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Theodor Storms Gedichtpoetik

Zwischenprüfungsarbeit 2000 33 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Lyrik im 19. Jahrhundert

3. Storms Lyriktheorie

4. Gedichtbeispiele
4.1 Hyazinthen
4.2 Oktoberlied

5. Fazit

6. Abkürzungsverzeichnis

7. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Das lyrische Werk Theodor Storms ist, verglichen mit anderen Dichtern seiner Zeit, von recht geringem Umfang. Während er über die gesamte Dauer seines Schaffens hinweg, wie auch nach seinem Tode, vordergründig als Novellist zur Kenntnis genommen wurde und noch wird, so steht dies ganz im Gegensatz zu dem Bild, welches Storm von sich selbst als Schriftsteller hatte. „Meine Novellistik ist aus meiner Lyrik erwachsen [...]” schreibt er 1882 an den Literaturwissenschaftler Erich Schmidt.[1] In einem Brief an Eduard Mörike äußert Storm folgende Selbsteinschätzung:

„Sobald ich recht bewegt werde, bedarf ich der gebundnen Form. Daher ging von allem was an Leidenschaftlichem und Herbem, an Charakter und Humor in mir ist, die Spuhr meist nur in die Gedichte hinein. In der Prosa ruhte ich mich aus von den Erregungen des Tages; dort suchte ich grüne, stille Sommereinsamkeit.”[2]

In diesem Sinne hat sich Storm mehrfach verschiedenen Briefpartnern gegenüber ausgesprochen. In einem Brief an Klaus Groth schreibt er sieben Jahre später:

„Ich bin mir dessen klar genug bewußt, daß mein Talent eigentlich ein rein lyrisches ist [...]; was an Leidenschaft, Humor, Charackter in mir ist, spricht sich vorzugsweise, jedenfalls vollständig nur in den Gedichten aus.”[3]

Dieses seine dichterische Veranlagung betreffende Urteil, welches Storm erstmals im reifen Alter von 38 Jahren artikuliert, legitimiert sich durch die Betrachtung seines schriftstellerischen Werdegangs.

Storm, am 14. September 1817 in Husum geboren, kam während seiner Jugendzeit in Husum nur in spärlichen Kontakt mit den Werken deutscher Dichter.[4] Nach dem Abschluß an der Husumer Gelehrtenschule 1835 besuchte er auf Wunsch seines Vaters, des Advokaten Johann Kasimir Storm, eineinhalb Jahre das Lübecker Katharineum, bevor er sein Studium an der Kieler Universität aufnahm. In Lübeck, welches für Storm nach dem Leben im provinziellen Husum weltstädtischen Charakter gehabt haben muß, kam er erstmals mit aktueller deutscher Literatur in Form von Heine, Goethe und Eichendorff in Berührung:

„Erst auf dem Lübecker Gymnasium [...] las ich Goethes ‚Faust’ und Heines ‚Buch der Lieder’, und mir war dabei, als seien durch diese beiden Zauberbücher doch erst die Pforten der deutschen Dichtung vor mir aufgesprungen.”[5]

Besonders Heine, dessen vollendete Fähigkeit Form und Inhalt in Einklang zu bringen Storm zeit seines Lebens bewundert hat,[6] war für Storms frühe lyrische Versuche, allerdings auch für sein lyrisches Gesamtwerk, von prägender Bedeutung. Doch auch Eichendorff und nicht zuletzt Goethe ließen den jungen Storm nicht unberührt. Storm selbst verpflichtete sich durch den Ausspruch „Jedes lyrische Gedicht soll Gelegenheitsgedicht im höhern Sinne sein [...].”[7] schließlich auch der Tradition der Goetheschen Lyrik, was der zeitgenössische Zeitungsredakteur Oskar Horn in einer die „Zerstreuten Blätter” von Storm betreffenden Rezension hervorhebt.[8]

Storm betritt die Bühne der deutschsprachigen Literatur erstmals im Jahre 1843: Zusammen mit den Brüdern Theodor und Tycho Mommsen, die er während seines zweiten Studienaufenthalts an der Kieler Universität ab 1839 kennen und schätzen lernt, gibt Storm das „Liederbuch dreier Freunde” heraus. In dieser Sammlung schleswig-holsteinischer Sagen und eigener lyrischer Erzeugnisse ist Storm mit 39 Gedichten vertreten, bei denen es sich hauptsächlich um Liebeslieder handelt, in denen seine spätjugendliche Verehrung für Bertha von Buchan zum Ausdruck kommt. Über vierzig Jahre später bezeichnet Storm seine frühen Versuche, sich auf dem Terrain der Lyrik zu bewegen, von frühester Jugend an bis zur Herausgabe des „Liederbuches”, als ein „Flügelprüfen”[9], ein Stadium des Versuchens und Probierens. Durch Theodor Mommsen wird Storm auch mit dem Werk Eduard Mörikes bekannt, dem er über die gesamte Spanne seines Lebens hinweg einen hohen Stellenwert zumißt. Er darf zu den wenigen Dichtern gezählt werden, deren Werk Storm akzeptiert und im Zeichen seiner Lyriktheorie für beispielhaft hält.

