Lade Inhalt...

Digital Devides. Verringern oder vergrößern digitale Medien die Wissenskluft?

Hausarbeit 2016 35 Seiten

Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einordnung der Untersuchung in gesellschaftliche Rahmenbedingungen, Ungleichheitstheorien und digitale Potenziale
2.1 Theoretische Erklärungen von Ungleichheiten
2.2 Potenziale digitaler Medien zum Ungleichheitsabbau im Bildungswesen
2.3 Bildung, Gesellschaft und politischer Rahmen
2.4 Zwischenfazit

3. Chancengleichheit und das Phänomen des Digital Devide
3.1 „Digitale“ Wissenskluft Hypothese?
3.2 Digital Devides
3.3 Gesellschaftliche und strukturelle Ungleichheitsmechanismen

4. Chancen und Handlungsbedarfe für eine Optimierung der Rahmenbedingungen
4.1 Medienkompetenz und Literacy
4.2 Strukturelle Rahmenbedingungen zur Verringerung des Second- und Third Level Digital Devides
4.3 Beantwortung der Forschungsfrage

5. Fazit und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

7. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Bildung ist in der Wissensgesellschaft eine Grundbedingung für beruflichen Erfolg, Selbstverwirklichung und gesellschaftliche Partizipation. Bildungsungleichheiten und damit korrelierende Chancenungleichheiten sind daher wiederkehrende Themen der Forschung. Bildungsforscher weisen dabei unter Bezugnahme auf die PISA[1] - und IGLU[2] -Studien verschiedener Jahrgänge immer wieder darauf hin, dass beim Bildungszugang und Kompetenzerwerb Disparitäten und Ungleichheiten bestehen, die besonders in Deutschland auf sozioökonomischen Faktoren basieren. Die Shell Jugendstudie (2015, S. 14f) stellte dazu fest, dass die Bildungswelten noch immer auseinanderdriften.

Gleichzeitig ist der Zugang zu gleich guten Bildungschancen ein zentrales bildungspolitisches Ziel sozialstaatlich verfasster Gesellschaften (Loeber & Scholz, 2003, S. 273). Darüber hinaus herrscht allgemeiner Konsens, dass Bildung, insbesondere die schulische Ausbildung, maßgeblich über die weitere Entwicklung und die Berufs- und Lebenschancen von Kindern und Heranwachsenden entscheidet (Legrand, 2014/ Geißler, 2008, S. 34f). Neben diesen individuellen Auswirkungen ist davon auszugehen, dass sich eine moderne Wissensgesellschaft weder Chancenungleichheit noch Bildungsarmut leisten kann, um sowohl internationale Konkurrenzfähigkeit aber auch soziale Stabilität zu gewährleisten (Bruneforth et al., 2012/ OECD 2012, S.13-15). Bildung stellt also ein markt- und gesellschaftsrelevantes Humankapital dar.

Neuen Medien und insbesondere dem Internet mit Web-2.0-Formaten wird im öffentlichen Diskurs eine besondere und neue Rolle für die Bildung zugesprochen. Die digitale Technologie bietet neue Zugänge zu Wissen und Information sowie neue Ausdrucks- und Kommunikationsmöglichkeiten und sie wirkt kosmopolitisch. Da die digitalen Medien mittlerweile in allen Bevölkerungsschichten sowohl eine weite Verbreitung als auch ein hohes Maß an Vertrautheit gefunden haben (Initiative D21 2006, 2013, 2015/ Shell Jugendstudie, 2015) ist in der wissenschaftlichen Debatte umstritten, ob dies Auswirkungen auf die Bildungskluft hat und ob die breit diskutierte digitale Kluft (Digital Devide) dadurch größer oder kleiner wird bzw. geworden ist. Da Medien einen schichtenunabhängigen Zugang zu Information und Wissen bieten, wäre es naheliegend anzunehmen, dass so die Wissenskluft bzw. die Ungleichheiten minimiert werden. Darüber hinaus spricht ein Meinungslager der Soziologie auch davon, dass sich soziokulturelle Erfahrungsformen ohnehin stark gelockert bzw. gar aufgelöst haben und daher bisherige Ungleichheitstheorien eher in Frage zu stellen sind (Scherger, 2010, S.128/ Cachay & Thiel, 2008, S. 196). Die These der wachsenden Wissenskluft nimmt hingegen an, dass durch die neuen Informationsmöglichkeiten die Bildungsunterschiede eher erweitert werden (Zillien, 2009, S. 3). Aus diesen Gründen soll im Rahmen der Hausarbeit untersucht werden, ob durch die Bildungs- und Informationsoption der digitalen Medien die Ungleichheiten der Bildung tatsächlich verringert werden. Dies soll unter folgender Forschungsfrage untersucht werden:

