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Theodor Storms "Immensee". Eine Untersuchung auf novellistische Strukturen

von Angelika Felser (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Novelle „Immensee“
2.1 Erzähltechnik und Erzählstruktur
2.2 „Situationen“
2.3 Symbolik - Lyrik - Stimmungsmalerei
2.4 Eine Novelle ohne unerhörte Begebenheit

3 Resümee

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1 Einleitung

Theodor Storms Novelle „Immensee“, 1849 entstanden, wurde erstmals in Biernatzkis Volksbuch auf das Jahr 1850 gedruckt. 1851 erschien die bis heute maßgebliche, überarbeitete Fassung[1] in der Sammlung „Sommergeschichten und ihre Lieder“. Neben dem „Schimmelreiter“ ist Immensee bis heute Storms erfolgreichste Novelle.

Dreißig Auflagen zu seinen Lebzeiten sollten beweisen, dass „Immensee“ ins Herz der Zeit getroffen hatte.[2]

Die Novelle wird häufig dem literarischen Biedermeier zugeordnet, einem Zeit- und Epochenstil, der zwischen der Romantik und dem „poetischen“ Realismus angesiedelt ist:

In ihm findet sich die Enttäuschung wieder, die durch die Karlsbader Beschlüsse von 1819, der „Demagogenverfolgung“ und die missglückte Revolution von 1848 ausgelöst wurde und die bei den Bürgerlichen einen Rückzug ins Privatleben, eine Sehnsucht nach Idylle, Orientierung und Kontinuität, hervorrief.[3] Immensee ““ - so Nickelsen - möge als beispielhaft für die vom Gedanken der Entsagung, Vergänglichkeit und unerfüllten Wünsche durchtränkte Ausdrucksform des Biedermeier gelten.[4]

Innerhalb des Novellenwerks Theodor Storms gehört die Novelle zum Frühwerk Storms zu den so genannten „lyrischen“, „Situations-„ oder „Stimmungsnovellen“.[5] Storm erklärt die Wahl seines Titels wie folgt:

„Sommergeschichten habe ich den Titel geschrieben; um das Wesen dieser Geschichten zu bezeichnen, hätte ich „Situationen“ schreiben müssen.“[6]

In einem Brief vom 22. November 1850 an Hartmuth Brinkmann nennt Storm sein Anliegen hierfür:

Bei dem Ausdruck „Situationen“ […] habe ich an eine Stelle in Gervinus´ Literaturgeschichte, Bd. V, S. 697, gedacht, wo er sagt, die Novelle sei wesentlich Situation und als solche geeignet, der großen Gattung subordinierter Konversationspoesie, dem Roman, der sich im Geleise des modernen sozialen Lebens bewege, eine poetische Seite abzugewinnen durch Beschränkung und Isolierung auf einzelne Momente von poetischem Interesse [Hervorhebung d. d. Verfasser dieser Arbeit], die sich auch im dürftigsten Alltagsleben finden.[7]

Die Struktur des Erzählens der Novelle in einzelnen Bildern im Zusammenhang mit einem lyrischen Unterton und der verwendeten Symbolik spiegelt wider, dass Storm seine frühen prosaischen Schöpfungen mit seiner Lyrik in Verbindung sah[8], zumal er sich vor Immensee , seiner zweiten Prosadichtung, hauptsächlich mit Lyrik befasst hatte.

Auch der enge Zusammenhang zwischen dem Drama und der Novelle, den Storm sieht, ist in „Immensee“ deutlich zu vermerken. In einer zurückgezogenen Vorrede aus dem Jahr 1881 bezeichnet er die Novelle als die „Schwester des Dramas“ und als „die strengste Form der Prosadichtung“[9].

Storm verlangte von seinen „Situationsstücken“ eine Wirkung, die dem bürgerlichen Drama der Empfindsamkeit des 18. Jahrhunderts vorbehalten war - das von Aristoteles geforderte Mitleid.[10] Ebenso wie das Drama behandelt die Novelle - so Storm- die tiefsten Probleme des Menschenlebens; gleich diesem verlange sie zu ihrer Vollendung einen im Mittelpunkt stehenden Konflikt, von welchem aus das Ganze sich organisiert, und demzufolge die geschlossenste Form und die Ausscheidung alles Unwesentlichen.[11]

Aus diesem Grunde erklärt Storm an gleicher Stelle die ältere Novellenform für überwunden:

Sie [die Novelle] ist nicht mehr, wie einst, „die kurzgehaltene Darstellung einer durch ihre Ungewöhnlichkeit fesselnden und einen überraschenden Wendepunkt darbietenden Begebenheit“.[12]

Die Arbeit hat sich zum Ziel gesetzt, novellistische Strukturen in Storms „Immensee“ aufzudecken. Hierzu werden die für eine Novelle typisch gesehenen Merkmale ebenso beleuchtet wie Storms eigene Auslegung der Gattung.