Mit seiner Niederlassung als Advokat in seiner Vaterstadt Husum im Jahr 1843 beginnt für Storm eine Periode beständigen lyrischen Produzierens. Rückblickend markiert dieser Zeitpunkt für ihn den schriftstellerischen Eintritt in die ernstzunehmende Lyrik:

„Fertig wurde meine Lyrik erst, als mein Leben einen selbständigen Inhalt gewonnen hatte und als ich als junger Advokat überall für mich selber einstehen mußte.”[10]

Bis etwa 1853 folgt nun Storms ergiebigste lyrische Zeit, deren Ergebnisse 1851 erstmals in den „Sommergeschichten und Liedern”, die neben sechs kleineren Prosawerken auch sechsunddreißig Gedichte enthalten, bei Duncker in Berlin veröffentlicht werden.

Die erste Separatausgabe von Storms Gedichten erscheint 1852, verlegt von der Schwers´schen Buchhandlung in Kiel. Sie besteht aus zwei Teilen, die Storm unterschiedlich bewertet: Das erste Buch enthält die Gedichte, die er für die eigentlich repräsentative Lyriksammlung hält, das zweite Buch, welches Storm als einen Anhang zum ersten verstanden haben will, beinhaltet ältere Gedichte von geringerem Geltungsanspruch, von denen er „[...] die meisten wohl lieber nicht hätte drucken sollen.”[11] Zu Storms Lebzeiten erscheinen sieben Auflagen seiner „Gedichte”, denen, bis auf die dritte Auflage, eine reine Titelauflage, jeweils neue Texte hinzugefügt wurden.[12]

In den ersten Jahren seines Schaffens ist Storm vorwiegend als lyrisch begabter Autor in Erscheinung getreten. In der Tat tritt auch in seinen ersten Prosaarbeiten – man denke nur an die Novellen „Marthe und ihre Uhr” (1847), „Immensee” (1849) und „Ein grünes Blatt” (1853) – in der stimmhaften Gestaltung der Szenerien ein unverkennbar lyrischer Ton zutage, besonders die letztgenannten Werke werden durch die Gedichte, auf deren Grundlage sie konzipiert sind, getragen.

Nach dem Tod seiner ersten Frau Constanze 1865, der ihn veranlaßt, im Mai desselben Jahres den Zyklus „Tiefe Schatten” zu verfassen, wird es ruhig um den Lyriker Storm. 1871 vollendet er seine letzte umfangreichere Arbeit, die „Neuen Fiedellieder”, seine Alterslyrik besteht lediglich aus einer geringen Zahl von Gelegenheitsgedichten zumeist minderen Wertes. So schreibt er, den Verlust der lyrischen Schaffenskraft beklagend, 1878 an Gottfried Keller:

„Gestehen muß ich trotzdem, daß ich im Punkt der Lyrik ein mürrischer griesgrämiger Geselle bin; auch den Meistern glückt´s darin höchstens ein halbes, allerhöchstens ein ganzes Dutzend Mal.”[13]

Theodor Storm hat der Nachwelt keine zusammenhängende schriftliche Darstellung seiner Lyriktheorie hinterlassen. Von Relevanz für die Erläuterung seines theoretischen Konzeptes sind wesentlich die Vorworte zu den von ihm herausgegebenen Lyrikanthologien[14], sowie einige exemplarische Textstücke aus Storms umfangreichen Briefwechseln. Die Korrespondenzen mit einigen der herausragendsten deutschsprachigen Literaten des 19. Jahrhunderts verliehen Storm und seinen Briefpartnern die Freiheit, zwanglos literarische Themen diskutieren zu können. Doch nicht nur als Autor und Herausgeber ist Storm an die Öffentlichkeit getreten: Die Bekanntschaft mit dem Berliner Kunsthistoriker Friedrich Eggers, den er im „Rütli”, einem privateren Zweig der Schriftstellervereinigung „Tunnel über der Spree”, in den er 1852 von Theodor Fontane eingeführt worden war, kennenlernte, eröffnete ihm die Möglichkeit, sieben Rezensionen in dessen Zeitschrift „Deutsches Kunstblatt” zu veröffentlichen. Auch in diesen Rezensionen offenbarte er, wenn auch wegen der Kürze der Artikel in nur recht geringem Umfang, wiederholt seine Lyriktheorie.

