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Ist das Dionysische eine mögliche Ursachen jugendlichen Suchtverhaltens?

Studienarbeit 2004 19 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Nietzsche
2.1 Zur Lebenssituation von Jugendlichen
2.2 Freud - Nietzsche
2.3 Ethische Bedeutung des Dionysischen
2.4 Kritik Nietzsche

3. Zum Begriff Sucht/ Suchtverhalten

4.Multifaktorielle Suchtursachen
4.1 Mögliche Ursachen für Sucht (allgemein)
4.2 Sozioökonomische Einflussfaktoren
4.2.1 Eltern
4.2.2 Gleichaltrige/ Freunde/ Peers
4.3 Intrapersonelle Einflussfaktoren
4.3.1 Geschlecht
4.3.2 Genetische Faktoren
4.3.3 Dispositionelle Faktoren

5. Resume

6. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Nietzsche beschreibt in der Geburt der Tragödie das Dionysische, als eine der zwei ursprünglichen Kräfte des Griechentums. Das Dionysische steht für das Rauschhafte und Rasende.

Können wir also davon ausgehen, dass in unserem tiefsten Inneren, ein unbeeinflussbarer Drang, zur Versetzung in einen Rauschzustand vorhanden ist? Wenn ja, wann kommt er zum Ausbruch und ist jeder betroffen? Wenn nicht, warum?

Die Antworten dieser Fragen hätte eine enorme Relevanz für die Drogentherapie. Das Vorhandensein eines solchen Triebes stellt die Erfolgschancen und Notwendigkeit dieser Hilfeform in Frage. Der Betroffene ist nach der möglicherweise erfolgreichen Beendigung der Therapie entlassen und wenn der innere Trieb ihn zu einem Rückfall veranlasst, war die Therapie umsonst. Die Notwendigkeit der Hilfe ist ebenfalls zweifelhaft, denn der innere Trieb ist nicht beeinflussbar und unbewusst gesteuert. Für die Heilung der Sucht wäre die Aufarbeitung der Kindheit die Vermittlung eines strukturierten Tagesablauf nur eine Bearbeitung der Symtome nicht der Ursachen.

Da ich in der CHANCE Jugendhilfe und Therapie, einer geschlossenen Einrichtung für drogenabhängige Jugendliche bei Berlin arbeite, waren das meine ersten Überlegungen und Fragestellungen in diesem Zusammenhang. Mit meiner Studienarbeit versuche ich diesen Überlegungen mit Hilfe weiterführender Literatur und meinen Erfahrungen aus der Praxis nachzugehen.

Beginnen will ich mit Nietzsche und „Der Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“, anschließend bringe ich einen Zusammenhang zur Lebenssituation von Jugendlichen. Diese Ausführungen sind immer wieder kritisch reflektiert und beinhalten meine Erfahrungen aus der Drogentherapie. Um den Ursachen jugendlichem Suchtverhaltens auf den Grund gehen zu können, gebe ich im 3. Kapitel eine kurze Begriffsklärung des Suchtverhaltens. Meine Arbeit wird von einer Zusammenfassung der für mich wichtigsten Erkenntnisse und der entgültigen Antwort nach dem Dionysischen als eine mögliche Ursache jugendlichem Suchtverhaltens abgerundet.

2. Nietzsche

Friedrich Nietzsche (1844-1900) ist als eigenwilliges Genie in die Geistesgeschichte eingegangen. Sein Werk, welches sich in drei Schaffensperioden gliedern lässt, ist von leidenschaftlichem Engagement, radikalem Erneuerungswillen, durchdringender Scharfsicht und sprachliche Energie gekennzeichnet. Während der ersten Periode im Jahre 1871 verfasste er „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“. Die ursprünglichen Kräfte des Griechentums, das Apollinische und Dionysische, sind in der antiken Tragödie verschmolzen und zur harmonischen Synthese gekommen. Das Apollinische steht für das Maßvoll- Vernünftige und das Dionysische für das Rauschhaft- Rasende. Der Untergang der Tragödie ist die Entstehung der griechisch- rationalen Philosophie, verkörpert vor allem durch Sokrates.[1]

Nietzsche sieht die Fortentwicklung der Kunst an die Duplizität des Apollinischen und des Dionysischen gebunden. Die Namen stammen von den griechischen Kunstgottheiten Apollo und Dionysus, welche die tiefsinnigen Geheimlehren der Kunstanschauung in Griechenland veranschaulichten. Daran knüpfte sich Nietzsches Erkenntnis, dass in der griechischen Welt ein großer Gegensatz nach Ursprung und Zielen zwischen der Kunst des Bildners, der apollinischen, und der unbildlichen Kunst der Musik, als der des Dionysus besteht.

