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Urban Underclass und Soziale Exklusion im Kontext der Stadtentwicklungspolitik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2000 20 Seiten

Soziologie - Wohnen, Stadtsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Underclass, Culture of Poverty und social exclusion , eine semantische Analyse der Begriffe, die oft verwendet werden, um eine Intervention, die die Sozialen Segregationserscheinungen verhindern soll, zu rechtfertigen.

3. Ausgrenzung als Auswirkung der Globalisierung in den Städten des Nordens

4. Räumliche Ausgrenzung in Berlin
4.1 Die Veränderungen der räumlichen Bedingungen von Standortentscheidungen
4.2 Strukturwandel in der Wohnungsversorgung

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Vorstellung einer dauerhaften ökonomischen und in ihrem Gefolge auch sozialen Ausgrenzung wird vor allem in der Entwicklungssoziologie schon seit längerem diskutiert. Die Erkenntnis, daß es soziale Spaltungen gibt, die nicht in dem traditionellen Klassen- oder Schichtungsschemata aufgehen, kommt bereits in den Dependenztheorien mit ihrer Unterscheidung von Zentrum und Peripherie, den unterschiedlichen Konzeptionen informeller Sektoren der Ökonomie und den Marginalisierungs- und Peripherisierungsansätzen zum Ausdruck. (vgl. Koch, Max: S.37) Neu an der aktuell geführten Diskussion um die Armut ist deren Fokus auf die kapitalistischen Zentren selbst und deren Einbettung in die Prozesse der Globalisierung.

Die in dieser Kontroverse oft gegenübergestellten Konzepte der Underclass, der Kultur der Armut und der sozialen Ausgrenzung sollen hier kurz erläutert werden, um anschliessend die im Zusammenhang mit der Globalisierung verstärkt auftretenden Ausgrenzungs- und Armutsprozesse in den Städten des Nordens, am Beispiel von Berlin darzustellen.

2. Underclass, Culture of Poverty und social exclusion , eine semantische Analyse der Begriffe, die oft verwendet werden, um eine Intervention, die die Sozialen Segregationserscheinungen verhindern soll, zu rechtfertigen.

Der schwedische Forscher Gunnar Myrdal war einer der ersten, der sich mit der sozialen Ausgrenzung in den Metropolen auseinandersetzte. Er untersuchte bereits in den späten 30er Jahren die Situation der Schwarzen in den US-amerikanischen Großstädten und führte in diesem Zusammenhang den Begriff „Urban Underclass“ ein. Jahrzehnte später führte einer der heute bekanntesten Theoretiker der Underclass , William Julius Wilson, Studien in den innerstädtischen Wohnvierteln Chicagos durch. Er kam zu dem Ergebnis, daß die soziale Position der Underclass durch die zwei zentralen Faktoren „marginale ökonomische Position“ und „soziale Isolation“ bestimmt sei (Wilson, W.J. (1987): Zitiert in : Koch, Max: S.38). Soziale Isolation bedeutet im weitesten Sinne, den Ausschluß von Teilhabemöglichkeiten an gesellschaftlichen Standards, im engeren Sinne impliziert sie die Auflösung sozialer Bindungen oder ihre Beschränkung auf den Kreis der Benachteiligten.

Devine und Wright erweitern Wilsons Modell, indem sie vier Faktoren unterscheiden, die die soziale Position der Underclass ausmachen: die ökonomische Dimension, die sozialpsychologische Dimension, die Verhaltensdimension und die räumliche Dimension. Die Underclass unterscheidet sich hiernach durch ihre geographische Abspaltung von denjenigen Armen, die in gemischten Stadtvierteln leben.

Eine andere Dimension der Armut untersuchte der Kulturanthropologe Oscar Lewis, der erstmals 1959 in seinem Buch „Five Families: Mexican Case Studies in the Culture of Poverty“ seine These von der Kultur der Armut vorstellte.“ In seinen Ethnographien und Lebensgeschichten möchte Lewis zum Ausdruck bringen, daß die Lebensweise der Armen vielmehr eine Kultur ist als bloß eine Problemlösungsstrategie.

Dieser Ansatz wurde in den USA in den 60ern und 70ern heftig kritisiert, mit dem Vorwurf, daß die Theorie das Verhalten der Armen für ihren niedrigen wirtschaftlichen Status verantwortlich mache und nicht die Verhältnisse. Die underclass betont dagegen die soziale Bedeutung spezifischer Verhaltensweisen und grenzt sich gegen die Culture of Poverty These ab, weil diese das Verhältnis von Ursache und Wirkung, Ausgrenzung und Ausgrenzungsbewältigung auf den Kopf stelle. ( vgl. Kronauer, M. (1996): S. 63)

Sowohl an der culture of Poverty these als auch am Underclasskonzept wird oft kritisiert, daß es die Betroffenen selbst für ihre Situation verantwortlich mache und sich auf einer moralischen Dichotomisierung gründe, die heutzutage nicht mehr haltbar sei. Der Underclassbegriff wird in Verbindung mit dieser Kritik gleichgesetzt mit der im Mittelalter christlich begründeten Unterscheidung zwischen den würdigen und den unwürdigen Armen.

Das Konzept der Underclass wird um so fraglicher, wenn man seine Übertragbarkeit auf Westeuropa diskutiert.

