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Bertolt Brecht "Terzinen über die Liebe". Eine Interpretation

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehungsgeschichte

3. Formale Analyse Terzinen über die Liebe

4. Interpretation

5. Kritik
5.1. Die „Ware“ Liebe bei Bertolt Brecht

6.Fazit

1. Einleitung

Eine Ausarbeitung zu Bertolt Brechts (1898-1956) Liebesgedichten schien zu Beginn meiner Arbeit leichter und unkomplizierter als gedacht, denn Bertolt Brechts Einstellung zur emotionalen Liebe und zur körperlichen Liebe haben sehr viele literarische Andenken an einen der erfolgreichsten und gleichzeitig umstrittensten deutschen Autoren des 20sten Jahrhunderts hinterlassen. B. Brecht, der zumeist als politischer Autor bezeichnet wird, setzt sich in seinen lyrischen Werken vor allem mit der körperlichen Liebe auseinander. Viele seiner oft anstößigen und in derber Bürgersprache formulierten „Liebesgedichte“ erscheinen als reine Anleitung zur Praxis des Geschlechtsverkehrs. Emotionen, Liebe, Anbetung oder das Umwerben einer Frau finden in Brechts Gedichten kaum einen Platz. Es wird ihm vorgeworfen, viele seiner Gedichte seien frauenfeindlich und würden die Unterdrückung der Frau durch einen Mann, gerade im sexuellen Bereich unnötiger Weise thematisieren, wobei ich persönlich den Vorwurf der Unnötigkeit als haltlos empfinde. In B. Brechts Gedichten über die Liebe spiegelt sich unter anderem seine Einstellung zu dem um sich greifenden Kapitalismus seiner Schaffensjahre wieder. Das Leben dreht sich zum größten Teil um Geschäfte. Die Menschen werden seines Erachtens nach durch ihre sozialen Beziehungen und ihre gesellschaftliche Stellung geprägt. Im Jahr 1930 schreibt Brecht im Guten Menschen von Sezuan über die „Ware Liebe“ und nicht über die „wahre Liebe“. Liebe also ein Stück Gut, für das es einen imaginären oder auch realistischen Preis gibt. Käufliche Liebe, die zur Befriedigung der sexuellen Bedürfnisse, vor allem des Mannes erworben werden kann. Emotionen finden in der damaligen Gesellschaft in B. Brechts Gesellschaftsbild keinen Platz. Das Seelenleben der Menschen zur damaligen Zeit liegt nicht in seinem literarischen Interessensbereich. Ein besonderes Merkmal seiner lyrischen Arbeit ist, dass sich seine Dichterpersönlichkeit weder emotional noch persönlich in seinen Werken widerspiegelt. Er selbst macht sich nie zum Gegenstand eines seiner Werke. Ihm war eher daran gelegen, Realität exakt und schonungslos, unter Einhaltung einer objektiven Distanz aufzudecken und zu benennen. Daher kann man seinen Gedichten nur sehr selten eine persönliche Note zuordnen und auf seine individuelle, emotionale oder wirtschaftliche Lebenssituation Rückschlüsse ziehen. Seine doch eher negative Einstellung zum Kapitalismus begründet sich auch in der Tatsache, dass Brecht zu jener Schaffenszeit, in der die Terzinen über die Liebe entsteht beginnt, sich mit dem Marxismus auseinanderzusetzen. Des Weiteren sind seine Werke lange Zeit ein Ausdruck seines Nihilismus, der sich hauptsächlich in Form von Negation und Ablehnung menschlicher Gefühlsduselei und wahrer Liebe äußert. Gesellschaft, Politik und die wirtschaftlichen Zustände sind seiner Meinung nach ausschlaggebendes Moment für die Prägung der Menschen zu dieser Zeit. Vergänglichkeit und Zerstörung prägen die gesellschaftliche Umwelt und die Menschen, die in ihr leben. Erst nach dem 2. Weltkrieg finden Freude und wahre zwischenmenschliche Gefühle wieder Platz in B. Brechts Schaffen.