„Kann durch digitale Medien die Wissens- und Bildungskluft verringert und somit die Chancengleichheit erhöht werden, oder gibt es gesellschaftliche und strukturelle Barrieren, die Ungleichheiten weiterhin aufrecht erhalten?“

Nach dieser Einleitung erfolgt im Kapitel 2 die Einordnung der Thematik in einen Gesamtrahmen, indem der theoretische Erklärungszugang nach Bourdieu zu Ungleichheiten erläutert wird, die Potenziale des Internets und digitaler 2.0 Formate dargestellt werden und relevante gesellschaftliche Rahmenbedingungen im Bildungsbereich aufgezeigt werden. In Kapitel 3 wird die Aktualität der These der digitalen Spaltung auf den Grund gegangen, nach der die konstatierte ungleiche Verfügbarkeit und Nutzung der digitalen Informations- und Kommunikations-technologien soziale Ungleichheiten verfestigt bzw. erhöht und daher eher eine Exklusionswirkung haben soll. Hierzu wird anhand einer Studien- und Dokumentenanalyse ein tieferer Blick auf die soziale Realität der strukturellen und gesellschaftlichen Ungleichheitsmechanismen im Bildungswesen genommen. Auf Grundlage der so gewonnen Erkenntnisse erfolgt im anschließenden Kapitel (4) das Folgern möglicher Optimierungsmöglichkeiten der Rahmenbedingungen für mehr Chancengleichheit[3] im Bildungsbereich. Dies schließt mit der differenzierten Beantwortung der Forschungsfrage ab, bevor ein Gesamtfazit gezogen wird und ein Ausblick die Arbeit beschließt.

Zur Vereinfachung der Ansprache wird im Folgenden die männliche Form verwendet, sie schließt die weibliche ein.

2. Einordnung der Untersuchung in gesellschaftliche Rahmenbedingungen, Ungleichheitstheorien und digitale Potenziale

2.1 Theoretische Erklärungen von Ungleichheiten

Unter sozialer Ungleichheit wird im Allgemeinen die ungleiche Verteilung von Lebenschancen und Teilhabemöglichkeiten verstanden. Nach Hradil (2001) liegt soziale Ungleichheit „[…] dann vor, wenn Menschen aufgrund ihrer Stellung in sozialen Beziehungsgefügen von den wertvollen Gütern einer Gesellschaft regelmäßig mehr als andere erhalten“ (Hradil, 2001,S.30). Als „wertvolles Gut“ gilt dabei auch die formale Bildung durch zertifizierte Bildungsabschlüsse. Die zentralen Ursachen für diese Ungleichheit können sowohl im Zeitverlauf innerhalb einer Gesellschaft aber auch zeitgleich in unterschiedlichen Gesellschaften variieren. Dies bedeutet, soziale Ungleichheit ist eine gesellschaftliche Konstruktion, eine sozial erzeugte Verteilung von Handlungsressourcen und Handlungsrestriktionen, die auch veränderbar ist. Zur Erklärung von Ungleichheiten gibt es verschiedene Zugänge über die vertikale Differenzierung nach Klassen- und Schichtenmodelle, aber auch die horizontale Differenzierung einbeziehenden Lebenslagen- Lebensstil- und Milieumodelle (Geißler, 2008/ Endruweit, 2000) sowie die Sozialstrukturtheorie Bourdieu`s. Allen Theorien gemeinsam ist, dass sie eine modellhafte Simplifizierung komplexer Realität sind. Für diese Arbeit wird die Sozialstrukturtheorie mit der Kapitalsortenerklärung von Bourdieu zu Grunde gelegt, weil damit eine analysierende Erklärung von Mechanismen möglich ist, warum es trotz realisiertem Zugang zu digitalen Bildungs- und Informationsmöglichkeiten, also scheinbar gleicher digitaler Bildungsmöglichkeiten, zu Ungleichheiten und damit verbundenen Chancenungerechtigkeit kommen kann.

