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Performativität von Geschlecht in Thomas Manns "Zauberberg" am Beispiel von Madame Chauchat und Pribislav Hippe

Essay 2016 12 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Performativität von Geschlecht am Beispiel von Madame Chauchat und Pribislav Hippe in Thomas Manns’ Zauberberg

Im Folgenden soll anhand des Performativitätsbegriffs von Judith Butler die Konzeption von Geschlecht in Thomas Manns Der Zauberberg verhandelt werden. Ausgehend von den Figuren Clawdia Chauchat und Pribislav Hippe soll anhand bestimmter Merkmale verdeutlicht werden, inwiefern Thomas Mann bereits vor dem performative turn mit Geschlechterkategorien und der performativen Dimension von Geschlecht spielt. Diese in Frage stellt und aufbricht. Zu beachten bleibt vor der Analyse allerdings, dass streng genommen zwei Ebenen der Performanz vorliegen. Denn der Zauberberg ist durch seine literarische Form an sich bereits ein performativer Akt des Autors. Innerhalb dieser literarischen Form eröffnet der Autor dann ein weiteres, zweites Spannungsfeld der Performanz. Anhand des gewählten Personengeflechts – bestehend aus Clawdia Chauchat, Pribislav Hippe und Hans Castorp – entspinnt Mann verschwimmende Geschlechterkonzepte.

Ähnlich wie Esther K. Bauer die Performanztheorie Judith Butlers auf die Männlichkeitskonstruktionen in Thomas Manns Der Zauberberg bezieht, werden auch im Falle der vorliegenden Arbeit Aspekte der Theorie Butlers herangezogen, um das Werk von Thomas Mann auf die Verbindung zwischen Hippe und Chauchat und ihrem „androgynen Doppelbild“[1] zu untersuchen. Zudem wird zu klären sein, inwiefern das Symbol des crayon in diesem Zusammenhang eine Rolle spielt. Denn dieser kann im Zauberberg sowohl als Phallussymbol als auch als ein Symbol für geschlechtsunabhängiges Begehren gewertet werden. „Als ‚privilegierter Signifikant (der) Markierung, in der der Part des Logos mit der Herkunft des Begehrens konvergiert‘, fungiert auch der phallische crayon im Zauberberg[2]. Die Beschreibung des crayon als versilbert, „mit einem Ring, den man aufwärts schieben mu[ss]te, damit der rot gefärbte Stift aus der Metallhülse wachse“[3], lässt auch ohne Kenntnis von anderen Phallussymbolen nicht viel Interpretationsspielraum. Die Ähnlichkeit zum Phallus wird dem Leser direkt deutlich.

Judith Butler folgt in ihrem Verständnis von Performanz einem Zitat Simone de Beauvoirs „Als Frau wird man nicht geboren, sondern zur Frau wird man erst.“ Geschlechterzugehörigkeit wird folglich als bewusster Akt gewertet, denn laut Butler ist die Realität der Geschlechterzugehörigkeit ebenfalls performativ. Ergo werden Identitäten durch Geschlechterattribute erst konstruiert und sind demnach eben nicht nur bloßer Ausdruck dieser. Problematisch ist, dass es keine von Beginn an bestehende Identität gibt, an der sich der performative Akt messen ließe. Fest steht laut Butlers Verständnis allerdings, dass Performanz gesellschaftlich sanktioniert.

Hans Castorp, geboren und aufgewachsen in Hamburg, ist Einzelkind und Teil einer Kaufmannsfamilie. Da seine Eltern früh sterben, wächst er bis zu dessen Tod bei seinem Großvater auf. Anschließend bei seinem Onkel. Er studiert Schiffbautechnik und will – inzwischen 24 Jahre alt – anschließend als Volontär bei einer Schiffswerft die Arbeit aufnehmen. Zuvor aber möchte er seinen Vetter, der sich aufgrund einer tuberkulösen Lungenkrankheit im Sanatorium Berghof im Hochgebirge Davos in der Schweiz besuchen. Eigentlich für drei Wochen. Dass aus diesen geplanten drei Wochen ein Aufenthalt von sieben Jahren werden wird, war anfangs allerdings nicht annähernd abzusehen. Aber die sehr eigenen Lebensbedingungen oben auf dem Berghof und der Flair der von Krankheit durchzogenen Atmosphäre, finden Begeisterung bei dem jungen Hans Castorp. Der Protagonist verbringt schließlich eine geraume Zeit auf dem Zauberberg.