In meiner Arbeit möchte ich aufzeigen, dass es sich in B. Brechts Gedicht Terzinen über die Liebe nicht um ein wahres Liebesgedicht handelt, in dem wahre Gefühle und Liebe eine Rolle spielen. Was in dieser Zeit eigentlich vorherrschendes Ziel der Dichter und Denker gewesen ist. Eher wird die Liebe als kurze und auch unnötige Illusion dargestellt, die sich unaufhaltsam im Nichts auflöst und zu derzeitigen Gesellschaftsverhältnissen weder Platz findet, noch von überlebensnotwendiger oder gesellschaftsrelevanter Bedeutung ist. B. Brecht fällt damit ein wenig aus dem dichterischen Rahmen seiner Zeit. Seine wahre Einstellung zu Liebe und Sexualität soll am Ende meiner Arbeit an einem Beispiel aufgezeigt werden, um ein besseres Verständnis seiner, teilweise auch im dichterischen Bereich umstrittenen Persönlichkeit zu vermitteln. Die Entstehungsgeschichte des Gedichts Terzinen über die Liebe, sowie eine formale und inhaltliche Interpretation bilden den Hauptteil meiner vorliegenden Seminararbeit. Und am Ende meiner Arbeit möchte ich trotz aller herausgearbeiteten Widersprüche erklären, warum B. Brechts Gedicht Terzinen über die Liebe in unserer heutigen Zeit den Anspruch erwarten kann, zu einem der schönsten „Liebes“-Gedichte der deutschen Lyrik zu zählen.

2. Entstehungsgeschichte

Für die Entstehung des Gedichts „Terzinen über die Liebe“ gibt es kein genaues Datum. Im Dezember 1927 beendet B. Brecht sein Libretto Mahagonny. Oper in 3 Akten. Eine symbolhafte Opernhandlung war nicht zu erkennen, sondern es handelt sich eher um aneinandergereihte Szenen in „Wildwest-Realistik“1, deren Inhalte wie Boxkämpfe, Trunkenheit, Mord und Totschlag sich eher nicht in das zu dieser Zeit geläufige Genre der Oper einfügten. Emil Hertzka, Chef der Universal-Edition und Empfänger B. Brechts Werk steht zum damaligen Zeitpunkt in Korrespondenz mit dem Komponist Kurt Weill, der seit 1927 mit Brecht an der Oper Mahagonny und der Dreigroschenoper zusammenarbeitet. Weill findet Hertzkas Idee überdenkenswert, dem Stück Mahagonny durch eine intensivere Ausarbeitung der Liebeshandlung zwischen Jimmy und Jenny einen Ausgleich an menschlichen und positiven Eigenschaften zu geben. So sollte ein Kontrast zur krassen Realität des Stückes, indem Huren eine Hauptrolle einnehmen geschaffen werden.

Im Jahr 1928 verfasst B. Brecht einen ersten Text aus 20 Versen mit der Überschrift Die Liebenden, welcher dem Anschein nach die Grundlage für das spätere Kranich Duett bildet.

Die Liebenden

Seht jene Kraniche in großem Bogen! Die Wolken, welche ihnen beigegeben Zogen mit ihnen schon, als sie entflogen Aus einem Leben in ein anderes Leben. In gleicher Höhe und mit gleicher Eile Scheinen sie alle beide nur daneben.

Daß so der Kranich mit der Wolke teile Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen Daß also keines länger hier verweile Und keines andres sehe als das Wiegen Des andern in dem Wind, den beide spüren Die jetzt im Fluge beieinander liegen. So mag der Wind sie in das Nichts entführen. Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben So lange kann sie beide nichts berühren So lange kann man sie von jedem Ort vertreiben Wo Regen drohen oder Schüsse schallen.

So unter Sonn und Monds wenig verschiedenen Scheiben

Fliegen sie hin, einander ganz verfallen.