Bourdieu geht mit seiner Erklärung von Ungleichheiten in den „sozialen Raum“ und begründet soziale Ungleichheit mit der unterschiedlichen Ausstattung mit Kapital. Er geht dabei über das ökonomische Kapital hinaus und leitet weitere Kapitalsorten aus den sozialen Positionen und umgebenden sozialen Strukturen der Akteure ab. Dabei unterteilt er in die drei grundlegenden Kapitalsorten ökonomisches -, soziales- und kulturelles Kapital, welche mehr oder weniger gegenseitig konvertibel sind (Bourdieu, 1992a/ Fuchs-Heinritz & König, 2011, S.162ff). Mit einem tiefergehenden Blick auf die Kapitalarten lässt sich theoretisch erklären, „[…] dass nicht alles gleich möglich oder gleich unmöglich ist“ (Bourdieu, 1983, S.183), was wiederum die Funktionsweise einer Gesellschaft sicherstellt.

Das ökonomische Kapital steht dabei für die Gesamtheit der in Geld konvertierbaren Ressourcen, also materieller und finanzieller Reichtum, Eigentum, Immobilien usw. (Fuchs-Heinritz & König, 2011, S.163 ff/ Bourdieu, 1983, S.184f).

Das soziale Kapital ist die Summe der sozialen Verflechtungen, Beziehungen und Vernetzungen sowie die Mitgliedschaft in Gruppen, Vereinen, Berufsverbänden und Organisationen. Mit diesen Gruppenzugehörigkeiten und Vernetzungen sind Chancen verbunden (Fuchs-Heinritz & König, 2011, S.168ff). „Hat das Beziehungsnetz eine gewisse Stabilität erreicht, so wachen alle Beteiligten darüber, dass diese nicht durch unpassende neue Mitglieder gestört werden“ (Fuchs-Heinritz & König, 2011, S.169). Durch das soziale Kapital werden die Chancen der Erhaltung und Vermehrung der anderen Kapitalsorten gesichert.

Das kulturelle Kapital steht für Wissen und Bildung im weiteren Sinne. Diese Kapitalsorte ist wiederum unterteilt in objektiviertes Kapital und inkorporiertes Kapital. Dabei versteht Bourdieu unter objektiviertem kulturellem Kapital das physisch existente Kapital, wie z.B. Gemälde, Bücher usw. aber auch institutionalisiertes Kapital wie formale Bildungsabschlüsse, die wiederum Zugangsberechtigungen zu Berufen, Organisationen oder weiterer Bildung, also zu Lebenschancen sein können. Es liegt dabei für den Bereich Bildung nahe, dass ähnliches kulturelles Kapital, sozusagen „Bildungskapital“, folglich auch zu ähnlichen Chancen bzw. Berufspositionen führen kann (Vester, 2004, S.39). Es liegt aber ebenso nahe, dass objektiviertes Kapital in physisch existenter Form in der Realgesellschaft ungleich verteilt ist und daher auf nachfolgende Generationen direkt weitergegeben werden kann. Das inkorporierte Kapital ist als internalisiertes Wissen und Können sowie ästhetischer Geschmack zu verstehen, welches langfristig als Habitus wirkt bzw. diesen formt. Habitus meint dabei die drei Ebenen der Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata, welche grundsätzlich nicht angeboren sind, sondern von früher Kindheit an, größtenteils unbewusst, durch die Interaktion mit der Welt erworben werden (Krais & Gebauer, 2002, S. 61). Der Habitus beeinflusst somit auch Umgang und Gebrauch von Internet und Medien.