Die Arbeit stellt demnach nicht in Frage, dass es sich bei „Immensee“ um eine Novelle handelt; sie fragt vielmehr nach dem Gehalt novellistischer Strukturen vor dem Hintergrund der Ereignisse der Epoche. Auf die Kriterien der Novellenforschung nach Aust[13] soll nicht eingegangen, sondern im Kontext einer näheren Analyse verwiesen werden.

2 Die Novelle „Immensee“

2.1 Erzähltechnik und Erzählstruktur

„Immensee“ ist „eine Erzählung mittlerer Länge“[14], die in relativ kurzer Zeit „in einem Zug“[15] gelesen werden kann. Dies ist aufgrund des sehr hohen Grads an Konzentration gewährleistet (s. 2.2).

Novellentypisch ist auch die Gliederung in Rahmen- und Binnenhandlung, wobei dem Rahmen die Funktion der Perspektivierung (der Erinnerungsbilder), der Standortwahl und der Reliefbildung zufällt.[16]

Erzählt wird die Geschichte nicht von dem sich erinnernden Alten, der in der Rahmenerzählung vorgestellt wird. Storm lässt diesen während des gesamten Erinnerungsprozesses „mit gefalteten Händen“ stumm in seinem Lehnstuhl sitzen.[17]

Ebenso wie Reinhard in seiner Jugend unfähig war zu kommunizieren (und stattdessen zwanghaft fabuliert und poetisiert, die Realität überspielt und verklärt), bedarf er im Alter eines Erzählers, der Instanz eines „erzählenden“ Autors[18], damit die Bruchstücke seiner Biographie zur geformten Sprache finden.[19]

Storm gewährt dem Alten keine Möglichkeit mehr, sich erzählerisch von seiner Vergangenheit zu distanzieren.[20] Dies bedeutet für den Leser oder die Leserin[21], dass er oder sie aufgefordert ist, die Wahrheit über Reinhards Leben als gestaltete, vom Erzähler gedichtete subjektive Wirklichkeit wahrzunehmen.

Weder in der Rahmen- noch in der Binnenhandlung liefert der personale Erzähler dem Leser Eindeutigkeit, Sicherheit oder Orientierung. Er hat dem Leser keine Informationen voraus, auch den Namen des Protagonisten nennt er erst im 2. Kapitel (2, S. 4, Zl. 19 ff.).

Wirklichkeit wird „verklärt“ dargestellt, wie u.a. durch extreme Zeitraffungen und -sprünge in der Binnenhandlung (s. 2.2), die der Leser selbst zu bewältigen hat.

Im Erzählrahmen lehrt Storm den Leser bereits, dass ihm allein der äußere Anschein als Anhaltspunkt ausreichen muss und er sich seine Wirklichkeit selbst zu konstruieren hat, was z.B. durch die viermalige Verwendung des Verbs „scheinen“ deutlich wird.[22] Der Leser erhält jedoch durch minuziös beschriebene Details eine Orientierungshilfe, d.h. Hinweise, mit deren Hilfe er seine Neugier bezüglich der Person des Alten stillen kann (vgl. z.B. 1, S. 3, Zl. 30 ff.- S. 4, Zl. 4).

Der Rahmen erzeugt die Grundstimmung der Novelle: Es ist Herbst, Abenddämmerung, ein einsamer alter Mann strahlt Resignation und Verzicht aus. Langsamkeit und Ruhe - welche im krassen Gegensatz zu der im 2. Kapitel betonten Unbeschwertheit der Kindheit, die durch Aspekte der Schnelligkeit und Impulsivität dargestellt wird[23] - untermalen diese Grundstimmung.

Der Alte scheint - so der Erzähler- von einem Spaziergang zurückzukehren; ein Spaziergang, den er als Jugendlicher antrat[24] und den seine Gedanken noch einmal machen - zurück in seine Jugend, ausgelöst durch einen Mondstrahl, der ein kleines Bild streift:

„„Elisabeth!“, sagte der Alte leise; und wie er das Wort gesprochen, war die Zeit verwandelt – er war in seiner Jugend“ (1, S. 4, Zl. 9 ff.).

Das nun folgende Emporsteigen der Episoden in der Erinnerung des Alten erleben - so Wierlacher- der Erzähler und der Leser aus einer „Guckkastenperspektive“, verschmolzen zu einem homogenen Publikum, das sieht, ohne gesehen zu werden, :

[…] nachdem es „allmählich dunkler“ geworden ist, geht der Vorhang der Erinnerungen auf, die Bilderfolge im Sinne Diderots und Reinbecks nimmt ihren Anfang. Nach dem letzten Bilde […] [wird] die Türe des Logen-Zimmers und imaginierten Zuschauerraums […] von der Bedienung geöffnet, das Publikum wird wieder in seine Teile differenziert, Licht erhellt den Raum, und das Stück ist zu Ende.[25]

Wierlacher sieht „Immensee“ als Beispiel eines „Situationsstückes“, das sein Vorbild im empfindsamen bürgerlichen Drama des 18. Jahrhunderts hat und daher als eine „epische Schwester des Dramas“ im Sinne Storms zu begreifen ist.[26]

Nach dem Fall des Vorhangs, dem Ende seines Erinnerungsprozesses, der nur wenige Minuten eingenommen hat[27], sitzt der Alte noch immer in seinem Lehnsessel.