Wohin, ihr? Nirgendhin. Von wem entfernt? Von allen.2

Diese Urfassung, ein von B. Brecht geschriebener Typoskript, bildet wohl die Grundlage für das Duett der Oper aus, weist allerdings formal gesehen noch keine Terzinen auf, sondern die Verse sind durchgehend aneinandergereiht. Erschienen ist das Gedicht als Druck in ähnlicher Form erstmals „innerhalb der Hundert Gedichte (1951) durch Wieland Herzfelde“3. Diese Fassung des Gedichts wird von dem Komponist Hanns Eisler kritisiert, da im Vergleich zum Text des Duetts für die Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny zwischen Jimmy (später Paul genannt) und Jenny die letzten 4 Verse fehlen. Allerdings handelt es sich bei dem Kranich-Duett auf das H. Eisler anspielt um einen Dramentext für den Gesang in der Oper und nicht um ein Gedicht. Im Jahr 1956 veröffentlicht Peter Suhrkamp Die Liebenden in Bertolt Brechts Gedichte und Lieder4. Für die zweite Auflage der Hundert Gedichte ersetzt Elisabeth Hauptmann in B. Brechts Gedicht das Seht durch Sieh und fügt die drei Schlussverse „(Ihr fragt...Liebenden ein Halt.)“5 ein. Außerdem nahm sie geringfügige Verbesserungen vor, da Herzfeldes Druck in der ersten Ausgabe der Hundert Gedichte einige Fehler aufweist. In dieser Form erscheint das Gedicht in den vorliegenden Werkausgaben B. Brechts und dient der Forschung als Grundlage für die Analyse. Im April 1929 teilt K. Weill E. Hertzka mit, dass die Partitur weitgehend fertig ist und es eine abendfüllende Oper geworden ist. Am 1. November 1929 wird das Stück Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny nach Wien gesandt und enthält erstmals die Szene des Kranich-Duetts zwischen Jenny und Paul, welches sich vor dem Bordell in der Stadt Mahagonny abspielt. Nachdem viel an der Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny gearbeitet und geändert wird, findet am 9. März 1930 in Leipzig die Uraufführung statt. Die Oper handelt von der fiktiven Stadt Mahagonny in Nordamerika. Das Hauptthema der Oper ist Geld und Kapital. Nur wer Geld besitzt ist in der Lage sich in der Stadt Mahagonny alles zu leisten. Es geht um Völlerei, käuflichen Sex in Bordellen, übermäßiges Essen und Trinken sowie Boxkämpfe, Mord und Totschlag. Das Duett zwischen Paul und Jenny, welches die Grundlage für das Gedicht Terzinen über die Liebe bildet ist das gesungene Gespräch zwischen der Hure Jenny und dem Freier Paul, die sich für einen flüchtigen Augenblick ihren gegenseitigen Liebesgefühlen hingeben in einer Stadt, in der Liebe und positive Emotionen keinen Platz haben, sondern sich alles nur um den Geldfluss und den Warenkauf dreht. Nach dem, was wir über B. Brechts Einstellung zur Gesellschaft und zur Liebe wissen, scheint es nicht ohne Bedeutung, dass das Liebesduett zwischen Jenny und Paul „ausgerechnet im Bordell, postcoital von Hure und Freier gesungen wird und keineswegs an einem locus amoenus traditioneller Art“6 stattfindet. Letzten Endes wird nach vielen Verwirrungen und Umarbeitungen der Erstdruck mit dem gültigen Titel Terzinen über die Liebe B. Brechts Gedicht erst durch Zufall gefunden, als die Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe B. Brechts Werke entsteht. Die Arbeit an dieser Ausgabe, die ca. 30 Bände umfasst begann 1988 und wurde 1998 zu B. Brechts 100 Geburtstag abgeschlossen. Dieser Erstdruck des Gedichts wird „in den Blättern der Rheinhardt-Bühnen, Deutsches Theater, Kurfürstendammtheater (Spielzeit 1931/1932)“7 gefunden und dient meiner Arbeit als Textgrundlage.

„Terzinen über die Liebe

Sieh jene Kraniche in großem Bogen! Die Wolken, welche ihnen beigegeben Zogen mit ihnen schon, als sie entflogen

Aus einem Leben in ein andres Leben.

5 In gleicher Höhe und mit gleicher Eile

Scheinen sie alle beide nur daneben.

Daß also keines länger hier verweile

Daß so der Kranich mit der Wolke teile

Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen

10 Und keines andres sehe als das Wiegen

Des andern in dem Wind, den beide spüren Die jetzt im Fluge beieinander liegen.

So mag der Wind sie in das Nichts entführen; Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben

15 So lange kann sie beide nichts berühren

So lange kann man sie von jedem Ort vertreiben

Wo Regen drohen oder Schüsse schallen.

So unter Sonn und Monds wenig verschiedenen Scheiben

19 Fliegen sie hin, einander ganz verfallen.

20 Wohin, ihr?

Nirgendhin.