Die Aufgabe dieser Arbeit soll nun sein, zu untersuchen, welche Theorie von Lyrikproduktion und –rezeption den Gedichten Theodor Storms zugrunde liegt. Welche lyrischen Traditionen hat Storm weitergeführt, wo schafft er etwas eigenes?

Dabei kann es jedoch nicht Ziel der Untersuchung sein, Storms lyrisches Werk in seiner Gesamtheit zu erfassen und wiederzugeben. Vielmehr möchte ich mich darauf beschränken, anhand einer Darstellung von Storms lyrischem Glaubensbekenntnis und wenigen beispielhaften Gedichten zu beschreiben, in welcher Weise das lyrische Werk die Theorie zum Ausdruck bringt. Wie Fritz Martini darlegt, gibt es verschiedene Möglichkeiten, sich dem Lyriker Storm zu nähern.[15] Die Sichtweise, von der diese Arbeit getragen wird, versucht vorwiegend, das Werk Storms als Ausdruck seiner theoretischen Überlegungen von den vorherrschenden Ansichten seiner Epoche abzugrenzen, mithin eine historische Einordnung Storms poetologischer Erwägungen zu liefern.

Abschließend noch eine Bemerkung zur Praxis des Zitierens: Dort, wo die Textvorlagen zu den verwendeten Zitaten die Originaltexte samt ihrer uneinheitlichen Orthographie wiedergeben, habe ich es mir erlaubt, den Text in dieser fehlerhaften Form mitsamt den Hervorhebungen des Originals zu übernehmen, ohne dies im einzelnen zu kennzeichnen.

2. Lyrik im 19. Jahrhundert

Möchte man Theodor Storms Auffassungen vom Wesen der Lyrik verstehen, so muß man seinen Blick auf die allgemeine Situation der deutschen Lyrik im 19. Jahrhundert richten. Mit der Märzrevolution von 1848 erfährt Deutschland sowohl hinsichtlich seiner politischen als auch seiner literarischen Geschichte eine bedeutende Zäsur: Während der aus der Revolution hervorgegangene Versuch der deutschen Einigung mit dem Ende der Nationalversammlung 1849 scheitert, zeichnet sich auch in der Literatur ein Wendepunkt ab.

Auf politischer Ebene hatte das aufgeklärte und liberale Bürgertum resigniert, nachdem aus Angst vor sozialer Anarchie und einer sozialdemokratisch geprägten Republik mit der Hinwendung zu den alten Feudalmächten die Zerschlagung der Nationalversammlung eingetreten war. Damit war die Schaffung eines einigen Deutschlands aus dem Volk mißlungen. Man besann sich allgemein wieder auf seine nationale Gesinnung, die man natürlich nie ganz aufgegeben hatte, und 1871 wurde die Einigung dann ‚von oben’ aufoktroyiert.

Indes befand sich auch die Literatur im Wandel, gekennzeichnet durch eine Rückbesinnung auf die unverarbeitete jüngere Vergangenheit. Nach den revolutionären

Ideen des Vormärz findet eine Auseinandersetzung mit den Traditionen der Klassik und der Romantik statt. Namentlich in der Lyrik werden sprachliche und formale Aspekte der Romantik verarbeitet, aber nicht idealisiert. Denn im Gegensatz zu Klassik und Romantik, deren Dichtung ein idealistisches Weltbild zelebrierte, fühlt sich der ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sich behauptende Realismus ganz der Wirklichkeit und ihrem ursprünglichen Eindruck auf das Individuum verpflichtet.[16] Dem allgemeinen Revolutionsgeist, der den Lyrikrezipienten des Vormärz politische und gesellschaftskritische Texte bereitwillig aufnehmen ließ, folgt nach 1848 das Streben des vom Kapitalismus rasch profitierenden Bürgertums, sich dem Adel auf kultureller Ebene zu nähern. Der gehobene Mittelstand stellte den Hauptteil derjenigen, die Bücher käuflich erwarben, was bis in die achtziger Jahre hinein ein teures, und für den Großteil des Volkes seltenes Vergnügen war. Demzufolge befand sich der Buchhandel zwischen 1848 und 1880, den Ab- und Umsatz betreffend, in einer ernsten Krise, Leihbibliotheken gewannen an Attraktivität und erfreuten sich entsprechend hohen Zulaufs.[17] Indes gehörte es bald zum bürgerlichen Habitus, sich allein und in Gemeinschaft der Lyrik als Unterhaltungsmedium hinzugeben; Salonkultur und Dichterfeiern zeugen als Ausprägungen des bürgerlichen Verlangens nach Sozialprestige vom gemeinschaftsstiftenden Potential der Lyrik. Dennoch kann man nicht von einer bedingungslosen Akzeptanz jedweder Lyrik seitens der Rezipienten sprechen, denn gerade die Identitätskrise des Bürgertums in der Mitte des Jahrhunderts sorgte für eine kritische Herangehensweise des Lesers, der infolge des allgemeinen gesellschaftlichen Wertewandels verunsichert war, gleichsam einer Entfremdung von gängigen Normen unterlag.