„Beide so verschiedene Triebe gehen nebeneinander her, zumeist im offenen Zwiespalt miteinander und sich gegenseitig zu immer neuen und kräftigeren Geburten reizend, um in ihnen den Kampf jenes Gegensatzes zu perpetuieren, den das gemeinsame Wort „Kunst“ nur scheinbar überbrückt; bis sie endlich, durch einen metaphysischen Wunderakt des hellenischen „Willens“, miteinander gepaart erscheinen und in dieser Paarung zuletzt das ebenso dionysische als apollinische Kunstwerk der attischen Tragödie erzeugen.“ Um diese beiden Triebe zu veranschaulichen betrachtet Nietzsche sie als getrennte und gegensätzliche Kunstwelten des Traumes für das Apollinische und des Rausches für das Dionysische.

„Tun wir einen Blick in das Wesen des Dionysischen, das uns am nächsten noch durch die Analogie des Rausches gebracht wird. Entweder durch den Einfluß des narkotischen Getränkes, von dem alle ursprünglichen Menschen und Völker in Hymnen sprechen, oder bei einem gewaltigen, die ganze Natur lustvoll durchdringenden Nahen des Frühlings erwachen jene dionysischen Regungen, in deren Steigerung das Subjektive zu völliger Selbstvergessenheit hinschwindet. Auch im deutschen Mittelalter wälzten sich unter der gleichen dionysischen Gewalt immer wachsende Scharen, singend und tanzend, von Ort zu Ort: in diesen Sankt- Johann- und Sankt- Veittänzern erkennen wir die bacchischen Chöre der Griechen wieder, mit ihrer Vorgeschichte in Kleinasien, bis hin zu Babylon und den orgiastischen Sakäen. Es gibt Menschen, die aus Mangel an Erfahrung oder aus Stumpfsinn, sich von solchen Erscheinungen wie von „Volkskrankheiten“, spöttisch oder bedauernd im Gefühl der eigenen Gesundheit abwenden: die Armen ahnen freilich nicht, wie leichenfarbig und gespenstisch eben diese ihre „Gesundheit“ sich ausnimmt, wenn an ihnen das glühende Leben dionysischer Schwärmer vorüberbraust.“ Meinen Erfahrungen nach sind es Jugendliche, die sich genau darüber nicht im Klaren sind. Sie denken noch nicht an die Zukunft und damit auch keine Spätfolgen für die Gesundheit, welche Drogen jeglicher Art haben. Cannabis wird häufig verharmlost, als eine pflanzliche Droge, die nicht abhängig macht und keinerlei Schäden im Körper anrichtet gesehen. Der Moment des Rausches mit seiner halluzinogenen Wirkung wird sich hingegeben ohne Rücksicht auf Verluste. „Unter dem Zauber des Dionysischen schließt sich nicht nur der Bund zwischen Mensch und Mensch wieder zusammen: auch die entfremdete, feindliche oder unterjochte Natur feiert wieder ihr Versöhnungsfest mit ihrem verlorenen Sohne, dem Menschen.“ Geborgenheit und Zuwendung suchen die Jugendlichen bei ihren Eltern oder allgemein in der Gesellschaft häufig vergebens. Dies sind, denke ich sind für den Menschen existenzielle Gefühle, die dann in anderer Form herbeigeführt werden müssen. Der Mensch empfindet Kraft, erhält Selbstbewusstsein und Anerkennung im Rausch, was ihm im wahren Leben vielleicht fehlt.„Freiwillig beut die Erde ihre Gaben, und friedfertig nahen die Raubtiere der Felsen und der Wüste. Mit Blumen und Kränzen ist der Wagen des Dionysus überschüttet: unter seinem Joche schreiten Panther und Tiger. Man verwandle das Beethovensche Jubellied der „Freude“ in ein Gemählde und bleibe mit seiner Einbildungskraft nicht zurück, wenn die Millionen schauervoll in den Staub sinken: so kann man sich dem Dionysischen nähern. Jetzt ist der Sklave freier Mann, jetzt zerbrechen alle die starren, feinseligen Abgrenzungen, die Not, die Willkür oder „freche Mode“ zwischen den Menschen festgesetzt haben. Jetzt, bei dem Evangelium der Weltenharmonie, fühlt sich jeder mit seinem Nächsten nicht nur vereinigt, versöhnt, verschmolzen, sondern eins, als ob der Schleier der Maja zerrissen wäre und nur noch die Fetzen vor dem geheinmissvollen Ur- Einen herumflattere. Singend und tanzend äußert sich der Mensch als Mitglied einer höheren Gemeinsamkeit: er hat das Gehen und Sprechen verlernt und ist auf dem Wege, tanzend in die Lüfte emporzufliegen. Aus seinen Gebärden spricht die Verzauberung. Wie jetzt die Tiere reden und die Erde Milch und Honig gibt, so tönt auch aus ihm etwas Übernatürliches: als Gott fühlt er sich, er selbst wandelt jetzt so verzückt und erhoben, wie er die Götter im Träume wandeln sah . Der Mensch ist nicht mehr Künstler, er ist ein Kunstwerk geworden: die Kunstgewalt der ganzen Natur, zur höchsten Wonnebefriedigung des Ur- Einen, offenbart sich hier unter den Schauern des Rausches. Der edelste Ton, der kostbarste Marmor wird hier geknetet und behauen, der Mensch, und zu den Meißelschlägen des dionysischen Weltenkünstlers tönt der eleusinische Mysterienruf: „Ihr stürzt nieder, Millionen? Ahnest du den den Schöpfer, Welt?“[2]