Eine unterschiedliche Kapitalausstattung sowie die Korrelation der Kapitalsorten zueinander bewirkt nach Bourdieu soziale Ungleichheit, welche sich wiederum auf die Bildungs- und Lebenschancen auswirkt. Der soziale Raum ist dabei das Abbild der Verteilungsstruktur des gesamtgesellschaftlichen und individuellen Kapitals. Das Ausmaß der Verfügbarkeit der Kapitalformen bestimmt die soziale Schicht und damit den Platz im sozialen Raum, was wiederum die Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu einer Gruppe darstellt (Bourdieu, 1992b, S.72). Der soziale Raum besteht dabei aus konkurrierenden, ausdifferenzierten Handlungsfeldern mit jeweils eigenen Logiken, Zusammenhängen und Abhängigkeiten. Nach Bourdieu beeinflussen die Kapitalformen und die Klassenzugehörigkeit der Eltern die Habitusentwicklung der Kinder entscheidend, wodurch sich die Sozialstruktur, also auch die Ungleichheit, reproduziert (Legrand, 2014).

2.2 Potenziale digitaler Medien zum Ungleichheitsabbau im Bildungswesen

Getrieben durch den technologischen Fortschritt der Möglichkeitsfülle des Internets und Social Software hat Lernen mit Technologie sowohl strukturell als auch inhaltlich einen enormen Bedeutungszuwachs erhalten. Den Internet-Instrumenten des Web 2.0 werden für das Bildungsmetier viele positive Effekte zugesprochen (Kutscher et al., 2009/ Kutscher, 2009/ Kamin & Meister, 2012). Insbesondere der digitale Informations- und Wissenszugang aber auch die Kommunikationsmöglichkeiten werden dabei herausgestellt. Da der Informationszugang aber auch traditionell durch herkömmliche Bibliotheken, Bücher und Zeitschriften möglich ist und war und Ähnliches für die Kommunikation gilt, ist zu hinterfragen, was sich durch das Internet, durch Web 2.0, durch Social Software, also für PLE`s[4] tatsächlich für den Bildungsbereich geändert hat.

Während man Bücher, Computer oder das Web 1.0 nur als „Consumer“ nutzen konnte, erlaubt das Internet mit Web 2.0 Formaten auch Informationen zu kommentieren, zu ergänzen oder auch allein oder kooperativ sowie kollaborativ zu generieren und zu diskutieren. Die kollaborativen Formate wie Wiki`s, Blogs oder Foren usw. eröffnen im Bildungsbereich eine Polyperspektivität und eine Reflexionssteigerung. Formate wie Wiki`s, Podcasts oder YouTube Video`s, um nur einige zu nennen, ermöglichen sowohl den Consumer- aber auch den Producermodus, wodurch ein hohes Potenzial durch Aktivität nach der Lerntheorie des Konstruktivismus vorliegt.

Der Zugang zum Internet ist in Deutschland nahezu ubiquitär. Durch Web 2.0 verschwindet die Barriere des lokalen Zugriffs auf Informationen. Während man auf Bücher oder auch bei Web 1.0 auf die Informationen nur lokal zugreifen konnte, ermöglicht Web 2.0 durch Datenspeicherung auf entfernten Servern bei entsprechender Internetverbindung einen jederzeitigen und ortsunabhängigen Zugang. Mit verschiedensten Geräten ist ein Zugriff von zuhause, von unterwegs, von der Schule oder Arbeitsstelle möglich und es ist möglich, Informationen abzugreifen, weiterzugeben, zu verarbeiten und gemeinsam oder allein zu generieren. Durch häufig schon kostenlose Browserprogramme und Flat Rates steht dieses Mittel somit nahezu überall und kostenerschwinglich bzw. zunehmend kostenfrei durch „open access“ zur Verfügung. Die physikalischen Raumgrenzen und Barrieren sind daher eliminiert und ökonomische Barrieren sind zumindest relativiert, wodurch neue und inklusive Lern- und Bildungsräume (Kerres, 2006) sowie neue Lernformen nach der Lerntheorie des Konnektivismus (Siemens, 2005) entstehen.