Abgeschottet von der ‚normalen, nicht-kranken Welt‘ wird der junge Mann in dieser Zeit mit Themen konfrontiert, denen er sich sehr intensiv und durchaus angestrengt widmet. Vor allem die junge Russin Clawdia Chauchat, weckt bereits zu Anfang seines Aufenthaltes ein besonderes Interesse bei Castorp:

Hans Castorp sah in seinem stillen Verhältnis zu dem nachlässigen Mitgliede Derer hier oben ein Ferienabenteuer, das vor dem Tribunal der Vernunft – seines eigenen vernünftigen Gewissens – keinerlei Anspruch auf Billigung erheben konnte: hauptsächlich deshalb nicht, weil Frau Chauchat ja krank war, schlaff, fiebrig und innerlich wurmstichig, ein Umstand, der mit der Zweifelhaftigkeit ihrer Gesamtexistenz nahe zusammenhing und auch an Hans Castorps Vorsichts- und Abstandsgefühlen stark beteiligt war ... Nein, ihre wirkliche Bekanntschaft zu suchen, kam ihm nicht in den Sinn [...].[4]

Dieses anfängliche Interesse – zu diesem Zeitpunkt noch von Vernunft geprägt – steigert sich allerdings schnell zu einer regelrechten Besessenheit von der Russin mit den „Kirgisenaugen“[5] und den unkonventionellen Angewohnheiten, die ihn an eine alte Schulliebe erinnern: Pribislav Hippe. „Wie merkwürdig ähnlich er ihr sah, - dieser hier oben! Darum also interessiere ich mich so für sie? Oder vielleicht auch: habe ich mich darum so für ihn interessiert?“[6]

Diese Fragen überkommen Hans Castorp bei einem Spaziergang am ersten Montag seines Aufenthaltes im Lungensanatorium Berghof. Der von Hitze und Herzklopfen geplagte junge Mann macht sich dabei auf den Weg um „im Freien tief einzuatmen und sich tüchtig zu rühren, um, wenn man abends müde war, doch wenigstens zu wissen, warum“[7]. Nach einer längeren Wanderung durch das Gebirge von Davos will er sich am Wildbach auf einer Ruhebank vom Treiben des Wassers „unterhalten [...] lassen“[8], als ihn dabei ein gewaltiges Nasenbluten überkommt.

Die Blutung war heftig, hartnäckig und machte ihm wohl eine halbe Stunde lang zu schaffen, indem sie ihn zwang, beständig zwischen Bach und Bank hin und her zu laufen, sein Schnupftuch zu spülen, Wasser aufzuschnauben und sich wieder flach auf den Brettersitz hinzustrecken, das feuchte Tuch auf der Nase. So blieb er liegen als endlich das Blut versiegte – lag still, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, mit hochgezogenen Knien, die Augen geschlossen, die Ohren erfüllt vom Rauschen, nicht unwohl, eher besänftigt vom reichlichen Aderla[ss] und in einem Zustand sonderbar herabgesetzter Lebenstätigkeit [...].[9]

Hans Castorp wird durch diesen Vorfall in eine längst vergangene Situation zurückversetzt. Selbiger Situation begegnete er nämlich schon einige Nächten zuvor im Traum. Er kommt selbst zu der Erkenntnis, dass sich seine Traumverlorenheit an die russische Dame aus einer Kindheitserinnerung speist. Durch die Begegnung mit Clawdia Chauchat und deren Physiognomie – schmale Augen und breite Backenknochen – taucht in Hans Castorps Erinnerung ein lange vergessenes Gesicht wieder auf.

Zum Zeitpunkt der Kindheitserinnerung ist Hans 13 Jahre alt und befindet sich auf den Schulhof – in ein Gespräch mit einem nur etwas älteren Jungen – zurückversetzt, der auffallende Ähnlichkeit mit Madame Chauchat zu haben scheint. Dieser Junge namens Pribislav Hippe spielt eine nicht minder große Rolle in Hans’ Schulzeit.

Nun war die Sache die, da[ss] Hans Castorp schon von langer Hand her sein Augenmerk auf diesen Pribislav gerichtet, – aus dem ganzen ihm bekannten und unbekannten Gewimmel des Schulhofes ihn erlesen hatte, sich für ihn interessierte, ihm mit den Blicken folgte, soll man sagen: ihn bewunderte?[10]

[...]


[1] Mann, T.: Der Zauberberg. Band 5.2. S. 82.

[2] Hörisch, Jochen: Gott, Geld und Glück. Zur Logik der Liebe in den Bildungsromanen Goethes, Kellers und Thomas Manns. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1983 ( = Edition Suhrkamp 1180). S. 211.

[3] Ebd.

[4] Mann, T.: Der Zauberberg. S. 220.

[5] Mann, T.: Der Zauberberg. S. 217.

[6] Mann, T.: Der Zauberberg. Band 5.1. S. 189.

[7] Ebd. S. 179.

[8] Ebd. S. 182.

[9] Ebd. S. 182 f.

[10] Mann, T.: Der Zauberberg. Band 5.1. S. 184 f.

Details

Seiten
12
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668235045
ISBN (Buch)
9783668235052
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v324377
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,3
Schlagworte
Performanztheorie Performativität Der Zauberberg Thomas Mann Judith Butler Geschlecht

Autor

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Titel: Performativität von Geschlecht in Thomas Manns "Zauberberg" am Beispiel von Madame Chauchat und Pribislav Hippe