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Adornos Forderung einer Erziehung zur Mündigkeit

Essay 2015 8 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Gründe und Indizien für das Nachwirken des Nationalsozialismus

3 Verständnis, Forderungen und Ansätze der Erziehung zur Mündigkeit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Adornos Forderung einer Erziehung zur Mündigkeit basiert auf der Annahme, dass die Zustände die Auschwitz ermöglicht haben, fortbestehen. Der Nationalsozialismus wirkt sowohl in den Individuen, als auch in den gesellschaftlichen Verhältnissen die sie umschließen nach. Seine Forderung einer Erziehung zur Mündigkeit steht unter der Prämisse, dass sich Auschwitz nicht wiederholt. So lautet der von ihm formulierte kategorische Imperativ, dass die Menschen ihr Denken so einzurichten haben, dass sich jene Wiederholung nicht vollzieht. Es ist die Aufgabe der Erziehung, jene Wiederholung zu verhindern. In der vorliegenden Ausarbeitung werden die Faktoren, welche Adorno als Indikatoren für das Nachwirken des Nationalsozialismus nennt, erläutert und in Verbindung mit seinen Forderungen gesetzt, die die Erziehung zu erfüllen hat sowie den Zielen die ihr zugrunde liegen.

2 Gründe und Indizien für das Nachwirken des Nationalsozialismus

Adorno leitet seine Annahme, dass der Faschismus in der Gesellschaft gegenwärtig ist von den subjektiven Haltungen gegenüber der nationalsozialistischen Vergangenheit ab, die seines Erachtens darauf hindeuten, dass das Geschehene psychisch keineswegs bewältigt ist. So ist nach dem Verständnis der Menschen, unter einer Aufarbeitung der Vergangenheit nicht die bewusste Auseinandersetzung mit dem Geschehenen gemeint, sondern vielmehr die Idee, mit der Vergangenheit abzuschließen und die Konfrontation ruhen zu lassen. Dies äußert sich darin, dass die Ereignisse verleugnet oder verharmlost werden. Es wird versucht, das Geschehene zu rechtfertigen oder zu kompensieren. Ein Faktor der die subjektive Wahrnehmung formt, ist auch der Sprachgebrauch.[1] Adorno übt beispielsweise Kritik an der Verwendung des Begriffs ''Schuldkomplex'' im Zusammenhang mit der Vergangenheitsbewältigung. Der psychiatrische Terminus ''Komplex'' vermittelt den Eindruck es handelt sich nicht um eine reale Schuld, sondern lediglich um ein krankhaftes Konstrukt. Auch der Begriff ''Judenproblem'', wie er in einem Interview[2] erklärt, verleitet zu der Annahme, dass es tatsächlich ein Problem in Zusammenhang mit der jüdischen Bevölkerung gebe, welches es zu beheben gilt. Die Verdrängungsmechanismen äußern sich auch im Verlust des Bewusstseins für die Kontinuität der geschichtlichen Entwicklung, den Adorno für offenkundig hält.[3] Der Nationalsozialismus wird aus dem historischen Kontext gestrichen und somit auch aus dem Gedächtnis gelöscht, was die Gefahr der Wiederholung von Auschwitz steigert. Die Tilgung der Erinnerung ist nicht subjektiv verschuldet, sondern folgt vielmehr übergeordneten gesellschaftlichen Strukturen. In diesem Zusammenhang ist die kapitalistische Produktionsweise zu betrachten. Sie folgt Rationalisierungsgesetzen und ist nicht mehr auf das Zurückgreifen auf angereicherte Erfahrungen angewiesen. Ähnliche Prozesse laufen im menschlichen Bewusstsein ab. Das Verständnis dafür, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verknüpft sind und unmittelbar aufeinander aufbauen geht verloren. Im Hinblick auf die notwendige Anpassung an den aktuellen Zeitgeist, der immer weiter nach vorne strebt, wird die Erinnerung als nutzlose Last empfunden und wegrationalisiert.[4] In diesem Aspekt kommt eine wesentliche Auffassung Adornos zum Ausdruck. Nämlich jene, dass das Nachleben des Nationalsozialismus hauptsächlich auf die objektiven Konstellationen, wie die ökonomischen Strukturen und die politische Ordnung, zurückzuführen ist. Die Individuen stehen diesen Verhältnissen ohnmächtig gegenüber und werden in die Heteronomie und somit zur Aufgabe der Autonomie gezwungen.[5] Die objektiven Verhältnisse formen Menschen, die zur Liebe unfähig sind. Mit der Liebesunfähigkeit meint Adorno die Unfähigkeit der Menschen, wahrhaftige Bindungen untereinander einzugehen, sich mit dem Gegenüber zu identifizieren und Empathie zu empfinden. Vielmehr gehen die Individuen Bindungen, den Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus folgend, also des Geschäftsinteresses wegen, ein. Sie folgen lediglich der Intention, einen persönlichen Nutzen daraus zu ziehen um sich selbst nicht zu gefährden. Sie haben eine instrumentelle Wahrnehmung von Umwelt und Mitmenschen und machen somit sich selbst und andere zu Objekten. Auch die Technisierung trägt zu diesem Umstand bei. Sie ist, ähnlich wie die ökonomischen Rationalisierungsprozesse, derart in das Bewusstsein der Individuen eingegangen, dass sie ihr Denken formt. Jene Menschen, die die Technik fetischisieren, sind unfähig zu lieben, da die Bedürfnisse durch technische Geräte leicht zu befriedigen sind und menschliche Bindungen entbehrlich werden. Dieses Phänomen der Kälte durchdringt die gesamte Gesellschaft, und ist für Adorno ursächlich dafür, dass die Umsetzung des Holocaust möglich war.[6] Dieser Umstand wirkt sich auch auf die Beziehung der Menschen zur Demokratie aus. Die demokratische Idee ist nicht in das Bewusstsein der Menschen übergegangen. Es wird nicht als strukturelle Einrichtung empfunden, welche auf der Willensbildung des einzelnen fußt. Einerseits verstehen die Menschen sich als Subjekte, denen die politische Einflussnahme zusteht, andererseits sehen sie jedoch nicht die Möglichkeit, in der Realität tatsächlich eine Veränderung bewirken zu können, da ihnen dies durch die objektiven Verhältnisse verwehrt wird.[7] Durch die objektiven Strukturen die sie umgeben bilden die Individuen zwangsweise eine Persönlichkeit mit einer Affinität zur Unterordnung und Anpassung. Der individuelle Charakter wird vernachlässigt, was zu einer Schwächung des Ichs führt. An die Stelle einer eigenen moralischen Instanz, die Freud als das Über-Ich bezeichnet, rückt die Identifikation mit dem Kollektiv. Adorno bezeichnet diese Charakterstruktur als autoritären Charakter. Bei der Bildung autoritätsgebundener Charaktere sind nicht die ideologischen Inhalte des politischen Systems wesentlich, sondern die totalitären Strukturen.[8] Für das fortbestehen des Nationalsozialismus im subjektiven Bewusstsein argumentiert Adorno aus sozialpsychologischer Perspektive mit dem kollektiven Narzissmus. Dieser wurde durch das nationalsozialistische Regime gestärkt, nach dessen Zusammenbruch jedoch nicht zerschlagen, sondern lediglich beschädigt. Da die Panik ausblieb, die sich nach Freuds Theorie in ''Massenpsychologie und Ich-Analyse'' einstellt nachdem die Identifikation mit dem kollektiv erlischt, geht Adorno davon aus, dass die Identifikation sowie der kollektive Narzissmus im Bewusstsein latent Bestand haben. Da die Menschen zunehmend unzufrieden mit der aktuellen Lage sind, und überzeugt davon, dass die konjunturelle Situation unbeständig ist, nehmen sie sich verstärkt als Objekte im ökonomischen Systems wahr. Wegen der Unzufriedenheit mit der Gegenwart werden die früheren Zustände idealisiert und wieder herbei gewünscht. Dieser Umstand macht die Menschen anfällig für eine erneute Einordnung in Kollektive. Dadurch würde der Ausschluss anderer sozialer oder ethnischer Gruppen wieder begünstigt werden, was Ressentiments und erneute Aggressionsbildungen zur Folge hätte.[9]