Durch die diversen Möglichkeiten der Kommunikation des Web 2.0 (Chats, E-Mail, Foren,…) und der breiten Palette der Social Software ist das Internet neben der Informationsquelle auch zu einem Medium sozialer Kommunikation avanciert. Digitale 2.0 Tools bieten einfache, billige, schnelle und weitgreifende Kommunikationsoptionen mit einer neuen Art der „one-to-many-„ und „many-to-many-Kommunikation“, die weder hierarchisch noch durch soziale Schichten behindert wird. Durch diese Entgrenzung der Kommunikation eröffnen sich neue Communities und soziale Vernetzungen, die einerseits kollaborative Arbeits- und Lernformen unterstützen (Pellegrini & Blumauer, 2006, S.190) und andererseits neues Potenzial für die Bildung von sozialen Kapital in sich tragen. Jeder Empfänger kann auch Sender sein und dadurch verändern sich die Kommunikations- und Lernformen. Dies ermöglicht verschiedene Betrachtungswinkel einer Sache und bietet so lerntheoretisch die Möglichkeit die „Zone der nächsten Entwicklung“ (Vygotskij, 1978) zu erreichen und wie es Paulo Frere´ nennt, das dialogische Prinzip des Lernens.

Im derzeitigen Schul- und Bildungssystem sind Lernwege klassifiziert, normiert und bürokratisiert. Dies bedeutet in Folge, dass normabweichende Personen oft durch dieses System ausselektiert werden und Diversität eher unerwünscht ist. Digitale Medien hingegen sind in diesem Sinne offen und flexibel und zeichnen sich eben gerade dadurch aus, dass sie Diversität und Individualität zulassen. Es bieten sich damit Bildungsoptionen, die in starren, normierten Systemen nicht vorhanden sind (Reich, 2014, S.14). Überdies bietet das Web 2.0 einen niedrigschwelligen Zugang, einen sanktionsfreien Raum und ist im Bildungskontext gleichermaßen emotionslos und neutral. Dadurch sind häufig angeführte Faktoren, welche eine Bildungs- und Chancengerechtigkeit minimieren, wie z.B. Geschlecht, Ethnie, Herkunft oder Behinderung für digitale Bildungsangebote ohne Relevanz.

2.3 Bildung, Gesellschaft und politischer Rahmen

Bildung ist Teil eines ganzheitlichen gesellschaftlichen Systems. Die gesellschaftliche Rolle der Bildung schlägt sich darin nieder, dass Bildung und insbesondere formale Bildungsabschlüsse in unserer derzeitigen Gesellschaft eine wesentliche Rolle auf den Zugang zu individuellen Lebens-, Berufs- und Partizipationschancen ausüben (Büchner, 2003, S.11ff). Folgt man der OECD (2010), so besteht besonders in Deutschland eine starke Korrelation zwischen Bildung und Berufs- bzw. Beschäftigungschancen. Solga und Dombrowski (2009) verweisen darüber hinaus noch auf den Einfluss von Bildung auf die Lebenschancen, Selbstverwirklichung, soziale und kulturelle Teilhabe sowie auf die physische und psychische Gesundheit des Individuums. Unstrittig besteht ein enge Kopplung von Bildung und Lebenschancen (Solga & Dombrowski, 2009/ statistisches Bundesamt, 2011). Bildung ist generell die Kultivierung von Handlungswissen und wird unterteilt in formale Bildung, non-formale Bildung und informelle Bildung (Grundmann, 2011, S.63). Die formale Bildung findet in formalen Bildungsinstituten innerhalb der Schul- und Hochschulorganisation statt. Es handelt sich dabei um staatlich sanktionierte Bildung, welche das Monopol für die Vergabe von Zertifikaten und Bildungstiteln sowie staatlich anerkannten Bildungsabschlüssen hat, welche wiederum die Legitimation für berufliche und soziale Positionen und Status sind. Eine Sonderstellung, weil ohne Bildungsabschluss, nimmt dabei die vorschulische Bildung an Kindergärten ein. Eine Vielzahl von Studien verweist auf die hohe Relevanz dieser vorschulischen Bildung für die frühe Förderung von Kompetenzen und damit für die gerechtere Verteilung von Bildungschancen (Heckmann, 2013/ Wößmann & Schütz, 2006, S.11f/ Statistik Austria, 2014). Pauschalierend zeigte sich die Erkenntnis, dass eine vorschulische Förderung der Verfestigung des sozioökonomischen Status entgegenwirkt und ein Zusammenhang zwischen Kindergartenbesuch und höchster abgeschlossener Schulbildung besteht. Seit 1974 existieren curriculare Rahmenpläne, welche eine vermehrte Zusammenarbeit von Kindergarten und Schule unterstreichen.

