hier: S. 138.

[5] Gautschi, Peter, Bernhardt, Markus u.a. : Guter Geschichtsunterricht- Prinzipien, In: Barricelli, Michele, Lücke, Martin (Hg.): Handbuch Praxis des Geschichtsunterrichts, Band 1, Schwalbach 2012, S. 326-348, Hier: S. 335.

[6] Die Senatorin für Bildung und Wissenschaft: Gesellschaft und Politik. Geografie, Geschichte, Politik. Bildungsplan für die Oberschule. Die Sekundarstufe I in Bremen, URL: file:///C:/Users/Laura/Downloads/2010_BP_O_GP%20Erlassversion%20(3).pdf, Datum des Zugriffs: 01.04.2016, S. 6.

[7] Ebd.

[8] Ebd., Hier: S. 8.

[9] Vgl. Meyer, Hilbert : Leitfaden Unterrichtsvorbereitung, S. 195.

[10] Vgl. ebd.

[11] Vgl.: Nicht jedoch abgeschlossenen Gegenstandes

[12] Kruse, Wolfgang: Industrialisierung und moderne Gesellschaft (27.09.2012), URL: http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/kaiserreich/139649/industrialisierung-und-moderne-gesellschaft, Datum des Zugriffs : 08.03.2016.

[13] Nonn, Christoph: Das 19. und 20. Jahrhundert. Orientierung Geschichte, Paderborn 2007, S. 35.

[14] Condrau, Flurin: Die Industrialisierung in Deutschland, Kontroversen um die Geschichte, Darmstadt 2005, S. 5.

[15] Tenfelde, Klaus: Industrialisierung, In: Fischer Lexikon Geschichte, Frankfurt 2003, S. 222-237, Hier: S. 222.

[16] Vgl. Ziegler, Dieter: Die industrielle Revolution, Geschichte kompakt, Darmstadt 2005, S. 1.

[17] Ebd.

[18] Vgl. Butschek, Felix: Industrialisierung. Ursachen, Verlauf, Konsequenzen, Ulm 2006, S. 131.

[19] Vgl. Nonn, Christoph: Das 19. und 20. Jahrhundert, S. 4.

[20] Vgl. Condrau, Flurin: Die Industrialisierung in Deutschland, S. 1.

[21] Ebd., Hier: S. 4.

[22] Vgl. Görtemaker, Manfred: Geschichte Europas 1850-1918, Stuttgart 2002, S. 26.

[23] Nonn, Christoph: Das 19. und 20. Jahrhundert, S. 40.

[24] Vgl. Butschek, Felix: Industrialisierung, S. 94.

[25] Vgl. Ziegler, Dieter: Die industrielle Revolution, S. 2.

[26] Vgl. Otten, Dieter: Die Welt der Industrie. Entstehung und Entwicklung der modernen Industriegesellschaften, Aufstieg und Expansion, Band 1, Hamburg 1986, S. 10.

[27] Vgl. Butschek, Felix: Industrialisierung, S. 11.

[28] Vgl. Altena, Bert, van Lente, Dick: Gesellschaftsgeschichte der Neuzeit 1750-1989, Göttingen 2009, S. 61.

[29] Görtemaker, Manfred: Geschichte Europas 1850-1918, S. 26.

[30] Vgl. Condrau, Flurin: Die Industrialisierung in Deutschland, S. 1.

[31] Vgl. ebd., Hier: S. 2.

[32] Vgl. Altena, Bert, van Lente, Dick: Gesellschaftsgeschichte der Neuzeit 1750-1989, S. 61.

[33] Vgl. Condrau, Flurin: Die Industrialisierung in Deutschland, S. 7.

[34] Vgl. Ziegler, Dieter: Die industrielle Revolution, S. 5-6.

[35] Nonn, Christoph: Das 19. und 20. Jahrhundert, S. 45.

[36] Pollard, Sidney: Einleitung, In: Wehler, Hans-U., Berding, Helmuth u.a. (Hrsg.): Region und Industrialisierung. Studien zur Rolle der Region in der Wirtschaftsgeschichte der letzten zwei Jahrhunderte, Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Band 42, Göttingen 1980, S. 11-21, Hier: S. 12.

[37] Butschek, Felix: Industrialisierung, S. 12.

[38] Vgl. Görtemaker, Manfred: Geschichte Europas 1850-1918, S. 9.

[39] Vgl. Liedtke, Rainer: Geschichte Europas. Von 1815 bis zur Gegenwart, Paderborn 2010. S. 82.

[40] Ebd., Hier: S. 27.

[41] Vgl. Butschek, Felix: Industrialisierung, S. 118.

[42] Vgl. Ziegler, Dieter: Die industrielle Revolution, S. 5.

[43] Vgl. Altena, Bert, van Lente, Dick: Gesellschaftsgeschichte der Neuzeit 1750-1989, S. 58.

[44] Wollstein, Günther: Restauration und Reformbestrebungen zur Zeit des Deutschen Bundes, In: Informationen zur politischen Bildung , Heft 265, München 1999, S. 3-8, Hier: S. 7.

[45] Bade, Klaus J., Oltmer, Jochen: Normalfall Migration, Bonn 2004, S. 7.

[46] Vgl. Otten, Dieter: Die Welt der Industrie. S. 235.

[47] Vgl. Butschek, Felix: Industrialisierung, S. 116.

[48] Vgl. ebd., Hier: S. 239.

[49] Wollstein, Günther: Restauration und Reformbestrebungen zur Zeit des Deutschen Bundes, S. 3-8, Hier: S. 3.

[50] Vgl. Glaser, Hermann: Industriekultur und Alltagsleben. Vom Biedermeier zur Postmoderne, Geschichte Fischer, Frankfurt am Main 1994, S. 102.

[51] Vgl. Otten, Dieter: Die Welt der Industrie. S. 296.

[52] Vgl. Görtemaker, Manfred: Geschichte Europas 1850-1918, S. 37.

Details

Seiten
47
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668240568
ISBN (Buch)
9783668240575
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v323761
Institution / Hochschule
Universität Bremen – Geschichtswissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Industrialisierung Deutscher Zollverein Kinderarbeit Friedrich List Grenzverlegenheit Großbritannien erste Industrienation Europas

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