[...]


[1] Theodor W. Adorno, Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, in: Erziehung zur Mündigkeit, Frankfurt/M: Suhrkamp 1971, S.10 ff..

[2] 3Sat Dokumentation. Theodor W. Adorno. Der Bürger als Revolutionär.

[3] Theodor W. Adorno, Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, in: Erziehung zur Mündigkeit, Frankfurt/M: Suhrkamp 1971, S.12 f..

[4] Theodor W. Adorno, Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, in: Erziehung zur Mündigkeit, Frankfurt/M: Suhrkamp 1971, S.13.

[5] Theodor W. Adorno, Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, in: Erziehung zur Mündigkeit, Frankfurt/M: Suhrkamp 1971, S.144.

[6] Theodor W. Adorno, Erziehung nach Auschwitz, in: Erziehung zur Mündigkeit, Frankfurt/M: Suhrkamp 1971, S. 100 f..

[7] Theodor W. Adorno, Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, in: Erziehung zur Mündigkeit, Frankfurt/M: Suhrkamp 1971, S.15 f..

[8] Theodor W. Adorno, Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, in: Erziehung zur Mündigkeit, Frankfurt/M: Suhrkamp 1971, S.17.

[9] Theodor W. Adorno, Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, in: Erziehung zur Mündigkeit, Frankfurt/M: Suhrkamp 1971, S.19 f..

Details

Seiten
8
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668231054
ISBN (Buch)
9783668231061
Dateigröße
370 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v323917
Note
1,0
Schlagworte
Kritische Theorie Adorno Faschismus Frankfurter Schule Nationalsozialismus

Autor

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Titel: Adornos Forderung einer Erziehung zur Mündigkeit