Die informelle Bildung findet ungeplant, spontan, beiläufig und implizit im Prozess des Reallebens bei der Familie, mit Freunden und Peers, in der Arbeit und in der Freizeit statt. Eine Studie von Nuthall (2004) belegt, dass ¼ des Lernens von Schülern aus informellen Aktivitäten besteht. Hierbei wird den Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) eine große Bedeutung zugesprochen (Wihak & Hall, 2011, S.5). Die informelle Bildung folgt keiner formalen Struktur sondern realer Problemlösung (Rohlfs, 2011 S.39). Der Prozess der informellen Bildung beginnt bereits im Kindesalter in der Familie durch Nachmachen, Aneignen von Routinen, Gewohnheiten und Handlungsmustern, also durch Habitusgenese am Referenzsystem Familie.

Die Non-formale-Bildung findet außerhalb der formalen Bildungsinstitutionen durch freiwilliges Lernen in Vereinen, Verbänden, Seminaren, Workshops, Kursen u.ä. in der organisierten außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung statt (Rohlfs, 2011). Diese, durch Interdependenzen verknüpften Bereiche, bilden den ganzheitlichen Bildungsprozess (Rohlfs, 2011, S.41/ Rohlfs et al., 2014, S.13f/ Gruber, 2007/ Otto & Rauschenbach, 2008/ Europäische Kommission, 2001).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Eigene Abb.: Die Bildungsbereiche in einer Life-Cycle-Perspektive Quelle: In Anlehnung an Rohlfs, 2011, S. 41/ Rohlfs et al., 2014

Bildung ist sozusagen die Summe aus allen Lernbereichen und muss daher in einer „Life-Cycle-Perspective“ betrachtet werden. Das Spektrum erstreckt sich dabei von der vorschulischen Bildung bis zur Erwachsenenbildung. Sie ist unabgeschlossen und findet in einem Kontinuum und in einer Durchmischung dieser Formen statt. Der Erziehungswissenschaftler Schrodt (2011, S.7ff) verweist in diesem Kontext auf die enorme Bedeutung digitaler Lern- und Bildungsangebote und prognostiziert, dass auch das traditionelle Lernen an der „Bildungsinstitution Schule“ weiter an Bedeutung verlieren wird und stattdessen die Nutzung von Wissensinstrumenten in der digitalen Informationswelt sowie Organisation und Verwaltung von Wissen zu lehren sein wird.

Die Bildungspolitik setzt für die formale Bildung die Ordnungsmittel und bildet allgemein den Rahmen für Bildungsprozesse. Bereits 1998 hat das BMBF[5] festgestellt:

- Wenn die Fähigkeit zur Nutzung innovativer Informations- und Kommunikationsmedien in ihrer Funktion zur Erschließung von Wissen noch an Bedeutung gewinnt, verschärft dies unter Umständen die Trennlinie zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen. Eine wichtige Aufgabe des Bildungssystems besteht demzufolge darin, durch entsprechend breite und intensive Vermittlung von Medienkompetenz im weitesten Sinne einem solchen wachsenden Bildungsgefälle entgegenzuwirken“ (BMBF, 1998, S.87).