[...]


[1] Ein sehr detaillierter Vergleich der beiden Versionen findet sich bei: McCormick, E. Allen: Theodor Storm’s Novellen. Essays on literary technique. Chapel Hill 1964, S. 1-37.

[2] Pastor, Eckart: Immensee. In: Ders. (Hrsg.): Die Sprache der Erinnerung: zu den Novellen von Theodor Storm. Frankfurt am Main 1988, S. 48-69; hier: S. 48.

[3] Vgl. Nickelsen, Ellin A.: Theodor Storms Novellenkunst: Vier Novellen in Einzeldarstellungen. Teil I: Klassifizierung, Gattungsproblematik, die Novelle „Immensee“. In: German Studies in India Vol. 12, No. 4, December 1988, S. 235-242; hier S. 240.

[4] Vgl. Dies., S. 241.

[5] Zu den Klassifizierungsversuchen vgl.: Dies., S. 235f.

[6] Theodor Storm: Sämtliche Werke in acht Bänden. Hrsg. von Albert Köster. Leipzig 1919-20. Bd. 8, S. 199; zitiert nach: Andreotti, Adriana und Hedwig Bärtsch: Theodor Storm: Immensee. In: Erzählkunst der Vormoderne. Hrsg. von Rolf Tarot und Gabriela Scherer, Bern 1996, S. 199-208; hier S. 199.

[7] Theodor Storm: Briefe. Bd. 1. Hrsg. v. Peter Goldammer. Berlin und Weimar 1972, S. 135; zitiert nach: Andreotti / Bärtsch, S. 199f.

[8] Es soll gezeigt werden, dass Storm Immensee mit Lyrik durchzieht, denn Lyrik - so Boll- ist die Ausdrucksform der bewegten, gehobenen oder erschütterten Gemütsverfassung, die Epik dagegen die des beruhigten, sich vom Ich distanzierenden Seelenzustandes; vgl. Boll, Karl Friedrich: Storm: „Meine Novellistik ist aus meiner Lyrik erwachsen“. In: Schriften der Theodor-Storm-Gesellschaft 29 (1980), S.17-32; hier: S. 24.

[9] Theodor Storm: Eine zurückgezogene Vorrede aus dem Jahre 1881. In: Werke, Gesamtausgabe. Hrsg. v. H. Engelhard, Bd. 3, Stuttgart 1958, S. 524 f.; zitiert nach: Kunz, Josef: Novelle (Wege der Forschung; LV). Darmstadt 1973, S. 72.

[10] Vgl. Wierlacher, Alois: Situationen. Zu Storms früher Prosa. In: Schriften der Theodor-Storm-Gesellschaft 21 (1972), S. 38-44; hier: S. 41.

[11] Kunz, S. 72.

[12] Ders., S. 72.

[13] Aust, Hugo: Novelle (Sammlung Metzler; Bd. 256). 3., überarb. und aktualisierte Aufl. Stuttgart 1999, S. 7-17.

[14] Vgl. Aust, S. 8.

[15] Vgl. Ders., S. 8.

[16] Vgl. Ders. 13f.

[17] Vgl. Sammern-Frankenegg, Fritz Rüdiger: Perspektivische Strukturen einer Erinnerungsdichtung. Studien zur Deutung von Storms „Immensee“ (Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik; 20). Stuttgart 1976, S. 18.

[18] Vgl. Ders., S. 18.

[19] Pastor, S. 52.

[20] Vgl. Sammern-Frankenegg, S. 23.

[21] Im Folgenden steht der Begriff „Leser“ stellvertretend für „der Leser oder die Leserin“

[22] Zitiert wird die Novelle nach: Theodor Storm: Immensee und andere Novellen (Reclam Nr. 6007). Stuttgart 2002, S. 3-35. Die Angaben verweisen auf Kapitel, Seitenzahl und Zeilenangabe; hier: 1, S. 3, Zl. 2-7; S. 3, Zl. 9f.; S. 3, Zl. 13; S. 4, Zl. 3f.

[23] Vgl. z.B.: 2, S. 4, Zl. 19-29.

[24] Vgl. dazu: 9, S. 35, Zl. 3 ff; vgl. hierzu: Sammern-Frankenegg, S. 57 ff.

[25] Wierlacher, S. 40.

[26] Vgl. Ders., S. 41.

[27] Vgl. McCormick, S. 18f.

Details

Seiten
20
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783668231115
Dateigröße
413 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v323920
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Deutsche Philologie II
Note
2,0
Schlagworte
theodor storms immensee eine untersuchung strukturen

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