21 Von wem entfernt?

Von allen.

22 Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen?

23 Seit kurzem

Und wann werden sie sich trennen? Bald.

24 So scheint die Liebe den Liebenden ein Halt.“8

3. Formale Analyse Terzinen über die Liebe

Im Unterschied zu der Ausgabe des Gedichts in Hundert Gedichte werden hier im Gedicht durch die Strophenmarkierungen die Terzinen deutlich sichtbar. Die Terzine ist eine dreizeilige aus dem italienischen stammende Strophenform mit durchgehender Reimverkettung aba, bcb, cdc usw. Diese Strophenform taucht erstmals um 1313 in Italien auf. Dante entwickelt dieses Reimschema für sein Epos La divina Commedia, die zwischen 1814-1821 im deutschen unter dem Titel Die göttliche Komödie erscheint. B. Brecht bedient sich nicht nur Dantes Reimschema, welches vor allem bei den Dichtern der Romantik sehr beliebt war, sondern B. Brecht lehnt sich auch thematisch an Dantes Die göttliche Komödie an, genauer auf den 5. Gesang des Inferno.

Die Terzine grenzt dreizeilige Strophen voneinander ab und löst diese Abgrenzung damit auf, dass sich der mittlere Vers einer Strophe mit den umarmenden Reimen der nächsten Strophe reimt. Schon zu Beginn des Gedichts bricht B. Brecht mit diesem Brauch, denn das Ende von Vers 5 „Eile“ reimt sich nicht mit dem Versende von Vers 9 „befliegen“. Eher bilden Vers 7 und 8 einen Paarreim, was bei Terzinen generell kein Brauch ist. Dieser Bruch ist das erste Anzeichen um zu erahnen, dass die weitere Form des Gedichts, vor allem die letzten Strophen, was schon durch die Anordnung der Verse deutlich wird, einen inhaltlichen wie äußerlichen Zerfall aufweisen. Trotzdem ist es B. Brecht sehr wichtig das Reimschema so gut es geht einzuhalten, um einen melodischen Fluss des Gedichts zu produzieren. Vers 19 steht alleine als Strophe und bildet den gereimten Abschluss der Terzinen. Somit stellt sich beim Lesen des Gedichts bis an diese Stelle eine Einheit dar, die wiederholt durch die Terzinenform unterbrochen und wieder eingeführt wird. Ausschlaggebend für diesen einheitlichen Klang des Gedichts sind auch die fast bis zum Ende hin genutzten weiblichen Kadenzen. Auch sie unterstützen den weichen und schwebenden Fluss des Gedichts. Beim lauten Vorlesen des Gedichts macht sich das in der ruhigen Atmung bemerkbar, die durch die stilistisch gewählte Form möglich ist. Auf den Inhalt bezogen kann hier die Verbindung zum Flug der Kraniche und der Wolke hergestellt werden. Auch sie fliegen leicht durch die Lüfte.

[...]


1 Knopf, Jan (Hg.): Bertolt Brechts >>Terzinen über die Liebe<<. 1. Auflage, Frankfurt am Main 1998 S.14.

2 Knopf, Jan (Hg.): Bertolt Brechts >>Terzinen über die Liebe<<.S. 15-16.

3 Knopf, Jan (Hg.): Bertolt Brechts >>Terzinen über die Liebe<< S.16.

4 Knopf, Jan (Hg.): Bertolt Brechts >>Terzinen über die Liebe<< S.17.

5 Knopf, Jan (Hg.): Bertolt Brechts >>Terzinen über die Liebe<< S.17.

6 Knopf, Jan (Hg.): Bertolt Brechts >>Terzinen über die Liebe<< S. 21.

7 Knopf, Jan. Das Liebesgedicht ohne Liebe. Brechts Liebesduett aus der Mahagonny-Oper. In Deutschlandforschung 4 (1995), S. 143.

8 Knopf, Jan. Das Liebesgedicht ohne Liebe. Brechts Liebesduett aus der Mahagonny-Oper. In Deutschlandforschung 4 (1995), S. 143-144.

Details

Seiten
22
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668239012
ISBN (Buch)
9783668239029
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v323984
Note
Schlagworte
bertolt brecht terzinen liebe eine interpretation

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