„Es spricht wenig dafür, daß sich der Rückzug des Staates aus seiner sozialen Verantwortung und die Pauperisierung von Teilen der Bevölkerung in Westeuropa bereits so weit verdichtet hätten, daß man von ghettoartigen Zuständen in den sogenannten Problembezirken europäischer Großstädte auszugehen hätte. Ohne die sich verschärfende Lage etwa in den Berliner Bezirken Neukölln oder Lichtenberg zu verharmlosen: Der heterogene Charakter der Sozialstruktur ihrer Bewohner ist wohl kaum mit dem Underclass-Begriff adäquat ausgedrückt; zumindest dann nicht, wenn man Devines und Wrights Definition einer ökonomisch, sozial und kulturell isolierten, in innerstädtischen Vierteln konzentrierten, von ethnischen Minderheiten dominierten sozialen Gruppierung mit eigenständigen Habitustypen zugrundelegt.“ (Koch, Max: S.41)

Ein wesentlicher Unterschied zwischen der Situation in Europa und den USA ist, daß in Amerika eine bereits fixierte soziale Lage existiert, die durch das Konzept der Underclass beschrieben wird, wohingegen in Europa gerade erst ein Prozeß der sozialen Ausgrenzung stattfindet, der keine fixierte Klasse hinter sich zieht. Der Begriff „Exklusion“ wurde zuerst in Frankreich auf breiter Basis aufgegriffen und ging von dort in die politische Programmatik und Forschungsförderung der Europäischen Gemeinschaft ein. Daher wird auch von der EU- Kommission seit den 80er Jahre die englische Version des Begriffs „social exclusion“ verwendet, um die neuen Verarmungstendenzen zu beschreiben. Neben dem prozeßhaften Charakter, der dem Exklusionsbegriff innewohnt, hebt der Begriff im Gegensatz zur Underclass stärker auf die Dualität von Innen und Außen ab. Wo der Underclassbegriff auf eine hierarchisch gegliederte Gesellschaft verweist, wird durch den Exklusionsbegriff das vertikale, um Erwerbsarbeit und die von ihr abgeleiteten Statuspositionen zentrierte Klassen- und Schichtungsbild sozialer Ungleichheit durch eine Polarisierung zwischen Innen und Außen überlagert.

„ Die gemeinsame Schnittmenge der Diskussion um Exklusion und Underclass besteht in der Feststellung, daß für eine wachsende Zahl von Menschen in den hochentwickelten kapitalistischen Gesellschaften Marginalisierung am Arbeitsmarkt bis hin zu gänzlichem Ausschluß von Erwerbsarbeit mit gesellschaftlicher Isolation zusammenfällt.“ (Kronauer, M (1999): S.61)

In diesem Zusammenhang sind es vor allem vier Fragen, mit denen sich die internationale Forschung zur „Exklusion“ und „Underclass“ auseinandersetzt.

1. Wer ist von sozialer Ausgrenzung infolge der gegenwärtigen Beschäftigungskrise betfroffen?
2. Was bedeutet soziale Ausgrenzung für die Gesellschaft?
3. Was bedeutet soziale Ausgrenzung für die Betroffenen selbst?
4. Wie scharf ist der Bruch zwischen „Innen“ und „Außen“?

(vgl. Kronauer, M. (1996): S.61)

In der internationalen Literatur besteht, weitgehende Übereinstimmung, daß folgende zentrale Dimensionen in ihrem "kummulativen Effekt" (Herkommer, S. (1999): S.23) zu sozialer Ausgrenzung führen:

- Ausgrenzung am Arbeitsmarkt
- Ökonomische Ausgrenzung
- Kulturelle Ausgrenzung
- Ausgrenzung durch gesellschaftliche Isolation
- Räumliche Ausgrenzung
- Institutionelle Ausgrenzung

Im folgenden soll vor dem Hintergrund der Globalisierung der Aspekt der räumlichen Ausgrenzung genauer betrachtet werden. Hierbei soll in Anlehnung an Häußermanns Studien der zu räumlicher Segregation führende Prozeß der räumlichen und sozialen Mobilität dargestellt werden. In diesem Zusammenhang soll der darauf begründete Paradigmenwechsel in der Stadtentwicklungspolitik skizziert und seine neoliberalen Tendenzen, die dem Sozialstaatsprinzipo entgegen wirken aufgewiesen werden.

3. Ausgrenzung als Auswirkung der Globalisierung in den Städten des Nordens

Die OECD bezeichnet Globalisierung als einen „ Prozeß, durch den Märkte und Produktion in verschiedenen Ländern immer mehr voneinander abhängig werden - dank der Dynamik des Handels mit Gütern und Dienstleistungen und durch die Bewegungen von Kapital und Technologie“. (Plate, B. v.: 1999)

Jürgen Friedrichs nennt drei wichtige Annahmen, die den Prozeß der Globalisierung ausmachen:

1. Die Abhängigkeitsannahme, d. h. die einzelnen Entwicklungen vor Ort oder in einzelnen Ländern, sind in immer stärkerem Maße von Entwicklungen in anderen Ländern der Welt abhängig.
2. Die Verlagerungsannahme, d.h. aufgrund der weltweiten Verfügbarkeit ist es möglich, in einem steigenden Maße Produktionen auch in Regionen der Welt vorzunehmen, die früher unerreichbar waren, jetzt aber wegen der Lohndifferenz attraktiv werden.
3. Die Konzentrationsannahme, d.h. aufgrund dieser weltweiten Verflochtenheit werden Koordinierungsaufgaben immer stärker in einzelnen Städten , d.h. sie konzentrieren sich dort und führen zu der Entwicklung der sogenannten Global Cities.

(vgl. Friedrichs, J. 1997)

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Details

Seiten
20
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638120227
ISBN (Buch)
9783638774529
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v3314
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Soziologie
Note
1,8
Schlagworte
Globalisierung Urban Underclass Soziale Exklusion

Autor

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