Im Bericht des BMBF von 2009 wird erneut der Forderung der Vermittlung von Medienkompetenz Nachdruck verliehen, um einer digitalen Spaltung der Gesellschaft entgegenzuwirken (BMBF, 2009, S.5.). Die Kultusministerkonferenz (KMK, 2012) verlangt „Medienbildung gehört zum Bildungsauftrag der Schule […]“(KMK, 2012, S.9) und „Lehrkräfte benötigen für die Vermittlung von Medienbildung sowohl eigene Medienkompetenz als auch medienpädagogische Kompetenz“ (KMK, 2012, S.7). Auch die EU hat bereits zu Beginn des 21. Jahrhunderts den Aufbau digitaler Fähigkeiten als ein zentrales Bildungsziel formuliert und Initiativen wie „eEurope“ und „eLearning“ ins Leben gerufen (Europäische Kommission, 2002/ 2002a). Die Bildungspolitik konstatiert ferner „Jedem Kind muss – ohne Rücksicht auf Stand und Vermögen der Eltern – der Bildungsweg offen stehen, der seiner Bildungsfähigkeit entspricht“ (KMK, 2003). Der Bundesbericht des BMBF 2014 fordert bei Bund, Ländern, Kommunen und der Gesellschaft die Bildungsgerechtigkeit, unabhängig von Herkunft und materiellen Ressourcen, regelrecht ein (BMBF, 2014, S.36). Ebenso konstatiert das Familienministerium, dass der Abbau von sozialer Ungleichheit eine zentrale Aufgabe der Institutionen der Bildung, Betreuung und Erziehung ist (BMFSFJ[6], 2013).

2.4 Zwischenfazit

Zusammenfassend kann folgendes festgehalten werden. Die Bildungspolitik ist sowohl international wie auch national bemüht, Bildungsungleichheiten zu minimieren. Gleichberechtigung im Bildungszugang und Chancengleichheit ist dabei ein erklärtes bildungspolitisches Ziel. Es wird jedoch auch eingeräumt, dass zwar schwindend aber immer noch sozioökonomische Bedingungen die Bildungschancen beeinträchtigen. Gesellschaftlich und bildungspolitisch herrscht Konsens über die hohe Relevanz der Medienkompetenz und deren notwendige Herausbildung innerhalb der schulischen Ausbildung, aber auch die Gefahr einer digitalen Kluft wurde erkannt. Daher ist die Medienbildung als querschnittliche schulische Aufgabe formuliert. Ebenso wird der Abbau sozialer Ungleichheit grundsätzlich als Aufgabe von Institutionen ausgewiesen. Das Internet mit den Instrumenten des Web 2.0 trägt für eine ungleichheitsmindernde Wirkung in der Bildung eine Fülle an Potenzialen in sich. Bildung ist dabei mit Be-endigung der Schule nicht abgeschlossen sondern in heutiger Zeit ein lebenslanger Prozess in einer digitalen Welt. Dass es trotz offensichtlicher Potenziale digitaler Medien bisher keine signifikant positive Auswirkung gibt, wird in der Literatur dem Phänomen des „Digital Devide“ zugeschrieben.

[...]


[1] PISA = Programme for International Student Assessment

[2] IGLU = Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung

[3] Chancengleichheit wird hier im Sinne von „Equity“ verstanden, womit eine herkuftsunabhänige Chancengleichheit und Teilhabegerechtigkeit gemeint ist (OECD, 2007, S.11)

[4] PLE = Personal Learning Environment

[5] BMBF = Bundesministerium für Bildung und Forschung

[6] BMFSFJ = Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Details

Seiten
35
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668233386
ISBN (Buch)
9783668233393
Dateigröße
950 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v324150
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Kultur - und Sozialwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Digital Devides soziale Ungleichheit Lebenschancen

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Digital Devides. Verringern oder vergrößern digitale Medien die Wissenskluft?