Ich denke treffender hätte man den Rauschzustand nicht beschreiben können. Die Gefühle sind durchgehend positiv bis hin zur absoluten Herrlichkeit. Das macht es durchaus vorstellbar, das es in uns einen Trieb gibt, der genau diese Gefühle, wie Geborgenheit, Zusammengehörigkeit bis hin zur völligen Schwerelosigkeit ohne Probleme, die wir im wahren Leben häufig nur ungenügend oder gar nicht empfinden können, im Rauschzustand herbeiführen müssen. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass bestimmte Drogen legalisiert sind und andere wiederum nicht. Das macht es doch auch ethisch einwandfrei, denn die Existenz des Dionysischen erlaubt es uns diesem Trieb zu folgen. Genau dies ist uns mit, dem narkotischen Getränk, wie es Nietzsche nennt möglich. Doch wenn es diesen Trieb gibt und es ethisch einwandfrei ist, kommt auch eine Legalisierung von Cannabis und chemischen Drogen in Frage.

„Das Dionysische, als das ungeheure Grausen und zugleich wonnevolle Entzücken, ausgelöst durch die Aufhebung des Rationalen und den Einbruch des Rationalen und den Einbruch des Irrationalen, steigt aus dem innersten Grunde des Menschen empor als das existenziell Vitale, wie es im orgiastischen Gott Dionysos und seinem Kult einst bei den Griechen in die Welt gekommen ist, und es äussert sich dann in der Kunst. (...) Diese These ist zwar unhaltbar aber für die Wiederentdeckung des frühen Griechentums bedeutungsvoll.“[3]

2.1 Zur Lebenssituation von Jugendlichen

Um noch einmal zu rekapitulieren ist meinem Verständnis nach, der Grund zu leben und zu existieren das Dionysische. Um sich am Leben zu erhalten oder es auch zu ertragen muss man sich in einen Rauschzustand versetzten. Ich denke, dass es durchaus nachvollziehbar ist, denn wer hat sich nicht schon einmal betrunken und ist unbewusst dem Alltag geflohen. Nicht selten sind es Jugendliche, die orientierungslos ihrer Lebensphase gegenüberstehen. Die Bedingungen des Aufwachsens von Jugendlichen haben sich in den letzten Jahrzehnten gravierend verändert. So besitzen sie heute zahlreiche Freiheiten und Freiräume: Bei der Wahl der Freunde und der Bekannten, der Kleidung und des „Stils“ der Lebensführung, der räumlichen zeitlichen und medialen Organisation außerschulischer und –beruflicher Tätigkeiten, aber auch das Bildungs- und Ausbildungsweges, des Berufes, der religiösen Zugehörigkeit etc. existieren hohe Freiheitsgrade, die im historischen Vergleich – sowohl quantitativ als auch qualitativ – als neu bezeichnet werden können. Jedoch sind es gleichzeitig gerade diese Freiheiten, die auch die Anforderungen an ein selbständige Lebensführung, sich zu organisieren, einzuschätzen, abzuwägen und zu entscheiden, erhöhen, die zudem durch die Lockerung von sozialen Bindungen auch Halt und Orientierung reduzieren. Hierzu kommt, dass dieser Prozess der Verselbständigung in verschiedenen Lebensbereichen inzwischen typischerweise asynchron verläuft. So ist es heute typisch für die Lebenssituation, dass Kinder und Jugendliche sowohl im Bereich des Freizeit- und Medienverhaltens wie auch hinsichtlich ihrer Teilnahme am Konsumwarenmarkt schon sehr früh in die Rolle Erwachsener einrücken können, gemessen am Zeitpunkt einer Familiengründung und der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit aber erst sehr spät diesen Status erreichen. Es gehört also zu den Merkmalen dieses Lebensabschnittes, mit widersprüchlichen sozialen Erwartungen umzugehen.

[...]


[1] (vgl. Kunzmann 1991, S.177)

[2] (Nietzsche 1945, S.51f f)

[3] (Latacz 1998, S.23)

Details

Seiten
19
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638335591
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v32974
Institution / Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Stuttgart, früher: Berufsakademie Stuttgart – Staatliche Studienakademie
Note
1,3
Schlagworte
Dionysische Ursachen Suchtverhaltens Ethik

Autor

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