Im Bereich der Lyrikproduktion zerfällt das 19. Jahrhundert in zwei Hälften: Nach einer enormen Zahl von Publikationen in den ersten Dekaden des Jahrhunderts nimmt die Menge der Veröffentlichungen in der zweiten Jahrhunderthälfte erheblich ab. Zu den quantitativ herausragenden Autoren zählen in dieser Zeit beispielsweise Emanuel Geibel, Hermann von Lingg, Friedrich von Bodenstedt, Conrad Ferdinand Meyer und Paul Heyse; Storm blieb ein Geheimtip in literarischen Kreisen.

[...]


[1] Theodor Storm, Theodor Storm – Erich Schmidt: Briefwechsel in zwei Bänden. Krit. Ausg., hrsg. v. K. E. Laage. Berlin: E. Schmidt, 1976. Bd. 2, S. 57.

[2] Theodor Storm, Briefwechsel Theodor Storm – Eduard Mörike; Theodor Storm – Margarethe Mörike. Krit. Ausg., hrsg. v. Hildburg u. Werner Kohlschmidt. Berlin: E. Schmidt, 1978. S. 63.

[3] Theodor Storm, Briefwechsel Theodor Storm – Klaus Groth. Krit. Ausg., hrsg. v. Boy Hinrichs. Berlin: E. Schmidt, 1990. S. 34.

[4] Vgl. Theodor Storm, Sämtliche Werke in vier Bänden, Bd. 4, 8. Auflage. Hrsg. v. Peter Goldammer. Berlin: Aufbau-Verlag, 1995. S. 552. Im Folgenden zitiert als „S. W.”

[5] ebd. S. 503.

[6] Vgl. Theodor Storm, Briefwechsel Theodor Storm – Hartmuth u. Laura Brinkmann. Krit. Ausg., hrsg. v. August Stahl. Berlin: E. Schmidt, 1986. S. 57 ff.

[7] ebd. S. 72.

[8] ebd. S. 215.

[9] S. W., Bd. 4, S. 553.

[10] ebd.

[11] Theodor Storm, Theodor Storms Briefe an Friedrich Eggers. Hrsg. v. H. Wolfgang Seidel. Berlin: Karl Curtius, 1911. S. 20.

[12] Vgl. Harro Müller, Theodor Storms Lyrik. Bonn: Bouvier Verlag Hermann Grundmann, 1975. S. 15.

[13] Theodor Storm, Briefwechsel Theodor Storm – Gottfried Keller. Krit. Ausg., hrsg. v. K. E. Laage. Berlin: E. Schmidt, 1992. S. 32.

[14] Im Jahre 1859 gibt Storm die Lyrikanthologie „Deutsche Liebeslieder seit J. Chr. Günter”, erschienen bei Heinrich Schindler in Berlin, heraus. 1870 folgt die Herausgabe der Anthologie „Hausbuch aus deutschen Dichtern seit Claudius”, verlegt von Wilhelm Mauke, Hamburg. Beiden Sammlungen stellt Storm Vorworte voran, in denen er die getroffene Auswahl mittels eines Diskurses über die Wirkungsästhetik von Lyrik zu legitimieren versucht.

[15] Fritz Martini, Theodor Storms Lyrik. Tradition – Produktion – Rezeption. In: STSG 23. Hrsg. v. K. E. Laage und V. Hand. Heide: Westholsteinische Verlagsanstalt Boyens & Co., 1974. S. 10 f.

[16] Vgl. Fritz Martini, Deutsche Literatur im bürgerlichen Realismus (Epochen der deutschen Literatur). 2., durchges. Auflage. Stuttgart: Metzler, 1962. S. 1 ff.

[17] Vgl. Hugo Aust, Literatur des Realismus. Stuttgart: Metzler, 1977. S. 51.

Details

Seiten
33
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638102360
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v327
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Germanistik
Note
1+
Schlagworte
Theodor Storms Gedichtpoetik Seminar Lyrik Jahrhunderts

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Titel: Theodor Storms Gedichtpoetik